Ein literarisches Abenteuer

Erfolgsautor Matthias Matussek brilliert mit einem Weihnachts-Roman. Von Stefan Meetschen
Matthias Matussek
Foto: dpa | Er schreibt mit großer Leichtigkeit und stilistischer Brillanz: Matthias Matussek.
Matthias Matussek
Foto: dpa | Er schreibt mit großer Leichtigkeit und stilistischer Brillanz: Matthias Matussek.

Weihnachten und Literatur? Den meisten fällt dazu wahrscheinlich Charles Dickens' „Weihnachtsgeschichte“ ein oder die Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ von Heinrich Böll. Vielleicht, mit etwas Abstand zur besinnlichen Atmosphäre, der Roman „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen, der die amerikanische Familie Lambert porträtiert, die sich unter Schwierigkeiten zum letzten gemeinsamen Weihnachtsfest im elterlichen Haus versammelt.

Matthias Matussek („Das katholische Abenteuer“) hat in seinem neuen Roman „Die Apokalypse nach Richard“ das Motiv des Zusammenkommens und letzten Wiedersehens zu Weihnachten aufgegriffen und es zu einer rundum unterhaltsamen Geschichte gebündelt, die vor makabrem Humor, Zeitkritik und katholischen Weisheiten nur so wimmelt. Eine Science-Fiction-Satire mit märchenhaften Zügen. Subtil und besinnlich, wie sie wohl außer Matussek nur der britische Schriftsteller-Konvertit Evelyn Waugh hätte schreiben können, als dessen überraschenden, aber würdigen Nachfolger man den deutschen Star-Journalisten nun einstufen kann.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 85-jährige Richard König, ein pensionierter Politiker mit Wohnsitz in Hamburg, der am Tag vor Heiligabend durch ein „Wunder“, wie er es auffasst, wieder zu sehen vermag. Für den passionierten Vielleser (Augustinus, Blaise Pascal, Martin Buber) und Frühmessen-Besucher ist damit aber auch die Erkenntnis verbunden, dass die Parusie, die Wiederkunft Jesu, unmittelbar bevorsteht. Was bei ihm, der den Menschen in der Kirche und auf dem Markt mit einer großen, an Dostojewskis Fürst Myschkin geschulten Portion Naivität entgegentritt, aber weder Furcht noch Zittern auslöst. Glaubt er doch an die Allversöhnung. „Richard nickte. Er stimmte allem zu an diesem Morgen... Denn es war ja so, dass nun die Herrlichkeit endlich beginnen würde. Natürlich, der Gerichtstag! Aber gab es nicht die Hoffnung auf die ,Apokatastasis‘, die Allversöhnung durch einen guten Gott? Urs von Balthasar schrieb darüber, überzeugend, wie Richard fand.“

Wesentlich profaner, wenn auch nicht ohne existenzielle Nöte, sind am Vortag zum Fest die Schwierigkeiten der anderen Familienmitglieder, die – mit Ausnahme von Richards Tochter Lisa, die der Liebe wegen in Kolumbien lebt – über die ganze Bundesrepublik bis hin nach Salzburg verstreut sind. Der Enkel Nick hat mit Drogenverdächtigungen im Jesuiten-Internat in Nordrhein-Westfalen zu kämpfen. Sein Vater Roman in Berlin, eine drastische Persiflage negativer Matussek-Image-Klischees aus den säkularen Medien, ist sexuellen Abenteuern zwar grundsätzlich nicht abgeneigt, vermisst aber dennoch seine anmutige Ehefrau Rita. Als Journalist verteidigt er berechtigterweise seine katholischen Ansichten gegenüber der wenig verständnisvollen Redaktion, der verständnislosen Branche und Gesellschaft. „Sie wollten es also nicht so religiös, hatte ihm Bergmann immer wieder gesagt. Bergmann wollte es nicht so religiös. Der Verleger wollte es nicht so religiös. Die ganze Branche wollte es nicht so religiös. Hm, was heißt das eigentlich? Nicht ganz so ernst? Ein bisschen Platz lassen für Ironie, ein bisschen Spiel?“ Romans älterer Bruder, der Banker Wilhelm („Bill“), hat derweil Probleme mit dem Autofahren, einer hochschwangeren Ehefrau und dem abstürzenden Finanzsystem. Apokalypse wow, wohin man auch sieht.

