Das Dogma als Ausweg aus der Falle der Subjektivität

Abkehr von Martin Luther – Der Weg des Theologen Erik Peterson in die katholische Kirche. Von Urs Buhlmann
Foto: dpa | Wenn es stürmisch wird, zeigt sich, dass die Kirche, die auf Dogmen baut, stabil steht. Der Theologe Erik Peterson wählte den festen und schweren Weg des Konvertiten.

Konvertit zu werden, zu sein, ist ein saures Geschäft. Das lustvolle Eintauchen in die neue Konfession, nachdem man froh und ohne Bitterkeit die alte verlassen hat, die herzliche Aufnahme bei denen, von denen man irgendwann auf dem Weg erkannt hatte, dass man eigentlich schon immer zu ihnen gehörte, ist selten – auch wenn es in der schwärmerischen Rückschau gelegentlich so dargestellt wird. Verlässt aber ein Theologe, zumal ein Gottesgelehrter von Rang, die alte evangelische Heimstatt, um zur katholischen Kirche zu konvertieren, wird es noch einmal schwieriger, schmerzhafter.

Wer davon ein Lied singen konnte, war der lange als Geheimtipp geltende Erik Petersen – in Hamburg 1890 als Spross einer Familie mit schwedischen und französischen Vorfahren geboren und dort 1960 auch gestorben – ein stark patristisch arbeitender und kirchenhistorisch orientierter Theologe, dessen schmales Werk viele bedeutende Geister angeregt hat. Unter anderem Joseph Ratzinger, der 2010 anlässlich einer Tagung des Römisches Instituts der Görres-Gesellschaft zu Peterson bei der Audienz für die Teilnehmer in freier Rede an seine erste Begegnung mit dem Werk Petersons im Jahre 1951 erinnerte: „Hier war die Theologie, nach der ich suchte: Theologie, die einerseits den ganzen historischen Ernst aufbringt, Texte zu verstehen, zu untersuchen, sie mit allem Ernst historischer Forschung zu analysieren, und die dann doch nicht in der Vergangenheit stehenbleibt, sondern die Selbstüberschreitung des Buchstabens mitvollzieht, in diese Selbstüberschreitung des Buchstabens mithineintritt, sich von ihr mitnehmen lässt und damit in die Berührung mit dem kommt, von dem her sie stammt – mit dem lebendigen Gott.“ Erik Peterson, seit 1920 Privatdozent für christliche Archäologie und Christentumsgeschichte in Göttingen und dann zwischen 1924 und 1929 Professor für Kirchengeschichte und Neues Testament in Bonn, verließ zu Weihnachten 1930 seine angestammte evangelische Kirche und wurde katholisch.

Das erregte Aufsehen und schadete ihm zunächst einmal. In Voraussicht und bürgerlicher Rechtschaffenheit hatte er sich bereits zu Beginn des Wintersemesters beurlauben lassen. Als Professor der Evangelisch-Theologischen Fakultät wurde er nun emeritiert und kam ohne Bezüge als Honorarprofessor in der Philosophischen Fakultät unter. Er fand sich also zunächst einmal draußen vor der Tür der geliebten theologischen Wissenschaft. Andreas Batlogg SJ hat in „Stimmen der Zeit“ eine ähnliche Schicksalslinie bei Peterson wie bei John Henry Newman ausgemacht: Nicht nur, dass Peterson in dem Jahr geboren wurde, in dem Newman starb, verbinde beide. Beide hätten sie als Kryptokatholiken in ihren Taufkirchen gegolten, noch bevor sie – fast gleichaltrig im übrigen – die Konfession wechselten. Und dieser Schritt – wiewohl beim Kleriker Newman am Ende durch ein Kardinalat gekrönt – habe beiden, so Batlogg, nicht nur neue Freunde gebracht: „Sie galten als Apostaten, als vom wahren Glauben Abgefallene. Auf katholischer Seite wiederum sahen sich beide dem Verdacht ausgesetzt, sie seien in ihrem Denken letztlich liberal-protestantischen Kategorien verpflichtet geblieben. Erich Przywara SJ, Mitglied der Redaktion der ,Stimmen der Zeit‘, vermisste den katholischen Stallgeruch bei Peterson.“

Dabei könnte man dem Ex-Lutheraner nicht mehr Unrecht tun, als ihn einen liberalen Theologen zu schelten. Eine der Wurzeln seiner Abkehr von der Kirche seiner Kindheit liegt in einer sehr bewusst vollzogenen Reflexion Petersons über ein Hauptstück lutheranischer Theologie und Ekklesiologie: Es geht um die Möglichkeit und den Stellenwert dogmatischer, letztverbindlicher Aussagen und in diesem Zusammenhang um die Funktion der Kirche bei Entstehung und Durchsetzung des Dogmas. Bekanntlich hatte Luther, der die altkirchlichen christologischen Kern-Aussagen aufgenommen und in einigen Punkten – der Frage der „Entäußerung“ Christi (Kenosis) und dem Problem der Allgegenwart von Christi erhöhter menschlicher Natur (Ubiquitätslehre) – weiterentwickelt hatte, die Meinung vertreten: Nicht die Kirche könne, im Rahmen der Interpretation der Schrift, das Dogma bestimmen, vielmehr erwachse aus der Bibel der Glaubensinhalt, den die Kirche dann bekenne – weswegen es im protestantischen Bereich von „Bekenntnissen“ wimmelt und schon der Begriff Dogma sparsam verwendet wird. Das Dogma wird so zu nicht mehr als der „geltenden Kirchenlehre“, denn letztlich bezeugt sich die biblische Offenbarung selber. Damit wird ein kirchliches Lehramt dem Grunde nach unmöglich und unnötig. Joseph Schumacher hat die immer wieder und besonders in neuerer Zeit zu hörende Forderung nach einem „dogmenlosen Christentum“ mit dem Hinweis zurückgewiesen, es gäbe ja auch kein „hölzernes Eisen“. Glaube oder besser Vollzug des Glaubens ist ein Weg, eine Lehre, in die man im Laufe des Lebens immer besser hineinwächst oder jedenfalls hineinwachsen sollte. Letztlich kann das Christentum nur als Lehre verkündet werden. Schumacher: „Der christliche Glaube ist seiner Natur nach hingeordnet auf lehrhafte Formulierungen oder auf Dogmen.“

Das, was man Gefühls- oder Erlebnisreligion nennen könnte, kann mit den „harten Fakten“ freilich ebenso wenig etwas anfangen wie eine rein „praktische“ Auffassung des Christentums als eine Art Sozialarbeiter-Ethos, wie es vom säkularen Staat gerne gesehen – weil es ihm Arbeit abnimmt – und daher gefördert wird.

Es ist also das Dogma – das hatte Erik Peterson schon lange vor seiner Konversion erkannt – das störend und hemmend zwischen den Konfessionen liegt, das zur Stellungnahme zwingt. In einer Göttinger Vorlesung von 1924, die damals von Karl Barth aufmerksam verfolgt wurde, hatte er zu der von ihm beobachteten Lockerung des Zusammenhängens der evangelischen Theologie mit dem Dogma kritisch angemerkt: „Ich halte das für ein ganz großes Unglück unserer Theologie. Es gibt keine Theologie, die nicht immer zugleich kirchliche und konfessionelle Theologie wäre. Gerade weil das Dogma nicht die persönliche Überzeugung eines Einzelnen, sondern der Glaube der Kirche ist, darum kann auch die Dogmatik nicht die persönliche Spekulation eines einzelnen Mannes sein.“ Da kündigte sich schon die Abkehr von Martin Luther an. Doch dürfte die Konversion des Hamburgers, wie bei so vielen Konvertiten, am Ende weniger der Empfindung des Mangels in der früheren Gemeinschaft, sondern vielmehr dem Wunsch nach der Fülle in der katholischen Kirche geschuldet sein. Petersons Schritt von 1930 bescherte ihm nun zunächst eine frustrierende Zeit unzähliger und erfolgloser Bewerbungen, bis in ihm schließlich die Erkenntnis reifte, dass er Deutschland verlassen musste, um überhaupt noch einmal Anschluss an den akademischen Betrieb zu bekommen. In Rom kann er sich zunächst nur mit befristeten Lehraufträgen und Bibliotheksarbeiten über Wasser halten – 1933 heiratet er eine Römerin, mit der er in sechs Jahren fünf Kinder bekommen sollte – bis er 1947 zum Professor für Kirchengeschichte und Patrologie am Päpstlichen Institut für christliche Archäologie ernannt wird. (Kardinal Giovanni Mercati, der gelehrte Bibliothekar und Archivar der Kirche, hatte ihm, wie auch anderen römischen Exilanten, helfend zur Seite gestanden und ihn zeitweise privat finanziert). Noch in seinem Todesjahr erreichten Peterson zwei Ehrendoktorate aus Bonn und München, leider zu spät, könnte man anmerken.

Das Dogma als eines der Lebensthemen dieses großen christlichen Theologen, so ist zu resümieren, als Movens auch, den Schritt dahin zu tun, wo er dieses Grundprinzip besser verstanden wusste. In seinem als Streitschrift aufzufassenden 1925 erschienenen Band „Was ist Theologie?“ hatte sich Peterson an der rhetorisch brillierenden, aber innerlich hohlen und unverbindlichen dialektischen Theologie seiner Zeit gerieben, die auch ein Karl Barth ablehnte – nach der Begegnung mit Peterson in Göttingen – und war dazu gekommen, die verbindliche Autorität des Dogmas letztlich aus dem Geheimnis der Inkarnation abgeleitet. Es ist bezeichnend für unsere heutige Situation, dass auch jetzt, wo die Schriften Petersons durch die verdienstvolle Arbeit von Barbara Nichtweiss wieder neu aufgelegt werden, ein Rezensent es „befremdlich“ fand, dass Peterson sich ans Dogma zu halten empfahl. So versteht man besser, was Andreas Batlogg in seinem Zeitschriften-Beitrag zu Peterson schreibt: „Theologen, die konvertieren, werden leicht zu Geächteten. Ein Outsider war Erik Peterson zweifellos. Wie vielen Theologiestudenten ist sein Name heute geläufig?“. Nun, doch wieder einigen mehr, hat es den Anschein. Peterson wird wieder diskutiert, ein Qualitätsnachweis post mortem also. Die zu ihm gerade erschienene und umfassend angelegte Dissertation von Christian Stoll macht deutlich, dass sein letztlich eschatologischer Kirchenbegriff und das damit verbundene Plädoyer für ein selbstbewusstes Kirchenverständnis im Kontext der sich als post-religiös verstehenden Moderne wichtige Erneuerungsimpulse vermitteln kann.

Der Autor ist Augustiner Chorherr des Stiftes Klosterneuburg bei Wien.

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