Würzburg

Seichter Futurismus

Yuval Noah Hararis "Lektionen für das 21. Jahrhundert" bleiben oberflächlich.

Yval Noah Harari
Wirkt manchmal selbstverliebt: Bestsellerautor Yuval Noah Harari. Foto: dpa

Wird es in einigen Jahrzehnten noch Ärzte geben? Yuval Noah Harari hält das für fraglich. In seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ sieht er durch die zunehmende Digitalisierung neben traditionellen Industriejobs über kurz oder lang auch anspruchsvolle akademische Berufe wie den des Mediziners bedroht. Dabei eröffnet sich eine überraschende Perspektive: Ärzte könnten im Zuge dieser Entwicklung schneller durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden als Krankenschwestern (denn Ärzte seien vor allem Informationsverarbeiter, Schwestern bräuchten auch emotionale Intelligenz). Wird das wirklich geschehen? Das wird sich erst im Nachhinein sagen lassen. Skepsis ist bei solchen Prognosen immer angebracht: Vorhersagen aus dem Jahr 1900 für das Jahr 2000 wirkten schließlich im Nachhinein mitunter sehr komisch.

Eine gesunde Skepsis und Distanz zu den eigenen Ideen geht Hararis Buch leider fast völlig ab, in dem er nach seinen Weltbestsellern „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus“ (worin er über die langfristige Zukunft des Lebens nachdachte) die unmittelbare Zukunft der nächsten Jahrzehnte in den Blick nimmt. Verglichen mit den Vorgängerbänden – deren Aussagen in dem neuen Band immer wieder aufscheinen – ist dieses Buch freilich oft erschreckend seicht, worüber der flotte Schreibstil nicht lange hinwegtäuschen kann. Vereinzelte Glanzstücke – wie die facettenreiche Diskussion des Themas „Zuwanderung“ und die Ausführungen zum internationalen Terrorismus – ändern an diesem Gesamteindruck nichts. Harari, im Hauptberuf Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem, betätigt sich in diesem Buch als Futurist mit einer Obsession für Künstliche Intelligenz und Biotechnologie, denen er im Guten wie im Bösen alles zutraut. Die denkbaren Szenarien breitet er wortreich aus, ohne dabei wirklich Neues mitzuteilen. Dass wir zum Beispiel in Zukunft in jeder Hinsicht flexibel sein und uns permanent neu erfinden müssen – das haben wir auch schon von anderen gehört. Eine solche Zwangsflexibilität ist anstrengend, und deshalb ist es wohl kein Zufall, dass Harari in seiner abschließenden 21. Lektion (quasi als Ausgleich) Meditationstechniken empfiehlt. Das ist freilich auch fast der einzige wirklich konkrete Handlungshinweis, den er seinen ratlosen Lesern gibt.

Dafür, dass es in diesem Buch um die Zukunft geht, finden sich erstaunlich viele Rückblicke in die Vergangenheit, quer durch alle erdenklichen Epochen und Regionen. Die normale historische Detailforschung ist Hararis Sache nicht. Ihm geht es immer um das große Ganze, um die sogenannte „Weltgeschichte“ oder mindestens um sich über Jahrhunderte und Jahrtausende hinziehende Entwicklungslinien. Bei solchen makrohistorischen Betrachtungen liegt die Tücke freilich im Detail. Im Jahr 2019 kann, anders als vielleicht noch 1819, niemand von sich behaupten, er überschaue den gesamten geschichtlichen Forschungsstand. An einer Stelle entschuldigt sich Harari dafür, in einem früheren Buch Wissenslücken über die Geschichte der tasmanischen Ureinwohner offenbart zu haben. Was zunächst wie eine Petitesse wirken mag, signalisiert ein ernsthaftes Problem: Harari äußert sich an vielen Stellen über Ereignisse, Gestalten und Epochen, über die er – promovierter Historiker hin oder her – erkennbar auch nicht mehr weiß als der normal gebildete Durchschnittsbürger, was zudem an manchen Stellen zum Aufwärmen längst überholter Klischees führt (zum Beispiel zu Inquisition und Kreuzzügen).

Gleich zwei Lektionen widmen sich der Religion. Hararis Ideal ist erkennbar ein höchst aufgeklärter religionskritischer Säkularismus, der den Religionen gebieterisch diktiert, in welchen Grenzen sie in der modernen Welt noch zulässig sind (es sind eher enge Grenzen). Seine Ausführungen zum Thema leiden unter seiner erkennbaren Unfähigkeit, in Religion etwas anderes zu sehen als ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Die Abneigung des israelischen Historikers gegen das orthodoxe Judentum ist bemerkenswert ausgeprägt. Immerhin sieht Harari durchaus, dass auch der Säkularismus auf Abwege führen kann.

Der Autor tritt dem Leser penetrant mit dem Gestus eines „besten Freundes“ gegenüber. Die wohlwollende Umarmung dient natürlich dem Zweck, ihn auf die eigene Seite zu ziehen. Jemandem, der so vertrauenserweckend „wir“ sagt, wird doch niemand widersprechen wollen? Und wer wird zu sagen wagen, dass Harari neben manchem Bedenkenswerten auch eine ganze Menge Halbwahrheiten und Gemeinplätze abliefert? Von der manchmal grotesken Selbstverliebtheit in die eigene vermeintliche Brillanz ganz zu schweigen. Nach zwei Weltbestsellern scheint der Autor jede Distanz zu seinen eigenen Ansichten verloren zu haben. Das ist menschlich verständlich, doch der Leser weiß an vielen Stellen nicht, ob er Hararis arrogante ex cathedra-Haltung peinlich oder lustig finden soll. Bei allen interessanten Details, die sich in diesem Buch finden, bleibt die Erkenntnisausbeute insgesamt doch dürftig. Hararis mediales Image als Stardenker lässt sich dadurch nicht rechtfertigen. Dafür muss es andere, außerwissenschaftliche Gründe geben. Eine genaue Analyse der dafür verantwortlichen medial-politischen Mechanismen könnte vielleicht eine „22. Lektion für das 21. Jahrhundert“ ergeben, die Hararis 21 Lektionen an Interesse gewiss nicht nachstünde.

Eine originelle Prognose Hararis mit Religionsbezug sei den Lesern hier nicht vorenthalten: „Evangelikale werden riesige, spritfressende SUVs fahren, während gläubige Katholiken in smarten Elektroautos herumkurven werden, auf deren Heck ein Aufkleber prangt: ,Verbrennt den Planeten – und schmort in der Hölle‘.“ Warten wir es ab.

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2019, 459 Seiten, ISBN 978-3406727788, EUR 24,95