Zwischen Bruch und Reform

Wie es kam, dass es nach dem Konzil zwei unterschiedliche Schlüssel gab, das Zweite Vatikanum zu interpretieren. Von Guido Horst

Das Zweite Vatikanische Konzil tagte vom 11. Oktober 1962 bis 8. Dezember 1965 in Rom. Foto: KNA
Das Zweite Vatikanische Konzil tagte vom 11. Oktober 1962 bis 8. Dezember 1965 in Rom. Foto: KNA

Liest man Bücher über die Zeit nach dem Zweiten Vatikanum – wie etwa „Wohin steuert der Vatikan?“ von Reinhard Raffalt, erschienen im Jahr 1973 –, dann kommt darin das Wort „Hermeneutik“ nicht vor. Dass es einmal verschiedene, vor allem aber zwei „Lesarten“ geben werde, das jüngste Konzil und seinen schriftlichen Niederschlag zu lesen und zu interpretieren, das sollte sich erst in späteren Jahrzehnten herauskristallisieren. Aber eins war schon im Verlauf des Zweiten Vatikanums und erst recht in den unmittelbaren Reaktionen auf diese bedeutendste Kirchenversammlung des zwanzigsten Jahrhunderts deutlich geworden: Dass es zwei Lager gab, eine Mehrheit, die etwas erreichen, und eine Minderheit, die etwas bewahren wollte. Dazwischen dann die Unentschiedenen, die sich vom Verlauf der Dinge mitreißen ließen.

Der oben erwähnte Wahl-Römer Reinhard Raffalt hat seinen Landsleuten im teutonischen Norden brillante Bücher über die Kunst und Kultur der Ewigen Stadt hinterlassen. Mit seinem Vatikan-Buch jedoch, das acht Jahre nach Abschluss des Konzils eine Bilanz der Zeit unter Johannes XXIII. und der ersten Jahre Pauls VI. zog, hat er aber auch nicht nur eine erschütternde Beschreibung des Hamlet-Papstes Giovanni Battista Montini geliefert, sondern darüber hinaus kunstvoll die diversen Gefühlskompositionen beschrieben, die die Konzilsväter – und die beiden Päpste damals – erfüllt haben. Den Konzilspapst Johannes XXIII., so Raffalt, habe die Absicht getrieben, „die Kirche in so heftige Bewegung zu versetzen, dass eine Rückkehr zu ihrem fast byzantinischen Charakter unter Pius XII. unmöglich war. Schon in der ersten Periode des Konzils, die noch unter Johannes fiel, zeigten sich die Folgen. Freiheitsjubel und Fortschrittsglaube bei den Progressiven, monolithischer Verteidigungswille bei den Konservativen, dazwischen die Spannung der Ratlosen, die sich in Verfahrensfragen entlud und den Einfluss der Experten weit über deren Aufgabe hinauswachsen ließ. ,Glaube und Recht‘ war die Devise der Beharrlichen, ,Glaube und Zeitgeist‘ das Fanal der Reformer.“ Beharrende Kräfte und Reformkräfte, Konservative und Progressive, Modernisierer und Reaktionäre – zwei Lager waren es, die Einfluss auf den Kurs des Schiffs Petri nehmen wollten. Dabei war die katholische Weltkirche keine kleine Barke mehr. Und wie es bei den großen Meeresschiffen nun einmal ist, kann eine Kursänderung von nur wenigen Grad auf lange Distanz gesehen einen völlig neuen Lauf bedeuten.

Ein neues Bild der katholischen Kirche

Doch was sind die Folgen, wenn ein so gewaltiger Meeresriese wie die katholische Kirche den Kurs ändert, was dann im Verlauf der Zeit zu beträchtlichen Zielabweichungen führen kann? Ist das dennoch nur eine leichte Korrektur, eine Anpassung an Strömungen und Gegenwinde, vielleicht sogar eine Reform im besten Sinne des Wortes – oder kann es ein Bruch mit dem Bisherigen sein, eine radikale Wende?

