„An der römischen Kirche von heute hätte Luther große Freude“

Ein Kirchenlehrer ist der Reformator nicht, meint Kardinal Kurt Koch, aber ein Lehrer des Glaubens – Ein Gespräch mit dem Präsidenten des vatikanischen Einheitsrats über die Ökumene mit den Lutheranern. Von Guido Horst
Foto: KNA | Will mit den Lutheranern eine gemeinsame Erklärung über Kirche, Eucharistie und Amt vorbereiten: Kardinal Kurt Koch.
Eminenz, abgesehen davon, ob wir das noch erleben werden: Von katholischer Seite aus bleibt die sichtbare Kircheneinheit ein Ziel der Ökumene. Wie würde im Fall der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchengemeinschaften der Akt einer Feststellung oder der Vollzug der Einheit aussehen? Wie kann man sich das, egal wann es passiert, konkret vorstellen? Was muss passieren, geschrieben oder unterzeichnet werden, damit dann zum Beispiel eine Kommuniongemeinschaft möglich wird?

Ich denke, dass es viel zu früh ist, jetzt schon etwas Konkretes sagen zu können, wie dies aussehen würde. Man muss vielmehr die grundsätzliche Frage stellen: „Was heißt sichtbare Kircheneinheit?“ In katholischer Sicht geht es um die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern. Dies bedeutet zunächst, dass bei den Grundfragen des Glaubens Konsens bestehen muss. Dies heißt freilich nicht, dass es nicht weiterhin Unterschiede geben könnte; doch diese Unterschiede, die verbleiben, dürfen keinen kirchentrennenden Charakter haben. Zweitens muss Einheit bei den Sakramenten und deshalb ein Konsens darüber gefunden werden, was ein Sakrament ist und wie viele Sakramente es gibt. Dazu gehört auch die Einheit bei den Ämtern, so dass diese gegenseitig anerkannt werden können. Bis all dies erreicht ist, wird noch viel Arbeit zu tun sein. Deshalb ist es zu früh, bereits jetzt konkret zu sagen, wie die Kircheneinheit aussehen könnte.

Aber könnte es zum Beispiel sein, dass Katholiken und Lutheraner eins werden und die Kommuniongemeinschaft herstellen, auch wenn die katholische Kirche weiter sieben Sakramente spendet, die Lutheraner aber nur beispielsweise vier oder zwei?

So, wie Sie die Frage stellen, kann ich sie nicht mit „Ja“ beantworten. Wenn es Gemeinschaft auch in den Sakramenten geben soll, muss ein Konsens auch darüber gefunden werden, wie viele Sakramente es gibt. Ich denke, dass man sich diesbezüglich bei den theologischen Diskussionen auf einem guten Weg befindet, indem man der Frage nach den Gründen nachgeht, warum die Reformatoren die Zahl der Sakramente beschränkt haben und welche theologische Überzeugung dahintersteht. Wenn man über diese Fragen tiefer nachdenkt, kann man zuversichtlich sein, dass hier weitere Schritte zur Verständigung möglich sind.

Wir hatten die große Luthertagung in Rom, die Ihr Päpstlicher Rat mitgetragen hat. Da ging es um Luther und die Sakramente und es wurde vor allen Dingen über vier Sakramente gesprochen: die Taufe, die Eucharistie, dann – bei den Lutheranern kein Sakrament – der Ordo und die Beichte. Im Falle einer Kircheneinheit müssten die Lutheraner also auch die Firmung, die als Sakrament geschlossene Ehe und Krankensalbung einführen?

Darüber müssen weitere Gespräche geführt werden, um zu einem Konsens zu kommen. Wichtig ist dabei, dass nicht die eine über die andere kirchliche Gemeinschaft urteilt, sie sei auf dem Holzweg, beispielsweise die katholische Kirche, weil sie sieben Sakramente anerkennt. Dann wäre Kirchengemeinschaft nicht möglich. Es muss deshalb ein Weg gefunden werden, wie man zu einer gemeinsamen Überzeugung kommen kann.

Ehrlich gesagt: Wenn das so ist, dann werden wir die Einheit von Lutheranern und Katholiken nicht mehr persönlich erleben...

Nein, dies würde ich so nicht sagen. In den verschiedenen Dialogen, auch bei der von Ihnen erwähnten Tagung in Rom, ist erneut deutlich geworden, dass bei diesen Fragen noch einige theologische Arbeit ansteht. Es ist aber auch bereits viel erreicht worden, wenn ich beispielsweise an den Dialog zwischen Lutheranern und Katholiken in Finnland oder an die Gespräche mit der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) denke. Hier nehme ich eine große Offenheit wahr, auf diese Fragen ernsthaft einzugehen.

