Bekenntnis zu Christus in Wort und Tat

Kölner Glocken auf der Schallplatte, faszinierende Jesuiten und Hirten im Leben – Warum ich trotzdem nicht katholisch werde. Von Helmut Matthies
Foto: dpa | Auf die persönliche Beziehung zu Christus kommt es an: Zwei Mitglieder des päpstlichen Chores Cappela Musicale Pontifica „Sistina“ fotografieren in Wittenberg den Cranach-Altar.

Theologie ist zu 80 Prozent Biografie.“ Das bläute uns Studenten mein verehrter theologischer Lehrer – Professor Helmut Thielicke – während meines Theologiestudiums in Hamburg ein. Von daher ist mein Beitrag auch sehr persönlich bestimmt. Um es vorweg zu sagen: Meine Begegnungen mit Katholiken waren fast immer positiv, ebenso habe ich als Journalist weithin gute Erfahrungen mit der katholischen Kirche gemacht. Weshalb ich dennoch nicht katholisch geworden bin, hängt nicht nur mit wenigen theologischen Bedenken zusammen, sondern vielmehr mit der Entwicklung der Kirche in Deutschland.

Aber nun der Reihe nach. Ich bin in einem Dorf zwischen Hannover und Braunschweig aufgewachsen, in dem es bis 1945 unter den etwa 1 800 Einwohnern nur einen einzigen Katholiken gab. Nach der Vertreibung aus Schlesien zogen etwa 200 Katholiken in unser Dorf. Meine Familie wohnte außerhalb mitten im Wald, in dem meine Eltern eine Gastwirtschaft betrieben. Als es mit ihr wirtschaftlich bergab ging, kam meinem Vater der Wunsch, der katholischen Gemeinde aus den umliegenden Dörfern gelegen, ihr doch den Tanzsaal mit rund 400 Plätzen zu verpachten. Wo lange das Tanzbein geschwungen wurde, fanden nun Messen statt. Mein damals noch atheistischer Vater betätigte sich ehrenamtlich als Glöckner, indem er vor der Messe in unserer Gaststube die Schallplatte mit dem Geläut des Kölner Doms auflegte. Unter Bäumen vor unserer Gastwirtschaft gab es eine im Sommer viel genutzte Tanzfläche mit Lautsprechern, aus denen nun das Geläut kilometerweit zu hören war.

Die katholische Gemeinde wuchs. Schließlich verkaufte mein Vater einen Teil unseres Grundstückes. Der Saal wurde abgerissen, und dort, wo bisher unter Bäumen getanzt wurde, entstand bis 1967 in Fertigbauweise eine schöne katholische Kirche samt Pfarrhaus. Als evangelischer Jugendlicher habe ich mit Staunen ein lebendiges katholisches Gemeindeleben mitbekommen. Die Kirche konnte Sonntag für Sonntag die vielen Gläubigen nicht fassen. Eine ganze Traube musste draußen stehen. Die Gesänge sind mir bis heute im Ohr.

Die drei Priester, die ich dort im Laufe der Jahre erlebte, habe ich als Vorbilder in Erinnerung. Besonders der letzte – Pfarrer Vöcking – hat mich beeindruckt. Für alle Priester war mein Vater ein gefragter Gesprächspartner. Es stand ja neben ihrem Pfarramt nur unsere Gaststätte. Es gab fast keinen Abend, an dem nicht der Priester zu uns ins Haus kam. Mein Vater war eine Art Beichtvater, ohne die Beichte abzunehmen – wie Pfarrer Vöcking bei der Trauerfeier für ihn sagte. Als mein Vater im Sterben lag, stand er 24 Stunden an seinem Bett. Ich ermunterte ihn immer, sich doch mal schlafen zu legen. Doch er wartete, bis mein Vater in meinen Armen heimging. Nur wenige Jahre danach – Anfang der 90er Jahre – wurde Pfarrer Vöcking versetzt. Seitdem steht das Pfarrhaus leer. Der Priestermangel im Bistum Hildesheim ist unbeschreiblich. Das Gemeindeleben in meiner Heimat ist nur noch ein Schatten im Vergleich zu den 60er bis 80er Jahren.

