Die Eucharistie in der Theologie Joseph Ratzingers

Das Schicksal der Kirche hängt von der Liturgie ab, von der rechten Weise, Gott zu verherrlichen. Von Abt Maximilian Heim OCist
Das Allerheiligste
Foto: KNA | 200 Beter haben in Zell am Ziller die Pfarrei durch Eucharistische Anbetung erneuert.
Das Allerheiligste
Foto: KNA | 200 Beter haben in Zell am Ziller die Pfarrei durch Eucharistische Anbetung erneuert.

Am 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch den seligen Papst Johannes XXIII. hat unser Heiliger Vater das „Jahr des Glaubens“ begonnen. Gegenwärtig wird uns immer mehr bewusst, dass das Schicksal der Kirche von der Eucharistie abhängt. Sie ist Ursprung, Quelle, Höhepunkt und Zukunft der kirchlichen Communio mit dem auferstandenen Herrn und der Gläubigen untereinander. Tagtäglich wird die Kirche aus seinem geöffneten Herzen neu geboren. Hier ist der Ursprung auch aller anderen Sakramente, die die Begegnung von Mensch und Gott in dieser Welt ermöglichen. Zugleich schenken sie uns auch untereinander eine neue, tiefe Gemeinschaft, die nicht von uns gemacht ist, sondern aus Gnade von Gott geschenkt wird.

Anbetung als Schlüssel

Vor einem solchen Geheimnis der Liebe können wir nur staunen, niederfallen und anbeten. Diese Haltung der Anbetung durchdringt das ganze Leben und Werk von Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI. Schon in einem Predigtvorschlag zur Ewigen Anbetung, der 1960 erstmalig publiziert wurde, schreibt er am Schluss: „Wer wahrhaft anbetet, beugt nicht nur das Knie, sondern sich selbst. Er beugt sein Leben vor Gott... Gott will nicht diese oder jene Werke, diese oder jene Spezialandachten. Er will uns selbst. Das Ja unseres ganzen Lebens.“ Es geht dem jungen Theologen Ratzinger wie auch jetzt dem Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. um eine „Theologie des ex-sistere“, um jenen „Exodus“ aus dem Selbstgemachten hin zur Gabe Gottes, zu dem, der sich für uns zur Gabe gemacht hat, zu Jesus Christus. Je mehr wir dieses „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20), dieses „Wer sich selbst verliert, wird das Leben finden“ (vgl. Mt 16,24f.), konkretisieren, umso deutlicher erkennen wir, dass wir von ihm erkannt, ja geliebt sind.

Papst Benedikt XVI. hat diesen Prozess der Hingabe Jesu Christi wie auch unserer eigenen Hingabe in der Eucharistie beim Weltjugendtag in Köln mit unverwechselbaren Worten charakterisiert: „Beim letzten Abendmahl nimmt Jesus seinen Tod vorweg und nimmt ihn von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe“ . Hier geschieht „der zentrale Verwandlungsakt, der allein die Welt erneuern kann: Gewalt wird in Liebe umgewandelt und der Tod in Leben. Weil er den Tod in Liebe umformt, darum ist der Tod schon als solcher von innen her überwunden und Auferstehung schon in ihm da.“

Erst in dieser Perspektive begreifen wir die Wandlungsworte, die der Herr selber spricht und die uns die Synoptiker wie auch der Apostel Paulus überliefert haben: „Mein Leib, hingegeben für euch, mein Blut, vergossen für euch und für viele.“ Wer sich von dieser Dynamik der Liebe erfassen lässt, kann das Geheimnis des Glaubens begreifen lernen und sein eigenes Leben von Christus umwandeln lassen, sodass er selbst Leib Christi wird, den er empfängt, und dadurch gleichsam blutsverwandt mit ihm wird.

