„...dann ist euer Glaube nutzlos“

Ostern ist Grund und Prüfstein des christlichen Glaubens. Von Andreas Wollbold
Foto: IN | „Auferstehung Christi und die Frauen am Grab“: Fresko des Malers und Mönchs Fra Angelico im Konvent von San Marco in Florenz.
Foto: IN | „Auferstehung Christi und die Frauen am Grab“: Fresko des Malers und Mönchs Fra Angelico im Konvent von San Marco in Florenz.

„Sonntags frühstücken wir ganz gemütlich!“ Nun denn, belauschen wir ein Ehepaar bei Sonntagsbrötchen, Caffé latte und Blütenhonig. „Weißt du“, meint er, „dass es eigentlich keinen Unterschied für mich macht, ob ich dich getroffen habe oder nicht?“ „...?“ „Überleg' doch mal! Ich bin natürlich glücklich mit dir, und ich liebe dich sehr. Aber die Hauptsache ist doch, dass ich glücklich bin und dass ich liebe.“ Und jetzt setzt dieser unbeschreibliche Göttergatte seine Wichtigtuermiene auf und doziert seine neuesten Erkenntnisse aus „Wahrscheinlichkeitsrechnung für Dummies“. Nach seinen Berechnungen hätte er genauso gut jemand anderes treffen, sich verlieben und mit ihm genauso glücklich werden können. Deshalb käme es gar nicht darauf an, ob er mit Uschi zusammen wäre, mit Heidi oder eben doch mit ihr, der lieben Gabi. „Das hättest du nicht gedacht, was?“

Man braucht keine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu beherrschen, um anzunehmen, dass der Herr des Hauses am Frühstückstisch zu dieser abschließenden Frage gar nicht gekommen wäre. Stattdessen hätte er sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Reste des honigtriefenden Brötchens seiner Frau aus dem Gesicht wischen müssen. Das Mitleid hält sich in Grenzen...

Worin besteht die Mitte des Glaubens? Ein gewöhnlicher Christ würde ohne mit der Wimper zu zucken antworten: die Auferstehung Jesu. Was aber, wenn er „Glauben für Dummies“ gelesen hätte, irgendeine der leider weit verbreiteten Artikel, Akademiebeiträge oder Bücher zu einem „modernen“ Christentum? Da würde er erfahren, und das leider auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Ob das Grab Jesu leer war oder nicht, wissen wir nicht. Es sei auch nicht so wichtig, was überhaupt an den österlichen Tagen in Jerusalem geschehen sei. Nur darauf komme es für einen Christen an: Welche Überzeugung habe ich? Was trägt mich? Kann ich etwas mit Jesus und seiner Botschaft anfangen, also die bedingungslose Annahme jedes Menschen, die Verständigung unter den Religionen – und natürlich nicht zu vergessen CO2-Ausstoß und Mülltrennung? Exegetische Erkenntnisse werden dafür ins Feld geführt. Die Berichte vom leeren Grab seien erst spät entstanden, und die Erscheinungen seien „objektive Visionen“ (um das zu verstehen, bräuchte man nun allerdings wirklich „Visionen für Dummies“). Nicht der Leib sei auferstanden, sondern die Leiblichkeit.

Exegeten wie Krimi-Leser: Der Mörder ist immer der Gärtner

Nun sind solche Exegeten wie KrimiLeser, die nach zwanzig Seiten schon zu wissen meinen, wie alles abgelaufen ist. Fehlende Indizien werden durch forsche Annahmen ersetzt. Also etwa wenn Theologen-Detektive die neutestamentlichen Bekenntnisse lesen wie „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“ und daraus schließen: Da ist vom leeren Grab und von Erscheinungen noch keine Rede. Als wenn Bekenntnisformeln überhaupt etwas erzählen wollten. Und der Verweis auf Paulus zieht schon einmal gar nicht. Weil er keine Ostergeschichten kennt, schließt man daraus, es käme ihm bloß auf das Kerygma an und nicht auf das reale Geschehen. Solche Kurzschlüsse sind wie das „Der Mörder ist immer der Gärtner“-Prinzip. Da riecht es gewaltig nach Rudolf Bultmann für Anfänger. Nein, ein Exeget muss seine eigenen Vorurteile durchschauen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Dann muss er die Demut aufbringen einzugestehen, dass die Quellenlage uns kaum eine historische Rekonstruktion dessen zulässt, was nach der Kreuzigung Jesu geschehen ist. Und er darf das Schweigen einzelner Quellen über das leere Grab und die Erscheinungen nicht so verstehen, als hätte man dies nicht von Anfang an geglaubt. Nebenbei bemerkt, zeigt sich hier einmal mehr die Vernachlässigung der mündlichen Tradition: Was nicht aufgeschrieben wurde, gilt wie nichts. Am Ende sitzt man dann ebenfalls am Frühstückstisch und doziert: Es kommt gar nicht wirklich darauf an, was damals geschehen ist, sondern nur darauf, dass die ersten Christen neu von der Botschaft Jesu überzeugt waren.

