Angst hat der sündige Mensch

Von Gottes- und Menschenfurcht: Warum die Bibel keinen Unterschied zwischen Angst und Furcht kennt. Von Klaus Berger
The statue of Jesus Christ at the Resurrection of our Lord parish church is silhouetted during sunrise in Paranaque city, Metro Manila
Foto: dpa | Nicht Gott ist es, der Angst macht, sondern Angst vor dem strafenden Gott, also vor Sünde, Tod und Teufel hat der Mensch, der sich im Gestrüpp der eigenen Sünden verfangen hat.
The statue of Jesus Christ at the Resurrection of our Lord parish church is silhouetted during sunrise in Paranaque city, Metro Manila
Foto: dpa | Nicht Gott ist es, der Angst macht, sondern Angst vor dem strafenden Gott, also vor Sünde, Tod und Teufel hat der Mensch, der sich im Gestrüpp der eigenen Sünden verfangen hat.

Das gehört zu einer typischen Ostergeschichte: „Fürchte dich nicht!“ oder „Fürchtet euch nicht!“, das sagt der Engel am Leeren Grab oder so sagt der Auferstandene, der den Jüngern erscheint. Denn dass ein Toter lebendig ist, dass ein Grab leer ist und dass dort nicht bleiche Gespenster, sondern strahlende Engel erscheinen, das ist in jedem Falle einen Schrecken wert. Gott durchbricht die Normalität, das Unfassbare wird überwältigende Gegenwart. Wir reagieren verstört. Wir haben uns an die Übersetzung gewöhnt „Fürchte dich nicht!“, und dabei haben wir die Angst unter der Hand veredelt, die doch das eigentliche Thema hier ist. Denn wir meinen, Angst wäre das böse und schädliche Verhalten, Furcht das gute. Doch eine Unterscheidung zwischen Furcht und Angst kennt die Bibel nicht, weder im Hebräischen noch im Griechischen. Und statt „Fürchte dich nicht!“ könnte man genauso gut sagen: „Habt keine Angst!“ Denn Angst ist die Reaktion der armen, schwachen, verstörten Kreatur, wenn Gott plötzlich eingreift. Übrigens könnte man auch übersetzen: „Keine Panik!“ Denn das Wort Panik stammt aus der Hirtensprache. Es ist bezogen auf den Gott Pan, der sich in der Mittagsstille plötzlich durch einen Knall oder unerwarteten Schrei zu erkennen gab, wie man meinte. Um ein derartiges unerwartetes Lebenszeichen mitten in der Stille geht es auch zu Ostern. Denn in der Friedhofsstille des frühen Morgens nach Sonnenaufgang ist ein Engel, der spricht oder ein Toter, der lebt, Grund zur Panik. Außerdem weiß man jeweils bis auf Weiteres nicht, ob der Erscheinende nicht ein Gespenst, ein Totengeist ist. Und weil derjenige, der erscheint, die Zeugen der Erscheinung jeweils intensiv „bestrahlt“ und sich ähnlich macht, wäre ein Totengeist eine tödliche intensive Berührung mit dem Tod gerade so wie die Begegnung mit einem Auferstandenen, der also lebt, gleichfalls Anteilhabe und Bevollmächtigung nun zum Positiven hin bedeutet. Beispiele: Paulus oder die Verbindung der Auferstehungsvisionen nach den Evangelien mit Sendung und Bevollmächtigung. Immer aber muss es sich erst erweisen, wer der Erscheinende ist, ein Totengeist oder ein Bote Gottes. Bei Lukas geschieht das, indem der Auferstandene etwas zu essen verlangt, denn er hat einen richtigen Leib und ist also kein Gespenst. Denn Gespenster bzw. Totengeister können nicht essen.

Warum aber heißt es: „Keine Angst!“, „Keine Panik!“? Warum diese Abfolge von Schrecken und Beruhigung? Die Abfolge lautet in jedem Falle: Erstens der Schrecken, zweitens die Beruhigung. Der Schrecken bleibt eben nicht, sondern kann geheilt werden, wenn auch nicht automatisch. Beides folgt notwendig aufeinander. Und das ist ein wichtiger Unterschied zu den Skeptikern und unerweichbar harten Ungläubigen aller Zeiten: Der Skeptiker meint, weder Angst noch Beruhigung seien irgendwie sachgemäß, angemessen oder realistisch. Vielmehr möchte er unter allen Umständen cool bleiben, unerschütterbar. Nicht erst jetzt, schon seit vielen Jahrhunderten kämpft die Kirche bei der Verkündigung gegen diese „coolness“ der Menschen an. Denn das Evangelium ist keine neutrale Information, die es nur zu speichern gilt. Sondern Begegnung mit Gott, Verwandlung in jedem Falle, Begegnung mit unfassbarer Macht.

