Das Kloster der Brüder ist die Welt

Im Leben des Heiligen Franziskus von Assisi gab es viele Aufbrüche – Auf Christus schauen und hören ist die Grundlage franziskanischer Spiritualität. Von Gisela Fleckenstein
Heiligen Franziskus und seiner Anhänger
Foto: KNA | 1209 bestätigte Papst Innozenz III. die Lebensweise des Heiligen Franziskus und seiner Anhänger. Dadurch ragten sie aus den religiösen Bewegungen ihrer Zeit heraus.

Im Jahr 1217 versammelten sich zu Pfingsten die minderen Brüder bei der Portiunkula-Kapelle bei Assisi zu ihrem jährlichen Kapitel, um Angelegenheiten des noch jungen Franziskanerordens zu regeln. Dort wurde beschlossen, Brüder über die Alpen, nach Palästina und nach Marokko zu entsenden. Sie sollten dort das Evangelium predigen. Dieser Aufbruch endet nicht wie geplant. Der Versuch, sich in Deutschland niederzulassen, misslang aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse. Die Brüder wurden als Häretiker verdächtigt und verfolgt. In Marokko starben die ersten fünf Minderbrüder als Märtyrer. Franziskus von Assisi (1181/82–1226) selbst zog 1219 zusammen mit den Kreuzfahrern in den Orient und erlebte vor Damiette deren militärische Niederlage.

Doch er hatte eine bis heute nachwirkende Begegnung mit dem ägyptischen Sultan Melek-el-Kamil. Als Alternative zu den Waffen suchte Franziskus das Gespräch mit den Muslimen. Der Sultan bekehrte sich zwar nicht zum Christentum, war aber beeindruckt von der Begegnung. Das friedliche Treffen fand Eingang in die erste sogenannte Nichtbullierte Ordensregel der Franziskaner von 1221. Franziskus gebot den Brüdern, die sich unter Andersgläubigen aufhielten, „dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind“ (NbR 16). Beeindruckt war er vom Ruf des Muezzins zum Gebet. Auch im Abendland sollte es ein Zeichen dafür geben, alle Menschen regelmäßig an das Gotteslob zu erinnern: Dass heute noch an vielen Orten die Kirchenglocken dreimal täglich zum Angelusgebet läuten, geht auf diese franziskanische Initiative zurück.

In der Biografie des Franziskus von Assisi gibt es viele Aufbrüche und seine radikale Hinwendung zu einem Leben nach dem Evangelium ist mit einer Reihe von Lebensereignissen verbunden, die sich erst in der Rückschau zu einer Linie verbinden. Sein erster Biograf, Thomas von Celano, schrieb über ihn: „Es war ein Mann in Assisi, einer Stadt im Gebiet des Spoletotales, mit Namen Franziskus, der, von früher Jugend an von seinen Eltern nach den eitlen Grundsätzen der Welt hoffärtig erzogen, ihr erbärmliches Leben und Gebaren lange Zeit nachahmte und dadurch selbst nur noch eitler und hoffärtiger wurde“ (1 Cel 1). Die Karriere schien dem Sohn eines reichen Kaufmanns vorgezeichnet, doch Franziskus folgte immer einem inneren Gehorsam, indem er das, was er für richtig hielt, tat. Er verschenkte das Geld seines Vaters an Bettler, er gab seine Rüstung einem verarmten Ritter und zog selbst nicht in den Kampf, er überwand seinen Ekel und küsste einen Aussätzigen und er folgte der Stimme des Kreuzes in der zerfallenden Kirche San Damiano, welches zu ihm sprach:

„Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her, das – wie du siehst – schon ganz zerstört wird“ (Bonaventura, Legenda Maior II, 1). 

Diesen Auftrag nahm er zunächst wörtlich und reparierte das marode Kirchlein. Bald wurde ihm klar, dass damit weit mehr gemeint war und es um die Erneuerung der ganzen Kirche ging. Im April 1208 klärte sich sein weiterer Lebensweg durch das Evangelium von der Aussendung der Jünger beim Besuch der Messe: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe ... Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab ...“ (Mt 10,7–13). Er schlüpfte in ein sackartiges Gewand mit Gürtelstrick, wählte freiwillig ein Leben in Armut und Anspruchslosigkeit und wandte sich den am Rande stehenden Bettlern, Armen und Aussätzigen zu. Er predigte mit Worten und Taten das Leben nach dem Evangelium.

Rasch schlossen sich ihm Gleichgesinnte an, die bereit waren, diese apostolisch-pilgernde Lebensform zu teilen. Als die Gründungszahl Zwölf erreicht war, brach die Gruppe im Frühjahr 1209 auf nach Rom zum Sitz des Papstes im Lateranpalast, um sich die gewählte Lebensform gutheißen zu lassen. Papst Innozenz III. (1198–1216) bestätigte zögerlich die fast nur aus den Worten des Evangeliums bestehende, radikale Armut fordernde Lebensweise. Thomas von Celano berichtet, dass der mächtige Papst dazu erst durch einen Traum gedrängt wurde, in dem er gesehen hatte, wie ein kleiner Mann in Kutte die wankende Basilika des Laterans vor dem Einsturz bewahrte. Franziskus und sein Orden ragten dadurch aus den vielen religiösen Bewegungen ihrer Zeit heraus. 

Im Umfeld der franziskanischen Bewegung gab es zahlreiche Gruppen, wie die Katharer, Waldenser oder die sich von diesen abspaltenden Pauperes catholici (Katholische Arme), die sich auch auf das Evangelium beriefen und die Situation der gegenwärtigen Kirche kritisch in Frage stellten. Auch sie strebten größtenteils ein Leben in evangelischer Armut an, doch es kam zu Konflikten mit hierarchisch-technischen Fragen der verfassten Kirche, wie beispielsweise der Anerkennung des Weihesakramentes in seiner Notwendigkeit für das kirchliche Leben oder über die beim jeweiligen Bischof einzuholende Predigterlaubnis sowie mit grundlegenden Glaubenswahrheiten. Franziskus suchte ganz bewusst die höchste Autorität der Kirche auf, um seine Bußbruderschaft bestätigen zu lassen und um nicht auf häretische Pfade zu gelangen. Die bis heutige gültige Regel für den Franziskanerorden, die Bullierte Regel von 1223, ging sogar noch einen Schritt weiter, indem sie von den Brüdern verlangte, dass sie sich vom Papst einen Kardinalprotektor für den Orden erbitten. Dieser sollte den Orden lenken, schützen und korrigieren. Diese Einrichtung hatte nicht nur Vorteile für den Orden, garantierte aber seine kirchliche Anbindung.

Auf Christus schauen und auf ihn hören ist die Grundlage franziskanischer Spiritualität. Diese lebensbegleitenden Gotteserfahrungen hat Franziskus von Assisi in seinem großen Testament deutlich gemacht. Darin finden sich immer wieder Wendungen wie „so hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen“, „der Herr selbst hat mich unter sie [Aussätzige] geführt“, „danach gab und gibt mir der Herr einen so großen Glauben“, „und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte“ (Test.).

Alle Orden und Gemeinschaften, die sich auf Franziskus von Assisi berufen, haben den Grundsatz „Regel und Leben ist, das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten“. Das ist zeitlos, klingt einfach, ist aber eine tägliche Herausforderung und bedeutet immer den Einbezug der Gegenwart. Franziskus war für alles offen, was der Ausbreitung des Evangeliums und des Reiches Gottes diente und hat sich nicht eindimensional auf bestimmte Tätigkeiten und Aktivitäten festgelegt. Auch nicht auf einen Ort, denn das Kloster der Brüder ist die Welt. Sie waren nicht, wie die bis dahin bekannten Benediktiner, an einen festen Ort gebunden. Für seine Zeit hat Franziskus noch einen völlig neuen Aspekt mit eingebracht, seine Liebe zur Schöpfung, zur Natur und seinen Respekt vor Tieren und Pflanzen. Geschöpfe und die Elemente wurden zu „Schwestern“ und „Brüdern“, wie er es in seinem Lobpreis der Schöpfung, dem „Sonnengesang“, zum Ausdruck brachte. Gerechtigkeit, Frieden und Leben in und mit der Schöpfung sind untrennbar mit Franziskus verbunden; diese Aspekte machen den Heiligen auch für Nichtchristen attraktiv. Doppeldeutig titelte der Popliterat Sven Lager in der Zeitung „Die Welt“ am 12. Dez. 2013: „Weck einfach den Franziskus in Dir!“

Franziskus von Assisi hat durch seine Aufbrüche die Kirche nachhaltig verändert und zu einer Rückbesinnung auf das Evangelium aufgefordert. Diese Aufforderung gilt weiter und in seinem Testament verspricht Franziskus: „Und wer immer dieses beobachtet, werde im Himmel erfüllt mit dem Segen des höchsten Vaters, und auf Erden werde er erfüllt mit dem Segen seines geliebten Sohnes in Gemeinschaft mit dem Heiligsten Geiste, dem Tröster, und allen Kräften des Himmels und allen Heiligen.“

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