Würzburg

Italien als säkulare Pilgerfahrt

Paola Paumgardhen über die italienischen Reisen von Vater, Sohn und Enkel Goethe.

Von Italien fasziniert: Goethe in der Campagna. Foto: IN

Der 1782 nobilitierte Johann Wolfgang von Goethe reiste vom 3. September 1786, dem Tag seiner Abreise von Karlsbad in Böhmen, bis zu seiner Rückkehr nach Weimar am 18. Juni 1788 fast zwei Jahre lang durch Italien. Ab November 1786 hielt er sich gut vier Monate und von Juni 1787 bis April 1788 noch einmal elf Monate in Rom auf. Die heute unter dem Titel „Italienische Reise“ bekannten und nach ihrer Erstpublikation als Teil des autobiografischen Werkes „Aus meinem Leben“ von 1816/17 zuerst 1829 unter diesem Titel veröffentlichten Aufzeichnungen des 1749 in Frankfurt am Main geborenen und 1832 in Weimar gestorbenen Dichters, Gelehrten, Naturforschers und Ministers des Herzogtums beziehungsweise seit 1815 Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach – viele junge Deutsche kennen die Hauptwerke und das Leben Goethes heute nicht mehr – gelten in unserer Gegenwart als Goethes populärstes Buch.

Die erste Italienreise Goethes, auf die 1790 eine zweite folgte, ordnet sich, obwohl Goethe bei Reiseantritt bereits 37 Jahre alt war, in die Tradition der Kavaliersreise junger Adelssöhne, denen es im 18. Jahrhundert bisweilen Söhne der bürgerlichen Oberschicht wie Goethe gleichtaten, und der „Grand Tour“ nach Rom ein, ist aber doch ganz anders zu bewerten, zumal Goethes „Italienische Reise“ zum Grundbuch des deutschen bildungsbürgerlichen Italienbildes wurde. Das Besondere fasst die Autorin des hier vorzustellenden Werkes zusammen: „Die ,Italienische Reise‘ ist eher eine Erzählung von sich selbst, sie ist der zentrale Teil der Autobiografie Goethes, der Knotenpunkt seiner existenziellen Entwicklung. Ihr Thema ist Goethe selbst.“

Der Dichter spricht in der „Italienischen Reise“ von seiner „Wiedergeburt“, die er in Italien erfahren habe, und gebraucht damit in ganz säkularem Zusammenhang einen religiösen, biblischen Begriff: griechisch „anagennao“, „wiedergeboren werden“, den der in seiner Jugend pietistisch beeinflusste Goethe aus dem Neuen Testament kannte: „Gott hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1 Petrus 1,3). Martin Luther – seine Übersetzung war Goethe, wie jedem gebildeten nichtkatholischen Deutschen seiner Zeit, vertraut, nicht unsere Einheitsübersetzung – hatte das richtig mit „wiedergeboren“ übersetzt. Goethe drückte damit die Bedeutung seiner Italienreise als – so die Verfasserin – „fundamentales Lebensereignis, eine Zäsur, eine radikale Verwandlung“ seiner Person aus, wie die italienische Reise und nicht nur der Aufenthalt in Rom auch starke Züge einer weltlichen Pilgerfahrt zu säkularen Reliquien und unreligiösen Gnadenorten trägt.

Aber nicht nur der Dichter reiste nach Italien. Auch sein Vater, der wohlhabende Frankfurter Jurist und spätere Kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe (1710–1780), unternahm 1740 im Alter von 30 Jahren eine sechs Monate dauernde Italienreise, deren Stationen und Beobachtungen er in einem in italienischer Sprache verfassten Reisetagebuch festhielt, das ungedruckt in der Bibliothek des Sohnes die Zeiten überdauerte und erstmals 1932 veröffentlicht wurde. Und auch der Sohn, August von Goethe (1789–1830), reiste 1830 als Einundvierzigjähriger nach Italien, wo er – ein Sohn im Schatten eines titanischen Vaters, nach gescheiterter Ehe, alkoholkrank und an anderen Krankheiten leidend und in Italien Heilung suchend – am 27. Oktober 1830 in Rom starb und auf dem „akatholischen“ Friedhof nahe der Cestius-Pyramide sein Grab fand. Auch August von Goethe schrieb ein Reisetagebuch, das wie das des Großvaters unveröffentlicht in der Bibliothek des Vaters im Haus am Frauenplan in Weimar verblieb und erst 1999 veröffentlicht wurde.

Paola Paumgardhen, 1963 in Neapel geboren, stellt die Italienerlebnisse und die „Italienischen Reisen“ der drei Goethe-Generationen einander gegenüber. Sie zeigt den Wandel der Wahrnehmungsmuster von dem nüchtern-registrierenden Johann Caspar über den in Italien – ganz weltlich, aber religiös konnotiert – seine Wiedergeburt als Mensch und Künstler erfahrenden Johann Wolfgang bis zu August und seiner Italienreise mit tödlichem Ausgang – einer „irrlichternden und ziellosen Fahrt eines Getriebenen“ (Ernst Osterkamp im Vorwort). Es gelingt ihr hervorragend, in diesen drei Menschen Vater, Sohn und Enkel, in diesen drei Reisen im zeitlichen Rahmen von 90 Jahren und in diesen drei Texten einer „Italienischen Reise“ das gesamte Spektrum deutscher bildungsbürgerlicher Italiensehnsucht einzufangen.

Kleine historische Versehen wiegen dagegen wenig, doch sollen sie nicht unerwähnt bleiben: Wetzlar war nicht Sitz des Reichstags, sondern des Reichskammergerichts, Karl VI., der Vater Maria Theresias, nicht „Kaiser von Österreich“ – das war erst Franz I. (II.) seit 1804; auch Maria Theresias Sohn Joseph II. (1741–1790) wird irrig „österreichischer Kaiser“ genannt –, sondern römisch-deutscher Kaiser und der Kurfürst von Sachsen nicht „Markgraf von Lausitz“, sondern Markgraf von Meißen, wie auch Johann Caspar Goethe sicher nicht „in strenger militärischer Zucht zufolge der protestantischen Prinzipien eines Friedrich Wilhelm I., des Soldatenkönigs, und seines Sohnes Friedrich des Großen“ aufwuchs, wurde der zwei Jahre jüngere, 1712 geborene Friedrich II. doch erst 1740 preußischer König, im Jahr der Italienreise Johann Caspars. Außerdem heißt das von Neapel aus regierte Königreich im Deutschen nicht „Königreich der zwei Sizilien“, sondern Königreich beider Sizilien, und der Reichstag in Regensburg nicht „Ewiger Reichstag“, sondern Immerwährender Reichstag.

Paola Paumgardhen: „Auch ich in Italien!“ Johann Caspar, Johann Wolfgang, August Goethe. Eine dreistimmige Reise-Biografie. Aus dem Italienischen von Reinhard Uhlmann und Annalisa Cafaggi. Königshausen & Neumann, Würzburg 2019, 248 Seiten, ISBN 978-3-8260-6581-1, EUR 29,80