Den Menschen ihre Würde zurückgeben

Der Steyler Missionar Damien Lunders setzt sich in Thailand für Aidskranke ein

Nong Bua Laphu/Thailand. Leise surrt der Ventilator. Ein Papiertaschentuch windet sich im Luftstrom. Aus dem kleinen Radio plätschert Musik. Oitip lauscht mit geschlossenen Augen. Ohnehin sieht die junge Frau kaum noch etwas. Wenn ein Besucher in ihr Zimmer kommt, blickt sie angestrengt ins Leere. Zum Aufstehen ist sie schon seit Wochen zu schwach. Ihre bis auf die Knochen abgemagerten Arme und Beine wollen einfach nicht gehorchen. Oitip hat starke Kopfschmerzen. Oft wird ihr plötzlich übel, dann muss sie sich übergeben. Und sie ist müde, sehr müde.

„Vor sechs Jahren habe ich erfahren, dass ich Aids habe“, sagt die 23-Jährige mit schwacher Stimme. „Die Ärzte haben es kurz nach der Geburt meines Kindes festgestellt.“ Oitip schließt die Augen, wenn sie von ihrem kleinen Sohn spricht. Oft fragt sie sich, ob sie ihn noch einmal sehen wird. Ihre Großeltern daheim in Naklang kümmern sich um ihn. Den Kontakt zu ihr haben sie abgebrochen. Wegen der tödlichen Krankheit, mit der sie ihr damaliger Freund angesteckt hat. Der Krankheit, an der Oitip bald sterben wird.

Fünf von hundert Thais sind bereits am HI-Virus erkrankt

Ein Hustenanfall aus dem Nachbarzimmer durchbricht die Stille. „Das ist Boonchuay“, sagt Bruder Damien Lunders. „Er hat in Taiwan gearbeitet und hatte dort Sexualkontakte mit verschiedenen Männern. Seit acht Jahren hat er Aids, seit acht Monaten ist er hier im Hospiz.“ Bruder Damien kennt alle Patienten, alle Geschichten. Seit dem Jahr 2000 leitet der Steyler Missionar das „Mother of Perpetual Help Center“, zu dem das Hospiz gehört. Behutsam streichelt er Oitip über ihren Arm, beendet seinen Besuch mit einem leisen „Sawat-dee“, dann steuert er über blitzblanke Fliesen auf sein Büro zu. In den Regalen stapeln sich Ordner. „Monatliche Ausgaben“ und „Spenden“ künden ihre Rückenschilder.

„Es ist nicht immer leicht, die Finanzierung unserer Arbeit zu sichern“, sagt Bruder Damien mit Blick auf die Projektanträge, die sich auf seinem Schreibtisch stapeln. „Denn als klassisches Aidsland gilt noch immer Afrika, dabei erwarten Experten, dass die Zahl der HIV-Infizierten in Asien in wenigen Jahren weit über der in Afrika liegen wird.

In Thailand seien bereits fünf Prozent der Bevölkerung am HI-Virus erkrankt. „Deshalb unser Engagement hier im Nordosten, in einer der ärmsten Regionen des Landes, unmittelbar an der Grenze zu Laos und Birma“, erklärt Bruder Damien. „40 Prozent der Neugeborenen – mehr als 5 000 Kinder pro Jahr – werden hier bereits im Mutterleib mit dem Virus infiziert.“

„Khao“, das kann in der thailändischen Sprache sowohl „Reis“ als auch „weiß“ bedeuten, „Ma“ meint je nach Betonung entweder „Hund“ oder „Pferd“: Ein Jahr lang paukte Lunders – zuvor 25 Jahre lang Missionar in Papua-Neuguinea – komplizierte Thai-Vokabeln, bevor er nach Nong Bua Lamphu kam, 500 Kilometer nordöstlich von Bangkok.