Der Journalist Reinhard Raffalt hat damals unter den Konzilsvätern Stimmen eingefangen, die tatsächlich an einen epochalen Neuanfang denken ließen. „Die Mehrheit gebrauchte alsbald das Schlagwort vom ,Ende des konstantinischen Zeitalters‘“, schreibt Raffalt. Habe Kaiser Konstantin den Entschluss gefasst, die moralische Kraft des Christentums zur staatstragenden Idee des Römischen Reichs zu machen, und damit die Grundlagen für die kirchliche Hierarchie und die europäische Kultur gelegt, so sei der Ruf nach dem Ende dieses Zeitalters, der auf dem Konzil laut wurde, in Wirklichkeit die Absage der Kirche an die Kultur gewesen, die sie selber hervorgebracht und geschaffen hatte. Also doch ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit?

Raffalt beschreibt die Gefühlslagen der Mehrheit der Konzilsväter – wie auch des Montini-Papstes – so: „Als Paul VI. zur Eröffnung der zweiten Phase in das Konzil einzog, war dieser Prozess schon hoch gediehen. Die traditionelle Vorstellung von der durch Rom verkörperten Katholizität hatte an Tragfähigkeit eingebüßt. Zwar war die Sprache Roms, das Latein, als Konzilssprache beibehalten worden, doch schien dies nur noch eine belanglose Äußerlichkeit im Vergleich zu dem bereits sanktionierten Einzug der Nationalsprachen in die katholische Messe. Eine durch brüderliche Kollegialität beschwingte Vielfalt kirchlichen Lebens sollte das römische Prinzip ablösen, in dessen ,starren Formen‘ aufgewachsen zu sein die meisten Väter nunmehr als unbegreiflich empfanden. Während in der Weltpolitik der Begriff ,Stabilität‘ immer mehr in das Zentrum des Wunschdenkens rückte, begann der alte römische Grundsatz ,Stat crux dum volvitur orbis‘ – fest steht das Kreuz, indes der Erdkreis sich dreht – den Charakter einer verbrauchten Perspektive anzunehmen. Somit wandelte sich allgemach die Auffassung des Terminus ,katholisch‘. Hatte er bislang als Vorgriff auf die endgültige Gestalt der Welt an ihrem jüngsten Tage gegolten, so sah man jetzt darin das Synonym für eine ,Entwicklung‘, die unter christlichem Vorzeichen auf dialektische Weise stattfinden sollte – angetrieben durch das Prinzip Hoffnung, das sich seinerseits bestätigt finden konnte durch die soziale Tat. Die Begegnung der Kirche mit der Welt hatte auf dem Boden der Praxis zu geschehen. Die daraus entstehenden Konsequenzen verdichteten sich in der Vorstellungskraft Pauls VI. zur halbmystischen Schau auf eine künftige Friedenswelt. Aus ihr zog der Papst die Sicherheit, ohne Rücksicht auf die Größe des Risikos, ein neues Bild der katholischen Kirche zu verkünden, das von menschlichem Respekt entworfen, durch Kommunikation mit Leben erfüllt und im Dialog vollendet werden sollte. Nicht mehr Anspruch, sondern Zusammenarbeit, nicht mehr Macht, sondern Dienst, nicht mehr Autorität, sondern Diskussion waren die wünschenswerten Merkmale einer Kirche, die sich aus den Relikten der Vergangenheit zu erheben gedachte wie der Phönix aus der Asche.“ Soweit das Zitat.