Beeindruckt schon vom Verhalten des ersten Priesters (ab 1961 Pfarrer Krebs), interessierte ich mich als Schüler für die katholische Kirche. Besonders die Jesuiten hatten es mir angetan, weil ich wissen wollte, wie ein Orden beschaffen sein muss, der es schaffte, in der Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert riesige protestantisch gewordene Gebiete zu rekatholisieren. Ich fuhr an einem Sonntag 1971 zur Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, klingelte und erklärte: „Ich möchte mal einen Jesuiten kennenlernen.“ Es kam ein älterer Mann: Pater Theodor Becker. Er faszinierte mich nicht nur am ersten Tag. Er ist bis zu seinem Tod Anfang der 80er Jahre zu meinem Seelsorger geworden. Ich besuchte damals ein kirchliches Internat im Vogelsberg und kam fast jeden zweiten Sonntag zu ihm. Auch während meines Theologiestudiums in Berlin, Hamburg und Heidelberg, meiner Zeit als Vikar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und in meinen Anfangsjahren (ab 1977) bei der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“ mit Sitz in Wetzlar hielt ich engen Kontakt und belegte auch zwei Gastsemester an der Hochschule. Dort erlebte ich beim gemeinsamen Mittagessen mit den Jesuiten auch Professor Oswald von Nell-Breuning, mit dem ich einige Gespräche führen konnte. Aber Pater Becker blieb in seiner Bescheidenheit und brüderlichen Zuwendung mein großes Vorbild bis zu seinem irdischen Lebensende.

Ich erinnere mich noch sehr gut, als plötzlich ein dicker Brief bei mir zu Hause eintraf. Darin fand sich ein Buch über Ignatius von Loyola, den Gründer des Jesuitenordens, und ein Brief, in dem mir Pater Becker mitteilte, dass er sehr bald sterben würde aufgrund einer schweren Krebserkrankung (die er mir verschwiegen hatte). Gleich am nächsten Tag besuchte ich ihn in der Uniklinik. Wir hatten ein letztes tiefbewegendes Gespräch mit einem abschließenden Segensgebet.

Ich war inzwischen ordinierter Pfarrer und beurlaubt von der hessen-nassauischen Kirche für den Dienst als Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“, die dem evangelikalen Dachverband Deutsche Evangelische Allianz theologisch nahesteht. Als evangelikal (der Duden übersetzt es mit: „die unbedingte Autorität des Evangeliums vertretend“) bezeichnen sich seit Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts nach angloamerikanischem Vorbild vor allem theologisch konservative Protestanten, die früher oft Pietisten genannt wurden. Ich erlebte Ende der 70er und in den 80er und 90er Jahren zahlreiche evangelische Kirchenleiter, die sich dem Zeitgeist theologisch, ethisch und politisch angepasst hatten. Demgegenüber standen katholische Bischöfe, die für mich wie ein Fels in der Brandung wirkten, allen voran Joachim Kardinal Meisner in Berlin und Köln und Erzbischof Johannes Dyba in Fulda. Zu den Höhepunkten meines journalistischen Lebens gehörte ein Besuch bei Dyba 1996 und ein langes Interview, das ich mit ihm führen durfte.

Schon in den ersten Jahren meiner Zeit bei „idea“ hielt ich Kontakt zu katholischen Journalisten vom „Kolpingblatt“, der „Tagespost“ und KNA. Es bildete sich sogar ein mehrere Jahre lang währendes evangelikal-katholisches Medientreffen. Wir kamen – meist in Wetzlar – zusammen, um in der Bibel zu lesen, zu beten und uns über geistliche Fragen auszutauschen. Daraus erwachsen ist seit 1997 ein etwa fünfmal im Jahr für einen Tag zusammenkommender Medienhauskreis. Dankbar stelle ich fest, dass sich zunehmend Katholiken als evangelikal verstehen oder sogar bezeichnen, wie der Youcat-Erfinder Bernhard Meuser oder der Verleger Ralf Markmeier. Auch die zum Katholizismus konvertierten Protestanten Christa Meves oder Birgit Kelle stehen in vielem der evangelikalen Bewegung ebenso sehr nahe wie der Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz. Bernhard Meuser schätzt, dass etwa 20 bis 25 Prozent der praktizierenden Katholiken im deutschsprachigen Raum evangelikal orientiert seien. Ihre Kennzeichen sind wie bei den protestantischen Evangelikalen eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus und die intensive Lektüre der Heiligen Schrift als Gottes Wort.

Tief beeindruckt haben mich auch mittlerweile drei Treffen mit deutschsprachigen katholischen Medienleuten in Rom, die vom FE-Medienverlag in Kißlegg und dem Vatican-Magazin organisiert werden. Besonders Begegnungen mit Kardinal Kurt Koch haben mich geprägt. Nach dem zweiten Treffen rief ich vom Flughafen in Rom meine Frau mit den Worten an: „Wenn ich hier noch eine Stunde länger Kardinal Koch erlebe, trete ich über.“ Das Flugzeug wartete nicht.

Was mir theologisch vor allem am Katholizismus zu schaffen macht, ist die Rolle Marias. Auch Martin Luther hat Maria als Mutter des Sohnes Gottes zu Recht verehrt, und viele Protestanten tun es heute viel zu wenig. Aber die Bedeutung, die Maria in der katholischen Theologie zugedacht ist, halte ich für unbiblisch. Natürlich gibt es das Magnificat. Aber andererseits auch die geradezu menschlich brutale Zurückweisung Marias durch Jesus, wenn er bei der Erzählung von der Hochzeit zu Kana (Johannes 2,3–4) sagt: „Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue?“, oder über seine Verwandtschaft (Matthäus 12,46–50): „Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Als weitere Stellen könnte man benennen Matthäus 10,37; Lukas 14,26; Lukas 2,48–50.)

Ich hatte während der letzten römischen Tagung im Februar gleich mehrere Gespräche über Maria. Mir wurde immer wieder gesagt, dass man zwar nicht zu Maria bete, sie aber anrufe und um Hilfe bitte. Für diese Möglichkeit finde ich keinen biblischen Beleg. Im Gegenteil: Zahlreiche Stellen wie „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ aus den „Ich bin“-Worten Jesu (der Weg, die Wahrheit, das Leben, Johannes 14,6) verbieten geradezu eine auch nur irgendwie geartete Nebeninstanz. Oft wird mir dann gesagt: „Maria ist für die kleinen Probleme zuständig, für die großen wenden wir uns natürlich an Jesus Christus.“ Doch die Evangelien bezeugen, dass Jesus – wie er selbst sagt – für alle Sorgen zuständig sein will.

Geradezu schockiert hat mich im letzten Jahr ein Besuch in der bis 1945 größten evangelischen Kirche der Welt, der Marienkirche in Danzig. Wenn man reinkommt, blickt man auf ein riesiges Marienbild auf dem zentralen Altar. Jesus gab es nur auf Nebenaltären zu sehen. Er scheint hier keine Rolle mehr zu spielen. Doch nach dem Neuen Testament ist nun mal Jesus allein der Eckstein. Maria ist verehrungswürdig, weil sie Gott gehorsam war und seinen Sohn gebar. Aber sie ist trotzdem eine Sünderin wie wir alle, und es gibt keinen biblischen Beleg für das Gegenteil, geschweige denn die Möglichkeit, sie anzurufen. Auch manches andere verstehe ich an der katholischen Lehre nicht, wie die überaus dominierende Rolle der Priester und den Ablass.

Man könnte sich natürlich die Frage stellen: Was bedeuten schon diese Unterschiede im Vergleich zu den Irrlehren, die von manchen evangelischen Kirchenleitern vertreten werden, die beispielsweise die leibliche Auferstehung Jesu oder seinen Sühnopfertod leugnen? Doch bisher gilt im Protestantismus offiziell das Apostolicum, und in allen Landeskirchen werden die Pfarrer auf die Bibel und das darauf gründende Bekenntnis ordiniert. Auch mich durchschoss angesichts mancher Irrwege meiner Kirche immer mal wieder der Gedanke an einen Wechsel – besonders nach den vorzüglichen drei Jesus-Büchern von Papst Benedikt XVI., die beispielhaft evangelisch (gleich evangeliumsgemäß) sind.

Aber wohin würde ich heute übertreten? In den letzten Jahren hat meiner Ansicht nach eine Protestantisierung der deutschen (!) katholischen Kirche im unguten Sinne stattgefunden. Katholische Bischöfe sehen sich offenbar weithin nicht mehr als Alternative zu vielen evangelischen Kirchen, sondern vertreten mit ihnen gemeinsam bedenkliche Positionen. So ist beispielsweise die „Woche für das Leben“, die 1991 von der katholischen Kirche initiiert wurde, um die Bevölkerung für den Schutz ungeborener Kinder zu sensibilisieren, zu einer Allerweltsveranstaltung verkommen. Das liegt zwar vor allem am Einfluss der evangelischen Seite, die 1994 dazukam, aber früher hätte die katholische Kirche eine derartige Aufweichung nie geduldet, schließlich geht es bei der Tötung von zehntausenden Kindern um das größte Verbrechen in Deutschland seit 1945.

Überhaupt lese, höre und sehe ich zu immer mehr Themen von katholischen Bischöfen und Organisationen theologisch seichte und politisch angepasste Aussagen, wie ich sie bisher nur von vielen evangelischen Kirchenleitern und Werken kannte und kenne. Dass auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in Jerusalem das Kreuz abgenommen hat, ist für mich wie ein Symbol dieser unheilvollen Protestantisierung gewesen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen wie die Bischöfe Gregor Maria Hanke, Rudolf Voderholzer, Stefan Oster und Kardinal Rainer Maria Woelki (den ich als geistlich-seelsorgerlichen Mann sehr schätze, weniger wegen mancher politischer Aussagen). Besonders ein Interview mit Stefan Oster aus Passau hat mich im letzten Jahr derart beeindruckt, dass ich es als Titelgeschichte in unser Wochenmagazin ideaSpektrum genommen habe. Das war feinste evangelische Botschaft.

Ich sehe eine große ökumenische Verheißung darin, wenn wir uns als Evangelische und Katholiken auf das „Allein Christus“ einigen könnten. Denn das Bekenntnis zu Christus in Wort und Tat ist die Eintrittskarte in den Himmel (Matthäus 10,32).

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea e. V.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier