Als neue Eva an der Seite Christi

Die Botschaft von Lourdes und das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens

Die Marienerscheinungen in Lourdes erfahren einen Höhepunkt am 25. März 1858, dem (damals so genannten) Fest Mariä Verkündigung (vgl. R. Laurentin, Les apparitions de Lourdes, 1966; Nachdr. 2002). Es ist die sechzehnte von achtzehn Erscheinungen der Gottesmutter vor Bernadette Soubirous. „Mademoiselle, hätten Sie die Güte, mir zu sagen, wer Sie sind?“ Auf diese Frage der Seherin breitet Maria die Hände aus und wendet sie auf die Erde zu. Dann faltet sie sie wieder vor der Brust, hebt die Augen zum Himmel und sagt: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Sie spricht diese Worte im örtlichen Dialekt: „Que soy era Immaculada Councepciou“. Die vierzehnjährige Bernadette, die noch nicht die Erstkommunion empfangen hat und über fast keine religiöse Bildung verfügt, versteht den Sinn des Satzes nicht. Zweifellos hat sie in der Kirche von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter gehört, aber die Predigt in französischer Sprache ist für sie unverständlich. Der Begriff „Unbefleckte Empfängnis“ ist ihr ebenso unbekannt wie das Geheimnis der Dreifaltigkeit. Nichtsdestoweniger wiederholt sie den für sie rätselhaften Satz „Que soy era Immaculada Councepciou“ nach der Erscheinung immer wieder und teilt ihn dem Pfarrer mit. Abbé Peyramale ist erstaunt über die ungewöhnliche Redeweise: man spricht von der Unbefleckten Empfängnis Mariens und von Maria der Unbefleckten, aber man bezeichnet nicht Maria selbst als „Unbefleckte Empfängnis“. Erst nachträglich erklärt sich der Pfarrer die Redeweise als rhetorisch kräftigen Hinweis auf die absolute Makellosigkeit der Gottesmutter und ihr Empfangensein ohne Erbsünde. Gerade der ungewöhnliche Charakter des Satzes „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“ wird für ihn, der anfangs den Marienerscheinungen skeptisch gegenüber steht, zum Argument für die Glaubwürdigkeit der himmlischen Botschaften: die kindliche Seherin wäre nicht in der Lage gewesen, diesen ihr unverständlichen und auch sonst unüblichen Ausdruck zu erfinden.

Die marianische Botschaft von Lourdes ist innig verbunden mit dem Bekenntnis zur Unbefleckten Empfängnis Mariens, die vier Jahre zuvor, 1854, von Papst Pius IX. feierlich als Dogma der Kirche verkündet worden war. Die Gottesmutter bestätigt damit die unfehlbare Ausübung der päpstlichen Lehrautorität, die ihrerseits durch das Erste Vatikanische Konzil im Jahre 1870 als verbindliche Lehre der Kirche vorgestellt wird. Papst Pius XII., in seiner Enzyklika zum 100jährigen Jubiläum der Marienerscheinungen in Lourdes, meint dazu: „Gewiss hatte das unfehlbare Wort des römischen Papstes, des authentischen Interpreten der geoffenbarten Wahrheit, keine himmlische Bestätigung nötig, um für den Glauben der Gläubigen gültig zu sein. Aber mit welcher Ergriffenheit und Dankbarkeit empfingen das christliche Volk und seine Hirten von den Lippen Bernadettes diese vom Himmel gekommene Antwort: ,Ich bin die Unbefleckte Empfängnis‘“

Welche Motive mögen die Gottesmutter bewogen haben, durch die Erscheinung vom 25. März 1858 das von Papst Pius IX. verkündete Dogma zu bestätigen? Ohne für unsere Deutung himmlisches Wissen zu beanspruchen, können wir als Begründung hinweisen auf die Dogmengeschichte und auf die spezifische geistige Situation in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Begonnen sei mit einem Blick auf die geschichtliche Entwicklung der Glaubenslehre. Es gibt kein anderes Dogma der Kirche, das eine so lange und zeitweilig so umkämpfte Vorgeschichte kennt. Die Grundlage der Lehre in der Offenbarung zeigt sich in der engen Verbindung der Gottesmutter mit dem Heilswerk Christi. Nach dem „Protoevangelium“ ist die Mutter des Messias die Feindin der „Schlange“ (Gen 3, 15) und kann darum nicht durch die Erbsünde der Macht des Teufels unterworfen sein. Bei der Verkündigung des Engels erscheint sie als die Gnadenvolle (Lk 1, 28), die von Gott für ihre Aufgabe als Mutter des Gottessohnes vorbereitet wurde. Ausgehend von diesen biblischen Grundlagen, kennzeichnen die Kirchenväter sie seit dem zweiten Jahrhundert als „neue Eva“ an der Seite Christi, des neuen Adams: ihr Glaube und ihr Gehorsam gleichen aus, was Eva durch ihren Ungehorsam bewirkt hat. Die feierliche Verkündigung des Titels der „Gottesgebärerin“ auf dem Konzil von Ephesus 431 fördert das Bekenntnis zu Maria als der „Allreinen“ und „Allheiligen“. Seit dem 6. Jahrhundert feiert die Kirche, ausgehend vom oströmischen Reich, die Aufnahme Mariens in den Himmel: aufgrund ihrer besonderen Verbindung mit dem Heilswerk Christi unterliegt die Gottesmutter nicht der Verderbnis des Leibes, die in der Sünde Adams begründet ist. Die Eva-Maria-Parallele, der Lobpreis der Gottesgebärerin und die Feier ihrer glorreichen Aufnahme in den Himmel bilden den Nährboden für die Aussagen über den heiligen Ursprung Mariens in der östlichen Kirche. Das erste Zeugnis dafür findet sich in einer Predigt des Bischofs Theotechnus von Livias (im heutigen Jordanien) über die Aufnahme Mariens in den Himmel (6. Jahrhundert) (vgl. M. Hauke, Urstand, Fall und Erbsünde, 2007, 135–146). Ein Meilenstein im Westen ist die Aussage des Augustinus (429), der im Blick auf Maria nicht von Sünde sprechen möchte (auch wenn er sie nicht positiv von der Erbsünde ausnimmt) (zur Dogmengeschichte vgl. G. Söll, Mariologie, 1978; S.M. Cecchin, L'Immacolata Concezione, 2003). Seit dem 8. Jahrhundert feiert der griechische Osten am 9. Dezember die Empfängnis Mariens im Leibe ihrer Mutter Anna. Dieses Fest wird am 8. Dezember seit dem 11. Jahrhundert auch im lateinischen Westen begangen, ausgehend von England. Der Benediktiner Eadmer, ein Schüler Anselms von Canterbury (12. Jh.), ist der erste Theologe, der ausdrücklich von einer erbsündenfreien Empfängnis der Gottesmutter spricht. Die meisten Theologen des Hochmittelalters, insbesondere Thomas von Aquin und Bonaventura, lehren freilich keine Unbefleckte Empfängnis Mariens, sondern nur eine möglichst baldige Heiligung im Mutterleib: auf andere Weise scheint nicht sicher gestellt zu sein, dass auch Maria der Erlösung durch Jesus Christus bedurfte. Den theologischen Durchbruch bringt erst der englische Franziskaner Duns Scotus († 1308): er begründet den Gedanken der „Vorerlösung“, wonach Maria im Blick auf das zukünftige Verdienst Christi vor der Erbsünde bewahrt wurde.

Gestützt auf die Autorität des heiligen Thomas, leisten die Dominikaner lange Widerstand gegen die immer weiter sich ausdehnende Überzeugung in der Kirche, dass Maria ohne Sünde empfangen ist. Aber auch innerhalb des Dominikanerordens nimmt die Zahl der Befürworter der Immaculata conceptio immer mehr zu. Seit dem 14. Jahrhundert verleihen die theologischen Fakultäten der großen Universitäten – ausgehend von der Sorbonne in Paris sowie von Köln, Mainz und Wien im deutschen Sprachraum –, nur den Kandidaten die akademischen Grade, die sich dazu verpflichten, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens zu unterstützen. Deren dogmatische Definition wird bereits durch das Konzil von Basel 1439 vorgenommen, auch wenn dessen Beschluss wegen der mangelnden Anerkennung dieser Bischofsversammlung durch den Papst nicht gültig ist. Die Päpste fördern seit dem 15. Jahrhundert (Sixtus IV.) immer mehr das liturgische Fest der Empfängnis Mariens, dessen Aussagen zugunsten unserer Lehre klar sind und das 1708 durch Clemens XI. auf die ganze Kirche ausgedehnt wird. Das dominikanische Messbuch freilich behält die Texte, die von der Befreiung Mariens von der Erbsünde nach der Eingießung der Seele in den Leib sprechen. Dieser Gegensatz wird schließlich im Jahre 1842 gelöst: der Ordensgeneral bittet darum, dass auch sein Orden das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens mit den liturgischen Texten feiern darf, die sonst in der Gesamtkirche üblich sind.

Das kirchliche Lehramt begünstigt immer deutlicher die Überzeugung von der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Sixtus IV. untersagt Angriffe, welche die Lehre als häretisch bezeichnen. Das Konzil von Trient (1546) unterstreicht, es habe nicht die Absicht, der makellosen Gottesmutter die Erbsünde zuzuschreiben. Der dem Dominikanerorden entstammende heilige Papst Pius V. verbietet, die Lehre außerhalb des akademischen Bereiches öffentlich zu debattieren (1567). Im Jahre 1661 veröffentlicht Papst Alexander VII. eine Bulle, die bereits die wichtigsten Elemente der Definition von 1854 vorausnimmt.

Widerstand gibt es am Beginn des 19. Jahrhunderts noch bei einigen Jansenisten in Frankreich, nach denen die theologische Entwicklung der Kirche mit dem Altertum (Augustinus) abgeschlossen ist; sie sind vergleichbar mit den Theologen der Gegenwart, welche die Dogmenentwicklung auf das erste Jahrtausend begrenzen. Sehr frostig verhalten sich auch, nicht zuletzt aus ökumenischen Rücksichten, der größte Teil des deutschen Episkopates und der deutschsprachigen Universitätstheologie. Als der Kölner Theologieprofessor Georg Hermes und seine Schüler Zweifel an der Unbefleckten Empfängnis Mariens verbreiten, verpflichtet der Erzbischof von Köln 1837 seine Priester dazu, sich schriftlich zu dieser Glaubenslehre zu bekennen. Gefördert wird hingegen die feierliche Verkündigung des Dogmas durch den Vorschlag des heiligen Leonhard von Porto Maurizio (1751), ein „schriftliches Konzil“ abzuhalten, also eine Befragung der Bischöfe durch den Papst. Im 17. und 18. Jahrhundert bemühen sich die spanischen Könige wiederholt um eine dogmatische Definition. 1840 bitten 51 französische Bischöfe Papst Gregor XVI. darum. Weitere Bischöfe schließen sich an. Seit 1834 erreichen den gleichen Papst außerdem zahlreiche Bitten von Kardinälen, Bischöfen und Ordensgemeinschaften (darunter sogar den Dominikanern), in der Präfation der Messfeier von der Empfängnis Mariens das Adjektiv „unbefleckt“ einzufügen und in die Lauretanische Litanei die bereits den Franziskanern gestattete Anrufung „Königin ohne Erbsünde empfangen“. Das neue liturgische Offizium, 1847 von Pius X. eingeführt, berücksichtigt die Bitte bezüglich der Präfation, und auch die Lauretanische Litanei wird entsprechend erweitert (zuerst 1846 im Bistum Mecheln).

Den einschlägigen Petitionen geht eine Neugeburt des religiösen Lebens im katholischen Volk voraus, das nach den Wirren der Aufklärungszeit und der Französischen Revolution die Schätze der Überlieferung wieder neu entdeckt und sich von Maria zu Christus führen lässt. Viele neue Ordensgemeinschaften sind marianisch geprägt. Ein Schlüsselereignis sind die Marienerscheinungen vor der heiligen Katharina Labouré in der Pariser Rue du Bac (1830), bei denen sich die Gottesmutter auf der „wunderbaren Medaille“ mit dem Gebet vorstellt: „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen“. Es entstehen umfangreiche theologische Werke zur Vorbereitung der dogmatischen Definition (vor allem die Monographie des Jesuiten Giovanni Perrone 1847). Seit 1848 arbeiten päpstliche Kommissionen über die Frage. 1849 lädt Pius IX. alle Bischöfe der Welt ein, ihre Meinung zu einer möglichen Definition kundzumachen. 603 Bischöfe übermitteln ihre Antwort: 546 sprechen sich zugunsten einer Dogmatisierung aus; grundsätzlich dagegen sind nur acht Bischöfe, während die übrigen sich entweder enthalten oder Einwände gegen die Opportunität einer Definition vorbringen. Alle Bischöfe bestätigen freilich den tiefen Glauben des christlichen Volkes an die Unbefleckte Empfängnis. Am 8. Dezember 1854 kommt es schließlich zur feierlichen dogmatischen Definition in der Bulle Ineffabilis Deus: „Kraft der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer [eigenen], erklären, verkünden und definieren Wir, dass die Lehre, welche festhält, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt wurde, von Gott geoffenbart und deshalb von allen Christgläubigen fest und beständig zu glauben ist“ (Denzinger-Hünermann 2803).

Die dogmatisch verbindliche Formel betont die Bewahrung Mariens vor der Erbsünde. Das kirchliche Lehramt bietet keine eigentliche Definition der Erbsünde, aber eine verbindliche Umschreibung von deren Gehalt. Das Trienter Erbsündendekret spricht von der „Sünde, die der Tod der Seele ist“ (peccatum, quod mors est animae) (DH 1512). Diese Kennzeichnung findet sich bereits auf der Zweiten Synode von Orange (529) (DH 372) und in den Werken des heiligen Augustinus. Sie entspricht aber auch der wichtigsten Beschreibung für die Folgen der Ursünde bei den griechischen Vätern. „Tod der Seele“ meint die Beraubung des göttlichen Lebens, das den Stammeltern im Paradies geschenkt worden war, aber durch die erste Sünde verloren ging. Im Unterschied zu Luther unterscheidet Trient die Erbsünde von der Neigung zur Sünde (Konkupiszenz), die von Paulus manchmal „Sünde“ genannt wird (Röm 6, 12–15; 7, 7. 14–20), aber keineswegs „wahrhaft und eigentlich Sünde“ ist, sondern „aus der Sünde ist und zur Sünde geneigt macht“ (DH 1515). Die in den Nachkommen Adams vorhandene Schuld setzt die Ursünde voraus, die „Übertretung Adams“, und die ursprüngliche Gemeinschaft mit Gott im Paradies, die vom Tridentinum beschrieben wird mit den Begriffen „Heiligkeit und Gerechtigkeit“ (DH 1512), die sich im Epheserbrief finden (4, 24) und dort den Gnadenzustand der getauften Christen kennzeichnen.

Wichtig ist auch der Ausnahmecharakter der Bewahrung von der Erbsünde „durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes“ (singulari omnipotentis Dei gratia et privilegio) (DH 2803). Kommt dieses Privileg nur Maria zu? Die Bulle Ineffabilis Deus begünstigt eindeutig die Überzeugung eines Vorzuges, den die Gottesmutter mit keiner anderen erlösten Person teilt. Allerdings bekundet Pius IX. nicht die Absicht, die absolute Einzigkeit der Unbefleckten Empfängnis Marias zu definieren. Aus diesem Grunde ist mit dem Dogma von 1854 nicht formell die extravagante Meinung verurteilt, die auch den hl. Josef ohne Erbsünde empfangen sein lässt. Papst Pius XII. spricht dann freilich in seiner Enzyklika Fulgens corona zum 100jährigen Jubiläum des Immaculata-Dogmas (1953) mit aller Klarheit von einem „einzig dastehenden Gnadenprivileg, das keinem anderen je zuteil wurde“. Die Definitionsformel unterstreicht schließlich, dass die Bewahrung Mariens von der Erbsünde geschah „im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes“. Die Gottesmutter ist nicht von Erlösung auszunehmen, sondern die vollkommenste Verwirklichung des Heilswerkes Christi. Dies betont, wenn auch nicht in der dogmatischen Definition selbst, die Bulle Ineffabilis Deus: „die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria (wurde) schon im voraus im Hinblick auf die Verdienste unseres Herrn und Erlösers niemals der Erbschuld unterworfen, sondern (blieb) voll und ganz von der Makel der Erbsünde bewahrt“.

Die Marienerscheinungen von Lourdes bilden gleichsam ein himmlisches Siegel für die praktische Ausübung der päpstlichen Unfehlbarkeit, auch wenn die dogmatische Definition gewissermaßen durch ein „schriftliches Konzil“ gestützt worden war. Gleichzeitig sind sie ein Gegengewicht zu den Zeitströmungen, die sich im Gefolge der Aufklärung von Christus und der Kirche abkoppeln. In einem Artikel aus dem Jahre 1870 nennt der Kölner Dogmatiker Matthias Joseph Scheeben die Unfehlbarkeit des Papstes, die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil definiert wurde, und das bereits zuvor von Pius IX. verkündete Mariendogma die beiden „Hauptheilmittel für die Grundirrtümer unserer Zeit: den Naturalismus samt dem Rationalismus und Liberalismus“ (Das oekumenische Konzil vom Jahre 1869, Bd. II, Regensburg 1870, 507). Die Unbefleckte Empfängnis ist gleichsam der Morgenstern der Gnade am Himmel des 19. Jahrhunderts, welcher „der im Fleische erscheinenden Sonne der Gnade“ vorausgegangen sei; „die unfehlbare Cathedra des Stellvertreters Christi“ hingegen sei der „Abendstern, auf dem die von der Erde scheidende Sonne der ewigen Wahrheit ihr Licht zurückgelassen hat“, um nicht wieder in die Finsternis des Heidentums zurückzufallen (Immakulata und päpstliche Unfehlbarkeit. Sedes Sapientiae und Cathedra Sapientiae. Neu herausgegeben von J. Schmitz, Paderborn 1954, 20f). Beide Sterne, so Scheeben, empfangen „von Christus, der Sonne der Gnade und Wahrheit, ihr Licht“ (aaO., 21). Beide Dogmen führen die Übernatürlichkeit des Christentums vor Augen. Mit ihnen könnten die katholischen Christen „die Hölle und den Geist der Welt“ besiegen, der sich „in der Selbstgenügsamkeit seiner Natur, Vernunft und Freiheit gestört“ fühlt. Da dieser Naturalismus auch viele Katholiken angesteckt habe, vor allem in Deutschland, sei eine vertiefte Besinnung auf die übernatürliche Prägung des Christentums wichtig (aaO., 22f).

Die Selbstvorstellung Marias als „Unbefleckte Empfängnis“, als ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter, ist keine isolierte Botschaft, sondern ein Gipfelpunkt in den marianischen Ereignissen von Lourdes. Vorausgegangen ist der Ruf zu Buße und Umkehr. Kennzeichnend dafür sind vor allem die Aufforderungen Mariens am 24. Februar: „Buße, Buße, Buße!“ – „Betet zu Gott um die Bekehrung der Sünder!“ – (an Bernadette gerichtet) „Beugen Sie sich nieder und küssen Sie die Erde als Buße für die Sünder.“ Die makellose Reinheit Mariens ist ein hoffnungsvolles Gegenbild zur Sünde, die den Menschen erniedrigt und gleichsam auf einen abschüssigen Weg stellt. Dieser Weg führt zur ewigen Verdammnis, wenn sich der Mensch nicht bekehrt. Der Ruf zur Umkehr entspricht der Verkündigung Jesu selbst: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15). In Maria erscheint der Mensch, wie er ursprünglich von Gott gewollt ist, nämlich ohne Sünde; in ihr, der „neuen Eva“, erstrahlt die paradiesische Gnade aufs neue und gelangt zur Vollendung. Die Wahrheit von Maria als der ohne Erbsünde Empfangenen stärkt den Mut, mit der Gnade Gottes dem Bösen entrinnen zu können und als Freunde Gottes zu leben.

Die Botschaft der Buße verbindet sich am 25. Februar mit der Aufforderung: „Gehen Sie zur Quelle, trinken Sie daraus und waschen Sie sich darin! Essen Sie von den Kräutern, die Sie dort finden!“ Um die Quelle sprudeln zu lassen, muss Bernadette den schlammigen Boden aufgraben und beschmutzt beim mehrmaligen Versuch, das erdhaltige Wasser zu trinken, ihr Gesicht. Als sie dann noch beginnt, Kräuter zu essen, halten viele Menschen sie zunächst für verrückt. Sie nimmt die Missdeutung in Kauf als Sühne für die Bekehrung der Sünder. Das Waschen im Wasser aus der Quelle erinnert an die Bußtaufe Johannes des Täufers, der die Menschen auf das Kommen Jesu vorbereitet. Das Wasser steht für die notwendige Reinigung von der Sünde, aber auch für das neue Leben der göttlichen Gnade, das durch das Sakrament der Taufe geschenkt wird. Wer nach Lourdes pilgert, erneuert die Taufgnade, vor allem dann, wenn er das Bußsakrament empfängt. Das Wasser als Zeichen für die göttliche Lebensfülle der Gnade entspricht dem göttlichen Leben, das Maria schon am Beginn ihres Lebens empfangen hat im Blick auf die künftige Erlösung durch Jesus Christus. In der Unbefleckten Empfängnis leuchtet das Ziel unserer Bekehrung auf, der neue Mensch, der durch Christus erlöst ist. Auch die Erscheinung Marias selbst weist auf die Gnade der Unbefleckten Empfängnis, in der die geistige Schönheit des Paradieses aufstrahlt. Die Gottesmutter erscheint als junges Mädchen, lächelnd und umgeben von Licht. Sie trägt ein weißes Kleid mit blauem Gürtel, einen weißen Rosenkranz und eine goldgelbe Rose in der Farbe der Kette des Rosenkranzes auf beiden Füßen. Die innere Gnadenfülle Mariens, die durch die Unbefleckte Empfängnis grundgelegt ist, wird gleichsam anschaubar in der äußeren Schönheit, die von Bernadette nachdrücklich betont wird. Die weiße Farbe des Gewandes dürfte auf die Freiheit von der Sünde weisen, aber auch die himmlische Herkunft der Erscheinung ausdrücken. Das „weiße Gewand“ steht im Neuen Testament für den verklärten Zustand Jesu, aber auch für die Existenzweise der Engel und Seligen. Weiß als Farbe des ungebrochenen Lichtes ist ein Zeichen von Festlichkeit und Freude, von Reinheit, Sieg und ewiger Herrlichkeit. Eine solche Farbe passt bestens zu Maria, die ohne Erbsünde empfangen und aufgenommen ist in die Herrlichkeit des Himmels. Auf die Zugehörigkeit zum Himmel weist auch die Farbe Blau. Gold wiederum ist ein Zeichen innerer Kostbarkeit und königlicher Würde. Königliche Würde und Teilhabe an der Freude des Himmels gründen in dem Empfangensein ohne Erbsünde und in der persönlichen Mitwirkung der Gottesmutter am Heilsgeschehen.

Auch die Symbolik der Rose passt zum Hinweis auf die Unbefleckte Empfängnis. Dies gilt bereits für das älteste bekannte Zeugnis bei dem lateinischen Dichter und Kirchenvater Sedulius Caelius aus dem 5. Jh. Dessen umfangreiches Gedicht vom Osterlamm (Paschale carmen) gilt als erfolgreichste Bibeldichtung der Spätantike. Sedulius möchte nicht nur Christen, sondern auch Heiden den Weg des rechten Glaubens durch das Liebliche der Poesie angenehm machen. Im Blick auf das Heilswerk Christi kommt Sedulius auch auf den Parallelismus zwischen Eva und Maria zu sprechen. Dabei stellt er Maria vor als zarte Rose, die unter Dornen hervorsprießt, ohne dabei ihre Schönheit einzubüßen. Als neue Eva reinigt sie durch die Geburt Christi das Vergehen der ersten Eva (Carmen 2, 28–34: PL 19, 595f). Die Makellosigkeit der neuen Eva erscheint auf diese Weise als Ausrüstung, um am Heilswerk Christi mitzuwirken. In der Tat empfängt Maria die Gnade Christi bereits am Beginn ihres Lebens, um später als Gottesmutter und Gefährtin Christi zugunsten der „verbannten Kinder Evas“ zu handeln. Die Unbefleckte Empfängnis hat als Ziel die Mitwirkung Mariens an der Erlösung.

Das Bildwort von der „Rose unter den Dornen“ ist jedenfalls eine großartige poetische Veranschaulichung der Makellosigkeit Mariens. Schon in der frühchristlichen Kunst erscheint die Rose außerdem als Bild des Paradieses. Ihre Lieblichkeit und die Fülle ihrer Blütenpracht macht sie zugleich zum Bild des Geheimnisvollen. „Geheimnisvolle Rose“ (rosa mystica) lautet denn auch eine bekannte Anrufung Mariens in der Lauretanischen Litanei. Sie ist mit einer Stelle aus dem Buche Jesus Sirach verbunden, wonach die göttliche Weisheit (symbolhaft als Frauengestalt vorgestellt) gleichsam emporwächst „wie eine Rose in Jericho“ (Sir 24, 18 Vulgata, quasi plantatio rosae in Jericho). In dem gleichen Kapitel tauchen weitere Merkmale der göttlichen Weisheit auf, die von der Liturgie auf die Gottesmutter bezogen werden, etwa der Hinweis auf die „Mutter der schönen Liebe“ (mater pulchrae dilectionis), in der sich die Fülle der Gnade findet sowie jegliche Hoffnung auf Leben und Tugend (Sir 24, 24f Vg.). Die marianische Dimension der Weisheit, die lange von einer einseitigen Exegese übersehen wurde, wird nachdrücklich zur Geltung gebracht von Joseph Ratzinger: „Die ,Weisheit‘ erscheint als Mittlerin der Schöpfung und der Heilsgeschichte, als das erste Geschöpf Gottes, in dem sich die reine Urgestalt seines schöpferischen Willens und zugleich die reine Antwort ausdrückt, die er findet; ja, man kann sagen, gerade dieser Gedanke der Antwort sei prägend für die alttestamentliche Weisheitsidee. ... Sie bedeutet die Antwort, die aus dem göttlichen Ruf der Schöpfung und der Erwählung hervorkommt“ (Die Tochter Zion, 1977, 23. 25).

Ein Hinweis auf die Unbefleckte Empfängnis deutet sich nicht zuletzt im Datum der Selbstkundgabe Marias an, dem 25. März. Die Verkündigung der Menschwerdung Christi an Maria bezieht sich auf das aktive Empfangen der Gottesmutter aus der Kraft des Heiligen Geistes und ist darum nicht (wie es manchmal geschieht) mit dem passiven Empfangensein ohne Erbsünde zu verwechseln. Gleichwohl gehört die Perikope von der Verkündigung zum biblischen Urgrund, aus dem die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens herauswächst. Maria erscheint durch ihr Jawort als „neue Eva“: was Eva durch ihren Gehorsam „verknotet“ hat, wurde durch den Gehorsam und den Glauben Mariens wieder „gelöst“. Maria als „neue Eva“ steht an der Seite Christi des neuen Adams, der Satan und Sünde überwunden hat. In der dogmatischen Reflexion über die Schriftgrundlagen des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis wird in diesem Rahmen besonders der Hinweis auf die Gnadenfülle Mariens (Lk 1, 28) hervorgehoben: die Fülle der Gnade ist nichts anderes als die positive Kehrseite des Freiseins vom Makel jeglicher Sünde. Die Worte Mariens „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“ passen darum sehr gut zum Datum dieser Kundgabe, dem Hochfest der Verkündigung des Herrn.

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18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann