Zwischen guten und bösen Geistern

Die Ursprünge der Unterscheidungslehren liegen in der monastischen Bildung

Wer unterscheiden kann, der darf oder muss wählen. Und weil wir die Wahlfreiheit als typisch menschlich ansehen, spricht man auch von der Gabe der Unterscheidung. Beginnen wir bei Adam und Eva: Sie wollten unterscheiden lernen zwischen Gut und Böse (Genesis 3,5.22). Damit wollten sie gewissermaßen erwachsen werden, denn wer so unterscheiden kann, ist kein Kind mehr, weil er eigene Urteilskompetenz besitzt.

Ähnlich, wenn auch nicht einfach gleich, ist es mit discretio und distinctio. Sie gehören zu den klassischen Themen der abendländischen religiösen Kultur und Ethik. Die discretio meint die Unterscheidung zum Beispiel zwischen dem, was notwendig und was darüber hinaus auch angenehm ist. Dass ein Klavierist die Tastatur zu bedienen weiß, ist notwendig, angenehm ist es, wenn er darüber hinaus auch singen kann. Die distinctio meint überhaupt die sachgemäße Auffächerung: So gibt es Unterschiede zwischen Kirchbauten, eine Kathedrale sieht anders aus als eine Kapelle. Oft hat man daher die Unterscheidung mit der Erkenntnis überhaupt gleichgesetzt, so als komme es überall zuerst auf die Einteilung der Gattung und die Unterscheidung der Unterarten an. In jedem Falle waren discretio und distinctio eine Frucht gediegener Erziehung, bei der man Geschmack zu entwickeln lernte. Deshalb lernt der Mönch discretio (Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig), der Philosoph distinctio (man lernt, sich zurechtzufinden durch Erkenntnis, nicht nur durch Gewohnheit).

Anhand des Phänomens der Prophetie konnte und musste Israel lernen, zwischen verlässlichen und unzuverlässigen Propheten zu unterscheiden. Die echten Propheten erkannte man daran, dass das Verheißene eintraf, die anderen wurden mit ihren Sprüchen durch die Geschichte widerlegt. Jedenfalls lautete so die Faustregel. Israel hat durch diese Unterscheidung ein ganz wesentliches Element in die Religionsgeschichte eingebracht: Traue nicht jedem, der im Namen Gottes auftritt und angeblich Gottes Wort verkündet. Vor allem an den Früchten, also an den eigenen Taten des Propheten wie auch an der großen Geschichte, kann man dann erkennen, ob er „echt“ war. Noch der Antichrist des Mittelalters wird im Wesentlichen als falscher Prophet begriffen. Und Marx und Lenin werden für eine vereinfachende Sicht noch heute so dargestellt.

Wieder etwas anders ist es mit der Gabe der Unterscheidung der Geister. Denn ob jemand vom Geist Gottes oder von einem Geist des Satans erfüllt und besessen ist, das bringt man am besten in Erfahrung, bevor etwas Schlimmes geschehen ist. Diese Unterscheidung der Geister ist besonders für den Neutestamentler interessant. Denn das frühe Christentum ist wesentlich eine charismatische Bewegung. Menschen durchbrechen die Schranken zwischen den sozialen Schichten, zwischen den Völkern, ja zwischen Gott und Mensch. Sie sagen, dass ein mächtiger Geist sie treibe, und das konnte ein guter oder ein böser sein. Aber ein bisschen gut oder ein bisschen böse gab es nicht, nur das eine oder das andere. Gerade wenn es um Geist und Geister geht, gilt: Es gibt nur gute oder böse, nicht „gemischte“. Diese Weltsicht nennt man Dualismus. Gewiss ist die weisheitliche Ethik, wie wir sie bei Adam und Eva in den Grundzügen lernen, dem Dualismus verwandt: Gut ist, was Leben fördert, böse ist, was Leben zerstört. Aber der Dualismus, den Israel in Babylonien während des Exils kennenlernte, ist noch grundsätzlicher, nämlich ein „metaphysischer“, so nämlich, dass alle Wirklichkeit durch zwei Prinzipien bestimmt wird, ein warmes und ein kaltes, ein gutes und ein böses. Man kann die Prinzipien auch Gottheiten nennen, und dann sind wir schon nahe an Zarathustra. Im Sinne dieser dualistischen Zweiteilung entwickelt man die Lehre von den bösen und guten Geistern. Schon die Texte aus den Höhlen von Qumran am Toten Meer, etwa die bekannte „Sektenregel“, bieten ganze Listen von bösen oder guten Geistern, Lastern oder Tugenden. Und so ist es auch bei Jesus: Als er in der Taufe am Jordan nun auch öffentlich den heiligen Geist empfangen hat, kann er böse Geister damit austreiben. Auch der Mensch selbst hat dann seinen Standpunkt auf der Seite der guten oder der bösen Geister.

Diesen facettenreichen Rahmen setzt der Reader voraus, den Marianne Schlosser, Professorin in Wien und Vorstand des Instituts für Theologie der Spiritualität dortselbst, zusammengestellt hat. „Reader“ hieß im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts eine Sammlung mit Texten unterschiedlicher Autoren, die jeweils eine Auswahl aus deren Meinung zum Thema des Readers boten. Diese Sammlung, an der besonders viele Ordensleute mitgewirkt haben, betrifft nur die Kirchengeschichte, und zwar überwiegend des 2. Jahrtausends. Biblische Texte werden in der knappen Einleitung kurz gestreift, aber nicht zitiert oder kommentiert. Die eigentlichen Autoren der Kirchengeschichte aber werden jeweils mit knapper Einleitung vorgestellt, es folgen dann die Auswahltexte, acht bis zehn Seiten im Schnitt. Die Liste reicht von Hermas aus Rom (um 120) bis zu Hans Urs von Balthasar (gest. 1988). Auch neuerdings stärker beachtete Theologen wie Johannes Cassian (geb. um 360), David von Augsburg (gest. 1272) oder Edith Stein (ermordet 1942) finden Aufnahme.

Die Fülle der Texte, die in modernen Übersetzungen geboten wird, legt vor allem folgende Beobachtungen nahe: 1. Eine klare Systematik, wie sie oben nur ansatzweise unter Berücksichtigung der Tradition geboten wurde, ist eben gerade um der Unterscheidung willen nötig. 2. Die Ursprünge der Unterscheidungslehren liegen immer wieder im monastischen Bereich. Aber ihre Bedeutung geht jedenfalls heute weit darüber hinaus. 3. Dem Laien umfangreiche Stoffmassen moraltheologischer Art zu vermitteln, dazu reicht der Religionsunterricht nicht aus. Aber das muss er ja auch nicht alles wissen. Was er können und beherrschen muss, ist, bisher Unbekanntes, neu Erfahrenes kritisch einzuschätzen und ihm nicht blindlings nachzulaufen. Damit erweist sich ein Grundanliegen monastischer Bildung als zentral für den Laien in Beruf, Staat und Familie: Die religiöse Erziehung könnte und sollte ihm den Geschmack, einen guten Geschmack beibringen, der nicht erst Jahre dazu braucht, um hinter Lug und Trug einer Sache zu kommen. Wie viele Menschen haben Jahre gebraucht, um dem Nationalsozialismus etwas auf die Schliche zu kommen. Die Klugen haben das wohl 1934 gemerkt. 1968–1972 dauerte es mit den Phänomenen von Marxismus, Maoismus und später mit der nach Europa importierten sogenannten Befreiungstheologie etwas länger, bis man dahinterkam. So kann man Marianne Schlosser für den Anstoß danken, den sie mit ihrer Sammlung gegeben hat. Denn es gilt: Die Außenwirkung der christlichen Spiritualität, um deren Gestalt wir alle ringen, wird jedenfalls die Gabe der Unterscheidung sein. Wer einen klaren Glauben hat, wird nicht Angst haben müssen, neue Ideologien nicht durchschauen zu können. Diktatoren wussten schon, warum sie Christen (entschiedene Christen) fürchten mussten. Sie fühlten sich ertappt und durchschaut.