Das Feuer der Liebe, das Jesus auf die Erde werfen wollte

Die Eucharistie als innere Quelle der Neuevangelisierung: Sie entreißt uns der Trägheit, nimmt uns mit in das Drängen Gottes zu den Menschen. Von Andreas Schmidt
Foto: Christoph Hurnaus | Christsein mit Blick auf den eucharistischen Herrn – Papst Benedikt XVI. an Fronleichnam 2005 in Rom.
Foto: Christoph Hurnaus | Christsein mit Blick auf den eucharistischen Herrn – Papst Benedikt XVI. an Fronleichnam 2005 in Rom.

Was ist eigentlich „neu“ an der sogenannten „Neuevangelisierung“? Papst Johannes Paul II. hat es erklärt, als er diesen Begriff zum ersten Mal benutzt hat: eine Evangelisierung „neu in ihrem Eifer, in ihren Methoden, in ihren Ausdrücken“. Um das wahrhaft nicht einfache Werk in Angriff zu nehmen, unserer Welt neu das Evangelium so zu verkünden, dass es auch ankommt, dafür braucht es also „Eifer“: eine starke Motivation, die uns antreibt, ein inneres Feuer, das auch Schwierigkeiten und Rückschläge nicht so leicht wieder auslöschen können. Das Feuer eines Paulus, das ihn durch die halbe damals bekannte Welt geführt hat. Was hat ihn angetrieben? Er selbst sagt: „Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14).

Gibt es heute auch noch solchen paulinischen Eifer? Papst Paul VI. äußert dazu in seiner Enzyklika über die Evangelisierung: „Von diesen Hindernissen, die sich auch in unserer Zeit stellen, wollen Wir hier jedoch nur eines hervorheben, nämlich den Mangel an Eifer, der umso schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt. Er zeigt sich in der Müdigkeit, in der Enttäuschung, der Bequemlichkeit und vor allem im Mangel an Freude und Hoffnung. Wir ermahnen deshalb alle diejenigen, die auf irgendeine Weise und auf welcher Ebene auch immer mit der Evangelisierung beauftragt sind, gerade den geistlichen Eifer zu fördern.“ Hier liegt ein erster Grund, warum die Eucharistie die innere Quelle für die Neuevangelisierung ist. In ihr ist die ganze Liebe enthalten, die Gott uns zu schenken hat. Das Feuer der Liebe, das Jesus auf die Erde werfen wollte. Wenn man nur einen Augenblick bedenkt, was die Eucharistie ist: Christus, der für uns und für alle Menschen sein Leben hingibt – wie kann man sich da nicht gedrängt fühlen, diese Liebe bekannt zu machen?

Umso mehr, als wir genau wissen, dass es von unserer Verkündigung abhängt, ob auch andere dahin kommen, dieses erlösende und befreiende Geschenk der Liebe Gottes kennenzulernen? Denn: „Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“ (Röm 10,14) Das Feuer wird in uns zu brennen beginnen, je mehr wir das Feuer verstehen, das im Herzen Gottes brennt, je mehr wir mit ihm in Kontakt kommen, je mehr es auf uns übergreift. Genau das soll in der Eucharistie geschehen.

So hat es der heilige Ephräm gesagt und Johannes Paul II. hat es wiederholt: Wer das konsekrierte Brot isst, isst „Feuer und Geist“. Es kann nur eine echte Motivation geben für die Evangelisierung: die Liebe. Wenn Glaubensverkündigung aus anderen Gründen geschieht, wird daraus Proselytismus, Indoktrination oder Anwerbung von Kirchensteuerzahlern. Wo anders könnten wir besser diese Liebe schöpfen, die uns zur wahren Evangelisierung drängt, als in dem Sakrament, in das der Herr seine ganze Liebe hineingelegt hat?

Bei Pfarreimissionen der geistlichen Gemeinschaft Emmanuel, an denen ich vielfach teilgenommen habe, gehören daher nicht nur Hausbesuche und Abendveranstaltungen zum Programm, sondern für alle aktiven Beteiligten auch die tägliche Heilige Messe und eine Stunde stille eucharistische Anbetung. Während dieser Intensivtage der Evangelisierung wurde nicht nur mir zur persönlichen Erfahrung: Ohne dieses Schöpfen an der Quelle geht es nicht, nur von dort kann die wahre und fruchtbare Begegnung mit den Menschen entspringen.

