„Benedikt ist ein Papst der Ökumene“

Bischof Gerhard Ludwig Müller, Vorsitzender der Ökumenekommission der deutschen Bischofskonferenz, hebt die jahrzehntelange Erfahrung

des Nachfolgers Petri hervor: Der Heilige Vater kennt die theologischen und emotionalen Bedingungen des Dialogs sehr genau

Exzellenz, die deutschen Bischöfe bemühen sich, ermutigt durch den Heiligen Vater, um eine Kirche für die Christen in Tarsus, von evangelischer Seite kam bisher wenig. Auch ein gemeinsamer Gedenktag für verfolgte Christen kam nicht zustande. Was steht mehr gemeinsamem Handeln im Weg?

Papst Benedikt XVI. hat sich deutlich für eine Kirche im Geburtsort des Völkerapostels Paulus ausgesprochen. Die Bedeutung des heiligen Paulus für die Verbreitung der Botschaft Jesu bis an die Grenzen der Erde, die im letzten Jahr mit dem Paulusjahr noch einmal betont wurde, muss für uns immer auch Verpflichtung sein. Deshalb ist eine Kirche dort, wo das Leben und Wirken des Völkerapostels begonnen hat, auch eine Verbindung mit unserer Tradition und unseren Wurzeln. Die Gespräche sind aber mühsam. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Meisner, hat sich mit großem Engagement bemüht. Und die deutschen Bischöfe setzen alles daran, das Projekt umzusetzen. Ein gemeinsamer Gedenktag für die verfolgten Christen wäre gerade in unserer Zeit notwendig. Politisch und publizistisch wird systematisch verschwiegen und vertuscht, dass Christen in vielen Ländern der Erde verfolgt, eingesperrt und ermordet werden. Für die Rechte der Christen überall auf der Welt einzutreten wäre dringend notwendig. Dass es bisher nicht zu einem ökumenischen Engagement gekommen ist, liegt auch an der Vielfalt der kirchlichen Gemeinschaften und weil ein für alle verbindliches Organ und eine für alle sprechende Stimme noch fehlt. Der Appell an die gemeinsame Verantwortung für das Christentum in Tarsus wird auch hier gefragt sein.

Von seiten des russisch-orthodoxen Patriarchats ist zu hören, dass ein universaler Primat des Papstes inakzeptabel sei. Gilt das für die Orthodoxie insgesamt?

Die orthodoxe Welt ist sehr vielschichtiger und internationaler, als wir im Westen wahrnehmen. Dabei spielen lange Traditionen innerhalb der orthodoxen Kirche ebenso eine Rolle, wie regionale Prägungen. Bedeutsam ist aber die Übereinstimmung in entscheidenden Themen der Theologie. Das Sakramentsverständnis, das Eucharistie- und Amtsverständnis erwachsen aus der gemeinsamen ekklesiologischen Wurzel und sind deshalb auch die Grundlage eines vertrauensvollen Dialogs. Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ dazu aufgerufen, den Primat des Papstes aus seiner ökumenischen Bedeutung heraus neu zu beschreiben. Das bedeutet nicht ihn zu relativieren. Aber ihn interessant zu machen für, wie in diesem Fall, die orthodoxe Kirche in Russland. Der Dialog mit dem Moskauer Patriarchat, den ich für die Deutsche Bischofskonferenz führen darf, ist hier eine Chance, der Einheit und Gemeinschaft der Christen in der einen Kirche, wie Christus sie will, näherzukommen.

Eine Begegnung des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen erscheint derzeit als diplomatisches Kabinettstück. Wer ist eigentlich derzeit die treibende Kraft?

Der Papst selbst ist sehr an einer Begegnung mit hochrangigen Vertretern der orthodoxen Kirche interessiert. Seit den 1970er Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Ökumene mit den orthodoxen Christen. Eine Annäherung auf theologischen Weg im Geist der Kirchenväter spielt dabei natürlich eine besondere Rolle.

Wo will der Papst auf dem Weg zur Einheit konkret ansetzen?

Es ist das Herausstellen der Gemeinsamkeiten, all der Punkte, die uns in besonderer Weise verbinden und die sachliche und fundierte Beschäftigung mit den theologischen Unterschieden. Dabei ist natürlich zu betonen, dass gerade die Übereinstimmung mit den Orthodoxen so groß ist, dass es nur ein kleiner Schritt wäre, zu einer auch sichtbaren, das heißt sakramentalen Einheit zu kommen.

Wenn Sie unter den Theologen verschiedener Konfessionen und Denominationen eine Liste der „Top ten“ des ökumenischen Dialogs aufstellen sollten, mit denen der Papst sich berät und austauscht, wer hätte da seinen Platz?