Hier gibt es diverse Märkte und einen chinesischen Tempel, die Leute sind arm, aber freundlich. Bruder Lunders, der große, weißhaarige „Farang“ aus Amerika war ihnen zunächst suspekt. „Die Männer wollten mich mit so einigen Frauen verkuppeln“, erinnert sich der Steyler Missionar lächelnd. „Es hat eine Zeit gebraucht, bis sie verstanden haben, dass meine Mitbrüder und ich zölibatär leben.“

Sextourismus als eine der Ursachen der Aids-Ausbreitung

Mittlerweile gehört Bruder Damien zum festen Inventar der Kleinstadt, das „Mother of Perpetual Help Center“ genießt hohes Ansehen in der gesamten Region. Aidskranke aus allen Teilen der Provinz suchen das cremefarbene Gebäude mit dem markanten roten Dach und der Muttergottes-Statue auf, um sich behandeln zu lassen. Im benachbarten Kinderheim, das von den „Missionarinnen der Nächstenliebe“ geleitet wird, finden Jungen und Mädchen ein neues Zuhause, deren Eltern an Aids gestorben. Manche der Kinder tragen nun selbst das HI-Virus in sich.

„Die meisten Kinder und Erwachsenen betreuen wir ambulant, durch regelmäßige Besuche“, sagt Bruder Damien und steigt auf den Rücksitz seines Ford Pickup. Boonklang, einer der Mitarbeiter des Aids-Centers, übernimmt das Steuer. Die Tüten mit Eiern und Milch auf der Ladefläche flattern im Fahrtwind.

Rasant bahnt sich Boonklang seinen Weg durch den thailändischen Linksverkehr, weicht einem Büffel aus, der mitten auf der Fahrbahn Platz genommen hat, hupt einem Motorrad hinterher, auf dessen Sitzfläche sich drei Schulkinder und ein Hund drängeln, selbstbewusst der vorgeschriebenen Fahrtrichtung trotzend.

„Sawasdee ka“, sagt Tawin und legt ihre Handinnenflächen zum traditionellen Gruß, dem Wai, ineinander. Mit ihren fünf Kindern bewohnt die Frau einen wandlosen Bretterverschlag mitten in der Einöde. Vier der Kinder tragen das HI-Virus in sich, genau wie die Mutter. Tawins Mann hat sich vor langer Zeit aus dem Staub gemacht, seitdem lebt die Familie von der Hand in den Mund. Außer Bruder Damien kommt sonst nie jemand zu Besuch. Schnell schaffen die Kinder Töpfe, Spielzeug und Plastikflaschen beiseite, legen eine selbstgewebte Sitzmatte über den matschigen Lehmboden

„Wir sagen den Leuten immer, dass sie auf Ordnung und Hygiene achten sollen, um ihre Situation nicht noch zu verschlimmern, aber viele sind einfach zu resigniert“, sagt Bruder Damien und blickt seufzend zur verrußten Feuerstelle. „Mai pen rai“, heißt das achselzuckende Credo, mit dem die Thailänder sich gegenseitig versichern, dass die Dinge eben so sind, wie sie sind. Der von Tuberkulose gezeichnete Mann, der ein paar Häuser weiter seinen kleinen Sohn in den Schlaf wiegt; die Großmutter, die ihrem HIV-erkrankten Enkel über den Kopf streichelt; der zwölfjährige Junge, der nicht mehr zur Schule geht, weil er sich um seine aidskranke Mutter kümmern muss; überall der gleiche Gesichtsausdruck. Überall hört der Steyler Missionar geduldig den gleichen Geschichten zu. Sie beginnen mit der verlockenden Großstadt. Und enden mit körperlichem Verfall.

„Weil der Boden hier im Norden wenig fruchtbar ist und es kaum Industrie gibt, versuchen viele in Bangkok ihr Glück“, erklärt Bruder Damien. „Sie verdienen sich als Straßenfeger, fahrende Händler oder Bauarbeiter ihre 150 Baht pro Tag, also etwas mehr als drei Euro.“ Manch einer realisiere bald, dass Dienstleistungen in gewissen Etablissements gut und gerne 1000 Baht täglich einbringen.

„Am Ende lassen sich viele prostituieren, stecken sich dabei aus Unvorsicht oder Unwissenheit mit Aids an und bringen die Krankheit anschließend mit nach Hause.“ Ist also der berühmt-berüchtigte Sextourismus in Thailand schuld am Elend der Landbevölkerung? „Er trägt sicher dazu bei, aber auf der anderen Seite müssen die Thais auch lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich und ihre Familien vor Krankheiten zu schützen“, sagt Bruder Damien.

So setzt das „Mother of Perpetual Help Center“ immer stärker auf Prävention. Während Boonklang den Wagen über eine holprige Schlaglochpiste steuert, vorbei an Reisfeldern, Gummibaumplantagen und Häusern mit aufwendig geschmückten Buddha-Schreinen vor der Tür, erzählt Damien Lunders von Aufklärungs-Camps, die das Hilfszentrum regelmäßig für Schüler ausrichtet.

Hier ist Raum für intime Fragen. Hier spielen die Teilnehmer mit Hilfe von Wasserspritzen den Austausch von Körperflüssigkeiten nach. Am Ende wird eine der Spritzen mit einer roten Chemikalie gefüllt. Plastisch können die Jugendlichen nachvollziehen, wie rasant und unkontrolliert sich die Verunreinigung ausbreitet – genau wie Aids beim Sex mit mehreren Partnern. „Mit Hilfe der Camps versuchen wir, das Aids-Problem im Keim zu ersticken“, sagt Bruder Damien.

Zwischenstopp in einem Krankenhaus im Distrikt Suwan Ku Ha. Vor dem Versammlungsraum stapeln sich Schuhe. Drinnen sitzt die lokale HIV-Selbsthilfegruppe im Stuhlkreis. Sieben solcher autonomer Gruppen haben sich auf Anregung des Hilfszentrums gegründet. Boonklang erntet Applaus für eine kurze Rede. „Er hat den Leuten erzählt, dass wir unser Rinderprojekt ausdehnen werden“, erklärt Bruder Damien leise. „Wir unterstützen Familien mit HIV-Betroffenen auch, indem wir ihnen Vieh zur Aufzucht zur Verfügung stellen. Die Hälfte ihrer Erträge müssen sie an die Gruppe abführen. Hier wird dann demokratisch entschieden, wofür das Geld verwendet wird. Hilfe zur Selbsthilfe.“

Seelsorge darf bei aller Sozialarbeit nicht fehlen

Es ist mal wieder spät geworden. Zur Messe um 18 Uhr schafft es Bruder Lunders gerade noch. Die St.-Michaels-Kirche neben dem Hilfszentrum ist immer noch die einzige katholische Kirche in der Provinz. Die Gemeinde ist klein, wie die Zahl der Christen in Thailand. „Mein großer Traum ist es ja, dass es einmal nicht mehr heißt ,Die Kirche neben dem Aids-Zentrum‘, sondern ,Das Aids-Zentrum neben der Kirche‘“, sagt Bruder Lunders. „Wir arbeiten daran, dass die Seelsorge bei aller Sozialarbeit nicht zu kurz kommt.“

Überhaupt hat der 66-Jährige noch einige Pläne, bevor er sich zur Ruhe setzen will. So möchte er auf der kleinen Farm, auf der das Hilfszentrum derzeit Kokosnüsse anbaut und Fische züchtet, Wohnplätze für Hospizpatienten schaffen, deren Gesundheit sich wieder bessert. Auch für die Aidswaisen, die zu alt für das Kinderheim werden, soll eine Art „betreutes Wohnen“ entstehen. „Damit sie so unabhängig leben können, wie möglich“, sagt Lunders.

Inzwischen ist es dunkel geworden in Nong Bua Lamphu. Ein angenehmer Wind hat die Hitze des Tages vertrieben. Bevor er nach Hause fährt, dreht Bruder Damien eine letzte Runde über den Campus. „Immer wieder kommen Patienten zu uns, die nicht gehen und ihre Hände nicht selber benutzen können, denen beim Essen geholfen werden muss und die Windeln tragen müssen“, sagt der Missionar. „Manche kommen zu spät, doch den meisten kann geholfen werden. Aids ist zwar immer noch nicht heilbar, aber mit Medikamenten und intensiver Fürsorge kann man diesen Menschen ihre Würde zurückgeben.“

Ein Blick durchs Fenster: Eine Krankenpflegerin schüttelt ein Kissen aus. Oitip liegt noch immer regungslos vor ihrem Radio. Boonchuays Husten durchbricht regelmäßig die Stille. „Bei uns ist schon so mancher wieder zu Kräften gekommen, den andere bereits abgeschrieben hatten“, sagt Bruder Damien. „Gott sei Dank.“

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