Wir haben bis jetzt in Zukunft geschaut. Aber nun einmal ganz grundsätzlich gefragt – und bleiben wir im Jahr des Reformationsgedenkens bei den Lutheranern. Was verlangt, fordert oder erbittet die katholische Seite von der lutherischen? Zum Beispiel auch den Verzicht auf die Frauenordination?

In der Tat stellt die Frage der Frauenordination für die Anerkennung der kirchlichen Ämter und damit für den Weg zur Wiedergewinnung der Kirchengemeinschaft eine besondere Schwierigkeit dar. Diese Frage muss aber in einem größeren Zusammenhang aufgenommen werden. Ich habe im Dialog mit den Lutheranern vorgeschlagen, eine gemeinsame Erklärung über Kirche, Eucharistie und Amt vorzubereiten. In diesem Kontext muss auch die Amtsfrage geklärt und nach einer gemeinsamen Lösung gesucht werden. Aber ich wiederhole, dass die Frage der Frauenordination in ökumenischer Hinsicht ein großes Problem ist.

Sie erwähnten gerade Ihren Vorschlag einer gemeinsamen Erklärung zu Kirche, Sakramenten und Amt bis 2030, ähnlich der gemeinsamen Erklärung von 1999 zur Rechtfertigung. Da gibt es bereits Ansätze, Sie erwähnten Finnland. Auch aus den Vereinigten Staaten wird dieses Jahr zu diesem Thema etwas kommen. Wie sieht es aus mit den Lutheranern im deutschsprachigen Raum, ziehen die mit?

Im Sinne einer Klärung möchte ich betonen, dass ich keine zeitliche Vorgabe bis 2030 gemacht habe. Ich habe nur gesagt, dass 2030 ein wichtiges Jahr des Gedenkens sein wird, weil 1530 der Reichstag zu Augsburg mit der Verkündigung der „Confessio Augustana“ stattgefunden hat. Dies ist in der Reformationszeit der letzte Versuch gewesen, die Einheit noch zu retten. Und deshalb hoffe ich, dass man das Jahr 2030 ebenso gemeinsam wie 2017 begehen wird. Auf dem Weg dahin sollten wir uns mit der Vorbereitung einer gemeinsamen Erklärung beschäftigen. Sie ist die logische Konsequenz aus der gemeinsamen Erklärung über die Rechtfertigungslehre im Jahre 1999, in der auch vermerkt ist, dass die ekklesiologischen Konsequenzen dieser gemeinsamen Erklärung noch nicht beantwortet sind. Deshalb habe ich den Vorschlag einer gemeinsamen Erklärung über Kirche, Eucharistie und Amt gemacht. Und ich stelle dankbar fest, dass sich der regionale Dialog in Finnland mit diesem Vorschlag intensiv und positiv beschäftigt. Im katholisch-lutherischen Dialog in den Vereinigten Staaten liegt bereits ein gutes Ergebnis in der „Declaration on the Church, Ministry und Eucharist“ vor. Was auf der regionalen Ebene vorbereitet worden ist, müsste dann auf der universalen Ebene, im Gespräch mit dem Lutherischen Weltbund, weiter verfolgt werden. Auch hier spüre ich eine große Bereitschaft, sich auf diesen Weg zu begeben.

Nochmals gefragt: Wie sieht es konkret im deutschsprachigen Raum aus? Ich frage deshalb, weil 1999 gerade von deutschen lutherischen Theologen ziemlicher Widerstand gegen die Gemeinsame Erklärung kam. Sind die auch so bereit wie die Finnen und die Amerikaner, diesen Dialog wirklich fruchtbar zu machen und die hierfür nötigen Schritte zu gehen?

Diese Frage, wie die Lutheraner in Deutschland in diesen Prozess eingebunden sein werden, betrifft natürlich zuerst den Lutherischen Weltbund. Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen führt den Dialog nicht mit national organisierten Kirchen, sondern auf der universalen Ebene mit dem Lutherischen Weltbund. Aus Deutschland, auch beim Ratsvorsitzenden der EKD spüre ich heute freilich eine größere Offenheit als früher, sich auf diesen Weg einzulassen.

Muss man bei einem Konkretwerden der katholisch-lutherischen Einheit nicht auch die Orthodoxie einschalten?

