Dramatisches Ringen um Gut und Böse

Nach acht Jahrzehnten George Bernanos in einer neuen Übersetzung: Der „Landpfarrer“ ist ein christlicher Existenzialist. Von Urs Buhlmann
Foto: IN | Der Landpfarrer von Ambricourt (Claude Laydu) – Szene aus der Verfilmung, mit der Regisseur Robert Bresson 1951 den Silbernen Löwen in Venedig gewinnen konnte.
Foto: IN | Der Landpfarrer von Ambricourt (Claude Laydu) – Szene aus der Verfilmung, mit der Regisseur Robert Bresson 1951 den Silbernen Löwen in Venedig gewinnen konnte.

Katholischen Kitsch nennen es manche, ein Gipfelwerk christlicher Literatur andere. George Bernanos landete 1936 mit seinem Roman „Tagebuch eines Landpfarrers“ einen großen Erfolg, wurde dafür mit dem Großen Romanpreis der Académie Française ausgezeichnet und inspirierte Robert Bresson 1951 zu dem gleichnamigen Film, der den Durchbruch für diesen Regisseur brachte, ihm den Silbernen Löwen der Filmfestspiele von Venedig sicherte und noch Martin Scorseses Filmdrama „Taxi Driver“ von 1976 maßgeblich beeinflusste. Es gab also einmal eine Zeit, als explizit katholische Themen keine unverkäuflichen Nischenprodukte waren.

Veit Neumann, Pastoraltheologe an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in St. Pölten, der – bemerkenswert genug – in der Schriftenreihe der Hochschule eine Neuübersetzung des Buches vorgelegt hat, berichtet von der Zufalls-Begegnung mit einer Französin in einem schwäbischen Gasthof, bei der man sich auch über den „Landpfarrer“ unterhielt: „Sie mimte, allein als der Titel genannt wurde, eine vornüber geneigt betende Person, und durch Hüsteln deutete sie Weihrauchschwaden an. Eine Äußerung, die nicht zutrifft, denn nichts liegt einem Bernanos, dem sehnsuchtsvollen Rabauken, geistlich aufgelegten Krawallmacher und sonst lustvoll verzweifelt wie verzweifelt lustvoll polemisierenden Essayisten, ferner als das Werfen klerikaler Nebelkerzen in die ohnehin häufig genug bittere Wirklichkeit.“ Die von Bernanos, in all seinen Büchern, angenommen und daraufhin abgeklopft wird, wie und wo die göttliche Gnade Einlass findet ins Menschenleben, gelegentlich gegen den Willen der Protagonisten.

Neumann tritt an, mit seiner Neuübertragung die klassische Übersetzung von Jakob Hegner aus dem Jahr 1936 zu ersetzen. Dem 1962 gestorbenen Wiener Juden, der erst evangelisch und dann katholisch wurde und als Drucker, Verleger und Übersetzer arbeitete, verdanken nicht nur Bernanos, sondern auch andere Autoren des Renouveau Catholique wie Paul Claudel, Francis Jammes, Ernest Hello und Bruce Marshall ein gediegenes deutsches Sprachkleid. Aber, ach, alle diese Autoren – mit wenigen Ausnahmen – sind heute ins Abseits geraten, können nicht mithalten in jener „Industrie rasch aufeinanderfolgender Bestseller in Buchform“, wie Neumann das nennt. Gefragt für die Fastfood-Lektüre im Pendler-Zug ist irgendetwas zwischen Mystery und History, gerne auch mit Vampiren. Literatur, die sich mit existenziellen Fragen beschäftigt, passt in eine Gesellschaft, die sich zu Tode amüsiert, wenig. Doch darum geht es dem Feuerkopf Bernanos, der als Publizist ebenso deutlich für die Monarchie wie gegen Hitler und die nationalspanische Falange auftrat. Die Pfarrei, jene äußerst unglamouröse Landpfarre im französischen Flandern, in die Bernanos seinen jungen Priester schickt, ist für ihn der „Ort des dramatischen Ringens zwischen Gut und Böse, sichtbar zumeist in der versuchsweise gelebten Hingabe der Menschen oder, auf der anderen Seite, in ihrer Hoffnungslosigkeit, die aus der Abstumpfung des Sinnes für das Leben hervorgeht“. Es geht also ums Ganze, es geht um den Ernst des Lebens, dem die Helden in Bernanos? Werken – häufig Priester oder Ärzte – nie ausweichen, und damit um eine Seriosität, die zurzeit nicht gefragt ist. So ist schon einmal der Mut zu loben, den Veit Neumann, der eine gefeierte Promotion über die Theologie des Renouveau Catholique vorgelegt hat und sich dabei besonders Bernanos und Mauriac widmete, beweist, indem er sich derart „unzeitgemäßer“ Literatur annimmt. Das, was für seine Version einnimmt, sind die ausführlichen, aus Kenntnis der Quellen schöpfenden Anmerkungen. Schon der erste Satz des Romans „Meine Pfarrei ist eine Pfarrei wie die anderen auch“ gibt Anlass zu einigen grundsätzlichen Bemerkungen.

