„Wir wollen helfen, starke Frauen heranzubilden“

Arabischen Mädchen Wege in die Eigenständigkeit bieten: Zu Besuch in der deutschen Schmidt-Schule in Jerusalem. Von Oliver Maksan

Viele Absolventen der Schmidt-Schule in Jerusalem wollen im Ausland studieren. Mädchen auf dem Pausenhof. Foto: Maksan
Viele Absolventen der Schmidt-Schule in Jerusalem wollen im Ausland studieren. Mädchen auf dem Pausenhof. Foto: Maksan

Einträchtig hängt das Bild von Papst Franziskus neben dem von Bundespräsident Gauck. Damit sind schon in der Eingangshalle der Jerusalemer Schmidt-Schule die bestimmenden Koordinaten der Einrichtung klar: Es ist eine deutschsprachige katholische Schule. Über 500 arabische Mädchen lernen hier von der ersten bis zur zwölften Klasse und schließen mit dem deutschen Abitur oder der palästinensischen Reifeprüfung ab. „Etwa 15 Prozent unserer Mädchen sind Christinnen. Der Rest sind Musliminnen. Bei unseren Lehrern ist das Verhältnis genau umgedreht“, sagt Rektor Rüdiger Hocke, ein Deutscher, der die Schule seit 2012 leitet. Sein Lehrerkollegium besteht sowohl aus Deutschen als auch Palästinensern.

Gegründet wurde die nur einen Steinwurf vom Damaskustor der Jerusalemer Altstadt gelegene Schule bereits 1886. Ihren Namen verdankt sie Pater Schmidt, einem ehemaligen Rektor. Heute ist der Deutsche Verein vom Heiligen Lande Eigentümer der Einrichtung, die von der Bundesrepublik Deutschland unterstützt wird. Schulträgerin ist die Ordensgemeinschaft Congregatio Jesu. Damals wie heute ist das Ziel, palästinensischen Mädchen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. „Wir wollen den Mädchen eine Perspektive hier im Heiligen Land geben. Und gute Bildung ist die Voraussetzung dafür, in der israelischen wie der palästinensischen Gesellschaft bestehen zu können“, betont Rektor Hocke. Eine Vertreterin des Elternbeirats stimmt ihm zu. „In diese Schule bin ich bereits gegangen und jetzt meine Töchter. Sie hat viel getan für eine bessere Zukunft der Palästinenser. Aber Bildung allein ist nicht genug. Wir brauchen Menschen, die sich für die Rechte des palästinensischen Volkes einsetzen.“

Politisch ist die Schule, die sowohl den palästinensischen als auch den israelischen Bildungsstandards genügt, an sich nicht. Aber natürlich ist der israelisch-palästinensische Konflikt in einer Ost-Jerusalemer Schule nicht völlig auszublenden. „Manche Familien hier im von Israel annektierten Osten der Stadt wollen beispielsweise nicht, dass ihre Töchter hier bei uns Hebräisch lernen“, sagt der Rektor. „Grundsätzlich bemühen wir uns aber schon um offene Familien. Wer zum Beispiel sein Kind nicht in unseren Kindergarten schicken will, weil der im jüdischen Westen der Stadt ist, der ist hier fehl am Platz.“ Sozialarbeiter helfen, wenn Kinder infolge des Konflikts belastet werden. „Von einer Schülerin, deren 13-jähriger Bruder von den Israelis wegen was auch immer für fünf Tage ins Gefängnis muss, kann man keine guten Leistungen erwarten. Da müssen dann unsere Psychologen ran“, sagt Hocke.

