Die Aufklärung springt in die alten Schützengräben

Sechs Jahre nach dem Gespräch zwischen Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger ist das intellektuelle Klima zwischen Glauben und Nicht-Glauben rauer geworden

Da war die Welt zwischen Religion und Aufklärung in Ordnung: Am 19. Januar 2004, vor über sechs Jahren, debattierten der Philosoph Jürgen Habermas und der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, in der Katholischen Akademie in München. Thema: „Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Die liberale Wochenzeitung „Die Zeit“ nahm erstaunt zur Kenntnis, dass die Kirche sich zu einem Agenten der Kapitalismus- und Kriegskritik entwickelt habe – „ein Hinweis darauf, dass der Vatikan nicht mehr nur nach der Erlösung der Schuldigen fragt, sondern nach Recht und Gerechtigkeit“, so Thomas Assheuer zwei Tage nach der Disputation in der Hamburger Wochenzeitung.

Kaum war Joseph Ratzinger mehr als ein Jahr später Papst Benedikt XVI. geworden, wendete sich das Blatt. Zuerst in der Publizistik, etwa im „Sturmgeschütz der Aufklärung“, dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dort schrieb Mariam Lau am 21. April 2005 eine Polemik mit Titel „Kein Kniefall vor Ratzinger!“. Sie beklagte „Unterwerfungsgesten und Selbstgeißelungsrituale“ mancher Intellektueller, die „einen Schiiten in Kerbala vor Neid erblassen lassen würden“. Dass die „Schelte“ der „Diktatur des Relativismus“ des gerade gewählten Papstes unter säkularen Aufklärern für Nachdenken gesorgt hatte, darüber schlug die Tochter des Exil-Iraners und Publizisten Bahman Nirumand die Hände über dem Kopf zusammen: „Da drängt sich vollends der Eindruck auf, hier solle das Papamobil den versenkten Karren der Frankfurter Schule aus dem Morast ziehen – frohes Schaffen!“

Das Schaffen blieb alles andere als froh. Den professionellen Denkern unter den Säkularen schien es schnell nicht mehr geheuer, sich so freundlich mit der katholischen Orthodoxie eingelassen zu haben. Sie sprangen zurück in die alten Schützengräben. Exemplarisch lässt sich dies an dem Verhältnis von Paolo Flores d'Arcais – so etwas wie der italienische Habermas – und Benedikt XVI. ablesen. d'Arcais ist politischer Theoretiker und Philosoph, der an der römischen Universität La Sapienza lehrt und die einflussreiche linke Zeitschrift „MicroMega“ in Italien herausgibt. Schon lange vor dem Akademiegespräch Habermas-Ratzinger debattierten d'Arcais und der damalige Präfekt der Glaubenskongregation am 21. Februar 2000 öffentlich unter dem Titel „Gibt es Gott?“ im römischen Teatro Quirino miteinander. Für rund 2 000 Zuhörer, die im Theater keinen Platz mehr gefunden hatten, mussten Lautsprecher auf der Straße aufgestellt werden. Die vollständige Niederschrift dieses Dialoges erschien in der Zeitschrift „MicroMega“. Die deutsche Übersetzung veröffentlichte der linke Berliner Verlag Klaus Wagenbach unter dem Titel „Gibt es Gott? Wahrheit, Glaube, Atheismus“ in erster Auflage 2006, beworben mit folgender Rezension: „Das Buch bietet Christen und Nichtchristen gleichermaßen eine Hilfe, sich vernünftig und in gegenseitigem Respekt mit den Argumenten rund um den Glauben auseinanderzusetzen.“ Drei Jahre später ist das Buch in einer vierten Auflage um einen neuen Aufsatz d'Arcais aus dem Sommer 2009 erweitert worden – und der trägt den bezeichnenden Titel „Kreuzzug gegen die Aufklärung“. Von Respekt ist bei d'Arcais nichts mehr zu spüren. Der Ton gegenüber Papst Benedikt XVI. ist scharf, und deutsche säkulare Aufklärer wie Alan Posener mit seinem Buch „Kreuzzug gegen die Moderne“ reiten sogleich auf der neuen Welle mit. Die säkularen Aktivisten ersetzen den Dialog durch Kulturkampf, sehen ihre Kultur als die Europas und diese vom Denken Benedikts XVI. bedroht. Praktische Konsequenz der Kehre: Studenten und Professoren der römischen Universität La Sapienza, an der d'Arcais lehrt, protestierten Anfang des Jahres 2008 so heftig gegen einen Besuch Benedikts XVI., dass dieser ausfallen musste. Boykott statt Dialog.

