„Ein Kind darf auch mal Kind sein“

Psychologen, Theologen, Soziologen: Die Familienzentren in Nordrhein-Westfalen bündeln und vernetzen Kräfte, die zur frühkindlichen Förderung beitragen

Nicole Reinbote, Kifa Abu Jaybar, Sehan Ayaz – drei selbstbewusste, junge Frauen. Alle drei schicken ihre Kinder in die katholische Kindertagesstätte Josef Bartoldus im Dortmunder Stadtteil Innenstadt-West – eine von landesweit 248 Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen, denen im Juni vergangenen Jahres vom Familienministerium in Düsseldorf das Zertifikat „Familienzentrum“ verliehen wurde. Ein bundesweit einmaliges Modell, das Betreuung und Förderung von Kindern und Beratungsangebote für Eltern unter einem Dach zusammenfasst. „Also, ich finde, durch das Familienzentrum hat sich vieles positiv verändert“, stellt Kifa Abu Jaybar fest. „Wer Erziehungsfragen oder ein Problem zu Hause hat, kann jetzt mit Herrn Ebel sprechen.“ Der Diplom-Psychologe, Leiter der Erziehungsberatungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Dortmund, bietet regelmäßig Beratungsstunden in der Einrichtung Josef Bartoldus an. Auch Nicole Reinbote ist dankbar für diese Möglichkeit: „Früher dachte ich: Ich habe ein bestimmtes Problem – und das schon sehr lange. Und ich wusste nicht, an wen ich mich wenden konnte. Und heute ist da ein ausgebildeter Psychologe – der ist hier direkt vor Ort. Den kann ich fragen. Und davon profitiere nicht nur ich, sondern auch meine Kinder.

Auch der Austausch zwischen den Eltern, das Gespräch über ihre unterschiedliche kulturelle und religiöse Herkunft, ist intensiver geworden – ganz wesentlich für eine Einrichtung, in der rund siebzig Prozent der Kinder aus Familien mit „Migrationshintergrund“ kommen. In Zusammenarbeit mit der katholischen Familienbildungsstätte Dortmund organisierte das Familienzentrum im zurückliegenden Jahr eine Reihe unter der Überschrift „Religionen im Gespräch“. Der Dialog über das, was Menschen unterschiedlicher Herkunft an Glaubensüberzeugungen gemeinsam haben und was sie trennt, so Sehan Ayaz, sei eine wirkliche Bereicherung: „Wenn man als Eltern an einem solchen Abend zusammensitzt, ist man ungezwungener als sonst und kann sich gegenseitig Fragen stellen, vielleicht auch Fragen, die einen schon lange beschäftigen.“

Die Familienzentren in Nordrhein-Westfalen: ein neues Modell mit der Zielsetzung, Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken – in einer Umgebung, die sie kennen und wo bereits Vertrauen entstanden ist. Die Pilotphase, die 2006 begann, endete mit der Vergabe den ersten Zertifizierungen. Weitere 750 Familienzentren sind in den vergangenen Monaten auf den Weg gebracht worden. Bis 2012, so das Ziel des Familienministeriums, soll es landesweit rund 3 000 solcher Zentren geben.

„Wir haben uns damals für diese Pilotphase beworben“, erklärt Barbara Lindemann, Leiterin der Einrichtung Josef Bartoldus in Dortmund. „Denn unsere Erfahrung ist, dass viele Eltern sich nicht gerne an öffentliche Institutionen wenden. Da wir jetzt hier direkt in unserer Einrichtung offene Sprechstunden mit verschiedenen Kooperationspartnern anbieten, fällt diese Hemmschwelle weg.“ Zu den Partnern des Familienzentrums zählen unter anderem der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), die Katholische Familienbildungsstätte (KBS), der katholische Sportverband DJK sowie das Familienbüro und die Sprachheil-ambulanz der Stadt Dortmund.

Über diese Partner aus den unterschiedlichen Fachbereichen arbeitet das Familienzentrum als „multiprofessionelles Team“, bestehend unter anderem aus einem Psychologen, einer Sozialarbeiterin, einer Heilpädagogin und einer Ergotherapeutin. Und die Probleme, mit denen sich Eltern an die Mitarbeiter des Familienzentrums wenden, sind vielfältig. Diplom-Psychologe Berthold Ebel vom SkF berichtet, dass in seinen Beratungsgesprächen in der Regel alltägliche Fragen zur Sprache kommen, wie etwa: Wie geht man als Eltern mit Geschwisterrivalität um? Wie kann ein Kind in einer Gruppe Gleichaltriger gut zurechtkommen? Fragen zum Familienleben oder zu Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes.

Es kommt aber auch vor – Ebel geht von dreißig Prozent der Fälle aus – dass ein vordergründig harmlos erscheinendes Problem eine eventuell kritische Entwicklung anzeigt und die Beratung über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden muss. „Manchmal kann das Verhalten eines Kindes Symptom sein für eine angespannte Beziehung der Eltern. Zuweilen sind es auch unverarbeitete Erfahrungen aus der eigenen Kindheit und ungelöste Konflikte mit der eigenen Mutter, dem eigenen Vater, die Eltern unbewusst an ihre Kinder weitergeben“, so der Psychologe.

Das Modell des Familienzentrums soll Eltern umfassende Unterstützung bieten, aber auch zur „frühkindlichen Bildung und Förderung“ beitragen, wie es in den Leitlinien des Landesfamilienministeriums heißt. Ebel hält jedoch nichts von Bestrebungen, „die PISA-Studie als Anlass zu nehmen, den Kindergarten zum Bildungsinstrument umzufunktionieren. Ich betone immer: Ein Kind darf auch mal Kind sein und sinnfrei spielen.“ Er denkt, man müsse mehr Respekt vor Kindern zeigen. „Deshalb sollte man ihnen Bereiche offen halten, in denen sie auf spielerische Weise Freude am Lernen entwickeln können.“

Der Psychologe beobachtet zufrieden, dass die Eltern in Josef Bartoldus zunehmend Formen der „Selbsthilfe“ organisieren. Häufig erlebt er es, dass sich Mütter schon untereinander besprechen, während sie im „Elterncafé“ auf einen Termin mit ihm warten: „Und oft ist es so, dass Mütter dann zum Beispiel erzählen: Ich habe vorhin von einer anderen Mutter gehört, dass sie zu Hause dieses Problem hat. Ich habe das ähnlich erlebt und so gelöst...“ Auf diese Weise würden sich Eltern bei den Beratungsgesprächen gegenseitig unterstützen und mit einer Offenheit über ihre Probleme reden, die wirklich ungewöhnlich sei, so der Psychologe.

Erziehung von Kindern, Vermittlung von Bildung – diese Aufgabe scheint in einer komplexer werdenden Gesellschaft immer schwieriger zu werden. Ergänzend zur wichtigen ersten Säule der Erziehung, der Familie, werden daher heute Spezialisten hinzugezogen: Psychologen, Theologen, Soziologen, Fachmediziner. Alle gemeinsam, das heißt: gut vernetzt, sollen heute daran mit arbeiten, Kinder und junge Menschen lebenstüchtig zu machen. Vernetzung und Bündelung von Kräften – diese Zielsetzung liegt auch dem Modell der Familienzentren zugrunde. Sie wollen, so die Leiterin von Josef Bartoldus, ein Ort sein der „Begegnung und Kommunikation, um Brücken zu schaffen zwischen Eltern, Kindern und den verschiedenen Fachleuten.“

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