Das ergibt sich aus dem Gespräch der Verantwortlichen in den Konfessionen und kirchlichen Gemeinschaften. Ökumene kann nur auf dieser Ebene gelingen und den Weg in die Zukunft eröffnen. Dazu braucht es Autorität und das Wissen von Experten sowie das vertrauensvolle Hinhören auf den Willen Jesu. Die Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit der Kirche kann allerdings nicht konstruiert werden gleich einer Fusionierung zweier oder mehrerer Unternehmen. Es gehört immer ein Ringen um die Wahrheit dazu. Deshalb wird man nicht einen ökumenischen „Vorstand“ wählen, der mit dem Papst die Verhandlungen führt. Es gibt nur eine Kirche Jesu Christi und die muss als sichtbare Communio in der Welt aufleuchten. Da reichen keine rein menschlichen Diskussionen, sondern da benötigen wir das Gebet und die konkrete Hinwendung zu Jesus Christus.

Welche Ereignisse haben den ökumenischen Dialog in diesem Pontifikat geprägt?

Erst vor ein paar Tagen hat Papst Benedikt XVI. die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom besucht und damit einen Akzent gesetzt. Aber auch bei seinen Besuchen in Deutschland, etwa beim Weltjugendtag in Köln oder in seiner bayerischen Heimat, kam es zu Begegnungen mit den Protestanten und den Orthodoxen. In Regensburg haben wir eine ökumenische Vesper im Dom gefeiert, in der das gemeinsame Gebet der Psalmen und das Hören des Wortes Gottes im Mittelpunkt stand. Oder die Pastoralreise in das Heilige Land, bei der es viele Gelegenheiten gegeben hat, sich mit den Schwestern und Brüder im Glauben zu treffen. Papst Benedikt XVI. ist ein Papst der Ökumene, der die theologischen und emotionalen Bedingungen eines solchen Dialogs genau kennt, weil er seit über fünfzig Jahren sich mit der Thematik beschäftigt. Der nächste Band der von mir herausgegebenen Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers legt die Texte zur Ekklesiologie und zur Ökumene vor. Da wird deutlich, wie intensiv er sich in seinen Arbeiten damit beschäftigt hat.

Wie realistisch erscheint Ihnen, dass Kardinal Kaspers Vorschlag eines ökumenischen Katechismus in diesem Pontifikat in Angriff genommen wird?

Ein neuer Katechismus erscheint mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer zu realisieren. Erst vor einigen Jahren kam der Katechismus der Katholischen Kirche, der auch neue Maßstäbe gesetzt hat. Es wäre sicherlich hilfreich, wenn sich die Christen ihrer Gemeinsamkeiten bewusst werden würden. Wir schauen immer auf Unterschiede, auf das, was uns noch trennt oder auf das, was nicht oder noch nicht geht. Wir sollten vielmehr auf das uns Verbindende achten. Vor knapp drei Jahren wurde eine Erklärung zur Wechselseitigen Taufanerkennung unterzeichnet, vor etwas über zehn Jahren die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung, in München begehen wir im Mai den 2. Ökumenischen Kirchentag – das sind Chancen, das Gemeinsame, vor allem mit Blick auf die Weltverantwortung zu betonen und in den Mittelpunkt zu stellen. Die Christen sollen ihre Stimme beim Lebensschutz, bei zweifelhaften politischen oder medialen Aktionen erheben. Das gehört auch zur Ökumene.

In den achtziger Jahren formulierte Kardinal Ratzinger (in „Kirche, Ökumene und Politik“, erschienen im Johannes-Verlag) zwei Grundfiguren moderner ökumenischer Theologie: erstens die Konziliarität der Kirche und zweitens „Traditionibus/sola scriptura“. Haben diese Grundfiguren auch heute Gültigkeit?

Entscheidend bei der Suche nach der Einheit ist, und das beschreibt der damalige Kardinal Ratzinger in einem Brief an den Herausgeber der Theologischen Quartalsschrift, in mehreren Schritten: Zum einen müssen die bestehenden Gemeinsamkeiten herausgestellt werden: dass wir die Bibel als Wort Gottes gemeinsam lesen können, dass uns das von den alten Konzilien vorgegebene Bekenntnis zum Dreieinigen Gott, zur Taufe und zur Lehre über den Menschen gemeinsam ist und im täglichen Vollzug vertieft wird. Auch unterschiedliche Traditionen, die in der Kirche immer gelebt wurden, waren nie ein Hindernis, sondern Bereicherung kirchlicher Wirklichkeit – wenn wir etwa an die liturgischen Ritenfamilien denken, die aber inhaltlich das sakramentale Geschehen in der Eucharistiefeier mittragen – hier gibt es Vielfalt, die nicht trennt, sondern bereichert. Papst Benedikt XVI. wird uns sicherlich noch mit ökumenischen Initiativen überraschen und selbst, auch in Zukunft, zu einem Mitarbeiter an der Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit werden.

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