„Da ist ein sprechendes Schweigen“

Therese von Lisieux in frischer Sprache und kommentierter Übersetzung: Andreas Wollbold hat die „Geschichte einer Seele“ ins Deutsche übertragen. Von Regina Einig
Foto: IN | Andreas Wollbold.
Foto: IN | Andreas Wollbold.

Ein Klassiker der geistlichen Literatur, die Autobiografie der heiligen Therese von Lisieux, ist von dem Münchner Pastoraltheologen Andreas Wollbold neu übersetzt und kommentiert worden. Die Ausgabe übernimmt die Gliederung der Original-Manuskripte der „Geschichte einer Seele“. Der Leser erhält ausführliche Informationen zum historischen und familiären Umfeld der Heiligen – als Standardwerk darf der Band schon jetzt gelten.

Nicht wenige Theologen sehen die Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts eher aus kritischer Distanz. Ist die „Geschichte einer Seele“ ein Grund, diese Haltung zu überdenken?

Allerdings! Die Zeit Thereses ist eine Brückenzeit, das „Zeitalter der Erfindungen“, wie sie selbst sagt. Vieles bricht um, noch mehr bricht auf: Stellung der Frau, Globalisierung, Verarmung und Verstädterung, Vermassung und Individualismus, religiös auch zum ersten Mal auf breiter Linie Atheismus und Neuheidentum. Da erkennt man im Kern schon das ganze 20. Jahrhundert. Der Katholizismus bildete da alles andere als ein Ghetto, eine Insel der Seligen. Therese von Lisieux versteht man viel besser, wenn man erkennt, wie sie all das mit wachem Auge wahrgenommen und darauf Antworten aus der Mitte des Glaubens gefunden hat. So ist ihr „kleiner Weg“ keine bloße Kinderbuchausgabe des Christentums. Sie geht damit vielmehr auf die ganz moderne Frage ein: Wo finde ich mich selbst in Gott, wenn die äußeren Stützen zerbrechen?

Der Schriftsteller Stefan Zweig, ein Zeitgenosse Thereses, beschreibt in seinen Erinnerungen das Misstrauen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber jungen Menschen als ein Wesensmerkmal des fin de siecle. Ist der „Sturm der Verehrung“ (Pius XI.) für Therese als geistliches Vorbild für viele ein Anachronismus?

Eine weitere Überraschung Thereses und ihrer Zeit: Was Zweig beschreibt, betrifft eine bürgerliche Welt, die der Glaube nicht mehr trägt. Sie wird kleingläubig – und dadurch auch kleinmütig. Zwar entwickelt sie den Kult der Jugend, um ihre Erfahrungen des Bösen in einem gespielten Optimismus zu verdrängen, hat aber gleichzeitig Angst vor der Jugend. Ganz anders der tief gläubige „Weg des Vertrauens und der Liebe“: Er traut den jungen Menschen das Höchste zu, was sie zu geben haben, nämlich Ganzhingabe. Es ist kein Zufall, dass Therese so viele Berufungen ausgelöst und beflügelt hat. Kardinal Lustiger von Paris hat sie darum als die Heilige der Jugend bezeichnet.

Wo ordnen Sie Thereses Texte geistlich-literarisch ein? Ein Spätling der Contemptus-Mundi-Literatur?

Contemptus mundi, also Weltverachtung – ja, das ist ja in gewisser Weise der Boden jeder christlichen Frömmigkeit: Gott mehr lieben als die Welt. Jesus ist da eindeutig: Wer nicht diese Einstellung entwickelt, „kann nicht mein Jünger sein“ (vgl. Lukas 14, 26). Doch Therese steht auch für die wunderbare Erfahrung des Glaubens, allein im Herrn auch die Welt gewinnen zu können. „Wer seine Seele hergibt, wird sie gewinnen“ (Matthäus 10, 39). Familie, Freundschaft, Lebensfreude, ja selbst die kleinen Freuden eines köstlichen Obstes, eines erlösenden Lachens oder eines schönen Briefes, Therese hat sie am meisten gefunden, als sie im Karmel bei ihrer Tuberkulosekrankheit bereits alles hergegeben hat.

