Würzburg

Offizier und Gentleman

Alfred Dregger ist eine Leitfigur für Konservative. Dieter Weirich hat ein Charakterbild des Politikers gezeichnet.

Hessen-CDU ehrt Alfred Dregger
In der Ahnengalerie der Union hat er seinen Platz: Alfred Dregger. Foto: dpa

Das Land wird von einer Großen Koalition regiert. An den politischen Rändern gärt es. Und die Jugend geht auf die Straße und demonstriert. Nein, hier ist nicht die Rede von der Gegenwart. Der Blick geht zurück in das Jahr 1969, damals schickte sich Alfred Dregger an, die hessische CDU von einer hoffnungslosen Außenseiterposition aus zur stärksten Partei im Land zu machen. Es dauerte, aber bei den nächsten Landtagswahlen nahm der Stimmenanteil der Christdemokraten stetig zu. 1982 hätte es auch endlich für den Regierungswechsel gereicht, aber der Machtwechsel in Bonn machte einen Strich durch die Rechnung. Die FDP kam nicht mehr in den Landtag und Alfred Dregger konnte nicht Ministerpräsident werden. Trotzdem: Er war es, der die Partei flott gemacht hatte, der die hessischen Christdemokraten zu jener Geschlossenheit führte, für die sie heute noch berühmt sind. Die Erfolge dieser Arbeit fuhren dann schließlich Walter Wallmann und Roland Koch ein.

Wegweisendes Potenzial für die Christdemokratie heute

Dieser Abschnitt in Dreggers politischer Biografie ist gerade heute interessant, wo die deutsche Christdemokratie in einer tiefen Orientierungskrise steckt. Alfred Dregger, der jetzt hundert Jahre alt würde, gilt auch gut zwei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden immer noch als die Idealverkörperung eines Konservativen. Dieter Weirich, langjähriger Weggefährte Dreggers, will mit seiner Biografie dazu beitragen, dass das Lebenswerk seines Mentors nicht in Vergessenheit gerät. Trotzdem ist das Buch nicht nur für ausgewiesene Dregger-Fans interessant, sondern gibt auch Aufschluss darüber, welchen Herausforderungen CDU und CSU aktuell gegenüberstehen. Dieter Weirich hat nämlich eine Erkenntnis verinnerlicht, die viele andere ignorieren, die sich an der Debatte um die Ausrichtung der Union beteiligen: Für das Profil der Christdemokraten waren noch nie Programme entscheidend, sondern immer nur Personen. Wenn einer aus der Anhängerschaft der CDU in den 70er oder 80er Jahren sagte: „Ich bin konservativ“, dann folgte im Nachsatz nicht: „Denn ich teile die Aussagen unseres Grundsatzprogrammes Abschnitt drei, Satz vier“, sondern: „Ich bin konservativ, weil ich so denke wie Alfred Dregger.“ Oder wie Franz Josef Strauß oder wie Hans Filbinger oder wie Gerhard Stoltenberg ... Diese Leitfiguren wirkten durch ihre Persönlichkeit. Sie waren weniger Repräsentanten bestimmter geistiger Strömungen ihrer Partei, sondern vor allem Sprecher ihrer Anhänger, die sie kraft ihres Charismas um sich versammelten.

Weirich, der Ende der 60er Jahre seine Karriere im Spannungsfeld von Politik und Medien als Dreggers Mann für die Presse begonnen hat (später wurde er Intendant der Deutschen Welle), ist ein guter Beobachter. Er beschreibt, wie Dregger, der sich seines Charismas durchaus bewusst war, die Menschen begeisterte. Da war einmal sein rhetorisches Talent, ein Mann, der einen Saal für sich erobern konnte. Auch seine Erscheinung, sein gutes Aussehen hatte eine Wirkung. Vor allem war Dregger jemand, wie Weirich beschreibt, dem man gerne seine Loyalität schenkte. Der ehemalige Offizier wusste so etwas wie einen Mannschaftsgeist zu erzeugen – unter seinen Mitarbeitern, aber eben auch unter seinen Wählern. Dregger war kein Taktiker, niemand der Seilschaften in die Partei hinein knüpfte, keine Hausmacht aufbaute – seine unangefochtene Stellung in der hessischen CDU beruhte auf Autorität und Authentizität – oder wie Weirich es im Untertitel formuliert: Er überzeugte durch „Haltung und Herz“. Chef der Stahlhelm-Fraktion, Django, Büttel des Großkapitals – die Attribute, die politische Gegner für Dregger fanden, haben mit der realen Person nichts zu tun. Weirich schildert den vermeintlich „harten Hund“ als einen höflichen, seinen Gesprächspartnern stets zugewandten Mann – der sein enormes Arbeitspensum vor allem dank jener Eigenschaften bewältigte, die heute Sekundärtugenden genannt werden. Weirich kann manche Anekdote beisteuern, etwa dass Dregger zum Erstaunen der Veranstalter gerne bei Wahlkampfterminen eine Stunde früher erschien; Hauptsache, nicht zu spät. Und bei Abendveranstaltungen konnte es geschehen, dass er sich um zehn Uhr bereits verabschiedete – sein Schlaf war ihm wichtiger als solche aus seiner Sicht unwichtigen rein gesellschaftlichen Ereignisse.

Verantwortung als politisches Markenzeichen

Schließlich, das hebt Weirich hervor, wirkte Dregger gerade auf junge Leute. Obwohl angeblich doch gerade die Jugend links stand. „Unser Leben verliert seinen Sinn, wenn es nicht über uns selbst hinausführt. Wir sind der Heimat, dem Vaterland, der Kirche und dem europäischen Kulturkreis in besonderer Weise verbunden. Ihnen verdanken wir alles, was uns über die rein animalische Existenz hinausführt“, sagte er seinem Sohn Burkhard und dessen Mitschülern zum Abitur. Die jungen Leute spürten offenbar, dass solche Appelle nicht aus dem Baukasten für Sonntagsreden stammten, sondern aus konkreter Lebenserfahrung resultierten: Dreggers Grunderfahrung war, wie er im Krieg als Offizier Verantwortung für seine Kameraden übernehmen musste. In einer Situation also, in der es im wahrsten Sinne um Leben und Tod ging. Diese Erfahrung prägte seine Politik. Diese Haltung versteckte Dregger nicht, sondern machte sie zu seinem politischen Markenzeichen.

Dieter Weirich: Alfred Dregger. Haltung und Herz – eine Biografie. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2019, 336 Seiten, ISBN 978-3955423360, EUR 20,–