Diese Beobachtungen des Zeitzeugen Raffalt legen nun tatsächlich den Eindruck nahe, dass es der Mehrheit der Konzilväter nicht um dogmatischen Feinschliff oder pastorale Aktualisierungen ging, sondern um eine ganz neue Kirche, die fünfzehnhundert Jahre Kirchengeschichte hinter sich ließ wie eine Schar von Rettungsbooten das sinkende Mutterschiff. Doch wie ist diese Zeitwende bei den Gläubigen, an der Basis ankommen? Bischöfe, Berichterstatter, katholische Akademien, theologische Größen und viele Pfarrer haben damals das Neue in die weite Weltkirche transportiert, auch in den deutschsprachigen Raum, wo bereits die liturgische Bewegung und eine starke ökumenische Erwartungshaltung den Boden dafür bereitet hatten, dass sich in der Kirche etwas ändern müsse. Der „Geist des Konzils“ war geboren. Auf der Würzburger Synode von 1971 bis 1975 schlug sich das dann in Forderungen an die römische Kirchenführung nieder, die das Zweite Vatikanum so gar nicht vorgesehen hatte. Doch in Rom hatte sich der Hamlet Paul VI. inzwischen gewandelt. Nicht mehr die im Friedensdienst vereinten Größen Kirche und Welt beherrschten sein Denken, sondern der „Rauch des Satans“, der in die katholische Kirche eingedrungen war.

Auf dem Konzil dagegen hatten weitaus optimistischere Gedanken Paul VI. bestimmt. Toleranz, Dialog und Sorge um die Armen sollten dazu dienen, die Versöhnung mit der modernen Kultur zu vollziehen. Dabei musste die Kirche drei Gruppen ansprechen, die bis dahin nicht im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit standen: Die Nicht-Religiösen, Agnostiker und Atheisten, die bisher mit Ablehnung, Gleichgültigkeit oder sogar Hass der Kirche gegenübergestanden hatten. Sodann die nicht-christlichen Weltreligionen, allen voran der Islam und das Judentum, mit denen man sich auf Grundlage eines auf religiösen Fundamenten beruhenden Menschenbilds versöhnen wollte. Und schließlich die anderen christlichen Konfessionen, deren verhärtete Ablehnung alles Römischen und Katholischen man durch Gesten der Brüderlichkeit aufweichen wollte. Die entsprechenden Konzilsdokumente – etwa „Nostra aetate“ über das Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen, „Unitatis redintegratio“ über die Ökumene oder „Dignitatis humanae“ über die Religionsfreiheit – waren keine dogmatischen Festlegungen, sondern einfache Erklärungen beziehungsweise ein Dekret, wirkten aber wie ein Fanal: Rom hat sich bewegt! Wenn man von der traditionellen katholischen Staatenlehre Abschied nehmen kann, sind auch noch ganz andere Dinge möglich!

Seither bewegt sich die katholische Kirche in zwei Strömungen durch die Geschichte: Die eine Strömung will diese „noch ganz anderen Dinge“, die andere Strömung beharrt auf der kirchlichen Tradition. Es liegt auf der Hand, dass diese de facto-Spaltung zwei unterschiedliche Sprachregelungen hervorgebracht hat, mit den Inhalten und der kirchengeschichtlichen Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils umzugehen. In Italien war es die von Giuseppe Dossetti gegründete „Schule von Bologna“, die zunächst unter Giuseppe Alberigo und dann Alberto Melloni eine ausdrückliche „Hermeneutik der Diskontinuität“, also eine Hermeneutik des Bruchs entwickelt hat, um darzustellen, dass das jüngste Konzil eine Art Wasserscheide darstellt. Gründend auf den Texten, aber auch auf der Arbeitsweise und auf den internen Debatten während der Kirchenversammlung stellen sie dar, dass es seither eine postkonziliare Kirche gibt, die sich wesentlich von der vorkonziliaren Kirche unterscheidet und eine neue Phase der Kirchengeschichte eröffnet hat. Man erinnere sich an den Ruf der Konzilsväter vom „Ende des konstantinischen Zeitalters“.