Die Familie, ein Refugium des weihnachtlichen Friedens

Dramaturgisch trickreich und geschickt gelingt es Matussek, während die himmlischen Erzähler es viel schneien und den Himmel farbig leuchten lassen und fiktive Nachrichtenorgane von Weltraummüll, einem drohendem Satellitenabsturz und merkwürdigen Lichterscheinungen berichten, all diese disparaten Figuren zusammenzubringen. Aus der individuellen Reise nach nirgendwo wird eine allgemeine Pilgerreise nach Hamburg. Die Handlungsstränge werden verwoben, gelangen ans Ziel. Zu Richard. Es entsteht mit großer Leichtigkeit und stilistischer Brillanz, die auch vor schnoddriger Alltagssprache nicht zurückscheut, eine erzählerische Einheit. Spannend wie geistreich.

Mit Sinn allerdings auch für ruhige Momente, Reflexionen über die Vergänglichkeit des Lebens im digitalen Zeitalter. Berührend sind besonders die sensibel geschilderten Abwehrversuche von Richards Ehefrau Waltraud gegen die Verflachung. „Manchmal verlor sie selber die Orientierung in den Ozeanen der Bilder, die auf sie einströmten, täglich, stündlich, das optische Rauschen hatte zugenommen, sie beschwor die Kinder immer wieder, ihr Papierabzüge zu schicken, mit den CDs konnte sie nichts anfangen, sie hatten Tausende von Fotos in ihren Computern, die sie nie wieder anschauten, aber ein Foto, das in ein Album geklebt wurde, das war ihr Protest gegen das Verschwinden.“ Fein beobachtet, fein beschrieben. Wahrscheinlich hat es in der modernen deutschen Literatur noch niemals einen solchen Lobgesang auf die Familie gegeben. Denn: Während es draußen (und in der Küche) kracht und tobt, erlebt Richard König im Kreis seiner Lieben ein Refugium des weihnachtlichen Friedens. Auch Rita ist in den Kreis der familiären Allversöhnung zurückgekehrt. „Sie war zu Hause, sie war zum Kind geworden, sie musste niemandem und am allerwenigsten sich selber beweisen, wie unabhängig und stark sie das Leben meisterte. Sie war Teil einer Familie. Einer vertrauten Familie.“

Weihnachten ist stärker. Das klassische Liedgut („Stille Nacht“), wie extra hervorgehoben wird, mächtiger und subversiver als kommunistischer Kitsch. „Hinter dieses Lied konnte keiner zurück, dachte Roman, während er sang, trotzig, und in diesem Moment war es ohne jede Zweifel andauernder und nachhaltiger und wirkungsvoller als die Internationale, denn es stieg aus einer Sehnsuchtsschicht auf, die unbesiegbar war, weil sie die kleinste und daher robusteste Zelle der Gesellschaft feierte, nämlich die Familie.“ Die provozierende Botschaft des Schriftstellers ist eindeutig: Das Fest der Geburt des Gottessohnes trotzt allen Sinnlosigkeiten des modernen Daseins, dem inneren und äußeren Chaos, das alle Menschen bedroht.

Matthias Matussek hat mit „Die Apokalypse nach Richard“ einen Roman geschrieben, der zu jeder Jahreszeit lesenswert ist und der das Zeug hat, zu einem echten Weihnachtsklassiker zu werden. Zum idealen literarischen Geschenk für den 24. Dezember. Ob man nun an Jesus glaubt oder noch nicht. Dass die Geschichte auf kirchenferne Leser einen missionarischen Effekt hat, ist durchaus möglich. Wenn auch nicht zwingend. Die Idee, die Geburt Jesu mit seiner verheißenen Wiederkunft zu verknüpfen, könnte aber sogar einen evangelistischen Effekt in der Kirche haben, wo Predigten sich nur noch selten auf die Apokalypse beziehen, die letzten Dinge oft verdrängt werden oder esoterisch weichgespült bleiben. Matthäi am letzten. Bei Matussek wird daraus eine hochvergnügliche, intelligente Geschichte, ein literarisches Abenteuer. Ein hochkulturelles Fest des Glaubens. Ein Wunderwerk eben.

Matthias Matussek: Die Apokalypse nach Richard: Eine festliche Geschichte. Aufbau Verlag, Berlin 2012, 189 Seiten, ISBN-13: 978-3351035013, EUR 16,99

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