Wie sieht die Kirche von morgen aus?

Eins ist schon heute klar: Eine Kirche, die mehr Stein als Sein ist, und mehr Behörde als Gemeinschaft, hat keine Zukunft. Von Bernhard Meuser

Nach dem Ende der Volkskirche ist die künftige Gestalt der Kirche in Deutschland noch nicht absehbar. Im Bild Bauarbeiten in der Leipziger Propsteikirche Sankt Trinitatis. Foto: KNA
Nach dem Ende der Volkskirche ist die künftige Gestalt der Kirche in Deutschland noch nicht absehbar. Im Bild Bauarbeite... Foto: KNA

Die Leute an den pastoralen Reißbrettern übersehen gerne, dass wir die Zukunft der Kirche nicht machen. Von heute aus gesehen wissen wir einfach nicht, ob man in zwanzig Jahren alle Kreuze von den Berggipfeln entfernt, alle Gottesverweise aus den Verfassungen und Schulbüchern eliminiert hat und ob unsere Kirchen vielleicht nur noch Kolumbarien sind, in denen Nelken welken. Oder Eventlokale, die Show- cooking im Altarraum zelebrieren. Das hängt nicht nur von uns ab, die wir in den letzten Jahrzehnten wenig dafür getan haben, dass man die Kirche als leuchtenden Ort wahrnahm. Gott spielt mit. Man muss ihn auf der Rechnung haben. Manchmal überblendet er, der barmherzig ist, einfach unser Versagen. Er kann seine Gnade und seinen Segen entziehen; er kann aber auch versiegte Bäche wieder füllen im Südland. Er kann die Logik des Niederganges zerbrechen, in der wir scheinbar unaufhaltsam dem Ende entgegentrudeln.

Kirchendämmerung? Ich hoffe, dass uns etwas Verrücktes passiert, etwas, das in keinem Planspiel auftaucht. Etwas von Gott her, eine Art himmlische Hallo-Wach-Initiative. Erscheint es undenkbar, dass sich in nicht zu ferner Zukunft eine Veränderung einstellt, ja, dass eine Feuerwelle von Geist, Licht und Liebe, von Wundern und Freude durch unsere verkorksten Kirchenverhältnisse brandet, die vieles Verbrauchte zerstört, die Platz macht für die neue, die uralte, die eine Kirche Gottes? Pietistische und charismatische Christen haben für diese Hoffnung einen Namen, der klassisch sozialisierten Katholiken noch fremd in den Ohren klingt: Erweckung. Im Advent singt die Kirche den kraftvollsten Choral der Welt: „Wachet auf!“. Und das meint: Viele innerhalb und außerhalb der verfassten Kirche werden plötzlich wach und begreifen: Gott ist ja da, und zwar ganz real, und nicht irgendwie, als verblasene regulative Idee oder als eine esoterische Formel. Zum Wachwerden der Stadt gehören die Wächter auf den Zinnen. Natürlich hat die Kirche auch heute Propheten, man muss sie nur entdecken. Es mehren sich die Stimmen derer, die hinter den Ruinen das Morgenrot sehen: „Du bist's, der, was wir bauen, mild über uns zerbricht, dass wir den Himmel schauen – darum so klag ich nicht“ (Eichendorff).

Ja, ich glaube, dass wir morgen wieder glauben werden. Ich glaube, dass die Kirche ihre große Zeit noch vor sich hat. Aber ich glaube auch, dass wir dazu Bekehrung, Reinigung und das anstößige Wort „Erweckung“ brauchen, dass wir um Erweckung beten, ja um Erweckung schreien müssen zu Gott, – alleine, in unseren Nachtgebeten, mit anderen in kleinen Gebetsgruppen, mit vielen in den Gottesdiensten und auf christlichen Treffen. Gott muss etwas erwecken. Sonst wird das nichts!

Zunächst braucht es Realismus. Als Papst Franziskus jüngst zu den Bischöfen von einer „Erosion des Glaubens“ in Deutschland sprach, beeilten sich verschiedene der Angesprochenen, die dramatische Metapher zu entkräften. So schlimm sei es nicht; es gebe sogar Aufbrüche zu verzeichnen. Die zweite Hälfte des Satzes stimmt: Es gibt wirklich Aufbrüche in der Kirche, von denen man vor zwanzig Jahren nicht zu träumen wagte. In der Fläche hat der Papst recht, nicht diejenigen, die beschwichtigen. Nüchtern urteilt Kardinal Lehmann: „Allen Konfessionen steht das Wasser bis zum Hals. Wir haben nicht ewig Zeit.“ Was passiert gerade? Der Glaube verdunstet. Er spielt keine Rolle mehr in den Biographien der meisten Leute: „Man verliert nicht den Glauben, aber er hört auf, dem Leben Form zu geben. Das ist alles“ (Georges Bernanos).