Der Tagebuchschreiber, jener junge Priester, der im Laufe der Handlung in eine Spirale enttäuschter Hoffnungen, vergeblicher Anstrengungen und schließlich einer tödlichen Krankheit gerät, den zwar nicht körperliche, aber seelische Anfechtungen bis hin zu Selbstmordgedanken quälen werden, deutet – so Neumann – schon viel an, wenn er von „meiner“ Pfarrei spricht. Er möchte so die enge Verbindung von Pfarrer und Gläubigen betonen, die er sich bei Antritt der Stelle erhofft – und zu der es nie kommen wird. Es gehe geradezu um „Einswerdung“ des Pfarrers mit seiner neuen Pfarrei und deren Gläubigen. Zugleich begründet der Übersetzer, warum er, anders als der Wiener Hegner, von „Pfarrei“ spricht. Pfarre sei nämlich eindeutig österreichisch geprägt.

Solche Details sind nicht ohne Bedeutung in einer ernstzunehmenden Übersetzung, aber das Wichtigste sind sie auch nicht. Wichtiger ist der Fluss der Übertragung, die Fähigkeit des Übersetzers, nicht nur die Sprachbilder des Autors nachzubauen, sondern auch das Sprachniveau der handelnden Personen angemessen abzubilden. In diesem Fall muss der deutsche „Landpfarrer“ in etwa so sprechen wie jener unsichere, unablässig mit sich selbst ringende junge Priester, den Bernanos zum Helden seines Romans macht. Das gelingt Veit Neumann: „Dem Ochsen frisches Stroh bringen, den Esel striegeln – diese Worte sind mir heute Vormittag in den Sinn gekommen, während ich die Kartoffeln für die Suppe schälte. Der Gemeindesekretär ist hinter meinem Rücken aufgekreuzt und ich habe mich sogleich von meinem Stuhl erhoben, ohne dass ich noch die Schalen von mir schütteln konnte. Ich kam mir lächerlich vor. Er überbrachte mir eine gute Nachricht: Die Gemeinde hat die Vorlage angenommen, für mich einen Brunnen ausheben zu lassen. Das spart mir wöchentlich zwanzig Sous, die ich sonst dem kleinen Messdiener gebe, der für mich das Wasser an der Quelle holt.“ Der heutige Leser wird, so wie die Generation vor ihr, bewegt und besorgt mitempfinden, wie der namenlose Curé seinen Weg der Selbstentäußerung, der ihn hinaus aus dieser Existenz und hin zu seinem Gott führen wird, weitergeht.

Nachdem klar ist, dass sich sein Leben wegen einer zu spät entdeckten Krebserkrankung rasch dem Ende zuneigt, gewinnt der Landpfarrer paradoxerweise wieder mehr Selbststand. Mehr und mehr findet er zu innerer Ruhe, ja zu so etwas wie erwartungsvoller Vorfreude: „Bevor ich nun also über mein Los definitiv Bescheid wusste, hatte ich mehr als einmal die Furcht, nicht sterben zu können, wenn es denn so weit wäre ... Ich erinnere mich an ein Wort des lieben alten Dr. Delbende, das wohl in diesem Tagebuch steht. Mönche und Nonnen sind nicht immer diejenigen, die den Todeskampf mit der größten Hingabe bestehen. Der Zweifel, was mich betrifft, ist von mir abgefallen ... Warum sollte ich unruhig sein? ... Wenn ich Angst habe, werde ich ganz ohne Umschweife sagen: Ich habe Angst. Möge der erste Blick des Herrn doch ein Blick sein, der mir Ruhe verschafft, wenn er mir in seinem heiligen Antlitz erscheint!“ Dann, so heißt es, beschließt der Priester sein Erdenleben mit den Worten: Alles ist Gnade. So endet dieses wichtige Werk eines christlichen Existenzialismus, das jetzt wieder der deutschsprachigen Leserschaft vorgelegt wird.

Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers. Neu übersetzt und kommentiert von Veit Neumann, Schriften der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten, Bd. 10, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2015, 344 Seiten, ISBN 978-3-7917-2722-6, EUR 26,95

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