Diese existenzielle Wahrheit erklärte Papst Benedikt beim Weltjugendtag vor allem durch die beiden Begriffe „proskynesis“ und „adoratio“. Der griechische wie der lateinische Begriff wird im Deutschen mit „Anbetung“ übersetzt. Proskynesis heißt wörtlich Unterwerfung, sich niederwerfen. Es bedeutet, seine eigene Freiheit „nach dem Maß der Wahrheit und des Guten zu richten“, um so selbst wahr und gut zu werden. Gott verlangt von uns nicht blinde Unterwerfung, sondern Liebe. Und deshalb wird der zweite Begriff „ad-oratio“ von Papst Benedikt als „Berührung von Mund zu Mund“ gedeutet. Diese Einung mit Christus geschieht, indem ich seine Freundschaft annehme und sie in Liebe beantworte. So wird jede Eucharistie die Vergegenwärtigung der unbegreiflichen Liebe, die Jesus Christus dem Vater entgegenbringt. In diesem Geist nimmt er uns auf und führt uns im „feurigen Wagen seiner gekreuzigten Liebe dem Vater entgegen. Joseph Ratzinger hat dieses Bild vom Kreuz als feurigen Wagen der Himmelfahrt des Propheten Elija entlehnt und dabei an ein dem Origenes zugeschriebenes Wort erinnert: „Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe.“ Diese Einsicht in die Eucharistie wie auch in das Geheimnis der Kirche ist für Papst Benedikt XVI. entscheidend, denn beide Mysterien sind eng miteinander verbunden. Nicht wir „machen“ die Kirche, und auch in der Eucharistie ist der dreieinige Gott der eigentlich Handelnde. Es ist ein Geschehen im Heiligen Geist, in dem Christus als Priester und Opfergabe den Vater durch seinen Akt der Hingabe verherrlicht und von ihm verherrlicht wird (vgl. Joh 17,1).

Das Kreuz im Blick

Demgemäß hat Papst Benedikt das Kreuz bei jeder Eucharistiefeier neu in den Blickpunkt der Feiernden gerückt. Denn wir dürfen nie vergessen, dass wir uns nicht selbst feiern, sondern dass wir das nur mitvollziehen, was Christus für uns vollzieht, die tiefste Anbetung im Heiligen Geist durch die Hingabe seines eigenen Lebens zur Vergebung der Sünden. Zu dieser Feier sammelt Christus seine Kirche als das neue Volk Gottes, das stets der Reinigung bedarf, um eucharistiefähig zu werden.

Dies geschieht im Kreuzesopfer Jesu Christi: „Das Kreuz, Mitte der himmlischen Liturgie, steht nicht nur auf der Erde, ...es steht auch außerhalb der Stadt und des Tempels (Hebräer 13,12) und umfasst gerade auch die Welt des Alltags, die Welt außerhalb des Heiligtums. Weil in der vom Kreuz geschenkten Relecture der Opfertradition der Menschheit Opfer und Liebe identisch werden, ist es zugleich höchste Liturgie, das heißt Angleichung des Menschen an den Gott, der die Liebe ist und konkreteste Wirklichkeit des Alltags. Dem Erlöser begegnet man in den Geringsten: im Gefängnis, am Krankenbett, in den Quartieren der Hungernden und Darbenden (vgl. Matthäus 25,31-46).“ Christus hat in Erfüllung der alttestamentlichen Gottesknechtslieder die Gestalt des Geringsten angenommen, um uns von unserer Ichverfangenheit zu heilen, denn „durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5). Indem er unsere Schuld auf sich lädt und sie in Gnade umwandelt, versöhnt er uns mit dem Vater. Nur der ist eucharistiefähig, der sich durch Christus versöhnen lässt. Beichte und Eucharistie, Reinigung und Kommunion gehören zusammen, damit die Kirche heute wieder von ihm erneuert werden kann.

Als Versöhnte aber müssen wir zugleich Versöhnende sein. Was bedeutet das? Wir müssen uns von der Wahrheit Christi erfassen lassen, dass er durch sein Leiden und Kreuz die Welt erlöst hat und dass er auch uns in seine Kreuzesnachfolge hinein beruft. Hass und Ablehnung wird von Christus mit vergebender Liebe beantwortet. Deshalb hat das Zeichen des Friedens in der Liturgie seinen Grund in der Bereitschaft, diesen Weg Jesu mitzugehen. Es muss von Herzen kommen und darf nicht zu einem oberflächlichen Händeschütteln verebben. Im Blick auf den Gekreuzigten werden wir gerettet, wenn wir nicht aus dem „Geist des Protestes oder gar des Hasses heraus, sondern nur in der Teilhabe an der bis zum Äußersten gehenden Liebe“ leben.

