Die „Sünde“ des Papstes: Er redet von Wahrheit

Dafür gibt es im Meinungs- und Medienzirkus keine Absolution – Stattdessen schwillt die Kulturkampfrhetorik mächtig an

Der Frühling währte kurz, und vielleicht war es nur ein grell geschminkter Winter. Aber damals, im April vor gerade einmal fünf Jahren, schien Deutschland seinen Frieden zu machen mit Joseph Ratzinger. TV-Spaßmacher Stefan Raab bot Abend für Abend T-Shirts feil für muskulöse Oberkörper. Auf der Vorderseite stand groß „Benedikt XVI“, auf der Rückseite kumpelhaft „Mach' et, Ratze“. In den Kaufhäusern musste man Slalom laufen, um den Verkaufsflächen mit Papstpostern, Papstkerzen, Papstbüchern zu entkommen. Wer das Radio einschaltete, hörte die Hip-Hop-Combo „Urbi & Orbi featuring Buddy“. Sie sangen im Chor: „Wir sind Papst und komm'n jetzt alle in den Himmel, Brüder und Schwestern, lasst die Glocken bimmeln, Heiliger Bimm-Bamm, wird das ein Spaß, und die Engel dirigiert jetzt James Last.“ Wenig später, im Juni 2005, wurde in Marktl am Inn das volkstümliche „Papst-Benedikt-Lied“ uraufgeführt: „Wir sind entzückt, wir sind beglückt, Heiliger Vater Benedikt.“

Das übliche Schema beibehalten

Maßstabsetzend für die nationale Stimmungslage wurden die Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung vom 20. April: „Unser Joseph Ratzinger ist Benedikt XVI.“ und, daraus schlussfolgernd, „Wir sind Papst!“ Eine nicht geringe Anmaßung steckte hinter so viel Populismus: „Bild“ erklärte sich und seine Leserschar zu Deutschland und konnte ergo Joseph Ratzinger eingemeinden. „Es ist eine Jahrtausendsensation“, stand neben dem freudestrahlenden Papst; „Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken auf der ganzen Welt“ sei ein Deutscher geworden. Patriotisch und recht weltlich war diese öffentliche Freude geraten.

Im Innern breitete „Bild“ auf fünf Seiten den roten Teppich aus und wandte sich mehr und mehr dem Prominentenjournalismus zu: Das ist sein Bruder, das waren seine Eltern, hier wird er wohnen. Im Leitartikel von Paul C. Martin hieß es dann zutreffend „Habemus papam ex Germania!“. Steil und steinig sei der Weg, der vor Benedikt liege. Er müsse „die Kirche in die moderne Welt von heute führen. Einen jähen Bruch mit bewährten Traditionen wird es nicht geben. Ein starres Festhalten an Positionen, die viele Gläubige seit Jahren kritisieren, aber auch nicht.“ Dabei möge „Gottes Segen den Papst aus Deutschland von Tag zu Tag begleiten!“

Die einschränkende Bedingung zeigte bereits am Beginn des Pontifikats, wo trotz allen Jubels, allen Stolzes, aller Freude die Kontinuitäten in der öffentlichen Wahrnehmung des Papstes und seiner Kirche liegen. Die Instanz, die über Beifall oder Buhrufe entscheidet, sind die nicht näher spezifizierten „Gläubigen“, deren Forderungen die „moderne Welt“ repräsentieren. In dieser sei die Kirche nicht angekommen, sie halte „starr“ an überkommenen Standpunkten fest, weshalb sie zum Jagen getragen werden müsse – zur Anpassung ihrer Prinzipien an die Höhe der jeweiligen Zeit, zur Ermäßigung also des moralischen und pastoralen Anspruchs in Zeiten wie diesen. Öffentlich gut genannt werden kann demnach ein Papst, der nach innen sacht sich selbst säkularisiert und nach außen „das gute Weltgewissen“ (Paul C. Martin) bleibt.