Ihre Neuübersetzung macht die „Bruchstellen“ im Text sichtbar. Inwiefern trägt das zum Verständnis der Texte bei?

Sie meinen die berühmten Punkte Thereses. Manchmal eine ganze Zeile lang, manchmal siebzehn, manchmal sieben, manchmal zwei. Meine Verlage wollten sie immer mit einem Ersetzungsprogramm auf drei Punkte standardisieren, so als handele es sich um Auslassungszeichen. Dabei sind diese Punkte wie die Stille in einem Gespräch, einmal kürzer und einmal länger. Das ist ein sprechendes Schweigen. Es lässt das Gesagte verinnerlichen. Endlich lässt es dem Leser auch die Freiheit, selbst nachzudenken, ja über das Gesagte zu beten. Dadurch wird der Text zum Gespräch, ja zum Gebet.

Teresa von Avila legte großen Wert auf geistliche Lektüre in ihren Klöstern. Wie hielt es Therese von Lisieux mit geistlicher Literatur? Stand ihr die Heilige Schrift in unserem Verständnis zur Verfügung?

Der Karmel besaß zwei umfangreiche Bibliotheken mit geistlicher Literatur, Klassikern ebenso wie Gebrauchsliteratur, etwa Betrachtungsbücher. Das war alles auf einem hohen Niveau. Frauenklöster waren ja seit dem Mittelalter die Avantgarde der Frauenbildung. Sie selbst liebte vor allem die Heilige Schrift und trug die Evangelien immer auf dem Herzen. Viele andere Stellen aus dem Alten und Neuen Testament waren ihr aus der Liturgie und der geistlichen Lektüre vertraut. Ihre Schwester Céline brachte ein Heft mit Lieblingsstellen in den Karmel mit, die Therese mit Feuereifer las und darin Schlüsselstellen für den kleinen Weg entdeckte. Oft denke ich, dass die Bibel nicht sozusagen überall herumlag, steigerte nur ihr Verlangen nach dem Wort Gottes.

Glaubensprüfungen paaren sich in geistlichen Zeugnissen häufig mit äußerer Verlassenheit, die dunkle Nacht des Johannes vom Kreuz im Kerker von Toledo ist ein Beispiel. Therese war zu keiner Zeit ihres Lebens ganz auf sich allein gestellt, ohne wohlwollende Menschen. Verkörpert sie in diesem Punkt eine Ausnahme?

Es ist Thereses eigene Prüfung, innere Einsamkeit und Unverstandensein inmitten liebender und anteilnehmender Menschen aushalten zu müssen. Ihre Glaubensprüfung kann sie nicht wirklich verständlich machen und schweigt darum lieber darüber. Und schon bei der Heilung durch das Lächeln der Muttergottes erlebte sie, dass das Weitererzählen bald alles verfälschte und sie in schwere Skrupel stürzte.

Neuübersetzungen sollen helfen, die historische Distanz zwischen Autor und Leser zu überbrücken. Ist das eine besondere Schwierigkeit in einer zunehmend entchristlichten Zeit und bei einer Autorin, die schon zu Lebzeiten wie ein geistliches Wunderkind auf andere wirkte und lebenslang in einem nahezu homogen katholischen Umfeld lebte?

Therese hat die Begabung, zu den unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Lebensumständen und Kulturen zu sprechen. Überdies gehören ihre Grunderfahrungen zum ewigen Stoff des Menschlichen: Krankheit, Verlust, Trennung und Angst, aber auch Nähe, Vertrauen, Sehnsucht und Liebe. Man müsste kein Mensch sein, wenn das nicht etwas zum Klingen bringen würde. Meine Neuübersetzung soll dazu beitragen, dass sich auf all das keine Patina legt, sondern ihre frische, direkte, warmherzige und nicht selten heitere Sprache auch im Deutschen hörbar wird.