Die Beschwernisse der Besatzung bekommen manche Schülerinnen auch deshalb zu spüren, weil sie hinter der von Israel errichteten Sperranlage leben, die Israel von den Palästinensergebieten trennt. „Mein Schulweg von Ramallah bis in die Schule dauert wegen der Checkpoints oft zwei Stunden“, klagt die 16-jährige Huda. „Ich muss schon gegen fünf aus dem Haus, um die Schule rechtzeitig zu erreichen. Abends dann erwartet mich wieder dasselbe. Nach Abendessen und Hausaufgaben ist es dann meist schon zehn und Zeit fürs Bett.“ Doch soll die Schule ihrem Verständnis nach helfen, Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern abzubauen. Verständigung und Begegnung mit jüdischen Israelis zu ermöglichen soll dazu wesentlich beitragen. „Wir haben einmal einen Sommerausflug zusammen mit jüdischen Kindern veranstaltet. Zunächst habe ich sie gemieden. Aber irgendwann sind wir dann zueinander gekommen. Das war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich habe erkannt: Wir sind alle Menschen und könnten eigentlich friedlich in diesem Land zusammenleben“, meint Schülerin Marcelle. Die vielfältigen religiösen Spannungen, die das Heilige Land prägen, spielten in der Schule keine Rolle, meint Marcelle weiter. „Wir sind hier zwölf Jahre zusammen. Wir fühlen uns wie Schwestern. Ob jemand Christ oder Muslim ist, wird da unwichtig.“ Gerade das Fördern gegenseitiger Toleranz und Respekts gehört zum erzieherischen Grundauftrag der Schule. Das Tragen des Kopftuchs ist muslimischen Mädchen zwar nicht gestattet. Aber Rücksicht wird auf ihre religiösen Bedürfnisse schon genommen. So ist der Freitag neben dem Sonntag schulfreier Tag. Während des islamischen Fastenmonats Ramadan ist der Schulplan für muslimische Lehrer und Schüler etwas verkürzt. Islamischer Religionsunterricht wird ihnen den Vorgaben der palästinensischen Schulbehörden entsprechend ebenso erteilt. Rektor Hocke ist es wichtig, neben Naturwissenschaften und Sprachen die ganzheitliche Formung der Schülerinnen zu fördern. „In Ost-Jerusalem ist nicht viel geboten für junge Mädchen. Wir ermöglichen ihnen deshalb hier auch, sich musikalisch, sportlich oder im Theaterspiel weiterzubilden.“ Der christliche Charakter der Schule kommt neben Religionsunterricht und Gottesdiensten in der großen Hauskapelle durch die Hinführung zur Caritas zum Ausdruck. „Viele unserer Mädchen kommen aus gutsituierten Elternhäusern und sind etwas verwöhnt. Es tut ihnen deshalb gut, wenn sie Gleichalterigen helfen, denen es weniger gut geht als ihnen. Wir haben deshalb ein Projekt, das wir ,Schüler helfen Schülern‘ genannt haben. Spenden sind an christliche Schulen in Syrien und Gaza gegangen. Außerdem arbeiten wir mit einer Schule für behinderte Kinder in Beit Hanina in Jerusalems Norden zusammen. Das prägt die Mädchen sehr positiv“, betont Hocke.

Und die Mädchen wissen zu schätzen, was sie an ihrer Schule haben. Die 16-jährige Huda meint: „Bildung ist eine Waffe, die mir niemand nehmen kann. Diese Schule ist wie ein Werkzeug dafür, meine Träume verwirklichen zu können. Ich habe nicht nur schulisch, sondern auch auf dem menschlichen Gebiet sehr viel gelernt. Dafür bin ich meiner Schule sehr dankbar.“ Viele der Mädchen wollen nach ihrem Abschluss im Ausland studieren. Nicht wenige sind in der Vergangenheit dann gleich dort geblieben. Unterstützt die Schule damit paradoxerweise nicht die Abwanderung von Christen? Bernd Mussinghoff, Leiter des Jerusalemer Büros des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande, beruhigt: „Das wollen wir natürlich nicht. Im Gegenteil. Aber wir wollen, dass die Mädchen das Leben wählen können, das sie sich wünschen. Wir wollen helfen, starke Frauen heranzubilden.“