Würzburg

Der Nacht Deutung geben

Simone Weils Gedanken "über das Böse, den Krieg und die Religion" sind von erstaunlicher Tiefe.

Simone Weil (1909–1943)
Weil lebte in sehr dunklen Jahren der Geschichte. Das prägte auch ihr Werk. Foto: IN

Wer sich einmal mit Simone Weil (1909–1943) eingelassen hat, wird sie immer wieder zur Hand nehmen. Doch bedarf es dazu meist einer Hinführung, denn diese jung verstorbene Denkerin entwickelt ihre Thesen in großen Gedankenbögen und nicht selten radikal.

Simone Weil ist damit in Frankreich in einen klassischen Rang als Philosophin, politische Theoretikerin und Mystikerin aufgestiegen, aber im deutschen Sprachraum muss sie trotz vieler Einzelarbeiten immer wieder gegenwärtig gehalten werden. Die relative Unbekanntheit liegt sicherlich einerseits an ihrem stark aphoristischen Denken, dessen innere logische Verknüpfung gesucht werden muss. Es liegt aber auch an ihren dunklen Themen, die ein langsames, eingehendes Lesen erfordern: das Böse und das Leiden. Und es liegt an ihrer Nähe zu Christus, die so unorthodox ist und ihn so eigenartig auch in anderen Religionen sucht und nicht selten befremdlich findet.

Es ist ein großer, dankenswerter Dienst, all die genannten Themen dieses fruchtbaren, scharfsinnigen Denkens für die gegenwärtige deutschsprachige Generation freizulegen und auch kritisch zu begleiten. Dies leistet eine Neuerscheinung der Weil-Forscherin Marie Cabaud-Meaney, die die Thesen Weils zum Bösen, zum Krieg und zur Religion mit dem sicheren Griff einer langjährigen gründlichen Einarbeitung vorstellt.

Weils Lebenszeit vollzog sich in Europas dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts: Zwei Weltkriege, der spanische Bürgerkrieg und totalitäre Regime verfinsterten den Kontinent. Als die junge Frau mit 34 Jahren an Auszehrung starb, war noch keine Rettung in Sicht. In vielen individuellen Brechungen wurde dasselbe Los von Millionen anderer Menschen, Unschuldigen und Schuldigen, geteilt. Simone Weil aber erlitt es nicht nur, sondern war durch Anlage und Ausbildung in der Lage, der Nacht, dem Unheilen, dem Bösen Ausdruck und Deutung zu geben. Das heißt immer auch: es zu durchdringen und damit im Ansatz zu überwinden. Ihr Charisma war ein philosophisch und logisch geschultes Denken, das in den letzten Jahren von Christus erleuchtet wurde und immer tiefer in das Geheimnis des Bösen eindrang, vor allem kraft ihres Leidens, das sie mit dem seinen zu verbinden lernte. Daraus entstand ein Werk, nicht umfangreich, aber in vielen Facetten auffunkelnd, das einzigartig ist und in seinen schroffen, oft unvermittelten Aussagen bestürzt. Wie kam die jüdische Agnostikerin zu einer solchen Tiefe? Sie war in ihrer selbstverständlichen Glaubenslosigkeit erschüttert worden durch mehrere Begegnungen mit einer Macht, für die sie zunächst keinen Namen hatte. Diese Macht übersinnlich zu nennen, trifft nur ungenau, denn immer wurde sie im Sinnlichen wirksam – Simone Weil ist, wohl aufgrund ihrer von Kind an geübten Askese, besonders empfänglich für Sinnlichkeit, vor allem im Gewand der Schönheit. Aus ihrer Zeit in Marseille 1941 stammt ein geheimnisvoller Prolog, in welchem „jemand“ (im französischen Text maskulin) für unbestimmte Zeit „von Ihm“ in eine Dachkammer mitgenommen wird; dort ereignet sich nur sinnlich-reales Tun: Essen, Trinken, Schlafen, Sprechen.

Der schwer auszudeutende Prolog könnte so gelesen werden, dass die erzwungene Loslösung von dem gnadenhaft Schönen und die schmerzliche Rückkehr in die bürgerliche Welt unabdingbar sind, genauer noch: sogar einen Befehl aus der übernatürlichen Welt darstellen.