„Pro multis“ – „für viele“

Kommen wir hier noch einmal zurück zu den Gottesknechtsliedern: „Mein Knecht, der Gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.“ (Jes 53,11). Wir glauben, dass Christus sein Leben für uns Sünder hingegeben hat. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Kirche das „pro multis“ übersetzt mit „für alle“. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Erläuterung der Neuübersetzung des „pro multis“ als „für viele“ darauf hingewiesen, dass die Kirche nach wie vor daran glaubt, dass der Herr für alle Menschen gestorben ist, denn „das Sein und Wirken Jesu umfasst die ganze Menschheit, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft“. Von dieser ontologischen Ebene muss die historische Faktizität unterschieden werden, dass in der konkreten Geschichte der Menschheit niemand gezwungen wird, den Erlöser anzunehmen. Um der Wahrheit und der Freiheit des Menschen willen entspricht es sowohl der biblischen Tradition wie auch dem Tun des Herrn, wenn die Kirche sich wieder überall an die wörtliche Übersetzung hält. Wer dagegen polemisiert, sollte sich fragen, ob er nicht die Möglichkeit des Menschen missachtet, sich auch gegen Gott zu entscheiden. Die Barmherzigkeit Gottes ist zwar immer ein Akt der Liebe, aber diese Liebe drängt sich dem Menschen nicht auf. Sie „kann“ nur von denen empfangen werden, die ihr Herz nicht verhärten.

Der Herr reinigt und sammelt sein Volk. In ihm findet das Sinai-Ereignis seine Vollendung, da er uns das neue Gebot der Liebe gibt, indem er sich selbst erniedrigt. In der Fußwaschung, die er an seinen Jüngern vollzieht, damit sie Gemeinschaft mit ihm haben, findet dieses Zeichen der vergebenden Liebe seinen sinnenfälligen Ausdruck. Dabei trägt er ihnen auf: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15).

Das neue Volk Gottes, das so von ihm gesammelt und gereinigt wird, wird in diesem Akt der Communio durch die vergebende Liebe des Herrn zusammengeschlossen zu einem Leib. Von dieser inneren Einheit ist der Begriff des „Volkes Gottes“ immer vom „Leib Christi“ her zu verstehen. Christus schenkt sich den Gläubigen in der Eucharistie und formt sie zu seinem Leib.

„Beiderlei Bedeutungen von Leib Christi“, so Papst Benedikt, „die eucharistische und die kirchliche, sind zwar nicht identisch, aber doch ganz und gar aufeinander bezogen: Vom eucharistischen Mahl her baut sich die Kirche auf und umgekehrt ist Eucharistie ganz dazu da, die Menschen in den Leib des Herrn und so in den Geist des Herrn zu versammeln, um sie damit selbst zum lebendigen Leib Christi, zum Ort der konkreten und wirkmächtigen Anwesenheit Christi in der Welt umzugestalten.“

Wie „die erste Paschanacht die eigentliche Geburtsstunde des Volkes Israel“ war und mit dem Pascha und dem Bundesschluss vom Sinai die beiden Gründungsakte Israels vollzogen waren, so versteht sich Christus „als das neue, wahre Paschalamm, das stellvertretend für alle Welt stirbt“. Die Kirche ist also im Pascha des Herrn geboren. Dabei bilden die Worte Jesu beim letzten Abendmahl eine Einheit mit dem Geschehen des Karfreitags und des Ostertages. Es ist, wie es Ratzinger einmal ausdrückte, eine Dreieinigkeit von Wort, Tod und Auferstehung, die uns das Geheimnis des dreieinen Gottes erahnen lässt. Nur in der Einheit wirkt der Eine.

Deshalb darf die Feier der Eucharistie nicht von der ekklesialen Verbundenheit mit dem Papst und dem jeweiligen Ortsbischof losgelöst werden. Diese Verbundenheit gehört zum Wesenskern der Eucharistie, die uns in den Abendmahlsaal hinführt, wo der Herr den Aposteln den Auftrag gegeben hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19). Aus dieser konkreten ekklesialen Verfasstheit der Eucharistie erkennen wir, dass eine Einladung zur eucharistischen Gastfreundschaft der Wahrheit widerspricht, dass der Kommunizierende nicht nur den Glauben an die Realpräsenz, an die wahre Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, bezeugen muss, sondern zugleich auch ein Bekenntnis zur Apostolizität der Kirche, die durch ihre hierarchische Struktur – Papst und Ortsbischof – sichtbar wird, ablegt.

