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Ein robustes Taschentuch für echte Sorgen

Marien-Wallfahrt in den Niederlanden – In der Klause von Warfhuizen finden vor allem Mütter, die sich um ihre Kinder ängstigen, Trost. Von Anna Sophia Hofmeister
Die Mutter der Schmerzen in der Klause vom "Verschlossenen Garten"
Foto: Mariabroederschap Warfhuizen | Die Mutter der Schmerzen in der Klause vom „Verschlossenen Garten“.

„Die Holländer sind nüchterne Leute“, sagt Bruder Hugo und lacht. Vor allem im Norden des Landes. „Calvoliken“ würden hier die Katholiken genannt, weil sie hier gar so puritanisch leben wie die Protestanten nach den Lehren Calvins. Umso erstaunlicher ist es dann, dass man im nördlichsten Eck der Niederlande auf schier südländische Emotionalität und Volksfrömmigkeit stößt: bei Bruder Hugo und seiner Einsiedelei „Unserer Lieben Frau vom verschlossenen Garten“. Seit 2001 gibt es die Klause in Warfhuizen bei Groningen, seit dem Zeitpunkt, als Bruder Hugo beschloss, seiner Berufung zur Einsamkeit zu folgen. Mit dieser Berufung hatte er anfangs jahrelang gekämpft. Zuerst, gerade volljährig, im Priesterseminar, dann, nach seinem Austritt, als Restaurator für Altarschmuck. „Während dieser zwei, drei Jahre wurde mir klar, dass ich die Berufung zum Eremitendasein wenigstens ausprobieren muss“, sagt Bruder Hugo heute: „Besser beim Versuch gefehlt, als dann mit achtzig Jahren denken zu müssen: hätte ich's doch getan.“ Als Bruder Hugo die Klause vom „Verschlossenen Garten“ gründet, ist er 26 Jahre alt.

Holland kann auf eine lange Eremitentradition zurückblicken, die mit der Christianisierung des Landes durch die Franken begann. Mit dem sich verbreitenden Protestantismus im 16. Jahrhundert schwanden jedoch langsam die katholischen Einsiedler. Bruder Hugos letzter Vorgänger verstarb 1930 in Limburg. Damals übernahmen die Protestanten viele katholische Kirchen, die heute im Zuge der Pfarreienfusionen leerstehen und langsam verfallen. „So habe ich eine Ruine bekommen“, erzählt der Bruder von den Anfängen seiner Klause: „Mit Freiwilligen haben wir die Kirche restauriert. Dann habe ich mit dem Segen des Bischofs von Groningen hier angefangen.“ Nach zwei stillen Jahren schenkte eine befreundete Familie aus dem katholisch geprägten Süden des Landes dem Bruder eine Marienstatue, angefertigt von dem andalusischen Bildhauer Miguel Bejarano Moreno. Lebensgroß, mit prächtigen Kleidern und einem unendlich erbarmungswürdigem Gesicht. Bruder Hugo platzierte die Schmerzensmutter in der Kirche, und von da an waren seine ruhigen Stunden vorbei. „Plötzlich gab es viele Menschen, die durch das Bildnis emotional betroffen waren“, sagt er. Die Statue rührte die Menschen; insbesondere die, die sich Sorgen um ihre Kinder machten, fühlten sich bei ihrem Anblick getröstet. Immer mehr Menschen besuchten die Klause, anfangs aus der Gegend, später aus dem ganzen Land. Inzwischen reisen die Pilger busseweise an, aus Belgien, Deutschland, Frankreich und aus der Schweiz. „Mein Eremitenleben war damit völlig kaputt“, sagt Bruder Hugo, der die Einsamkeit gesucht hatte, „die Muttergottes ist dahingehend eigentlich ein bisschen zu kreativ geworden.“

Mit freundlichem Spott begann man zu scherzen, das Wunder von Warfhuizen sei, dass sich trotz des Fehlens eines offensichtlichen Wunders so viele von dem Ort angezogen fühlten. In der nüchternen Art seiner Landsleute sagt Bruder Hugo: „Dass beim Anblick einer solchen Schmerzensmutter Mütter, die ähnliche Schmerzen um ihr Kind leiden, hier Trost finden, ist auch logisch.“ Um den Bruder zu unterstützen, gründeten engagierte Laien aus der Nachbarpfarrei Groningen nach alter holländischer Tradition eine Bruderschaft, die „Broederschap van de Besloten Tuin“ – im Kern zwanzig Laien, die organisatorische und logistische Aufgaben erledigen. Und damit dem Eremiten den Rücken freihalten: „Das ist ein großer Segen“, so Bruder Hugo. Er selbst kann sich nun wieder verstärkt der Stille widmen, die Kirche sauber halten, das Chorgebet pflegen. Er wolle ein richtiger Eremit sein, „ein Möbelstück der Kirche“, wie er sagt, in einer bescheidenen Form der Einsiedelei. Er habe dafür zu sorgen, dass in der Kirche eine gewisse Atmosphäre herrsche: „Sie soll ein heiliger Ort sein.“ Ein „Verschlossener Garten“ eben, in dem alles Zuflucht findet, außer dem Bösen.

Den Namen für die Klause hat Bruder Hugo dem Hohen Lied entnommen. „In Deutschland hat man diese schönen Mantelmadonnen, die ganze Kirche findet darunter Zuflucht. Dieser Gedanke steht bei uns hinter dem Garten“, sagt er.

Zuflucht und Trost, nicht umsonst ist das Besondere in Warfhuizen der „Austausch des Taschentuchs“: Nach ihren spanischen Vorbildern hielt auch die Warfhuizener Madonna ein feines Spitzentaschentuch in der rechten Hand. „Ein Spitzentaschentuch aber reicht nicht aus, wenn dein Sohn ans Kreuz geschlagen wird“, sagt Bruder Hugo: „Die Leute haben mir gesagt, die Muttergottes brauche ein richtiges Taschentuch, in das man hineinweinen kann, nicht so ein idiotisches.“ So ist der Brauch entstanden, dass Pilger ein neues weißes Taschentuch mitbringen, Bruder Hugo wechselt dann das Taschentuch mit dem, das die Statue vorher in der Hand gehalten hat, aus. Die Pilger können dieses dann mit nach Hause nehmen und den Kranken und Traurigen bringen. Mitten in der spirituellen Wüste, in der die Klause wuchs, entwickeln die Menschen hier eine ungeahnte Spiritualität: „Sie nehmen die Taschentücher auch für weniger ernste Angelegenheiten mit, erzählt Bruder Hugo. Meistens seien sie jedoch tatsächlich für die echten Sorgen bestimmt. Bruder Hugo ist glücklich damit. Die Taschentücher wechselt er gerne.

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