Ein Papst, der die Welt besser gemacht hat

Neue Erkenntninisse über Johannes Paul II., der aufgrund des göttlichen Plans zu einem Mann der Tat wurde. Von Stefan Rehder
Papst Johannes Paul II., im Mai 2004.
Foto: dpa | Papst Johannes Paul II., im Mai 2004.
Papst Johannes Paul II., im Mai 2004.
Foto: dpa | Papst Johannes Paul II., im Mai 2004.

An Literatur, die sich mit dem Leben und Wirken des am 2. April 2005 verstorbenen und am 1. Mai diesen Jahres zur Ehre der Altäre erhobenen seligen Papstes Johannes Paul II. beschäftigen, herrscht kein Mangel mehr. An guten ebenso wenig wie an bloß mäßig oder gar nicht gelungenen. Auch in diesem Jahr sind der Masse der Publikationen weitere hinzugefügt worden. Zwei von ihnen stechen auf das Angenehmste hervor. Da ist zunächst das vor wenigen Wochen im Schöningh-Verlag unter dem Titel „Der Papst der Freiheit. Johannes Paul II. Seine letzten Jahre und sein Vermächtnis“ erschienene, mehr als 500 Seiten starke Werk des US-amerikanischen Theologen und Publizisten George Weigel. 1999 hatte Weigel, der – weit über die USA hinaus – zu den bedeutendsten katholischen Kommentatoren des aktuellen Zeitgeschehens zählt, unter dem Titel „Witness of Hope“ die nach wie vor unübertroffene Biografie Johannes Pauls II. vorgelegt. Ihre deutsche Übersetzung, die 2002 unter dem Titel „Zeuge der Hoffnung“ ebenfalls bei Schöningh erschien, besaß bereits in der ersten Auflage mehr als 1 000 Seiten und hat seitdem zwei weitere Auflagen erfahren. Wie der Originaltitel „The End and the Beginning. Pope John Paul II – The Victory of Freedom, The Last Years, the Legacy“ deutlich macht, ist der nun auch auf Deutsch erschienene Band „Der Papst der Freiheit“ viel mehr als bloß eine Fortsetzung der Biografie, welche die noch verbliebenen Jahre im Erdenleben Johannes Pauls II. ausleuchtet. Ein Grund: Nach dem Erscheinen von „Zeuge der Hoffnung“ sind Informationen aufgetaucht, die ein neues Licht auf den Kampf Karol Wojtylas mit dem Kommunismus werfen oder treffender, auf den Kampf, den der Kommunismus gegen die katholische Kirche in Polen, den Vatikan und Karol Wojtyla – sowohl vor als auch nach seiner Wahl zum römischen Pontifex – führte.

Schon in „Zeuge der Hoffnung“ war Weigel die Darstellung dieses Kampfes so spannend wie ein Krimi gelungen. In „Der Papst der Freiheit“ beschreibt Weigel diesen Kampf nun detaillierter. Möglich wurde das, weil Historiker inzwischen Akten des SB, der kommunistischen Geheimpolizei in der Volksrepublik Polen, des KGBs und der Stasi ausgewertet und so Dinge ans Licht gebracht haben, die bis dahin unbekannt waren. So erfährt der Leser etwa erstmals, dass der SB zwischen 1973 und 1974 gleich dreimal erwogen hatte, Kardinal Wojtyla festzunehmen und ihn wegen Aufwiegelung zu verurteilen. Auch dass der russisch-orthodoxe Metropolit von Nowgorod und Leningrad, Nikodim (1929–1978), ein Agent des KGBs war, der in den Akten des russischen Geheimdienstes unter dem Decknamen „ADAMANT“ geführt wurde und den Weltkirchenrat, dessen Mitglied er war, auf Weisung seiner Führungsoffiziere mit gezielten Desinformationen versorgte, dürfte vielen ebenso unbekannt sein, wie die erstaunliche Dichte des Agenten- und Spitzel-Netzes, das die Geheimdienste sowohl in Polen als auch im Vatikan geknüpft hatten. Einem Netz, an dem nicht wenige katholische Kleriker – Weltpriester und Ordensleute – mitwebten, und von denen Weigel auf den 180 Seiten, die den ersten Teil des Werkes ausmachen, nun etliche mit Klar- und Decknamen nennt. Bei all dem geht es Weigel erkennbar nicht darum, nach Enthüllungen und Sensationen gierende Leser zu befriedigen, sondern aufzuzeigen, wie sehr Karol Wojtyla und der spätere Papst Johannes Paul II. im Fadenkreuz der Kommunisten und ihrer Geheimdienste standen. Obwohl Weigel in „Der Papst der Freiheit“ keine neuen Erkenntnisse über den Mordversuch präsentiert, den Mehmet Ali Agca am 13. Mai 1981 auf Johannes Paul II. verübte, macht seine neue Darstellung des Kampfes, den die UdSSR und die Marionettenregierungen ihrer Satellitenstaaten gegen den „slawischen Papst“ führten, doch zumindest überaus plausibel, „dass die Sowjetunion an dieser Geschichte nicht unbeteiligt war, mochte der Schütze auch Türke mit Verbindungen nach Bulgarien sein“.

Sehr kritisch bewertet Weigel die Ostpolitik Papst Pauls VI. und die Rolle, die ihre Hauptarchitekten, die italienischen Kardinäle Agostino Casaroli und Achille Silvestrini, dabei spielten. Während der Autor gelten lässt, dass Casaroli und seine Mitarbeiter „fürchteten, eine in den Untergrund getriebene katholische Kirche würde, von Rom getrennt und hinter dem Eisernen Vorhang sich selbst überlassen, noch die eine oder andere Abirrung hervorbringen, während sie langsam erstickte“, bemängelt er, dass sie „den Rat völlig loyaler Kirchenmänner in Ost- und Mitteleuropa“ ignorierten, „die darauf beharrten, dass normale diplomatische Methoden nur zum Nachteil der Ortskirchen ausschlagen würden“. Ausgestattet „mit diplomatischem Geschick, einer Begabung für Sprachen und Geduld“ habe es den Architekten der vatikanischen Ostpolitik an jener „Lebenserfahrung“ gemangelt, die einem nur die „kommunistische Kultur der Lüge“ vermitteln konnte. Letztlich habe die von Casaroli und Silvestrini betriebene Ostpolitik „unbeabsichtigt, aber dennoch unvermeidlich“ den „Infiltrations-, Desinformations- und Zersetzungsversuchen“ der Kommunisten Tür und Tor geöffnet. Für den „Realpolitiker“ Casaroli sei der Kommunismus, so Weigel, „ein Machtsystem gewesen, mit dem man sich arrangieren musste“. Für Johannes Paul II. habe er dagegen „ein Übel“ dargestellt, „das sich nicht vermeiden, wohl aber untergraben ließ“.

Der zweite Teil des Buches, der die letzten fünf Jahre des Pontifikats Johannes Pauls II. auf weiteren rund 180 Seiten ausleuchtet, beginnt mit der Schilderung der denkwürdigen Reise, die der Papst im März 2000 in das Heilige Land unternahm und endet mit der Beisetzung seines Leichnams in den Gewölben des Vatikans. Ganz im Stile von „Zeuge der Hoffnung“ erfährt der Leser hier viel Wissenswertes über die jeweiligen Ziele, die der Papst mit seinen Pastoral- und Pilgerreisen verband oder über die große Bedeutung, die Johannes Paul II. dem Jubiläumsjahr 2000 beimaß. Ausführlich geht Weigel auch auf die „kompromisslose Ablehnung“ des Irakkriegs durch Johannes Paul II. ein, die er, obgleich er sie keineswegs zu teilen scheint, als „sorgfältig durchdacht“ bezeichnet. Ins Scheinwerferlicht gerückt werden zudem die letzte Enzyklika Johannes Pauls II. „Ecclesia de eucharistia“ (2003), der Weltjugendtag in Toronto (2002) sowie mehrere Heiligsprechungen.

Im dritten, letzten und dem vielleicht spannendsten Teil von „Der Papst der Freiheit“ versucht Weigel das Wirken Johannes Pauls II. von innen zu erschließen. Damit beschreitet er einen Weg, auf den Johannes Paul II. selbst hinwies, als er einmal wenig gelungene Versuche, die Geschichte seines Lebens zu erzählen, mit den Worten kommentierte: „Sie versuchen mich von außen zu verstehen. Ich kann aber nur von innen verstanden werden.“ Auch Weigel ist überzeugt: „Wer soviel wie möglich von der Person und der Leistung Karol Wojtylas begreifen will, muss davon ausgehen, dass das Äußere seines Lebens – die historische Leistung – ein Nebenprodukt seines Inneren ist: seines Innenlebens, seines geistigen Lebens – und, wie er sagen würde, des Wirkens des Heiligen Geistes in ihm.“ Dieses Innenleben könne auf vielfache Weise beschrieben werden: „Als Leben eines durch und durch bußfertigen Jüngers Christi; als Leben eines Mannes, der dichterischen Sinn und philosophische Strenge vereint; als Leben eines einsamen, oft verwaisten Mannes, dessen Persönlichkeit durch lange tiefe Freundschaften genährt wurde; als Leben eines Zölibatärs, der die Kunst der Vaterschaft beherrschte; als Leben eines Mystikers und Denkers, der aufgrund des göttlichen Plans zu einem Mann der Tat werden musste.“ Was alle diese Facetten zu einem Ganzen verbinde, lasse sich am besten mit dem Begriff „metanoia“ ausdrücken, jenem griechischen Bibelbegriff, der gewöhnlich mit „Umkehr“ übersetzt wird. Umkehr, verstanden als die vollkommene Hinwendung zu Gott, sei das, was Jesus vor allem gepredigt habe. Und es sei das, was Karol Wojtylas Leben vor allem anderen auszeichne, das, so Weigel, „eine ununterbrochene metanoia“ gewesen sei. Ein Leben, welches das Leben so vieler Menschen verändert und die Welt besser gemacht hat.