Darf man Therese als Monarchistin (man denke an die Stilisierung des Vaters als König von Navarra) betrachten? Eignet sie sich als Leitbild für die französischen Traditionalisten heute?

Für Politik hat sich Therese nie interessiert, und die gelegentlichen Bilder vom Königtum waren damals einfach gängig. Das bedeutet für sie letztlich nicht viel mehr, als wenn man heute ein Mädchen Prinzessin nennt. Wohl aber gibt es noch etwas Tieferes. Wie selbstverständlich lebt Therese aus den Schätzen der Kirche aller Jahrhunderte. Revolutionen, eine Stunde Null, der Anfang einer neuen Zeit, das war ihr völlig fern. Über unseren scharfen Schnitt zwischen „vorkonziliar“ und „nachkonziliar“ hätte sie nur den Kopf geschüttelt. Wohl aber hat sie aus den Schätzen aller Zeiten mit sicherem Instinkt das herausgegriffen, was ihr auf ihre heutigen Fragen Antwort gab. So war sie im besten Sinn eine Konservative.

Bedauern Sie es, dass sich aus der „Geschichte einer Seele“ eher Bilder wie die weiße Blume im Gedächtnis der Gläubigen eingeprägt haben, nicht aber das intensive Ringen um persönliche Umkehr oder geistliche Erlebnisse wie etwa die Beichte?

Immer schon war Therese Gegenstand starker Wunschbilder. Man hat aus ihr etwa das heilige Kind gemacht oder die Atheistin im Karmelgewand, den Inbegriff einer behüteten Frömmigkeit in einer Vorbildfamilie oder die Mutter des Zweiten Vatikanischen Konzils. Jede dieser Projektionen hat sich ihre Lieblingsbilder geschaffen. Da kann ich nur empfehlen, die „Geschichte einer Seele“ selbst zur Hand zu nehmen. Die Lektüre wird zu einer Entdeckungsreise.

Ihre kommentierte Übersetzung informiert ausführlich über das Umfeld Thereses. Sehen Sie Ihr Buch auch als Korrektiv gegen eingeschliffene Irrtümer/Fehlurteile?

Ja, eine der Verzeichnungen Thereses ist es, sie aus ihrer Zeit herauszuheben, so als hätte sie sich bedauerlicherweise in eine ihr völlig unangemessene Umwelt hineinverirrt. Sie wird zur Lichtgestalt, und dafür müssen rings um sie herum alle Lichter ausgehen. Wenn aber jemand mit allen Fasern mit ihrem Umfeld in Familie und Karmel verbunden war, dann sie. Nur im lebhaften Austausch damit entwickelte sie ihre Persönlichkeit und Lehre. Dabei zeigt sich auch, dass sie mit Anliegen wie der Barmherzigkeit, der häufigen Kommunion oder der Missionsbegeisterung Teil einer breiten Strömung war und keineswegs allein auf weiter Flur stand.

Auch für die vier leiblichen Schwestern Thereses sind Seligsprechungsprozesse eingeleitet worden. Unterstützen Sie mit Ihrem Buch Bestrebungen einer komplett kanonisierten Familie Martin?

Derzeit ist bei den Selig- und Heiligsprechungen wohl doch ein wenig Populismus eingezogen. Natürlich ist durch die enorme Popularität Thereses auch die ganze Familie ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, und manch einer fühlt sich eher dieser oder jener ihrer Schwestern nahe. Aber gleich ein Prozess? Mir kann etwa eine Léonie oder Céline auch so persönlich nahe sein, ohne dass die Kirche sie selig spricht. Durch einen Prozess werden sie ja nicht sozusagen in einen Erster-Klasse-Himmel befördert, und private Fürbitter und Patrone können auch Personen sein, die nicht zur Ehre der Altäre gekommen sind.

Therese von Lisieux: Geschichte einer Seele. Herausgegeben, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Andreas Wollbold. Herder Verlag, Freiburg 2016, ISBN 978–3-451-31337-0,

EUR 58,–

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