„Die Not in Gaza ist riesig“

Der Wiederaufbau Gazas verläuft nur schleppend – Die Kirche hilft derweil, wo sie kann. Von Oliver Maksan
Foto: CCEW | Über 100 000 Bewohner von Gaza sind UN-Angaben zufolge noch immer obdachlos, die Hälfte davon sind Kinder. Kirchenorganisationen versuchen, allen zu helfen – egal welcher Glaubenszugehörigkeit.
Foto: CCEW | Über 100 000 Bewohner von Gaza sind UN-Angaben zufolge noch immer obdachlos, die Hälfte davon sind Kinder. Kirchenorganisationen versuchen, allen zu helfen – egal welcher Glaubenszugehörigkeit.

Äußerlich ist die Ruhe wiederhergestellt. Von kleinen Zwischenfällen abgesehen hält die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. Doch vergessen kann in Gaza niemand, was im Sommer letzten Jahres geschah. Während fünfzig Tagen lieferten sich Israel einerseits, die Hamas und andere radikale Gruppen andererseits im Juli und August einen blutigen Krieg, der über 2 000 Palästinenser das Leben gekostet hat, über 11 000 teils schwer verletzt und hunderttausende zeitweise zu Flüchtlingen gemacht hat. Über 100 000 Bewohner des dicht bevölkerten Gebiets sind UN-Angaben zufolge noch immer obdachlos, darunter über die Hälfte Kinder. Der materielle Schaden geht in die Milliarden US-Dollar. Unübersehbar sind die Verwüstungen bis heute. Während die Wege im besonders schwer getroffenen Viertel Schedschaija längst freigeräumt sind, türmt sich links und rechts der Straßen noch immer der Schutt der zumeist völlig zerstörten Häuser. Nirgends in Gaza waren die Verwüstungen größer. Hinzu kommen die Schäden an der Infrastruktur. Die Versorgung mit Strom und Wasser ist noch schwieriger als vorher. Viele Stunden am Tag gibt es keine Elektrizität. Viele Schulen, Straßen und Krankenhäuser wurden ganz oder teilweise zerstört.

Neben den Schäden bedrückt die Menschen aber vor allem das Gefühl der Perspektivlosigkeit und Abriegelung. Siebzig Prozent allein der 20- bis 24-Jährigen sind arbeitslos. Die den Gazastreifen seit 2007 regierende Hamas kann sich mit der Rivalin Fatah – obwohl beide eine Einheitsregierung unterstützen – nicht einigen. Die im Oktober von einer internationalen Geberkonferenz zugesagten fünf Milliarden US-Dollar lassen nicht zuletzt deshalb auf sich warten. Der Wiederaufbau verläuft nur schleppend. Weil Israel Angst hat, dass für den Wiederaufbau bestimmter Zement nicht für Privathäuser sondern – wie dutzendfach in der Vergangenheit – den Bau von Terror-Tunnels verwendet wird, muss über jeden Sack Zement Rechenschaft abgelegt werden. Eine Gruppe aus UNO, Israel und Palästinensischer Autonomiebehörde überwacht die Ausgabe. Kritiker sagen zudem, Israel liefere nicht genügend Baustoffe. Gehe der Wiederaufbau in diesem Tempo weiter, werde er Jahrzehnte dauern. Verschärft wurde die Lage in Gaza jetzt noch durch das Wetter. Kälte und starke Regenfälle sorgten im Januar für Überschwemmungen und machten vor allem den Flüchtlingen in ihren provisorischen Unterkünften zu schaffen.

Die humanitäre Hauptlast in Gaza tragen die Vereinten Nationen. Auf die Unterstützung der Hilfswerke war auch schon bislang ein Großteil der etwa 1,8 Millionen Menschen angewiesen. Etwa 1,1 Millionen Bewohner des Gebiets sind Flüchtlinge im Sinne der UNRWA-Statuten, das heißt sie sind 1948 bei der umkämpften Staatsgründung Israels entweder selbst geflüchtet oder Nachkommen von Flüchtlingen. Allerdings kommen auch die UN-Einrichtungen an ihre Grenzen. UNRWA-Direktor Robert Turner zufolge hat seine Agentur bislang 80 Millionen US-Dollar für kriegsgeschädigte Palästinenser aufgewendet. Zum Ende des Monats aber gehe ihnen das Geld aus, um beschädigte Häuser zu reparieren oder die Mieten für obdachlose Familien zu bezahlen. „Die Auswirkungen auf die Familien werden desaströs sein. Über 96 000 Häuser von palästinensischen Flüchtlingen wurden beschädigt oder zerstört. Das ist mehr als doppelt so viel, als wir erwartet haben.“

Die Kirchen des Gebiets taten und tun derweil, was sie können. Nur mehr etwa 1 300 Christen leben in Gaza, vor allem orthodoxe Christen. Sie und die kleine katholische Gemeinde – kaum 170 Katholiken leben noch dort – nahmen im Sommer hunderte muslimischer Flüchtlingsfamilien auf, deren Häuser zerbombt oder die vor den Kampfhandlungen geflüchtet waren. In Schulen und anderen kirchlichen Einrichtungen boten sie den Flüchtlingen über Wochen Unterschlupf. Während des islamischen Fastenmonats Ramadan brachen sie mit ihnen abends das Fasten. Im anglikanischen Ahli-Krankenhaus wurden viele Verletzte versorgt. Orthodoxe, protestantische und ökumenische Organisationen wie YMCA oder der Weltkirchenrat halfen ebenfalls.

