Ein Wort, viele Antworten

Berufungsgeschichten sind so verschieden wie die Menschen, die dem Aufruf Gottes folgen. Von Barbara Stühlmeyer
Weltwassertag - Israel
Foto: dpa | Wer sich senden lässt, ist nicht immer in bester Verfassung, perfekt ausgerüstet oder ohne Zweifel. Doch geistliche Berufungen können überall wachsen – auch im trockensten Wüstenboden.

Sagen Sie das noch einmal. Aber bitte in drei Sätzen und in Ihren eigenen Worten.“ Der Student schweigt verblüfft und ringt nach genau den Worten, um die sein freundlich lächelnder Professor ihn gebeten hat. Dann versucht er stockend, den komplexen, in viele Nebensätze verschachtelten, zahlreiche Zitate und Verweise auf die gelesene Literatur enthaltenen Absatz zu paraphrasieren. Doch der Professor wiederholt seine Forderung und er erklärt sie auch. „Ich will nicht wissen, was Sie gelesen haben, sondern was sie verstanden haben.“ Stille, Staunen, zögerndes Begreifen. Bei einigen wenigen helle Begeisterung. Denn das, was Arnold Angenend vor vielen Jahrzehnten im Seminar für Mittlere und Neue Kirchengeschichte verlangte, war eine echte Herausforderung. Aber diejenigen, die ihm zuhörten und sich dazu verlocken ließen, auszuprobieren, was er vorschlug, lernten etwas fürs Leben. Etwas wirklich begriffen zu haben, bedeutet, dass man es mit einfachen Worten erklären kann und dass es spürbare und sichtbare Auswirkungen auf das eigene Leben hat. So wie der Ruf Gottes. Wer ihn hört, wird unruhig, bis sein Herz in Ihm Ruhe findet und er an den Ort gelangt ist, den Gott für ihn bestimmt hat.

Berufungsgeschichten sind so verschieden wie die Menschen, die auf die Frage Gottes „Wer wird für mich gehen?“ antworten. Wer sich senden lässt, ist nicht immer in bester Verfassung, perfekt ausgerüstet oder ohne Zweifel. Ganz im Gegenteil. Die meisten sind vielmehr voller Fragen, Unsicherheiten und müssen sich außerdem mit mannigfaltigen Schwierigkeiten herumschlagen. Zum Beispiel mit einem Vater, der vor den Kopf gestoßen ist, weil der charmante, begabte Sohn, den er sorgfältig dazu ausgebildet hat, das florierende Geschäft zu übernehmen, auf einmal in Lumpen herumläuft, die wertvollen Stoffe an Bettler verschenkt und sich auf dem Marktplatz vor den Augen des Bischofs die Kleider vom Leib reißt um klarzumachen, dass er sich ganz unter Gottes Schutz stellt. Oder mit einer Familie, die nicht begreifen kann, warum die intellektuell brillante jüngste Tochter, die erfolgreich studiert und promoviert hat, ihre universitären Karrierechancen gering achtet, sich einem Bekenntnis zuwendet, das den in Breslau wohnenden Juden als lediglich für Angehörige der Unterschicht taugender Aberglaube erscheint und dann auch noch in den Karmel eintritt, um dort Kartoffeln zu schälen und Fußböden zu putzen. Franz von Assisi und Edith Stein waren nur zwei von vielen, die dem Ruf Gottes folgten, mühsam zu einer eigenen Antwort auf diesen Ruf fanden, und dann zu einem Klangraum wurden, in dem der Heilige Geist singen und spielen konnte.

Machen wir uns nichts vor. Gottes Wort zu hören, und darauf die ureigene, nur uns selbst mögliche Antwort zu geben, war schon immer schwer. Seine Stimme ist nur selten im effektvollen Theaterdonner oder in umstürzenden Erdbeben wahrzunehmen. Und das ist auch gut so. Denn das, was Gott in uns wachrufen möchte, erfordert das genaue, das aufmerksame Zuhören. Die Saiten unseres inneren Instrumentariums müssen dafür gespannt sein, denn sonst können sie auf das sanfte Säuseln hin nicht resonieren. Außerdem wird nicht jede Reaktion gleich ausfallen. Denn jeder von uns ist auf seine Weise zur Antwort berufen. Warum das so ist, lässt sich leicht mit unserem Personsein erklären.