Ein ähnliches Wechselspiel zwischen Mahnung und Nationalstolz zeigte am 23. April 2005 der eigens vom üblichen Erscheinungstag Montag auf den Samstag vorgezogene „Focus“. Skeptisch, doch offen blickte Benedikt seitwärts von der Loggia des Petersdomes auf die deutsche Käuferschaft. Als „Gottes herzlicher Hardliner“ wurde er bezeichnet. Die Titelgeschichte stellte den „schüchtern wirkenden Intellektuellen mit hoher Stimme“ vor. Er müsse nun „Spaltung vermeiden, Einheit schaffen“. Gerade in deutschen Landen aber traute man Benedikt das offenbar nicht zu. Die üblichen Stichwortgeber treten in einer Zitatenrevue der schönsten Vorbehalte und Vorurteile auf: Hans Küng nennt die Wahl „eine große Enttäuschung“, Eugen Drewermann „bezweifelt jeglichen Reformwillen“, und natürlich muss auch Heiner Geißler in dieselbe verwitterte Trompete blasen: Der Talkshowplauderer erinnert an Ratzingers „Extremismus“ als Chef der Glaubenskongregation. Und Magdalene Bußmann, eine „katholische Theologin“, ergänzt, unterbrochen von einem Plädoyer für die Weisheit des neuen Papstes aus der Feder seines Gesprächspartners Peter Seewald: „Alle Hoffnung auf mehr Rechte für die Frauen werden enttäuscht werden. Die Frau, die sich nur für Beruf und nicht für Familienleben interessiert, ist im Konzept von Herrn Ratzinger nicht vorgesehen.“

So betrachtet, war es schon in den Frühlingstagen 2005 ein Strauß aus frischen und sehr welken Blumen, der Benedikt XVI. gereicht wurde. Das übliche Schema, wie es auch die veröffentlichte Wahrnehmung seines unmittelbaren Vorgängers lange bestimmte, wurde beibehalten. Reformen seien gut, wenn sie eine Abkehr bedeuten von den für spätmodern unlebbar gehaltenen Prinzipien; Reformen seien schlecht, wenn sie eine Rückkehr anzielen zur Radikalität eines ganzheitlichen Christentums. Johannes Paul II. schlug deshalb bei seinem Deutschlandbesuch 1996 eine frostige Atmosphäre entgegen. Joseph Ratzinger weiß sich in den theologischen wie philosophischen Kernbeständen einig mit dem von ihm mitentwickelten Lehrgebäude Karol Wojtylas. Ein für Ratzinger bis heute zentraler Gedanke findet sich in seiner Rede von Mai 2003 über das „Lehramt Johannes Pauls II. in seinen 14 Enzykliken“: „Die Erkennbarkeit von Wahrheit zu behaupten, gar die christliche Botschaft als erkannte Wahrheit zu verkündigen, wird heute weithin als Angriff auf Toleranz und Pluralismus angesehen; Wahrheit wird geradezu zu einem verbotenen Wort. Aber (...) wenn der Mensch der Wahrheit unfähig ist, dann ist alles, was er denkt und tut, zufällige Konvention, bloße ,Tradition‘. Dann bleibt ihm nur das jeweilige Kalkül der Folgen. Aber wer kann wirklich die Folgen menschlichen Handelns überblicken?“

Benedikt XVI. ist kein Traditionalist und erst recht kein Utilitarist, kein Konsequentialist, kein Relativist. Der Schlüsselbegriff ist das kaum noch konsensfähige Wort von der Wahrheit, die obendrein als bereits gefunden, als in der Person Jesu Christi ein für allemal offenbart betrachtet wird. Er rechnet sich laut seinem Bischofsspruch den „Cooperatores veritatis“ zu, den Mitarbeitern der und an der Wahrheit. Benedikt sucht indes nicht nach Wahrheit, wie es unter dem Banner einer neopaganen „Der-Weg-ist-das-Ziel“-Religiosität allenfalls vermittelbar wäre. Nein, er sagt wieder und wieder, Christen hätten die Wahrheit bereits an sich erfahren, sie heiße Christus, „und jede andere Wahrheit ist nur ein Fragment der Wahrheit, die er ist und zu der er führt.“ Ende 2006 prägte er die Formel: „Christus allein kann alles menschliche Sehnen nach Heil und Frieden stillen“. Bei der Vesper zur Eröffnung des Paulus-Jahres im Juni 2008 wurde der Preis eines solchen Bekenntnisses ebenso klar benannt: „Die Wahrheit kostet Leiden in einer Welt, in der die Lüge Macht hat.“