Wenn man mit einer Kirche Kirchengemeinschaft eingeht, muss man natürlich Vorsorge treffen, dass ein solcher Schritt nicht zu einem Hindernis im Dialog mit anderen Kirchen wird. Man kann nicht die Einheit fördern, indem man neue Spaltungen provoziert. Auf der anderen Seite können positive Schritte in einem Dialog auch für die Gespräche mit anderen Kirchen hilfreich sein.

Kommen wir nun zu Martin Luther. Täuscht der Eindruck, dass mit dem Aufkommen des ökumenischen Gesprächs die katholische Kirche ihre Haltung allmählich geändert hat? Man will den Reformator nicht mehr nur verurteilen und als Kirchenspalter brandmarken, sondern nimmt ihn zur Kenntnis, will ihn besser verstehen und ihm auch gerecht werden. Man sieht beides: Dunkles und Helles, Schattenseiten und das Positive. Man sieht ihn als eine historische Person und Tatsache. Da hat es auch Trümmer gegeben. Nun möchte man weiter fortschreiten und nicht immer an dem Punkt stehenbleiben, dass man Luther als den Übeltäter darstellt...

Dies ist in der Tat das traditionelle Bild von Luther gewesen, das bereits zu seinen Lebzeiten von Johannes Cochlaeus vertreten worden ist. Er hat Luther als Zerstörer der Kircheneinheit, als Verderber der Sitten und als frechen Revolutionär verurteilt. Zu einer neuen Sicht von Luther ist es bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gekommen. Große Verdienste hat diesbezüglich der deutsche katholische Kirchenhistoriker Joseph Lortz erworben, der zwei große Bände über die Geschichte der Reformation in Deutschland geschrieben hat, die bereits im Jahre 1962 erschienen sind. In diesen hat er die berühmt gewordene These vertreten, Luther habe in sich einen Katholizismus niedergerungen, der gar nicht katholisch gewesen ist. Diese These ist zum Ausgangspunkt geworden, weiter danach zu fragen, wie Luther zum katholischen Glauben gestanden ist. Diesbezüglich hat man eine viel größere Nähe als bisher wahrgenommen.

Aber ein Kirchenlehrer ist Martin Luther nicht, oder?

Luther ist gewiss nicht ein Kirchenlehrer wie die großen Kirchenlehrer gewesen. Eher wird man sagen können, dass er ein Lehrer des Glaubens gewesen ist, und zwar vor allem darin, dass Gott in allem der Primat zukommt. So hat es der zweite Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Willebrands, formuliert. Ähnlich positive Äußerungen gibt es vom heiligen Papst Johannes Paul II., der Luthers leidenschaftliche Sehnsucht nach dem ewigen Heil und sein Engagement für eine schriftgemäße Theologie hervorgehoben hat. Zu erwähnen sind vor allem die schönen Aussagen von Papst Benedikt XVI. anlässlich seines Besuchs in Erfurt, mit denen er die Zentralität der Gottesfrage im Leben und Wirken Luthers betont hat. Papst Benedikt hat zugleich in Erinnerung gerufen, dass Luther nicht irgendeinen Gott gesucht, sondern jenen Gott verkündet hat, der sein konkretes Gesicht in Jesus von Nazareth gezeigt hat. In den Augen von Papst Benedikt hat sich Luther durch die Zentralität der Gottesfrage und die Christozentrik ausgezeichnet. In diesem Sinn kann man sagen, dass Luther ein Zeuge des Glaubens ist, von dem wir auch heute lernen können.

Luther, so Lortz, habe einen Katholizismus in sich niedergerungen, der gar nicht katholisch war... Können Sie diesen nicht katholischen Katholizismus, den Luther niedergerungen hat, kurz charakterisieren?

Luther hat offensichtlich nur bestimmte Traditionen des Katholizismus vor Augen gehabt. Ein großer Stein des Anstoßes ist für ihn die Frage des Ablasses gewesen, bei dessen Praxis er die evangelische Botschaft von der Buße und der Rechtfertigung aus Gnade verdunkelt gesehen hat. Damit hat er sich aber nicht gegen das Wesentliche des Katholizismus gewandt. Auf der anderen Seite ist auch daran zu erinnern, dass Luther tief im spätmittelalterlichen Denken, vor allem in seinen mystischen und monastischen Traditionen, verwurzelt gewesen ist. So hat Luther beispielsweise die Botschaft der Rechtfertigung bereits bei Bernhard von Clairvaux vorgefunden. Indem diese katholischen Wurzeln wieder entdeckt worden sind, zeigt sich natürlich eine viel größere Nähe zum katholischen Denken, zumindest was seine originäre Prägung betrifft.

Jetzt wieder eine spekulative Frage. Wenn Luther eine Zeitreise angetreten hätte und in den Jahren kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelandet wäre, hätte er dann auch die Kirchenspaltung vollzogen?

Dabei handelt es sich natürlich um eine hypothetische Frage, die ich aber mit „Nein“ beantworten würde. Ich bin überzeugt, dass Luther bei der Begegnung mit der katholischen Kirche heute die Kirchenspaltung tief bedauern würde. Er wollte ja die Kirche nicht spalten und auch nicht eine neue Kirche gründen, sondern sie erneuern. Er hat damals das Papsttum vor allem scharf kritisiert, indem er ihm vorgeworfen hat, dass es das Wort Gottes verleugnet. Ein solches Urteil würde er heute gewiss nicht wiederholen, zumal wenn er die bedeutende Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung zur Kenntnis nähme, in der die Zentralität des Wortes Gottes im Leben des Christen und der Kirche sehr tief herausgestellt worden ist. Daran und in der Art und Weise, wie die Päpste das Evangelium in den Mittelpunkt der Verkündigung stellen, hätte Luther große Freude. Auch in diesem Sinn kann man sagen, dass Luther im Zweiten Vatikanischen Konzil auch sein Konzil gefunden hat, an das er in seiner Zeit appelliert hatte.

Wir wollen den schwarzen Peter nicht immer nur Martin Luther in die Schuhe schieben. Wie viel Schuld trägt die katholische Kirche an der Kirchenspaltung?

Schuld gibt es auf beiden Seiten. Die katholische Kirche hat sich auf die Anliegen Martin Luthers viel zu wenig eingelassen. Mit seinen Thesen zum Ablass wollte er eine akademische Diskussion anregen, um die Missbräuche zu überwinden. Die kirchlichen Autoritäten, zunächst Erzbischof Albrecht und dann Rom, haben die von Luther vorgebrachte Kritik nicht wirklich ernst genommen, sondern haben stattdessen den Ketzerprozess eröffnet. Das Konzil, an das Luther appelliert hatte, ist zudem sehr lange hinausgezögert worden und hat erst nach seinem Tod stattgefunden. Man darf freilich auch die positiven Verhaltensweisen nicht übersehen. Zu denken ist vor allem an Papst Hadrian VI., der in seiner Botschaft an den Reichstag zu Nürnberg die Schuld der Autoritäten der Katholischen Kirche eingestanden hat und dem die Wahrung der Einheit ein wichtiges Anliegen gewesen ist. Dies sind verheißungsvolle Wege gewesen, die aber leider nicht mehr zum Ziel führen konnten.

Heute wird behauptet, Luther sei ein Vorbote der Neuzeit gewesen und hätte die Moderne eingeläutet. War er wirklich ein Visionär des Zukünftigen oder war er ein Mann des Mittelalters?

Noch kurz nach dem Ersten Weltkrieg hat der evangelische Theologe Adolf von Harnack zu behaupten gewagt, die Neuzeit habe in Deutschland begonnen und sei mit den Hammerschlägen in Wittenberg eingeläutet worden. Eine solche These ist mit der Geschichte nicht zu vereinbaren, sondern gleicht eher einer waghalsigen Geschichtsprojektion. Luther ist viel mehr im Mittelalter verwurzelt gewesen, als man in der Vergangenheit zugegeben hat. Er ist auf der einen Seite von einem apokalyptischen Weltbild geprägt gewesen, in dem er hinter fast allen Gegnern, nicht nur dem Papst, sondern auch den Reformierten, den Juden und den Türken, den Teufel am Werk gesehen hat. Auf der anderen Seite ist er auch in einem positiven Sinn tief im mittelalterlichen Denken, vor allem in den mystischen Strömungen, beheimatet gewesen. Natürlich hat er mit seiner Rechtfertigungslehre, in der er die Unmittelbarkeit des Einzelnen zu Gott betont hat, wesentliche Impulse zur Wiederentdeckung der Freiheit gegeben. Die christliche Freiheit jedoch, die Martin Luther hervorgehoben hat, und die Freiheit, die in der Neuzeit zum Leitthema geworden ist, sind nicht einfach identisch.

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