Die Macht, der wir begegnen, zum Beispiel beim Gebet und nicht nur bei Visionen, ist und bleibt gefährlich, nämlich höllisch oder göttlich. Deshalb bekreuzigen wir uns vor dem Gebet und zum Beispiel wenn wir das Magnificat singen. Denn das Kreuz vertreibt die bösen Geister und den Teufel. Denn wenn wir beten, begeben wir uns in eben jenen riskanten Raum, in dem entweder die Mächte der Finsternis oder der liebende Gott des Lichtes uns begegnen. Und so ist es auch bei einer Erscheinung: Jesus oder der gute Engel sagen „Fürchte dich nicht“, denn sie trösten und schützen uns dann, wehren den Teufel ab, der gerade dann „fressbereit“ aufzutreten pflegt („er sucht, wen er verschlinge“).

Aber gilt das denn generell und grundsätzlich und in jedem Fall, dass wir vor Gott keine Angst haben sollen, weil er unser Gutes und Bestes will und uns immer und vor allem schützt? Die modernste und neukatholische Verkündigung und Seelsorge tut und sagt oft, dass dies so sei. Angst habe keinen Platz in der Religion. So lassen wir dann unsere Ängste an der Kirchtüre zurück und hören, Gott sei wie ein großer schwarzer Hund, von dem man sagen darf: „Er tut nichts, er will nur spielen“. Und man kritisiert dann als undiskutabel und lächerlich, dass Katholiken früher Angst hatten, zum Beispiel Krümel von konsekriertem Brot oder gar einen Schluck von konsekriertem Wein zu vergießen. Vor allem hatte man Angst vor der Beichte und vor der Hölle. Bis dann eines Tages ein Professor aus Tübingen schrieb, eine Hölle gäbe es gar nicht, und andere sagten, Partikel von Brot und Wein müsse man nicht mit ängstlicher Sorgfalt hüten. Und eigentlich könne man auch nie wirklich bestraft werden, weder in der Hölle noch im Leben noch in der Weltgeschichte. Denn Gott sei „lieb“. Und damit sind wir genau beim neukatholischen „lieben Gott“. Was als gut gemeinte Therapie gegen kirchlich verursachte („ekklesiogene“) Angstneurosen gestartet wurde, endete in einer umfassenden und äußerst folgenschweren Veränderung und Umkehrung des Gottesbildes. So blieben unsere Ängste draußen vor der Kirchtüre. Doch eigenartiger Weise wurden wir nicht wirklich von unseren Ängsten geheilt. Also doch Angst „wie früher“? Müssen Omas Höllenängste wieder aufgewärmt werden? Hätte Luther zur Beseitigung seiner Höllenängste im Erfurter Augustinerkloster lieber ein Helles trinken oder Krimis lesen sollen?

Oder liegt die Lösung dieses schwierigen Problems vielleicht in der Mitte, dass die Ängste zwar wirklich in die Kirche und vor dem Altar gebracht werden sollten. Denn nur dort können sie auch überwunden werden. Ich komme gerade aus dem Donaukloster Weltenburg. Die prächtige Klosterkirche, erbaut von den Asams aus München, bietet im Altarraum dreidimensional eine dramatische Szene: den Triumph des Heiligen Georg über den Drachen (links) und über aberwitzige Phantasiegestalten (rechts). In der Mitte St. Georg auf einem prächtigen, kräftigen Pferd. Manch ein Mönch hat schon beim Zelebrieren am Altar direkt unter diesen Gestalten unter dieser Monumentalszene Angst bekommen, unter die Krallen oder Hufe zu geraten, konfrontiert mit Drachen, Pferd und der widerlichen Ausgeburt von Angstphantasien. Alles also, vor dem man Angst haben kann, kommt hier vor: Drache, Kriegsross, bizarre Phansiegebilde. Aber die Angst wird benannt, man erkennt sie wieder. Der Drache ist gut gebaut und mordskräftig. Doch es ist eben auch, und zwar in der Mitte, vom Sieg die Rede: St. Georg in Rüstung reitet mutig und tapfer geradeaus und blickt dem Kirchenbesucher direkt ins Gesicht. Ist das vielleicht die Lösung des neukatholischen Gottesproblems: die Ängste kommen vor, aber sie werden eindrücklich besiegt. Und das in einer Klarheit, die jedes Kind versteht.

Dazu aber gehört, dass man weiß, woher diese tiefgreifenden und wirklich ernst zu nehmenden Ängste kommen. Es sind nicht die Ängste vor den Eltern, Großeltern, Bundeswehr oder Finanzamt. Die Psychologie wollte uns weismachen, dass es immer wieder Ängste vor Menschen sind. Doch öfter sind das, sagt uns die Theologie seit Jahrhunderten, Ängste vor Gott, vor Sünde, Tod und Teufel. Und diese Ängste haben ihren Ursprung nicht darin, dass Gott uns Angst machen will, weil er das für die Kirchensteuer braucht.