Es geht fünf Jahre nach dem freundlichen Gespräch zwischen Habermas und Kardinal Ratzinger nicht mehr allein und zuerst um die Suche von Gemeinsamkeiten, sondern auch um einen neuen eliminatorischen Konkurrenzkampf – dies führt exemplarisch die Lektüre von d'Arcais Essay „Kreuzzug gegen die Aufklärung“ klar und deutlich vor Augen. Für d'Arcais instrumentalisiert der Papst aus Deutschland die Aporien der säkularen Moderne, um einen Frontalangriff gegen sie zu starten – nämlich die ökologisch-zerstörerische Maßlosigkeit der Technik, die aus den Naturwissenschaften erwachsen ist, den Niedergang der Massenbewegungen, die Gleichheit und Gerechtigkeit für alle forderten und damit die Krise des Sozialstaats, sowie den Zusammenbruch des universalen Gültigkeitsanspruchs der Menschenrechte. Wenn Benedikt XVI. den Dialog mit der säkularen Welt suche und sein Theorem der „Diktatur des Relativismus“ in den demokratischen Diskurs einspeise, dann tue er das nicht, um Teil einer pluralen Wirklichkeit zu sein, in der neben anderen Weltanschauungen eben auch die katholische gleichberechtigt ihren Platz findet, sondern um die säkulare Welt zu zwingen, sich an den „Wertmaßstäben der alten, überwunden geglaubten Dogmen“ zu orientieren, so d'Arcais.

Er unterstellt Benedikt XVI. expressis verbis einen „Willen zur theokratischen Restauration“ mit „antikonziliaren Inhalten“, zur „Kolonisierung der Welt“, die strategisch und langfristig „klare Expansionsziele“ verfolge und frontal gegen die Autonomie des Menschen und die Maxime, dass dieser sich seines eigenen Verstandes bedienen solle, gerichtet sei.

Dagegen will d'Arcais erstens den „Widerstandsgeist des Laizismus“ mit einem klaren Freund-Feind-Schema neu wecken und damit zweitens einem laizistischen „Verrat“ an der Vernunft, an der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit und dem Streben nach Glück beenden, den d'Arcais in Dialogversuchen wie denen von Habermas 2004 mit Kardinal Ratzinger erkennt – oder etwa bei Denkern wie Zygmunt Baumann, deren Kritik der „flüchtigen Moderne“ und des Konsumismus. Womit schließlich d'Arcais drittens die säkulare Aufklärung darauf verpflichtet, selbst wieder das Geschäft der „Dialektik der Aufklärung“ zu betreiben, um so aus eigener Kraft die Aporien der Moderne heilen und die Hoffnungsressourcen eines konsequenten Naturalismus aufweisen zu können.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Gespräch von Seiten der Aufklärung verschärft und verkompliziert. Während Papst Benedikt XVI. in seinem Pontifikat an dem Programm der Synthese von Vernunft, Glaube und Leben, die er als „religio vera“ begreift, so arbeitet, wie er immer gearbeitet hat, um die Menschheit vor einer Enthumanisierung zu bewahren, die beispielsweise im Vordringen der Legalisierung der Euthanasie oder Entwicklungen der Biologie und ihrer Anwendungen aufleuchtet, positioniert eine kämpferische laizistische Aufklärung ihr Projekt der Moderne neu, indem sie es negativ von der Abgrenzung zum Papstamt her definiert. Gleichzeitig versucht eine weniger ausschließende, sich liberal einschließend verstehende Aufklärung, die Habermas vertritt, sowohl einen Naturalismus der Laizisten als einen Dogmatismus der Kirchen abzuwehren, da diese bei einem jeweiligen Übermächtigwerden für Habermas die „ambivalente Moderne“ entgleisen lassen können. Für den Frankfurter Philosophen haben Gläubige wie Ungläubige „symmetrisch“ die „Folgelasten“ von Kompromissen in der Demokratie, die nicht in Gänze ihren Idealen entsprechen, zu tragen. Säkulare Bürger sollen also „weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotenzial absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten dürfen, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen“, so Habermas.

Allerdings: Die Position Habermas' verliert in Deutschland an Zustimmung, diejenige eines d'Arcais gewinnt – das wird aktuell in der Debatte um Missbrauchsfälle an katholischen Einrichtungen deutlich. Die Kirche in Deutschland wird sich darauf einstellen müssen, dass die Konsensdemokratie bröckelt und dass sie künftig einer Aufklärung gegenüberstehen wird, die den Glauben aktiv bekämpft. Das heißt auch, die katholische Welt in Deutschland wird näher an Papst Benedikt XVI. und dessen globale Sicht rücken müssen.

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