Das Leben auf Felsen bauen

Vom Hirten der Vergessenen zum Papst-Theologen der Einfachheit: Papst Franziskus lebte in Buenos Aires die Liebe zum Nächsten vor. Von Guillermo Villarreal
Foto: KNA | Jorge Mario Bergoglio besuchte soziale Brennpunkte und begleitete Menschen in schwierigen Lebenssituationen: Nach einer Trauerfeier für vier bei einem Feuer ums Leben gekommene Kinder lässt er sich mit Mitgliedern ...
Foto: KNA | Jorge Mario Bergoglio besuchte soziale Brennpunkte und begleitete Menschen in schwierigen Lebenssituationen: Nach einer Trauerfeier für vier bei einem Feuer ums Leben gekommene Kinder lässt er sich mit Mitgliedern ...

Papst Franziskus überrascht mit seinen Gesten der Genügsamkeit und der „Nähe zum Nächsten“, wie er zu seiner Zeit als Kardinal gerne sagte. In seinen ersten Schritten als Papst scheint er zu bestätigen, dass sich diese entpolitisierte Option für die Armen, die er gelebt hat, nicht in Worten erschöpft. Ohne es zu wollen, ist er die höchste Autorität der katholischen Kirche geworden. In den ersten Stunden hat er die Welt aufgerüttelt mit seinem menschlichen und zutiefst spirituellen Stil, der ihn zu einem Papst-Theologen der Einfachheit macht. Wie er sagte, wünscht er sich eine „arme Kirche für die Armen“. Das ist keine Pose. Es ist auch kein Zufall, dass er seinen Papstnamen zu Ehren des Armen aus Assisi gewählt hat. Bergoglio kennt die Straßen von Buenos Aires; er verkehrte mit den Menschen in der U-Bahn, in den Bussen, er ist auf den volkstümlichen Plätzen der Großstadt gewesen, hat jede Initiative zugunsten der Armen, der Leidenden unterstützt. Er hat nicht nur von den Armen gesprochen, sondern ist immer an der Seite der Wehrlosesten gewesen. Wie kaum jemand anderer ging er in die Innenstädte sowie in die Armenviertel am Stadtrand, wohin sich viele politische Entscheidungsträger und Mächtige nicht hinzugehen wagen. Der Kardinalprimas war stets den Benachteiligten nahe: den Straßenkindern, den in Altersheimen vergessenen älteren Menschen sowie den Opfern des Menschenhandels.

Im September feierte er zusammen mit Missionaren die heilige Messe an einem improvisierten Altar auf der Plaza Constitución im armen Süden der Stadt. Wieder einmal forderte er dazu auf, nicht gleichgültig zu bleiben angesichts der Frauen und Mädchen, die zur Prostitution gezwungen werden, sowie der vielen Migranten, die in heimlichen Nähwerkstätten ausgebeutet werden. Es gibt tausende Zeugnisse, die ihn als das zeichnen, was er war, was er ist, als einen Hirten. „Ich habe zu ihm gesagt, dass Gott in vielen Situationen mein Leben gerettet hat. Und er hat nicht gelacht. Ich habe immer an Gott geglaubt. Wenn ich es aber in meiner Umgebung gesagt habe, haben mich alle wegen meiner Lage ausgelacht“, erzählte Carina Ramos, eine Frau, der Bergoglio zuhörte, als Beamte es nicht taten. Ihr half er zusammen mit der Hilfsorganisation La Alameda, einem Prostitutionsring zu entkommen, der sie unterjochte. Olga Cruz ist eine bolivianische Näherin. Bergoglio taufte ihre zwei Töchter ohne Umschweife in der Nähwerkstatt selbst. Sie war überrascht, denn sie dachte, die Sakramente würden nur in den Kirchen gespendet. „Wo das Volk ist und ich gebraucht werde, dorthin muss ich gehen. Es ist nicht nötig, dass ihr in die Kirche kommt. Ihr und wir sind die Kirche“, sagte der Kardinal zu ihr. So erzählt sie selbst.

Bergoglio begleitete mit handfesten Gesten die Angehörigen der Opfer aus der Diskothek Cromanón, wo am 30. Dezember 2004 bei einem Brand während eines Rockkonzerts 197 junge Menschen ums Leben kamen. Er besuchte die Verletzten im Krankenhaus, spendete die Krankensalbung, begleitete die Schadenersatzklagen und feierte mehrfach die heilige Messe. Dort sprach er von einer „Stadt, die die Wunden ihrer Kinder beschönigt, aber nicht heilt. Eine Stadt, die nicht einmal ihre Kinder beweint. Sie setzt sie auf die Straße und beschützt sie nicht.“ Vor gut einem Jahr, als ein Zugunglück mit 51 Todesopfern wieder einmal Buenos Aires in Trauer hüllte, hörte er nicht einfach weg, während die Bewohner des Präsidentenpalasts „Casa Rosada“ kein Wort sagten. Denn sie waren in ein Netz aus Schweigen, Korruption und Fahrlässigkeit verstrickt. Mehreren Beamten drohte Gefängnis.

Am 22. April 2009 klagte Bergoglio darüber, dass ein in den „villas“ genannten Elendsvierteln arbeitender Priester, dessen Namen er allerdings nicht angab, „bedroht wurde“, nachdem er in einem Schreiben darauf hingewiesen hatte, dass in diesen Armensiedlungen „Rauschgift de facto nicht als Strafe verfolgt wird“ und die Behörden nichts täten für die Jugendlichen und jungen Menschen, die „Gift in ihren Händen“ halten. „Diese Drohungen sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn wir wissen nicht, wohin sie führen können“, warnte der damalige argentinische Primas bei einer heiligen Messe gegenüber dem Plaza de Mayo. Er gab auch zu verstehen, dass die Bedrohung von Drogenhändlern stammte, die er „mächtige Händler der Finsternis“ nannte.

Die bischöfliche Kurie in Buenos Aires bestätigte später, dass es sich beim bedrohten Priester um José Luis Di Paola handelte, Pfarrer in Barracas. Heute unterstreicht der Geistliche diese Geste des Kardinals, vor allem aber seine pastorale Begleitung der Arbeit, die solche „curas villeros“ (Priester in Armenvierteln) am Stadtrand tun, wo Armut und soziale Ausgrenzung zum täglichen Brot gehören. „Wenn ich noch lebe, dann weil er an meiner Seite stand, als die Drogenhändler mich tot sehen wollten“, sagte Di Paola. „Der Kardinal kam ins Armenviertel, ließ sich an meiner Seite blicken, er begleitete mich wie ein Vater, der mich in den schwierigsten Augenblicken persönlich und öffentlich unterstützte.“ Vor dem Hintergrund dieser harten und lebensbedrohlichen Realität förderte Bergoglio auch die Einrichtung von Präventionsprogrammen in den Schulen, die Öffnung von „Hogar de Cristo“ (Haus Christi), um die Drogenabhängigen zu betreuen, sowie von Fachausbildungsstätten, damit sie ein Handwerk erlernen können, um die Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erleichtern. „Diese Räume stellen eine Chance dar, um das Leben auf Felsen zu bauen, um den Entzug zu schaffen und sich auf den Weg zu einem würdigen und glücklichen Leben zu machen“, so Bergoglio voriges Jahr bei der Einweihung einer Ambulanz für die Betreuung von Jugendlichen in Bajo Flores. Dort unterziehen sie sich einer Entziehungskur vom „paco“ (einem billigen, hochgradig schädlichen Rauschgift aus Kokainresten). Dort werden auch ihre Familien geistlich betreut.

Jedes Jahr kam Bergoglio am Gründonnerstag zu einem Ort mit schwerwiegenden Problemen, um die Fußwaschung vorzunehmen, die an Jesu Dienst beim Letzten Abendmahl erinnert. Dies hat er immer wieder getan, seit er im Februar 1998 die Leitung der Erzdiözese übernahm. Seitdem besuchte er AIDS-Kranke im Muniz-Krankenhaus, Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Villa Devoto, Kinder mit chronischen Krankheiten im Ricardo-Gutiérrez-Krankenhaus und Jugendliche, die in den katholischen Einrichtungen von den Drogen wegzukommen versuchen. Am Karfreitag zog es Bergoglio vor, nicht an der Spitze des traditionellen Kreuzweges an der Avenida de Mayo zu stehen. Stattdessen mischte er sich unter die Gläubigen und ging mit ihnen den Kreuzweg. Vor jedem Fronleichnamsfest kam die Jugend aus Buenos Aires aus vier verschiedenen Ausgangspunkten in der Stadt auf dem Plaza de Mayo zusammen. Bergoglio kam ihnen entgegen. Auf einem Podest stehend, sprach er zu ihnen eine Botschaft. Im Jahre 2005 forderte er dazu auf, „keine Geschäfte mit jungem Fleisch“ zu machen. Er ermahnte die Jugend, dass sie sich „die Hoffnung, die Träume“ nicht rauben lassen sollte. Denn, so warnte er, „sie werden sie Euch rauben wollen“. Seine Nähe als Hirte war etwas Alltägliches. Dazu waren keine großen Gesten nötig. Jeden Tag, wenn er aus der Kurie herauskam, gab er einem Mann ohne Beine Almosen, der vor der Tür bettelte. Heute versteht dieser Mann nicht, wie dieser „Priester“, der ihn täglich begrüßte, Petri Nachfolger ist. „Ich kann nicht glauben, dass er der Papst ist“, sagt er. Oder der Mann, bei dem er täglich die Zeitung kaufte, und den er anrief, um sich von ihm zu verabschieden. Einmal fuhr Bergoglio U-Bahn, wie er für gewöhnlich tat, und überraschte einen einfachen Mann, den er auf Guaraní ansprach – in der Sprache, die die Jesuiten in den Reduktionen lernten, als sie das Kreuz nach Amerika brachten.

Obwohl er wenig zum Dialog mit den Medien neigte, sodass ihn einige „medienphob“ nannten, sprach er mit mir spontan. Immer sagte er am Ende dieser Gespräche: „Beten Sie für mich“, so wie er die Welt darum gebeten hat, kaum dass er Papst wurde. Ich erinnere mich auch daran, dass Bergoglio in der Pfarrei San Cayetano – der Schutzpatron des Brotes und der Arbeit, der im August gefeiert wird, und der ein Anzeiger für die Armut und die Arbeitslosigkeit in Argentinien ist – mir gegenüber wieder etwas tat, was mich überraschte. Als er bereits neben zwei Priestern und zwei Weihbischöfen die Prozession zum Altar führte, kam der Kardinal aus der Reihe heraus, ging auf mich zu und flüsterte mir ins Ohr: „Meine Predigt liegt bereits in der Presseabteilung vor.“ Das sind einige Pinselstriche der Persönlichkeit von Papst Franziskus, einem einfachen, genügsamen und für die Ärmsten und Leidenden engagierten Mann, der frischen Wind in die Kirche bringt.

Der Autor ist Journalist und lebt in Buenos Aires. Übersetzung aus dem Spanischen von José García.

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