Wiederauffinden der Mitte

Der unvergessene Mainzer Kardinal Hermann Volk wurde vor etwa 40 Jahren von einem jungen Priester gefragt, warum er überhaupt ein Messgewand tragen soll. Er gab die plastische Antwort: „Damit Du darunter verschwindest.“ Das liturgische Gewand macht also deutlich, dass hier nicht einfach eine Privatperson als Priester vor uns steht, sondern dass der Priester an der Stelle eines anderen, an der Stelle Jesu Christi handelt.

Manche Versuche, die Liturgie zu vereinfachen, haben in den vergangenen Jahrzehnten die Liturgie zum Teil banalisiert und zugleich auf eine rein menschliche Ebene reduziert. Es besteht außerdem die Gefahr, dass ungewollt ein neuer „Klerikalismus“ dadurch entsteht, weil Christus als die eigentliche Mitte der Liturgie zu wenig im Vordergrund steht. Das liturgische Gewand fordert hingegen den Priester heraus, „sich in die Dynamik einer Ent-Werdung aus dem abgekapselten Eigenen heraus in eine Neuwerdung von Christus her und auf Christus zu hineinzubegeben.“

Wie also können wir uns von dieser Dynamik Christi wieder neu erfassen lassen? Indem wir die „participatio actuosa“ (die aktive Teilnahme an der Liturgie) nicht auf das menschliche Agieren reduzieren, sondern an der Christuszentrierung unseres ganzen Tuns messen. „Wir stehen vor Gott – er spricht mit uns, wir mit ihm“, so Papst Benedikt XVI. bei seiner Rede in Heiligenkreuz. „Wo immer man bei liturgischen Besinnungen nur darüber nachdenkt, wie man Liturgie attraktiv, interessant, schön machen kann, ist Liturgie schon verfallen. Entweder ist sie opus Dei mit Gott als dem eigentlichen Subjekt oder sie ist nicht.“ Der Papst bittet darum: „Gestaltet die heilige Liturgie aus dem Hinschauen auf Gott in der Gemeinschaft der Heiligen, der lebendigen Kirche aller Orten und Zeiten so, dass sie zu einem Ausdruck der Schönheit und Erhabenheit des menschenfreundlichen Gottes wird!“

Bei der Erneuerung der Liturgie ging es den Konzilsvätern um diese Mitte des Glaubens. Wenn Papst Benedikt von der „Reform der Reform“ spricht, dann beabsichtigt er die Mitte unseres liturgischen Tuns wiederzufinden. Deshalb spricht er auch von der „ars celebrandi“, von der Kunst des Zelebrierens, die nicht den in den Mittelpunkt stellt, der zelebriert, sondern Christus, um dessen Willen sich die Gläubigen versammeln. Diese Mitte ist letztlich der wiederkommende Christus, wie wir in der erneuerten Liturgie nach der Wandlung beten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“. Viele Kirchen wurden deshalb geostet, weil man in der aufgehenden Sonne ein Symbol sehen konnte für den Auferstandenen, der mitten in seine Kirche eintritt und ihr Orientierung und Leben schenkt.

Kirche ist Communio mit dem Herrn in seinem Wort und Sakrament. Er selber tritt in unsere Mitte und spricht uns an, wenn wir uns wie die Heiligen von seinem lebendigen performativen Wort formen lassen. Ihm und seiner Kirche gehorsam, müssen wir den Geist der Communio in die Welt zur Neuevangelisierung hinaustragen. Dafür wurde uns durch die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils der Tisch des Wortes reich gedeckt. Indem wir nicht uns selbst verkündigen, sondern den dreieinigen Gott, geben wir der Welt Zeugnis für die Liebe, die fleischgeworden ist in seinem Wort.

So kann die Kirche zum Zeichen der Einheit mit Gott und untereinander werden (Lumen gentium 1). Das Schicksal der Kirche hängt von der Liturgie ab, von der rechten Weise, Gott zu verherrlichen. Papst Benedikt XVI., der den lebendigen Glauben der Kirche mit der Verkündigung des Wortes verbindet, sagte in einer Adventspredigt: „Komm heute, Herr, komm in jeden von uns, und komm so auch in diese Zeit: sichtbar, geschichtlich, neu, wie es diese Zeit braucht und wie es ihr angemessen ist. Ja Herr, komm und hilf uns, dass wir dir die Tore öffnen, dass wir mitgehen bei deinem Einzug.“

Der Autor ist seit 2011 Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz im Wienerwald und hat über die Ekklesiologie Joseph Ratzingers promoviert.

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