In der Eucharistie sehen wir sozusagen das „Gefälle“ der Liebe Gottes. Gott bleibt nicht selbstzufrieden im Himmel. Er wird Mensch, um den Menschen zu erreichen. Er stirbt am Kreuz, um ihn auch noch in der äußersten Entfernung zu erreichen. In der Eucharistie führt er diese Bewegung der Selbstentäußerung aus Liebe bis dahin fort, dass er zum Brot wird. So können wir seine Liebe, ja ihn selbst, sehen, berühren, in uns aufnehmen. Und wir werden mitgerissen in diese Bewegung der Liebe Gottes hin zu den Menschen, die ihn brauchen.

Wir werden unserer Selbstgenügsamkeit, Menschenfurcht und Trägheit entrissen und mitgenommen in dieses Drängen Gottes zu den Menschen. Die Liebe Christi drängt uns. Die Eucharistie zeigt uns den Weg der Liebe, den Gott selbst gegangen ist. Evangelisierung ist nichts anderes, als diesen Weg nachzugehen. Aber die Eucharistie ist noch mehr als nur eine Motivationsquelle für den Einzelnen. Wir brauchen sie, damit wir uns gemeinsam, in Einheit, in den Dienst der Neuevangelisierung stellen können. Oder, anders ausgedrückt, um im Bild des Feuers zu bleiben: Ein Holzscheit, das aus dem Feuer genommen wird, verliert die Glut. Das innere Feuer ist nicht etwas, das nur jeder Einzelne allein in seinem Herzen zu hüten hätte, es muss in einer Gemeinschaft brennen.

Und die Eucharistie ist die Feier, in der wir nicht nur äußerlich zusammenkommen, sondern auch der Moment, in dem Gott sein Volk aus allen Windrichtungen sammelt und innerlich miteinander verbindet, über alle menschlichen Bindungen hinaus – und trotz aller menschlichen Reibungsflächen. Was die Heiden an der christlichen Urgemeinde besonders fasziniert hat, war ihre Einheit und die so andere Art und Weise, wie sie miteinander umgingen. Diesem Ideal wenigstens ansatzweise wieder auf die Spur zu kommen, wäre ein dringendes Desiderat für unsere aktuelle kirchliche Situation. Eine notwendige Voraussetzung dafür, dass unsere Kirche als Ganzes wieder missionarisch effizienter wird.

Das ist eine Erfahrung, die man in jeder Art von apostolischer Aktivität machen kann: Je mehr eine innere Einheit unter den „Missionaren“ besteht, umso größer ist die Ausstrahlung. Wenn Liebe und Einheit fehlen, braucht man mit irgendwelchen Aktivitäten gar nicht erst beginnen – es wäre sowieso umsonst. Auch dies fanden wir auf konkreten Gemeindemissionen immer wieder bestätigt.

Wir verwendeten viel Energie darauf, ein möglichst gutes Programm für eine Missionswoche zusammenzustellen. Doch als Rückmeldung kam oft: Mehr noch als das, was es an Veranstaltungen gab, hat die Menschen berührt, wie wir die Gemeinschaft untereinander gelebt haben – und das, obwohl uns selbst unser Gemeinschaftsleben bisweilen alles andere als ideal urgemeindlich vorkam. Die Eucharistie vermag eine Einheit und eine Liebe zu stiften, die von Gott und nicht von den Menschen kommt. Die synoptischen Evangelien berichten uns von der Einsetzung der Eucharistie am Vorabend der Passion. Nach dem Johannesevangelium hält Jesus im selben Moment seine Abschiedsrede, in der er vor allem eines wiederholt: Liebt einander! Beides hängt innerlich zusammen.