Es ist der Ton der Unbedingtheit, der irritiert und Anstoß erregt. Im Meinungs- und Mediendiskurs werden schon aus strukturellen Gründen nur Zwischenergebnisse akzeptiert, vorläufig und reversibel. Das Gute kann dann relativ böse sein, das Schlimme relativ gute Folgen haben. Über vielen Predigten und Ansprachen Benedikts aber steht geschrieben: Nicht verhandelbar! Was wahr war, wird wahr bleiben! Schaut auf Christus! Selbst der sozial weithin akzeptierte Fortschrittsbegriff wird päpstlicherseits neu definiert. Fortschritt sei „all das, was uns Christus und damit der wahren Menschlichkeit annähert“.

Desinteresse löste patriotische Neugier ab

Schon in den ersten Monaten des Pontifikats ließ Joseph Ratzinger keinen Zweifel, dass er seinem theologischen wie philosophischen Kompass treu zu bleiben gedenkt. So lieferte er Tag um Tag Anlass zu Kritik, Ablehnung, Unverständnis. Er deutet die Welt prinzipiell geistlich, kann darum von einer rein säkularen, latent immer auch pragmatischen und politischen Sichtweise nicht erfasst werden. Er sprengt das geläufige Schema, er spricht eine Sprache, deren Übersetzer rar geworden sind. Nur christlich entschlüsselt sich etwa die frohe Botschaft vom Mai 2005, „über dem mit Gewalt eindringenden Satan“ stehe stets „der Herr, der höchste Richter der Geschichte“. Aus eschatologischen und gerade nicht aus moralischen Gründen also gilt: „Dank der Furcht vor Gott haben wir keine Angst vor der Welt.“

Beim Kölner Weltjugendtag im September 2005 überwog ein letztes Mal die öffentliche Freude über den prominenten Landessohn. Bereits Ende des Jahres löste das Desinteresse die patriotische Neugier ab. Kaum noch eine Zeile wert waren Benedikts Warnungen vor einer „geistlichen Atrophie“, einer „Leere des Herzens“ im technologischen Zeitalter, sein augustinischer Realismus, demzufolge die menschliche Existenz „ein Weg des Glaubens ist, der mehr durch das Halbdunkel führt als durch das volle Licht – und nicht ohne Momente der Verdunkelung oder des Stockdüsteren“. Zunehmend gerieten die konkurrierenden Sachwalter ganz anderer Wahrheiten in seinen Fokus, die Wissenschaftler und die Medien selbst. Vielleicht erklären sich manche Einseitigkeiten und medialen Verzerrungen auch durch diesen Kampf weltanschaulicher Antipoden: Wer hat die Hoheit über den Wahrheitsbegriff? Wer verwaltet ihn, wer legt die Debattenregeln fest?

Beim Kreuzweg 2006 nannte Benedikt Pontius Pilatus einen „skeptischen Intellektuellen“, der nur Zuschauer, nur neutral sein wollte, während das Leiden Christi damals wie heute zur persönlichen Entscheidung herausfordere. Ebendiese ganz unchristliche Zuschauerrolle aber werde durch Zeitung, Radio, Fernsehen gefördert – so lautete zumindest der Vorwurf im Dezember 2009: „Die Massenmedien haben die Tendenz, dass wir uns immer als Zuschauer fühlen, als beträfe das Böse nur die anderen und als könnten gewisse Dinge uns nie geschehen. Dagegen sind wir alle Mitwirkende, und unser Verhalten beeinflusst die anderen im Guten wie im Bösen.“ Wer nur zuschaut, der lasse die „Verschmutzung des Geistes“ gewähren. Ist es ein Wunder, dass angesichts solch unmissverständlicher Worte Intellektuelle innerhalb und außerhalb der Kirche, Theologen und Journalisten gleichermaßen, sich herausgefordert sehen, ihre ureigene Konkurrenz im weltanschaulichen Ringen um die Deutungsgewalt vom Debattenfeld zu drängen?

