Würzburg

Kunst der alten Kirche

Ein Blick auf die Ikonologie des frühen Christentums.

Kunst
Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland: Darstellung auf einem Sarkophag aus dem vierten Jahrhundert. Foto: KNA

Beim Stichwort „Kunst der Antike“ tauchen vor dem geistigen Auge des Museumsbesuchers im Allgemeinen schwarze Vasen mit abgestuften Brauntönen auf, die Szenen aus der griechischen Mythologie darstellen. Auch monumentale Feldherrenstatuen und gegebenenfalls noch frühchristliche Mosaike in Kirchenbauten verbinden sich mit der Kunst des Altertums.

Dass sich Kunsthistoriker auch mit der Analyse sakraler Bildwerke befassen, ist weniger ins Bewusstsein eingetreten. Hier fallen unter anderem die Untersuchungen an der frühchristlichen Grabeskunst, an Sarkophagen und in Katakomben, ins Auge. Dieser widmet sich der Kunst- und Kirchenhistoriker Hans Georg Thümmel, evangelischer Theologe und emeritierte Professor für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Geschichte der Kirchlichen Kunst an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, im ersten Teil der auf insgesamt vier Bände angelegten neuen Reihe der „Ikonologie der christlichen Kunst“. Band 1 stellt Werke der „Alten Kirche“ in ihrem historischen Ablauf vor.

Der bildliche Ausdruck der Christen im Wandel der Zeit

Doch womit beschäftigt sich eigentlich die Ikonologie? Bekannter als diese Disziplin ist der Fachterminus „Ikonografie“, die sich der Auslegung der Bildinhalte widmet – worunter die grafische Gestaltung und die Identifizierung einzelner Bildinhalte zu verstehen sind. Die Ikonologie geht darüber hinaus, indem sie neben der Beschreibung und Deutung der Bilder und Denkmäler auch den näheren politischen und gesellschaftlichen Rahmen umfasst, in dem sie entstanden sind. Ikonologie ist demnach „die Lehre von den Bildgegenständen in ihrem Zusammenhang“. Verfasser Thümmel geht es darum, „Bedingungen und Motive für die Entstehung und den Bestand von Darstellungen auf Gruppen christlicher Denkmäler darzulegen“. Äußerst wichtig sind zu diesem Zweck, die für eine ikonologische Perspektive relevanten Daten in Bezug auf Datierung, Fertigung und Fundumstände zu erheben. Die Ikonologie fragt „nach dem Ort der Darstellung, ihrer Intention, wie nach der Weise ihrer Argumentation“.

Ein durchaus spannendes Thema also auch in der heutigen Zeit, die Art und Weise zu erforschen und mitzuverfolgen, wie sich der bildliche Ausdruck der Christen im Laufe der Jahrtausende und Jahrhunderte wandelt. Denn nicht nur Techniken und Materialien zur Gestaltung unterliegen einem zeitlichen Wandel, sondern auch die künstlerische Diktion. Christen sind, wie Thümmel bemerkt, „nicht nur Kinder Gottes, sondern auch Kinder ihrer Zeit“. So bleibe zwar „die christliche Glaubens- und Vorstellungswelt in ihrem Kern identisch“, dennoch ändere sie sich „in ihren Ausdrucksweisen“.

Aber was ist ein christliches Bild überhaupt? Der Autor fasst darunter „jede bildliche Darstellung mit christlichem Inhalt“, worunter sowohl biblische als auch kirchengeschichtliche Ereignisse zu verstehen sind. Nicht nur Porträts von Maria und weiteren Heiligen fallen in diese Kategorie, auch Symbole verweisen auf christliche Inhalte.

Die frühe Kirche breitete sich in einem räumlichen Gebiet aus, das vom Römischen Reich beherrscht wurde. Das religiöse Umfeld war vom Opferkult, von einem ganzen Pantheon griechischer und römischer Götter bestimmt und geprägt, Christen wurden wegen ihres Glaubens immer wieder mehr oder weniger stark von den jeweiligen Herrschern des Römischen Reiches verfolgt. Dennoch setzte sich spätestens mit dem Religionswechsel Kaiser Konstantins eine christliche Kunst durch. Konstantins Konversion „bedeutete die Aufgabe einer Jahrhunderte alten religiösen Tradition und die Begründung einer neuen, die durch die Jahrhunderte herrschen sollte“. Diese neue christliche Tradition vollzog sich freilich allmählich und fließend. Offenbar ist sie auf Sarkophagen, vermutlich in Rom, entstanden und breitete sich von dort aus im ganzen Imperium aus. Warum ausgerechnet auf prunkvollen Steinsärgen? Die strikte Ablehnung christlicher Bildkunst, wie sie in heidnischer Zeit zu beobachten ist, „konnte dort am ehesten erweicht werden, wo konkrete gesellschaftlich bedingte Bedürfnisse vorlagen“, erläutert Thümmel. Dies war bei den mit Bild versehenen Siegelringen der Fall, aber auch bei den Sarkophagen, in die sich Angehörige höherer Schichten nach ihrem Ableben zur ewigen Ruhe betten ließen. Der Sarg war aber „fast notwendig mit Bildschmuck versehen“. Wie im Fall der Siegelringe wählten sich die Christen wohl auch hierbei zunächst neutrale Szenen aus: „Bald aber dürfte auch hier eine stärker christliche Deutung der Szenen eingesetzt haben. Dann aber lag der Wunsch nicht fern, statt solcher christlich gedeuteten Szenen den eigenen Glauben direkt ins Bild zu bringen.“

Der Band „Alte Kirche“ gliedert sich in einleitende Abschnitte („Der zeitgeschichtliche Hintergrund“, „Bedingungen und Möglichkeiten einer christlichen Bildkunst“), die zu einem grundlegenden Verständnis für das Vorgehen des Autors Wesentliches beitragen, sowie Kapitel, die sich unter anderem mit „christlichen, heidnischen, häretischen Denkmälern“, „der frühchristlichen Grabeskunst“, der „Entstehung des christlichen Symbols“ und der „frühchristlichen Kirchdekoration“ befassen.

Interessant und anregend, sorgfältig und verständlich

Zahlreiche Abbildungen – leider nur in Schweiß-Weiß – veranschaulichen das im Text Ausgesagte, ein knappes Register beschließt den Band. Thümmels Buch bietet nicht nur Experten, sondern auch interessierten Laien eine anregende Lektüre in einer sorgfältigen und verständlichen Sprache. Die noch nicht erschienenen folgenden drei Bände beschäftigen sich jeweils mit der Bildkunst von Mittelalter und Neuzeit sowie der andersartigen Entwicklung in der Ostkirche.

Hans Georg Thümmel: Ikonologie der christlichen Kunst. Band 1. Alte Kirche. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN 978-3506792372, 323 Seiten, EUR 128,-