Nein, wir müssen den Ablauf der Osterereignisse nicht im Einzelnen kennen. Es reicht zu wissen, abseits von Vorurteilen gibt es keinen vernünftigen Zweifel an den grundlegenden Fakten: Das Grab war leer, der Herr begegnete einer Vielzahl von Jüngern und Jüngerinnen, er zeigte seine göttliche Macht und Herrlichkeit und sandte den Gläubigen seinen Heiligen Geist. Das haben alle Gläubigen der ersten Stunde geglaubt, und ohne den Leib gab es für sie keine Auferstehung. „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos“ (1 Kor 15,17). Man kann ja einmal versuchen, Trauernde an einem offenen Grab damit zu trösten, dass der Leib des Toten in Wirklichkeit lebt. Das grenzt schon an Zynismus – ganz wie bei unserem Wichtigtuer am Frühstückstisch.

Ostern ist Grund und Prüfstein des Glaubens. Mit der leibhaften Auferstehung Jesu steht und fällt alles. Die heilige Therese von Lisieux hat das in ihren letzten achtzehn Lebensmonaten erfahren. Sie litt unter heftigsten Anfechtungen gegen den Glauben: „Alles ist verschwunden! Mein Herz wird matt von der Finsternis um es herum. Wenn ich es aber ausruhen lassen will, indem ich mich an das lichterfüllte Land, nach dem ich strebe, erinnere, dann verdoppelt sich nur meine Qual. Dann kommt es mir vor, als ob die Finsternis die Stimme der Sünder annimmt und mich verspottet: ,Du bildest dir das Licht ein, eine Heimat, von süßem Duft durchweht. Du bildest dir ein, auf ewig den Schöpfer all dieser Wunder zu besitzen. Du meinst, eines Tages aus den Nebeln um dich herum herauszutreten! Weiter so, weiter, freu dich nur auf den Tod, der dir nicht das geben wird, was du erhoffst, sondern nur eine noch tiefere Nacht, die Nacht des Nichts.‘“ Eine überaus schmerzliche Prüfung des Glaubens also. So sehr, dass sie sich manchmal fest auf die Lippen beißen musste, um nichts Böses auszusprechen. Doch mit aller Kraft kämpfte sie dagegen. Sie rang um die Wirklichkeit des Osterglaubens. Dazu schrieb sie sogar das Glaubensbekenntnis mit ihrem eigenen Blut nieder.

Was den Unterschied des Christentums ausmacht

Den Tod bereits vor Augen, schrieb sie im Juni oder Juli 1897 auf den Rand eines Briefbogens: „Mein Gott, mit dem Beistand deiner Gnade bin ich bereit, all mein Blut zu vergießen, um meinen Glauben zu bekräftigen.“ Auch stellte sie alle Osterevangelien zusammen, verglich sie und prüfte, wie sie zusammenpassten. Denn sie wollte gewiss sein, dass die Evangelien die Wahrheit enthalten. Falle ich am Ende ins Nichts oder in die Arme Gottes, diese Frage ist die wichtigste aller Fragen. „Ich sterbe nicht, ich gehe ins Leben ein“, bekennt sie. Ist mit dem Tod alles aus oder fängt dann erst alles richtig an, das nämlich ist an Ostern entschieden.

Wahres Leben jenseits des Todes, das macht den Unterschied des Christentums aus. Es gibt eine andere Welt: das Himmelreich, das Reich Gottes, das Paradies, den Himmel. Es gibt ein Lebensziel, das unendlich weit über das Diesseits hinausragt. Dieses Leben ist darum Weg, nicht Ziel. Es ist Bewährung, nicht Erfüllung. Es ist Nachfolge Christi, nicht Jagd nach möglichst großer Befriedigung. Es gibt eine andere Welt. Besonders deutlich tritt uns diese Gewissheit vor Augen, wenn dem irdischen Leben die Erfüllung versagt geblieben ist – wie etwa den Opfern des grausam-absurden Absturzes der Barcelona-Düsseldorf-Maschine.

Im Zweiten Weltkrieg versuchte die NS-Propaganda, die Trauer in ihre eigenen Bahnen zu lenken. Dazu veranstaltete sie eigene „Heldenehrungsfeiern“, wie es hieß. Die Angehörigen der Gefallenen wurden von Abordnungen der HJ und des BDM abgeholt und von Vertretern von Staat und Gemeinde persönlich begrüßt. Dann gab es Ansprachen und Musik. Der Tod der Soldaten wurde als Opfer für die Heimat dargestellt. In der Anfangszeit des Krieges fanden solche Feiern in der Bevölkerung und bei den Angehörigen manchen Anklang. Doch je weiter der Krieg voranschritt und die Zahl der Opfer stieg, umso mehr wuchs die Bitterkeit, und man lehnte diese Feiern zuneh-mend ab – sehr zum Ärger der NS-Propaganda. In deren Berichten ist zu lesen, „der Pfarrer habe es leichter, weil er tröstend auf das Jenseits hinweisen könnte“ und nicht nur „an die nationalsozialistischen Werte appellieren“ könne. Den christlichen Unterschied könnte man nicht klarer benennen.

Die Provokation von Ostern bleibt

Ostern feiert die Auferstehung Jesu Christi. Den Durchbruch des Diesseits zum Jenseits. Bis zu diesem Tag blieb die andere Welt im Nebel, sie blieb fern. Man konnte sie sich nicht vorstellen, und sie taugte allenfalls zu einem blassen Trost: „Mit dem Tod kann doch nicht alles aus sein.“ An Ostern dagegen gewinnt das Jenseits an Farbe, an Glanz, an Lebendigkeit. Es ist der Ort, wo Christus uns erwartet. Ewig sollen wir bei Gott sein und bei ihm allezeit gesättigt sein mit Glück. Das ist die christliche Provokation: alles von diesem Ziel her zu denken. Was einer denkt und tut, was er zu entscheiden und zu erdulden hat, von diesem Ziel her hat es seinen Sinn. Das ist wahrhaftig eine Provokation. Denn alles ringsum ruft ihm heute zu: „Glaube nur das, was du siehst! Halte dich an das, was naheliegt! Lebe bloß dem Augenblick!“ Doch diese Haltung wird durch Ostern erschüttert. Das Diesseits, so mächtig und selbstbewusst es sich gibt, es hat nicht die letzte Macht. Die Erde bebt, das Grab ist leer, der Herr erwacht. Es ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, der gekreuzigt wurde wegen unserer Sünden, am dritten Tage aber auferstand von den Toten. Überall in der Heiligen Schrift erweist Gott seine Macht durch große Taten. Die größte von allen ist die Auferweckung Jesu. Durch diese Tat wird das Gefüge der ganzen Welt erschüttert, und alles ist von nun an darauf wie auf einen magnetischen Pol hin ausgerichtet. Vielleicht ist es das, was manche der genannten exegetischen Vorstellungen scheuen wie der Teufel das Weihwasser: Man will sich nicht abhängig machen von dem, was man nicht selbst in der Hand hat. Man möchte selbst über alles urteilen und von nichts beurteilt werden: „Das gefällt mir“ oder „Das gefällt mir nicht“. Längst haben wir dieses Verhalten auch auf das Religiöse übertragen: Was weniger Mühe kostet, was der Seele schmeichelt, was einem die Ruhe lässt, das gefällt. Spiritualität und Esoterik, sie füllen eine Marktlücke – aber oft erscheint Gott dabei bloß als ein Gebrauchsgut. Nicht der Herr der Welt ist gefragt und wir seine Diener, sondern allenfalls noch eine Art sanfte Schmusedecke, wenn man einmal Trost benötigt.

Da wäre man in der Tat zufrieden, wenn Jesus im Grab geblieben wäre. Dann könnte man an ihn zurückdenken wie an einen vor langer Zeit verstorbenen guten Menschen, könnte man sich das eine oder andere zu Herzen nehmen, was er gesagt und getan hat, könnte sich seinen ganz persönlichen Jesus zusammenkneten wie eine Kerze und käme sich dabei sogar einigermaßen fromm vor. Doch die Provokation von Ostern bleibt. Jesus hat sein Grab aufgebrochen, er ist nicht mehr da, er ist auferstanden. Ja, diese Provokation ist weit mehr als ein wenig Trost in schweren Stunden. Sie ist der Anfang eines neuen Lebens. Denn der Herr ist auferstanden, er lebt und herrscht in Ewigkeit.

Professor Andreas Wollbold hat den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München inne. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Die versunkene Kathedrale. Den christlichen Glauben neu entdecken“ und „Licht für meine Pfade. Das christliche Leben neu wagen“ (beide bei Media Maria erschienen).

Foto: visualproductions | „Wir müssen den Ablauf der Osterereignisse nicht im Einzelnen kennen. Es reicht zu wissen, abseits von Vorurteilen gibt es keinen vernünftigen Zweifel an den grundlegenden Fakten: Das Grab war leer, der Herr ...
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