Seitens der katholischen Kirche sind es besonders vier Institutionen, die sich für Gaza und seine Bewohner einsetzen: das Lateinische Patriarchat, die Caritas Jerusalem, die Pontifical Mission for Palestine sowie die Catholic Relief Services CRS, ein Dienst der US-Bischöfe. Sie haben sich in einem Koordinierungskomitee zusammengeschlossen. „Wir wollen mit- und nicht gegeneinander zu arbeiten“, sagt Raed Abusahlia, Direktor der Caritas Jerusalem. „Jeder der Partner hat einen anderen Schwerpunkt. Wir von der Caritas haben uns vor allem auf die Nothilfe in Form von Nahrungsmitteln und ähnlichem spezialisiert. Dank unserer Unterstützer konnten wir seit Oktober bis jetzt Hilfe in der Höhe von etwa einer Million Euro leisten. Über 2 000 Familien haben Lebensmittelpakete bekommen. Mehr als 3 000 Familien wurden mit Hygieneartikeln versorgt. Und dann haben wir im Rahmen einer einmaligen Leistung besonders schwer getroffenen Familien – etwa 2 600 – Geld ausbezahlt. Das waren je nach Schwere des Falls zwischen 100 und 200 Euro. Sie müssen sehen, diese Menschen haben alles verloren. Ihre Häuser sind nur noch ein Trümmerhaufen. Sie brauchten deshalb etwas Geld, um sich wenigstens mit dem Nötigsten einzudecken.“

Matthew McGarry leitet das Büro der Catholic Relief Services in Jerusalem. „Wir haben während des Krieges und danach etwa zwölf Millionen Dollar für Gaza aufgewandt. Dabei haben wir uns besonders auf den Wiederaufbau von Häusern spezialisiert und die Ausstattung der Menschen mit Gegenständen des täglichen Bedarfs wie Gaskochern und ähnlichem. Wir haben aber auch Programme, die kleinen Landwirten helfen sollen, ihre vom Krieg verwüsteten Felder und Gewächshäuser wieder aufzubauen.“

Pater Raed weiß, dass das alles nicht genug ist. „Die Not in Gaza ist riesig. Wir sind jetzt dabei, einen neuen Aufruf zu lancieren. Dieses Mal wollen wir uns nicht mehr auf Erste Hilfe konzentrieren, sondern vor allem auf die psycho-soziale Not. Das Problem ist aber, dass Krisengebiete nach der akuten Not aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden. Dennoch hoffen wir auf ein gutes Ergebnis.“ Pater Raed glaubt, dass die christliche Unterstützung für die Menschen ohne Ansehen der Religion ein wichtiges Zeugnis in dem zu 99 Prozent islamisch geprägten Gebiet ist. „Unser Glaube lehrt uns, allen Menschen in Not zu helfen. Und zum Glück waren die Christen in weitaus geringerem Maße vom Krieg betroffen als die Muslime.“ Nur zwei christliche Häuser wurden zerstört und etwa 80 beschädigt – von über 380.

Ihnen hat die Pontifical Mission geholfen, die Schäden wie zerbrochene Glasscheiben oder ähnliches zu reparieren. Die beiden zerstörten Häuser sind noch nicht wiederaufgebaut. Die betroffenen Familien leben derzeit in angemieteten Wohnungen. Neben christlichen Privathäusern wurden auch kirchliche Einrichtungen durch den Krieg beschädigt, wie etwa der Konvent der Schwestern des Instituts vom Inkarnierten Wort, die Schule der Rosenkranzschwestern oder das Haus der Schwestern Mutter Teresas, die in Gaza ein Heim für alte und behinderte Menschen unterhalten. Hier hat das Lateinische Patriarchat geholfen.

Neben den Hilfswerken und ihrer Arbeit gibt es auch die Initiativen der Kirche vor Ort. Die Schwestern Mutter Teresas etwa haben jetzt 35 Babys aufgenommen, meist Flüchtlingskinder, die in den Notunterkünften der Eltern nicht angemessen versorgt werden können. Etwa sechs Monate bleiben die Säuglinge bei den Schwestern. „Wir haben die Windeln für ein Jahr beigesteuert“, sagt Pater Raed. „Ist das nicht eine wunderschöne Initiative?“ Auf die Dauer aber, so glaubt Pater Raed, ist es mit humanitärer Hilfe allein nicht getan. „Es muss sich grundsätzlich etwas in Gaza ändern. Viele Kinder haben in ihrem jungen Leben in den letzten sechs Jahren drei Kriege erlebt. Die Menschen verlieren die Hoffnung. Das ist das Schlimmste.“

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