Also ein Denken, Urteilen, Leben aus dem Übernatürlichen? Tatsächlich stabilisiert bei Weil das Ewige das Zeitliche: „Ein höchstes Gut, das heißt ein Gut, das jedes mögliche Gut einschließt... Das bedeutet, dass es keine Unvereinbarkeiten zwischen verschiedenen Gütern gibt. Man verzichtet um des höchsten Gutes willen nicht auf ein begrenztes oder zweitrangiges Gut... Die Güter sind gut nur als Schatten des höchsten Gutes.“ (Cahiers 4, 8) Niemals ist daher aus dem Auge zu verlieren das Ziel allen Tuns, das seit Platon formuliert ist: das Gute, oder in seiner politischen Verwirklichung: das Gerechte. Es wird jedoch nicht einfach als Transzendentes, sondern als wirklich und wirksam für die Welt, gegen das „Große Tier“ der Ideologien, eingefordert: „Der Gegenstand meiner Suche ist nicht das Übernatürliche, sondern diese Welt. Das Übernatürliche ist das Licht.“ (Cahiers 2, 49) Analog: „Man darf nicht vergessen, dass eine Pflanze von Licht und Wasser lebt, nicht von Licht allein. Es wäre also ein Irrtum, nur auf die Gnade zu zählen. Es braucht auch irdische Energie.“ (La connaissance surnaturelle, 1950, 321)

Moralität und Humanität wurzeln in einer geistigen Gemeinschaft von Einzelnen (niemals der Masse), die sich der fast unausweichlichen Verführung durch das Böse entziehen. Erst dann kann das Licht wirklich einbrechen. Sich freimachen ist die Einfallstelle von Gnade; sie ist es, die die Notwendigkeit dieses irdischen Daseins bearbeitet. Nichts kann sich selbst von seiner Schwerkraft befreien, es sei denn durch götzenhaften Ersatz, den Raub von Freiheit.

So leistet Simone Weil Kritik an der tauben Selbstherrlichkeit des Daseins. Immer ist es aufzubrechen oder wird bereits gebrochen, in der Regel unfreiwillig, durch Verwundung. Politischer Kampf gegen Ungerechtigkeit und Benachteiligung bleibt in dieser Hinsicht selbstverständlich Aufgabe des Handelns. Dennoch greift auch hier Weils Grundüberzeugung: Die eigentliche menschliche Verletzung kann überhaupt nicht in den Kategorien des politischen Wirkens und der gesellschaftlichen Gerechtigkeit bearbeitet werden. Eine solche Überschätzung des Irdischen hält die Wunde offen, statt sie zu schließen.

Die Wunde menschlicher Sklaverei kann wirklich nur im Übernatürlichen geheilt werden. Simone Weil lehrt einen Vorbehalt: Hiesiges Tun und Verändern erscheint zwar als notwendig, aber als vorläufig und kontingent. Eine solche Sicht entlastet keineswegs einfachhin, aber sie entzerrt das gewalttätige Verändern-Wollen. Säkulare Heilsideologien können so – im Blick auf Christus – immer erneut auf ihren totalitären Kern hin kritisiert werden. Weils Analysen erlauben, ja fordern politische Optionen, verhindern aber Fundamentalismen, auch solche der „Befreiung“. Denn auch das Böse verspricht „Befreiung“. Aber die Nachfolge ins Leiden, die Weil wählt, verbietet Scheinlösungen und lenkt auf den wirklichen, wirksamen (Er)Löser hin.

Es gibt auch heute in technisch gesteigertem Maße die Versuchung, subjektlose Prozesse freizusetzen, für deren Steuerung niemand mehr zuständig ist. Der Schrei des Widerwillens gegen das „Große Tier“ in all seinem Gestaltwandel ertönt in dieser Auslegung wieder mit überzeugenden Argumenten. Und es gibt auch heute einen Relativismus der Religionen, der die unvergleichliche Kraft der jüdisch-christlichen Offenbarung einebnen will. Bei Weil ertönt der Ruf nach Christus wieder mit aller persönlichen, hingebungsvollen Stärke.

Dank sei der Autorin für die Ausbreitung von Weils Gedanken, die aus dem damaligen Zerfall in unsere Zeit hineingesprochen Mut machen, Mut aus ihrer Verankerung in einer göttlichen Macht. Das ausgezeichnete Buch öffnet die Augen – für die undurchschauten Verführungen und für die Schönheit, ja, die unwiderstehliche Freiheit Christi. Wer die mittlerweile alt gewordene Moderne überholen will, muss ihren Unglauben überholen.

Marie Cabaud Meaney: Brücken zum Übernatürlichen. Simone Weil über das Böse, den Krieg und die Religion. Bernardus Verlag, Aachen 2018, ISBN 978-3-8107-0285-2, 196 Seiten, EUR 14,50