Der Konzilsperitus und Theologieprofessor Joseph Ratzinger hatte auf der Würzburger Synode erlebt, wie weit die Kirchenspaltung in das Denken der Basis vorgedrungen war und hatte diese Versammlung schließlich verlassen. In späteren Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom berufen, konnte er von zentraler Warte aus verfolgen, wie das Zweite Vatikanische Konzil nicht mehr als Teil innerhalb der Ganzheit der lebendigen Tradition der Kirche gesehen wurde, sondern als ein völliger Neubeginn, als eine Art „Superdogma“, das alles Vorhergehende in die Bedeutungslosigkeit versinken lässt. Am 13. Juli 1988 erklärte der Kardinal vor Bischöfen aus Chile: „Das, was früher als das Heiligste betrachtet wurde – die überlieferte Form der Liturgie –, erscheint plötzlich als das Verbotenste und das Einzige, was man sicher ablehnen muss. Man duldet keine Kritik an den Maßnahmen der nachkonziliaren Zeit; wo aber die alten Normen oder die großen Glaubenswahrheiten – zum Beispiel die leibliche Jungfräulichkeit Mariens, die körperliche Auferstehung Jesu, die Unsterblichkeit der Seele und so weiter – auf dem Spiele stehen, da reagiert man entweder überhaupt nicht oder nur in extrem abgeschwächter Form ... Der einzige Weg, das Zweite Vatikanum glaubwürdig zu machen, besteht darin, in klarer Weise darzustellen, was es ist: ein Teil der ganzen und einzigen Tradition der Kirche und ihres Glaubens.“

Benedikt XVI. und die Frage der Konzils-Hermeneutik

Als Papst nun hat er dazu die Gelegenheit. Und tatsächlich bedarf es schon eines exzellenten Theologen, der das Konzil selber erlebt und mitgestaltet hat, um die Klippen zu umschiffen, die das Zweite Vatikanum scheinbar im Strom der Lehrtradition der katholischen Kirche aufgerichtet hat. Und tatsächlich: Direkt die erste traditionelle Weihnachtsansprache vor den „eigenen Leuten“ als Papst widmete Benedikt XVI. der Frage der Konzils-Hermeneutik. In dieser berühmt gewordenen Ansprache vor der römischen Kurie am 22. Dezember 2005 konnte er nicht ignorieren, dass das Konzil – obwohl Papst Benedikt bei dieser Gelegenheit der „Hermeneutik der Diskontinuität“ die „Hermeneutik der Reform“ gegenüberstellte – eine gewisse Diskontinuität in einigen Lehrfragen hervorgebracht hatte. Doch für den deutschen Theologen-Papst liegen Kontinuität und Diskontinuität „auf verschiedenen Ebenen“. Diese Ebenen richtig zu identifizieren und auseinanderzuhalten, das ist Papst Benedikt zufolge der entscheidende Punkt, um das Zweite Vatikanum richtig zu interpretieren.

So habe das Konzil, erklärte der Papst in seiner Weihnachtsansprache vor sechs Jahren, das Verhältnis zu den Wissenschaften und zu den modernen Staaten neu bestimmen müssen. Fast überall auf der Welt lebte die Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts inzwischen in einem Staat, „der Bürgern verschiedener Religionen und Ideologien Platz bot, sich gegenüber diesen Religionen unparteiisch verhielt und einfach nur die Verantwortung übernahm für ein geordnetes und tolerantes Zusammenleben der Bürger und für ihre Freiheit, die eigene Religion auszuüben“. Dementsprechend habe das Zweite Vatikanum eine neue Lehre über die Religionsfreiheit verkündet. In der vorkonziliaren Auffassung der Päpste war die Lehre über die alleinige Wahrheit der christlichen Religion an eine Lehre über die Funktion des Staates und seine Pflicht gekoppelt, der wahren Religion Achtung zu verschaffen und die Gesellschaft vor der Verbreitung des religiösen Irrtums zu bewahren. Dies implizierte das Ideal eines „katholischen Staates“, in dem die katholische Religion alleinige Staatsreligion ist und die Rechtsordnung immer auch im Dienste des Schutzes der wahren Religion steht.

Das Zweite Vatikanische Konzil, so Papst Benedikt in der Ansprache, habe dagegen „mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen“. Dieser wesentliche Grundsatz des modernen Staates und dieses gleichzeitig tief verankerte Erbe der Kirche, das wieder aufgegriffen wurde, war für Papst Benedikt die Ablehnung der Staatsreligion.

