Das Ziel des guten Lebens für alle

Zeit, die Themen Entwicklungspolitik und Religionsfreiheit zusammenzuführen. Von Johannes Seibel
Foto: dpa | Protestmarsch im indischen Bangalore gegen die Diskriminierung von Christen. Das Bild stammt aus dem Jahr 2008.
Foto: dpa | Protestmarsch im indischen Bangalore gegen die Diskriminierung von Christen. Das Bild stammt aus dem Jahr 2008.

Entwicklungspolitik ist mittlerweile zu einem professionellen Geschäft geworden. In diesem Satz steckt in jedem Wort ein folgenreicher Aspekt.

Zunächst: Entwicklung ist Sache der Politik. Es muss Ziel globaler Politik sein, dass alle Menschen in allen Staaten dieser Welt die Chance haben, ein gutes Leben zu führen. Zu einem guten Leben gehört vieles, um nur einige wenige Stichworte zu nennen: Arbeit, mit der sich ein Auskommen für ein eigenständiges Leben erzielen lässt. Sicherheit und Rechtssicherheit, die garantieren, dass Leib, Leben und Eigentum des Einzelnen in einem Staat nicht in Gefahr sind und der Einzelne gleichzeitig seine Rechte, wenn sie verletzt werden, gegenüber anderen und dem Staat geltend machen kann. Bildung, mit der Kinder und Jugendliche Fertigkeiten erwerben, die für sie und andere nützlich sind, um Arbeit finden und sich und einer Familie ein Leben in Sicherheit bieten zu können. Demokratie, die den einzelnen Menschen an den Entscheidungen beteiligt, die für das Gemeinwohl von Belang sind. In vielen Staaten dieser Erde bleibt ein solches gutes Leben für die Mehrzahl ihrer Bewohner ein Traum. Sie leben in Armut, Hunger, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Elend, Despotie, Krieg, in Gesellschaften voller Korruption, die ihnen grundlegende Rechte verweigern. Das zu ändern, weltweit für die Chancengleichheit aller zu arbeiten, ist Aufgabe staatlicher Politik, Entwicklungspolitik.

Was nicht heißt, dass dies Aufgabe allein staatlicher Politik ist. Nichtregierungsorganisationen, zu denen auch christliche Kirchen und ihre Hilfsorganisationen zählen, aber auch Institutionen anderer Religionen und Einrichtungen säkularer Herkunft wie dem Roten Kreuz beispielsweise, oder Bürgerrechtsbewegungen wie Amnesty International und Globalisierungskritiker – alle haben es sich auf die Fahnen geschrieben, zu helfen, dass in allen Ländern ein gleiches gutes Leben möglich wird.

Diese Arbeit hat sich mittlerweile stark professionalisiert. Sie basiert mehr und mehr auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und nutzt die Ergebnisse interdisziplinär arbeitender Wissenschaften. Zivilgesellschaftlich organisierte Entwicklungshilfe macht mittlerweile selbst Politik und will auf politische Verhältnisse und Akteure einwirken. Das ist gut. Aus der klassischen Entwicklungshilfe ist damit aber auch ein Geschäft geworden, das viel Geld akquiriert und zu verteilen hat, in dem viel Geld zu verdienen ist – was neben reichem Segen auch alle Versuchungen bereithält, die man sich vom schlichten Betrug bis zur falschen makroökonomischen Verteilung von Gütern und Dienstleistungen nur denken kann, welche Entwicklungshilfe und Politik ad absurdum führen.

Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – sie alle teilen aktuell die Erfahrung, dass sich globale Gerechtigkeit und Frieden im wahrsten Sinne des Wortes nicht erkaufen lassen, und fließen in die Kaufsumme noch so viele wissenschaftlich-technische und monetäre Investitionen, mit denen ein guter entwicklungspolitischer Geschäftsabschluss erzielt werden kann. Der Faktor der Religion gerät vielmehr drängender in den Fokus internationaler Entwicklungspolitik. Sei es negativ, weil die Konkurrenz zwischen Religionen gegenseitiges Unterdrückungspotenzial freisetzt oder die staatliche Diskriminierung von Religionen ein gutes Leben für den Einzelnen verhindern – was gegenwärtig beispielsweise Christen in Afrika und Asien erleben müssen; sei es positiv, weil die Religionen anhalten, sich nicht mit ungleichen Lebensverhältnissen als menschengegeben abzufinden, sondern etwas dagegen zu tun, auch wenn es aussichtslos scheint. Gleichzeitig können die Religionen die Menschen erinnern, dass Weltverbesserung ihrerseits zu einer Ideologie umkippen kann, die mit einem diesseitigen Machbarkeitswahn die Würde des Menschen bedroht. Kurz: Es ist höchste Zeit, die Themen Entwicklungspolitik, Entwicklungshilfe und Religionsfreiheit wieder zusammenzuführen – nicht allein, aber auch wegen zunehmender Verfolgung und Diskriminierung von Christen weltweit.

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