In der Eucharistie wird der andere, der mir menschlich noch so fernstehen kann, doch wahrhaft zum Bruder, zur Schwester. Freilich, die Frage ist, wie ernst wir die Eucharistie wirklich nehmen, ob wir sie nur routinemäßig feiern oder annehmen als das, was sie wirklich ist. So wird auch deutlich: Welche Kraft aus der Eucharistie für die Neuevangelisierung fließt, hängt auch davon ab, ob wir das Sakrament der Eucharistie wieder in all seinen Dimensionen entdecken und ins Leben aufnehmen.

Die Eucharistie ist also Quelle des geistlichen Eifers und der Liebe, die uns überhaupt erst auf den Weg der Neuevangelisierung bringen. Aber sie steht nicht nur am Ursprung dieses Wegs, sie wird auch selbst zum Weg, auf dem Gott zu den Menschen und Menschen zu Gott kommen können. Mehr als Worte sagt eine ansprechend gestaltete und mit Glauben und innerer Teilnahme gefeierte Liturgie. „Die Schönheit des Glaubens muss besonders in der heiligen Liturgie ... aufstrahlen“, heißt es in der Schlussbotschaft der Bischofssynode 2012 über die Neuevangelisierung. In der Feier der Liturgie ist es Jesus Christus selbst, der handelt. Er selbst spricht zu den Herzen und macht sich im Sakrament zum Geschenk. Wenn die Evangelisierung nichts anderes ist, als den Menschen eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu ermöglichen, dann heißt Evangelisierung auch Hinführung zur Eucharistie. Denn ihn ihr begegnen wir Jesus in Person, leibhaft. Beim heiligen Thomas von Aquin finden wir den geradezu modern klingenden Gedanken: Weil Freunde gerne leibhaft beieinander sein wollen, deswegen hat Christus uns die Eucharistie hinterlassen, damit er uns dadurch seine Freundschaft zeigen kann. So ist die Eucharistie die stärkste, die leibhaftigste Begegnung mit Christus, der uns in seine Freundschaft einlädt.

Wohl nicht umsonst hat sich nach dem Weltjugendtag 2005 in Köln eine ganz bestimmte Form der Neuevangelisierung wie ein Lauffeuer über alle größeren Städte Deutschlands ausgebreitet: Sie besteht im Wesentlichen darin, die Menschen auf der Straße anzusprechen und mit einer Kerze einzuladen in eine Kirche, in der vor dem ausgesetzten Allerheiligsten gebetet wird. Alle, die wollen, können mit ihrer Kerze und ihren persönlichen Anliegen zu Christus kommen, der in der Eucharistie gegenwärtig ist. Der kürzeste Evangelisationsbericht im Neuen Testament findet sich im Johannesevangelium und besteht aus fünf Worten. Dort heißt es vom Apostel Andreas: „Er führte ihn [seinen Bruder Simon] zu Jesus“ (Joh 1,42). Genau dies kann an solchen Abenden geschehen: dass Menschen nicht nur über den Glauben reden, sondern zu Jesus, der in der Eucharistie gegenwärtig ist, hingeführt werden, mit ihm selbst neu ins Gespräch kommen und sich von ihm anrühren lassen.

In München finden mittlerweile zweimal monatlich in der Innenstadt solche Gebets- und Evangelisationsabende statt. Dabei gibt es für die Leute auch die Möglichkeit, ein kurzes schriftliches Feedback zu hinterlassen. Von den vielen Rückmeldungen des letzten „Stay & Pray“-Abends hier eine kleine Auswahl: „Ich bin eher zufällig vorbeigekommen und war sehr angenehm berührt, als mir ein Licht in die Hand gegeben wurde. Es war wie ein Licht im Dunkel.“ – „Es kam unverhofft, aber es hat mich überwältigt. DANKE!“ – „Ich bin nicht sehr religiös, aber ich freue mich über sensible schöne und respektvolle Anregungen in einer Kirche.“ – „This is the second time I have happ'd upon this beautiful initiative, bringing me back to God after years of neglection.“

So ist die Eucharistie Quelle und Weg der Neuevangelisierung: Quelle, aus der wir selbst die kreative Liebe schöpfen, um andere auf diese Quelle hinzuweisen. Und Weg, auf dem Gott sich uns heute immer neu schenkt und uns in seine Freundschaft einlädt.

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