Die Erläuterung der „Hermeneutik der Reform“ am Beispiel der Lehre über die Religionsfreiheit schloss der Papst mit der Feststellung: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert.“ Solche Korrekturen bedeuteten jedoch keine Diskontinuität, keinen Bruch hinsichtlich der katholischen Glaubens- und Sittenlehre. Deshalb sprach Papst Benedikt von einer bloß „scheinbaren Diskontinuität“, denn trotz des Abwerfens des alten Ballastes einer überholten Staatslehre „hat sie [die Kirche] ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft. Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die sich auf dem Weg durch die Zeiten befindet.“

Die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit stellt also keine dogmatische Neuorientierung dar, wohl aber eine Neuerung in der kirchlichen Soziallehre, genauer: eine Korrektur der kirchlichen Lehre über Funktion und Aufgaben des Staates. Die gleichen, unveränderlichen Prinzipien werden in neuer historischer Konstellation auf andere Weise angewandt. Tatsächlich gibt es keine überzeitliche, dogmatische katholische Glaubenslehre über den Staat und kann es auch keine geben – abgesehen von jenen Beständen, die bereits in der apostolischen Tradition und der Heiligen Schrift verankert sind. Und diesen ist die Idee des „katholischen Staates“ als weltlicher Arm der Kirche unbekannt; sie weisen viel eher in die Richtung einer Trennung von religiöser und staatlich-politischer Sphäre.

Indem Papst Benedikt kurz vor Weihnachten 2005 von der „Hermeneutik der Reform“ sprach und diese am Beispiel der Konzilslehre zur Religionsfreiheit erläuterte, hat er modellhaft vorgegeben, wie man sich in den kommenden vier Jubiläumsjahren zum Konzil mit den Aussagen und Wirkungen des Zweiten Vatikanums auseinandersetzen kann, ohne in dieser Bischofsversammlung einen Bruch zu sehen, wie es die Progressiven und die extremen Traditionalisten vom Schlage der Piusbrüder tun. Doch wird man darüber hinaus auch eine Art von Mentalitätsgeschichte betreiben müssen. Wie konnte es kommen, dass gebildete und normale Pfarrer nach dem Konzil als erstes ihre Kirchen leergeräumt, Heiligenfiguren auf den Dachboden verbannt und die Tabernakel zur Seite geschoben haben? Warum war das Latein plötzlich verpönt, obwohl das Konzil den Gebrauch der alten Kirchensprache nachdrücklich empfohlen hatte? Wann immer man anhand der Texte des Konzils nachweist, dass diese Bischofsversammlung auch Korrekturen vorgenommen und die Haltung der Kirche etwa zu den modernen Staaten oder den nichtchristlichen Religionen verändert hat, dabei aber ein und dieselbe katholische und apostolische Kirche geblieben ist, die sie schon vor dem Konzil war, so legt der Blick auf den kirchlichen Alltag, das Leben der Gemeinden sowie das theologische Forschen und Lehren eher den Eindruck nahe, als sei das Zweite Vatikanum ein Bruch mit der Vergangenheit gewesen. Es reicht nicht nur, die Kontinuität, in der die Kirche steht, sowie das Prinzip „Reform statt Bruch“ anhand der Konzilstexte nachzuweisen. Man muss auch auf die Lebenswirklichkeit der Kirche und ihrer Gläubigen zumindest in der westlichen Welt schauen, um zu verstehen, warum manche so tun, als sei die Kirche auf dem Konzil neu erfunden worden. Es geht auch um Denkstile, Moden, Zeitströmungen und ideologische Einflüsse, denen das Katholische nach dem Konzil ausgesetzt war. Hier kommt der Kulturrevolution von 1968 eine ganz besondere Bedeutung zu. Ohne zu wissen, dass drei Jahre später die sogenannte „68er-Zeit“ beginnen sollte, hatten die Konzilsväter bis zum Ende des Zweiten Vatikanums im Dezember 1965 nichts getan, um die Gläubigen dagegen zu wappnen – wie sollten sie auch? –, aber alles, um sie für das Aufbegehren gegen das Überkommene, das zum Selbstverständnis der 68er-Bewegung gehörte, anfällig zu machen.

Machtkämpfe, die weit über das Konzil hinausgingen

Indem es der Mehrheit der „Modernisierer“ unter den Konzilsvätern gelungen war, die Besetzung der zehn Konzilskommissionen gleich in der ersten Sitzungsperiode der Kontrolle durch die römische Kurie zu entreißen und selber die Listen für die Wahl der Mitglieder der Kommissionen vorzubereiten, war der Machtkampf in der Konzilsaula sowie zwischen Bischöfen und dem Papst ausgebrochen und für alle sichtbar geworden. Im Grunde war es ein Angriff auf das hierarchische Prinzip der Kirche – eine Auseinandersetzung, die auf dem Zweiten Vatikanum manifest wurde, aber weit über das Konzil hinausgehen sollte. Es war – könnte man sagen – die vorweg genommene 68er-Bewegung innerhalb der Kirche selber, die diese in unterschiedliche Lager spaltete und später zu der gegensätzlichen Lesart der Konzilstexte führen sollte.

Dazu nochmals ein Zitat von dem Zeitzeugen und Analysten Reinhard Raffalt aus seinem Vatikan-Buch von 1973: „Jahrelang litt Paul VI. unter der Rebellion, die einen bedeutenden Teil des Episkopats erfasst hatte. Viele Bischöfe fühlten sich von Rom gegängelt: in der Bischofswahl, im Kirchenrecht, in der Pillenfrage, am meisten im Problem des Zölibats. Immer war die Entscheidung dem Papst vorbehalten, der auf seine Legitimität pochte, obwohl sie vielen zweifelhaft erschien. Andererseits brachten die unzufriedenen Bischöfe keineswegs den Mut auf, selber polemisch zu werden. Sie schickten Theologen ins Treffen. Zwischen diesen schwelte der Streit durch die Jahre nach dem Konzil. Man griff die Kurie an, den Hofstaat, die Finanzen, die Verflechtungen des Vatikans mit Italien, die Identität von Papsttum und römischem Bischofsamt, schließlich die Unfehlbarkeit. In voller Vehemenz aber brach der Kampf erst aus, als im Herbst 1971 die dritte Bischofssynode zusammentrat.“

Hier nun beginnt eine neue Geschichte, die an dieser Stelle nicht zu behandeln ist: Die Geschichte jener „Los-von-Rom-Bewegung“, die von Bischöfen losgetreten wurde, das heißt die Geschichte jenes antirömischen Affekts, der schließlich auch das kirchliche Leben an der Basis erfasste und für die normalen Gläubigen zur Zeit Pius' XII. oder Johannes' XXIII. völlig undenkbar gewesen wäre. Die Frage der Hermeneutik bei der Interpretation der Konzilslehren ist nicht nur eine Frage der sorgfältigen Lektüre von Texten und der Unterscheidung von unterschiedlichen Ebenen, auf denen es Kontinuitäten wie aber auch Diskontinuitäten gegeben hat, die nur dann richtig einzuordnen sind, wenn man das Konzil im Lichte der gesamten Tradition der Kirche liest. Die Frage der Hermeneutik ist auch eine Frage der Mentalitäten. Wer gegen Rom und das hierarchische Prinzip aufbegehrt, wird die Konzilstexte anders interpretieren als das römische Lehramt. Das Zweite Vatikanum dient damit als Steinbruch oder Waffenlager, aus dem sich jeder die Zitate herausholt, die er als Munition gut gebrauchen kann. Nicht die Interpretation der Konzilstexte ist die Schwierigkeit. Die Schwierigkeit sind jene, die es unterschiedlich interpretieren.