Nicht Gott ist es, der Angst macht, sondern Angst vor dem strafenden Gott, also vor Sünde, Tod und Teufel, hat der Mensch, der sich im Gestrüpp der eigenen Sünden verfangen hat. Angst hat der Mensch, weil er Sünder ist und solange er dies ist. Er hat Angst vor den Folgen seines Tuns. Er hat nicht Angst vor der Heiligkeit Gottes, weil Gott heilig ist. Sondern weil er, der Mensch in seiner Schuld, unheilig ist. Wo aber der Auferstandene ihm mit dem Friedensgruß begegnet, strahlt die Heiligkeit des Siegers über den Tod und hebt die sündige Distanz auf. Das ist von Joh 20 gesagt : Die den Geist des Auferstandenen empfangen sind befreit von Sünde und können daher mit der Eigenen Vollmacht ab jetzt Sünden vergeben (Joh 20,22f). Auch bei Paulus ist das so, denn der Auferstandene erscheint ihm als der Sieger und schenkt ihm Christsein und Vollmacht. Und die Absolution bei der Beichte ist wie wenn der Herr oder sein Engel erscheint und sagt: „Hab keine Angst!“

Laut Mt 10,28 sagt Jesus: „Habt keine Angst vor denen, die euch zwar leiblich umbringen, doch euer Innerstes nicht töten können. Habt aber Angst vor Gott, denn er kann euch äußerlich wie innerlich in der Hölle umkommen lassen.“ In beiden Sätzen steht dasselbe griechische Wort „phobeomai“, wir kennen dieses Wort noch aus der „Phobie“. Es macht nun keinen Sinn, das erste Verb in Mt 10,28 mit „Angst“, das zweite mit „Furcht“ zu übersetzen. Denn es geht nicht um zwei verschiedene Verhaltensweisen, sondern um verschiedene Adressaten, Menschen oder Gott. Der Unterschied liegt nicht im Verhalten. Was ist die Angst, die Jesus hier empfiehlt? Es geht jedenfalls nicht um den allzu fein gesponnenen Unterschied zwischen Furcht und Angst. Die Bibel kennt hier keinen Unterschied. Und das heißt: Wir haben es an verschiedenen Stationen mit Gott zu tun: Wenn ein Mensch geboren wird oder wenn er stirbt. Wenn wir als Zeugen aufgefordert sind, mutig unser Leben oder jedenfalls unsere alltägliche Existenz zu riskieren, wenn es um christliches Zeugnis geht, wenn wir für unseren Glauben einstehen oder ihn verteidigen müssen. Wir begegnen Gott im Fremden und in der geliebten Frau/dem geliebten Mann. Wir begegnen Gott, wenn wir von Schönheit oder auch von Grauen und Entsetzen schier überwältigt sind. Und immer dann ahnen wir, wie groß Gott ist, wie unfassbar und wie zärtlich, kurzum, wenn wir, wie die Philosophen und Mystiker sagen, dem schrecklichen und zugleich faszinierenden Geheimnis begegnen.

Und Angst oder Furcht bedeutet dann, dass wir unsere Geringfügigkeit und Kleinheit bekennen, wie auch zugleich dass wir beschenkt, gewollt und begnadet sind. Furcht oder Angst bedeutet den Abstand zwischen Gott und Mensch sehen und achten und zugleich bewundern können, wie Gott selbst immer wieder diesen Abstand überwindet. In der Eucharistie, also bei der heiligen Kommunion, ist dieses beides auf die Spitze getrieben: Den wir angebetet haben, essen wir. Den, vor dem die Himmel zittern und dem sie mit Schweigen ergebenst dienen, finden wir in der Krippe zwischen Ochs und Esel. Den unfassbaren, unendlich großen und ewigen Gott finden wir im Bauch einer jungen Frau aus Nazareth namens Maria. Den, der den kleinsten Stern und den geringsten Regentropfen gemacht hat, treffen wir als einen, der sagt: Ihr Menschen seid in eurer Würde mein Abbild, in eurer Fähigkeit zu lieben, meine idealen Freunde und in eurer Sehnsucht nach mir meiner Sehnsucht nach euch vergleichbar. Denn in der Sehnsucht nach Liebe sind wir uns am ähnlichsten.

Schon die Heidenvölker der Antike haben das Innerste jedes Tempels als „adyton“ bezeichnet und haben sich ängstlich gehütet, diesen eigensten Bereich des Gottes zu verletzten. Wir beobachten: Die Angst beziehungsweise Furcht vor Gott äußert sich vor allem in der ängstlichen Rücksichtnahme auf gerade die Bereiche, in denen Gott jeweils verletzlich ist. Die christliche Botschaft gar sagt: Gott ist verletzlich wie ein menschliches Antlitz, ja, er wird verletzt, wenn wir diese heiligen Zonen wie profane behandeln. Also zum Beispiel, wenn wir Menschen schänden und entehren.

Deshalb muss Moses die Schuhe ausziehen, wenn er den heiligsten Ort der Gegenwart Gottes im brennenden Dornbusch betritt. Die Aufhebung des Unterschieds zwischen heilig und profan in der aufgeklärten Neuzeit, erkennbar zum Beispiel an dem aufgehobenen Unterschied zwischen heiligen Zeiten (Sonntag) und anderen, ist der Menschheit nicht gut bekommen. Denn die heiligen Zeiten und Orte schützten immer auch Menschen, zum Beispiel im Asylrecht. Hier wird Ehrfurcht vor Menschen zum ängstlichen Umgang mit Gottes Heiligkeit (Achtsamkeit). Und zuletzt dieses: Gott ist und bleibt gefährlich, wenn wir verletzen, was heilig ist.

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