Das zweite Werk, das zwar weit weniger umfänglich, aber nicht minder erhellend und bereichernd ist, konzentriert sich auf das facettenreiche Denken Johannes Pauls II. Unter dem Titel „Staunend vor dem Menschen“ vereinen in ihm die Herausgeber, der Philosoph Hanns-Gregor Nissing und der Münsteraner Weihbischof Stefan Zekorn, Beiträge von Philosophen und Theologen, die „Grundbegriffe“ des Denkens Johannes Pauls II. vorstellen, geistesgeschichtliche Quellen und Einflüsse sichtbar machen und sie „im Gesamtzusammenhang seiner Philosophie und Theologie“ erläutern. So zeigt zum Beispiel der Philosoph Jörg Splett, wie Karol Wojtyla in Auseinandersetzung mit dem Werk des Mystikers Johannes vom Kreuz eine „Theologie des Subjekts“ entwickelte, welche die Erfahrung verifizierte. Unter Erfahrung verstand Wojtyla dabei „die subjektive Bezugsdimension im Menschen, die es ihm ermöglicht, in eine intime Gemeinschaft mit Gott zu treten“.

Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz nimmt in ihrem Beitrag „Personalität und Leiblichkeit“ bei Johannes Paul II. in den Blick. Für Johannes Paul II. erschöpfe sich das Person-Sein nicht im „stumpfen Selbstbesitz“, sondern beinhalte ein „Sich-Hinwenden“ und ein „Sich-Zuneigen“ zum Anderen. Als „theomorphes“, von Gott gestaltetes Wesen, verweise die Personalität des Menschen auf die Personalität Gottes. Die Gemeinschaft, die Gott mit sich selbst besitze, werde im Menschen nachgebildet. Die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen sei dabei kein Defizit, vielmehr trügen Mann und Frau jeweils „die Fülle des Ebenbildes“ in sich. Dabei weise die Zweiheit des Geschlechts und der Auftrag, „ein Fleisch zu werden“, in besonderer Weise auf das personale Leben Gottes hin. Der Theologe William Hoye setzt sich in seinem Beitrag mit dem schwierigsten Werk auseinander, das Karol Wojtyla verfasst hat: „Person und Tat“. Für Johannes Paul II. vollbringt der Mensch nicht einfach bloß Taten, sondern zugleich „sich in ihnen“. Da auch ein guter Mensch böse und ein böser Mensch gut handeln könne, lasse sich die Person nicht unmittelbar aus ihren Taten erschließen. Gleichwohl entständen durch die Taten Tugenden und Laster und entwickele sich der Charakter des Handelnden. Da jedoch das Laster nicht einfach „der Gegensatz zur Tugend“, sondern die „Unfähigkeit zu tugendhaftem Handeln“ sei, verwirkliche sich der, der sündigt, nicht bloß anders, als der, der Gutes tue, sondern gar nicht. Sünde meine daher eine „Entwirklichung“ der Person. Echte Selbstverwirklichung gebe es daher auch nur im Streben nach dem Guten. Nach dem Guten streben heiße aber letztlich, nach dem höchsten Gut zu streben – das – so Johannes Paul II. – Gott selbst ist. Im Anschluss daran zeigt Alfred Marek Wierzbicki, der an der Philosophischen Fakultät der Katholischen Universität Johannes Paul II. in Lublin lehrt, dass auch das politische Denken des großen Papstes ganz im Zeichen seines personalistischen Verständnisses des Menschen stand. Für Johannes Paul II. waren „Staaten und Gesellschaften in erster Linie Personengemeinschaften“. Sie wüchsen „auf dem Boden des Erkennens desselben Gemeinwohls und dem Streben nach ihm“. Dabei habe Johannes Paul II. stets Wert darauf gelegt, dass das gemeinsame Handeln von Personen nicht die einzelne Person verdecke.

Ähnlich wie Weigel lassen auch die Autoren dieses Bandes keinen Zweifel daran, dass der christliche Humanismus und der Personalismus, den Johannes Paul II. zeit seines Lebens vertrat und der ihm die erbitterte Gegnerschaft des Kommunismus einbrachte, nichts mit einer flachen Anthropozentrik zu tun hat, von der die Moderne viele kennt, sondern in einer tiefen Theozentrik wurzelt, die sich von Gottes Leidenschaft für den Menschen ergreifen lässt.

Wer den Papst, der die Kirche ins dritte Jahrtausend führte und die Welt dabei veränderte, tiefer verstehen will, kommt – will er ernste Einbußen vermeiden – daher an keinem der hier vorgestellten Werke vorbei.

– George Weigel: Der Papst der Freiheit. Johannes Paul II. Seine letzten Jahre und sein Vermächtnis. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011, 559 Seiten, gebunden, EUR 48,–

– Hanns-Gregor Nissing/ Stefan Zekorn (Hrsg.): Staunend vor dem Menschen. Das Denken Papst Johannes Pauls II., Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2011, 196 Seiten, EUR 14,95

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