Würzburg

Das Kreuz als Herzstück des Glaubens

Wie der heilige John Henry Newman zum geistlichen Begleiter durch das Kirchenjahr wird.

„Die einzige Bürgschaft, zur Wahrheit zu gelangen, ist die Pflege aller Wissenschaften. Und das ist das Amt einer Universität.“ – John Henry Newman Foto: IN

Sie wächst und gedeiht, die „Kleine Bibliothek des Abendlandes“, die Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Gudrun Trausmuth im Heiligenkreuzer Stiftsverlag Be & Be herausgeben. Der neueste Band weicht etwas vom Konzept ab, große, aber vergessene Werke der christlichen Weltliteratur neu zugänglich zu machen. Doch ist der britische Theologe und Oratorianer John Henry Newman, der am 13. Oktober heiliggesprochen wird, ein Grenzgänger zwischen den Welten: Das Buch mit „Betrachtungen und Gebeten“, das jetzt als Band 6 der Abendland-Bibliothek vorgelegt wurde, verrät deutlich das literarische Talent des 1890 als Kardinal gestorbenen Konvertiten. Als Sohn eines Londoner Bankiers – über die Mutter mit einem Schuss Hugenottenblut versehen – hatte er die beste Ausbildung genossen und galt schon in Schul- und Studienzeit als glänzender Stilist. Aber was man den theologischen Schriften wie den mehr meditativen Prosawerken vor allem anmerkt, ist die gründliche Kenntnis seiner selbst, das Wissen um die conditio humana, das den Autor befähigt, Dinge auszusprechen, die jeden Menschen angehen. Newman, der ein empfindsamer Junge war, erlebte seine erste religiöse Krise und seine erste Bekehrung mit 15 Jahren. Ohne ausschließlich um sich selbst zu kreisen, achtete er seitdem darauf, was Gott ihm über die Stimme des Gewissens eingab. Das macht ihn zu einem sensiblen Beobachter der menschlichen Seele, all des Guten und Schlechten, was der Mensch hervorzubringen fähig ist.

Bei den Betrachtungen zum Kirchenjahr fällt die bevorzugte Behandlung von Leiden und Sterben Jesu auf. Kein Zufall bei Newman, „der das Kreuz als Herzstück unseres Glaubens bezeichnete“, wie Paul Bernhard Wodrazka, Priester des Wiener Oratoriums, in seinem hilfreichen „Leselicht“ schreibt. Allein für den Karfreitag schrieb Newman zwölf Betrachtungen, um aus den dichtesten Stunden des Kirchenjahres den Stand für eine ganzheitliche Sicht auf das Leben zu gewinnen. „Bei seinen persönlichen Aufzeichnungen verwahrte der Oratorianer in einem Heft Listen mit Namen von Personen und von Anliegen, um (...) ihrer zu gedenken; niemand wurde vergessen, sogar seine Feinde fanden darauf in anonymisierter Form Platz“. Auch die Gottesmutter nimmt einen prominenten Platz ein. Schon als Anglikaner war Newman ein zu guter Theologe als dass er meinte, auf sie verzichten zu können. Er betonte wiederholt, schreibt Wodrazka, „dass alle, die sich weigern, die Jungfrau und Gottesmutter Maria zu verehren, Gefahr laufen, Christus zu vergessen“. In seiner graduellen Annäherung an den Katholizismus, die sich bis zur formellen Konversion 1845 über mehrere Jahre erstreckte und für ihn durchaus schmerzhaft war, konnte Newman bereits früh die Lehre von der Kirche als sichtbarer Gemeinschaft annehmen, deren Mitglieder füreinander eintreten können. So kommt er zur Unterscheidung von Fürbitte und Anrufung und damit auch zur Möglichkeit angemessener Heiligenverehrung. Es finden sich im Band berührende Gebete zum Beispiel an Josef und natürlich an Philipp Neri, dessen Weltpriester-Gemeinschaft des Oratoriums Newman als seinen Weg des gemeinschaftlichen Lebens erkannte.

Wie er seine Gedanken entwickelt und dabei auch den theologisch weniger Gebildeten mitnimmt, erweist Newman als guten Didaktiker. Er geht langsam, Schritt für Schritt, vor, nimmt die Fragen seiner Zuhörer vorweg. Über das Ende des Lebens: „Alle Schattenbilder werden eines Tages schwinden. Was werde ich alsdann beginnen? Nichts wird mir bleiben als der allgewaltige Gott. Wenn ich im Gedanken an ihn keine Freude finde, wird es in jener Stunde keinen mehr geben, der mir Freude bereiten könnte. Gott und meine Seele werden die einzigen Wesen sein in der ganzen Welt, soweit sie mich angeht. Er wird alles in allem sein, ob ich es wünsche oder nicht.“ Und warum wir uns auf den Himmel doch freuen sollen: „Du (= Gott) bist zwar in Wahrheit unveränderlich, und doch sind immer neue, noch herrlichere Tiefen und unbekannte Vollkommenheiten in Dir zu ergründen. Wir werden ewig von vorne anfangen, Dich zu betrachten, als hätten wir Dich nie geschaut.“ Der Band enthält auch regelrecht theologische Ausführungen, wie das „Memorandum über die Unbefleckte Empfängnis“ aus der Zeit, als Newman bereits als Krypto-Katholik bekannt war und sich verteidigen musste. Aber auch hier kann man seinen Gedankengängen ohne Weiteres folgen, die innere Klarheit spricht für sich selbst und setzt sich durch. Newman hat – in einer Zeit, die dieses Konzept bereits hinter sich gelassen hatte – keine Grenze zwischen Schauen und Ergründen, zwischen wissenschaftlicher Analyse und betender Aneignung aufkommen lassen: Ein Universalist also, wie es alle großen Theologen sind. Es verwundert nicht, dass er auch in Lexika englischer Literatur auftaucht: Als wichtiger Hymnendichter, mit „Lead, kindly light“ als wohl schönstem Choral seiner Zeit. Sein Oratorium „Der Traum des Gerontius“ wurde 1900 genial von einem anderen großen britischen Konvertiten, Edward Elgar, in Töne gesetzt.

Newman kann in diesem Band von Betrachtungen, der in deutscher Sprache lang verschüttete oder noch gar nicht zugängliche Texte zusammenführt, entdeckt werden als Pädagoge des Glaubens. Nicht intellektuelle Glasperlenspiele waren seine Sache, sondern er will das selber Erfahrene mit anderen teilen. Viele der Gebete sind für die Pfarr- und Priestergemeinschaft des Oratoriums von Birmingham geschrieben, das Newman 1848 gegründet hatte. In diesem Teil der Stadt lebten damals in erster Linie arme Industriearbeiter und ihre Familien. Von ihnen wollte er verstanden werden, sie wollte er zu Christus führen. In ihrer Schlichtheit dienen die Texte diesem Ziel. Sie können auch heute in ihrer uneitlen, jeder Gefühlsduselei abholden Art Leitsterne sein auf dem Weg zu Gott.

John Henry Newman: Betrachtungen und Gebete, Einführung von Paul Bernhard Wodrazka, Kleine Bibliothek des Abendlandes Bd. 6, hrsg. von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Gudrun Trausmuth, Be & Be-Verlag, Heiligenkreuz, 2019, 302 Seiten, ISBN 978-3-903118-74-4, EUR 21,90