Personare heißt auf Deutsch hindurchtönen. Unsere ureigenste Berufung ist genau dies. Zur Peron zu werden heißt, Gottes Melodie in uns aufzunehmen und zum Klingen zu bringen. Die Töne, die dabei herauskommen, sind höchst verschieden. Eine Posaune Gottes zu sein, wie Hildegard von Bingen, ist nicht jedermanns Sache. Manch einer sieht sich eher als Blockflöte. Wieder andere brechen mit Bongos und Rahmentrommeln zu ihrer Seelenreise auf oder überraschen sich und andere damit, dass sie plötzlich frei und ungehindert ihre Stimme zu Gott erheben. Doch ganz egal, ob Saxophon, Geige, Orgel oder Alphorn: Jeder darf, kann und soll seinen Klang zur großen Symphonie des Gotteslobes beitragen. Und dabei kommt es nicht darauf an, ein virtuoses Solo zu präsentieren. Manch einer hat, wie der Schächer am Kreuz, nur einen einzigen Satz. Aber genau der ist der Schlüssel, denn ohne ihn würde dem ganzen Stück etwas Entscheidendes fehlen. Wenn jeder vom Evangelium nur einen einzigen Satz versteht und diesen Satz in seinem Leben Fleisch werden lässt, wird dies das Angesicht der Erde verwandeln.

Geistliche Berufungen können, das zeigt ein Blick in die Geschichte der Kirche, überall wachsen. Sie gedeihen in glühendem Wüstensand ebenso wie in Betonsilos oder in abgelegenen Bergdörfern. Aber um lebendig zu werden und zu bleiben, brauchen sie uns alle. Sie und ich sind es, die den entscheidenden Unterschied machen können, indem wir unsere Melodie beitragen, unseren Satz sagen oder einfach dem Schweigen Raum geben, in dem der Ruf hörbar werden kann.

Und ein Weiteres ist nötig. Wir müssen uns unmissverständlich klarmachen, dass die Konzepte der vergangenen Jahrzehnte nicht funktioniert haben und dass nicht zu erwarten ist, dass sie es in Zukunft tun. Die gähnende Leere in unseren Priesterseminaren ist die direkte Folge einer Ausbildung, die alles vom Intellekt und wenig vom Glauben erwartet. Die überschaubare Zahl an Ordensberufungen hängt auch damit zusammen, dass im Religionsunterricht mehr sozialpädagogische Gemeinplätze als Glaubensgeheimnisse thematisiert werden. Die spirituelle Sprachlosigkeit, die viele Gemeinden befallen hat, ist die logische Konsequenz einer Liturgie, in der mehr moderiert als gebetet wird, der Joke, der Beifall und das Event mehr zählen als das Schweigen in der Gegenwart des eucharistischen Herrn.

Gott sei Dank gibt es klare und eindeutige Zeichen der Hoffnung für die Zukunft der Kirche, die so entscheidend davon abhängt, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich für die Sache Jesu begeistern lassen. Sie zeigen sich in den vielen jungen Menschen, die überall in kleineren und größeren Städten die Nightfeaver-Veranstaltungen besuchen. Sie werden in den leeren Hallen der Katholikentage erkennbar, in die kaum einer mehr kommt, weil die jungen Leute heute nicht mehr auf politische Debatten, sondern auf das Gebet setzen. Und sie sind ablesbar an der wachsenden Zahl derjenigen, die auf Veranstaltungen wie der MEHR in Augsburg von dem Zeugnis ablegen, was sie selbst erlebt haben. Ihr Zeugnis steckt an. Es wird Kreise ziehen.

Themen & Autoren

Kirche