Benedikts geistliche Worte im Mai 2006 in Auschwitz wurden mit der politischen Elle gemessen und für unpassend befunden. Weil die Worte „Schuld“ und „Antisemitismus“ fehlten, wurde ein „Schweigen Ratzingers“ konstatiert. Die Pilgerreise nach Bayern im September desselben Jahres ging als private Sentimentalität durch, gipfelnd jedoch in der als politisch unsensibel kritisierten Regensburger Vorlesung. Nach Rom zurückgekehrt, setzte Benedikt, unbeeindruckt vom Tremolo der säkularen Elite, seine Einrede wider die „Prostitution des Wortes und der Seele“ fort. Ein „Sprechen im Gehorsam gegenüber der Diktatur der allgemeinen Meinung“ sei nun einmal keine christliche Rede; ihr fromme allein der „Gehorsam gegenüber der Wahrheit“.

Mit der Absage seiner Ansprache an der römischen Universität „La Sapienza“ nach laizistischen Protesten kehrte im Januar 2008 endgültig der Normalfall zurück, also der Winter in der Beziehung zwischen kirchlicher und säkularer Weltsicht. Die ungehaltene, nachträglich veröffentlichte Rede war auch insofern ein Wendepunkt, als sie diesen Rückfall thematisierte. „Die christliche Botschaft“ müsse eine Kraft sein „gegen den Druck von Macht und Interessen“, wie sie eben fortan wieder dominierten. Der Gnadenakt, mit dem die Exkommunikation der vier Weihbischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. im Januar 2009 erschütternd unprofessionell aufgehoben wurde, war der Auftakt zur pauschalen Ablehnung und Aburteilung, die andauert bis heute. Er gilt seitdem, mit einem „Spiegel“-Titel vom Februar 2009 gesprochen, als „Der Entrückte“, als „deutscher Papst“, der die katholische Kirche blamiert – und damit natürlich das gute Deutschland gleich mit, als dessen Sachwalter sich „Spiegel“, „Bild“ et cetera präsentieren. So schließt sich der Kreis: „Wir“ mögen nicht mehr Papst sein, weil der Papst im Ausland nicht bella figura macht, weil er hartnäckig katholisch ist, wo er geschmeidig, modern, politisch sein sollte.

Die Mentalität der Welt, nicht die Stimme des Pontifex stärken

Zur Öffentlichkeit zählen neben den Medien Politiker und Theologen. Auch sie verstärken lieber die „Mentalität der Welt“ (Benedikt) als die Stimme des Pontifex. Erinnert sei an das nassforsche und kenntnisarme Beharren der Kanzlerin auf einer Klarstellung Benedikts zur Shoa, erinnert sei an die theologische Dürftigkeit des Theologenpapiers „Petition Vaticanum II“ oder an die egozentrischen Einwürfe Hans Küngs und seiner Nachbeter, das vom Papst aufrecht erhaltene „römische Zölibatsgesetz“ sei die „Wurzel allen Übels“ einschließlich der Missbrauchsfälle. Ganz auf dieser trüben Spur urteilte Christian Geyer jüngst in der „Frankfurter Allgemeinen“, Benedikt leiste der „Hybris des Religiösen gegenüber dem Kulturellen“ Vorschub. Er zeige im Brief an die irischen Katholiken über die dortigen Missbrauchsfälle eine „degoutante“, also eine ekelhafte, abstoßende „Unbekümmertheit“, er missachte die „säkularen Realitäten“.

Der Ton macht die Musik. Es ist nicht die Sprache der Kritik, geschweige denn der Neugier oder des Interesses – wie weiland in den Jahren 2005 und 2006 –, die heute das öffentliche Reden über Benedikt XVI. bestimmt. Es ist die Sprache unversöhnlicher Gegnerschaft, es ist die Rhetorik des Kulturkampfes. Die Normalitäten sind wieder da. Wahr aber ist auch: Die Öffentlichkeit hat, christlich gesehen, keine richtende Gewalt. Sie zählt zum großen Kreis des Vorläufigen, von dem Abschied zu nehmen niemandem wird erspart bleiben.

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