Goethe sprach gerne von der „Gestalt“ (und Romano Guardini hat den Terminus aufgegriffen), wo er ein organisches Ganzes meinte, das sich aus einem inneren Bauprinzip heraus entfaltet. Das tiefste Elend der Kirche in Deutschland ist vielleicht, dass sie ihre geistige „Gestalt“ verloren hat, ihre Identität, ihr unterscheidend Anderes. Nach außen hin steht sie „fest gemauert in der Erden“ des Konkordates, ruht sie, mit Verträgen gesegnet und Privilegien begabt, gewissermaßen unkaputtbar im Gelände. Aber der Geist, der lebendig macht, scheint aus dem Gebilde gewichen. Die Leute, die nicht zum harten Kern gehören, halten sie für eine Behörde, deren rituelle und lebenshilfliche Dienste man aus alter Anhänglichkeit und für überteuertes Geld hin und wieder in Anspruch nimmt. Den Kindern kann man diese scheinbar sinnfreie Einrichtung kaum mehr vermitteln. Sie sind nicht mit Geld und guten Worten in den Gottesdienst der Gemeinde zu bewegen. Wohlgemerkt, ich spreche von der Fläche und nicht von den Aufbrüchen in Gemeinden und Gemeinschaften.

Und wie die Kirche ihre Gestalt verloren hat, so hat auch das Leben des einzelnen Christen an Profil, Farbe, Format verloren. Man weiß nicht mehr, wofür das Christliche steht. Das Glaubenswissen des einzelnen Christen tendiert statistisch gegen den Nullpunkt. Wie sollte es auch vorhanden sein, da es die klassische Initiation in den christlichen Glauben, wie sie weltweit nach wie vor mit Erfolg (freilich auch neuen Methoden) praktiziert wird, nicht mehr gibt. Wem die Inhalte des Glaubens verschlossen bleiben, wer nicht weiß, was wir gemeinsam mit Menschen aller Kulturen und Völker seit Jesu Tagen glauben, kann weder eine Identität als Christ gewinnen, noch Freude entwickeln, noch Stolz auf etwas sein. Der Volksmund sagt zu Recht: Was man nicht kennt, das schätzt man nicht. So gehört man nur oberflächlich dazu, vielleicht, weil sich der Name in einer Kartei befindet.

Hinzu kommt: Nachdem wir ein Migrationsland geworden sind, holt uns der interreligiöse Dialog ein. In ihrer Art von Glaubenswissen durchaus firme Muslime fragen uns, was wir denn glauben und welcher Art unsere Werte sind. Sie fragen nicht nur, warum wir drei Götter anbeten, statt uns Allah zu unterwerfen. Muslime betrieben bis vor kurzem Stände auf der Neuhauser Straße in München, missionierten auf dem Markt in Hamburg-Harburg oder gingen auf die Bühne bei einer Großveranstaltung im Augsburger Kongresszentrum. Wir würden gerne sagen, dass wir „das“ nicht wollen. Aber wie unser Eigenes aussieht, dafür haben wir die Worte verloren.

Seit mindestens zwei Generationen vermissen Katholiken in Deutschland katechumenale Prozesse, die sie in die Vollgestalt christlicher Existenz einführen, so dass man durch Partizipation und aus tiefster Überzeugung ein praktizierender Christ wird. Häppchenweise, mehr oder weniger zufällig, erfahren Glaubenswillige dies und das – über Diakoninnen, die Genderfrage, Sterbehilfe. Was Eucharistie ist, wie Beichten geht, worin die Sünde oder das Kirchenjahr besteht, warum der Sonntag gefeiert wird, was ein Priester soll und wozu ein Bischof da ist – darin Kunde zu erlangen, muss man schon gewaltiges Glück haben.

Immer noch verweigert sich ein Großteil der Vermittler einer Katechese, welche die Dinge im Zusammenhang darstellt. Sie sind für Katechese, aber gegen den Katechismus. Doch wo finde ich die must haves des Glaubens, wo ist das Inventar der wesentlichen Dinge? Im Katechismus. Der Katechismus ist das Buch, in dem all das zusammenhängend benannt, vernünftig erhellt und kirchlich verbürgt wird, was man begründet erhoffen darf, notwendig glauben und konsequent tun sollte, um Christ zu sein. Die Alternative zum Wachsen im Glauben in lebendiger Auseinandersetzung mit dem Proprium des Glaubens (sprich: mit dem Katechismus) heißt: Synkretismus, Eklektizismus, Halbwissen, Eigenbau. Also gar nichts. Wer stirbt schon gerne für seine eigenen Hirngespinste?

Es ist klar, dass ein ritueller, echte Partizipation verweigernder Glaube keine Zukunft hat. Ebenso wenig hat eine Kirche Zukunft, die mehr Stein als Sein ist, und mehr Behörde als Gemeinschaft. Und auch der Typus Christ, der sich „seinen Glauben“ subjektiv synthetisch zusammenfrickelt, wird sich in der rauen Luft der globalen religiösen Auseinandersetzungen nicht halten können; er wird von der Bildfläche verschwinden. Diese Kirche und diese Art Christ zu sein stehen vor der Liquidation.

Aber Liquidieren ist keineswegs schlimm. Es meint: Verflüssigen. Gefrorenes kann man verflüssigen; stehenden Gewässern tut Abfluss gut und faule Tümpel hören auf zu stinken, wenn sie in Fluss kommen. Jesus initiierte eine Lebensbewegung; ich wüsste nicht, dass er Bürokratien vorsah und Verwaltungstrakte ersehnte, auch nicht, dass er in Mt 25 an Sozialkonzerne dachte oder beim „Licht der Welt“ in Mt 5 an stilgerecht restaurierte Barockleuchter. Gebäude, selbst die herrlichsten Kathedralen, sind nicht essenziell für einen Gott, der mehr in den Herzen der Menschen Wohnstatt sucht als in repräsentativer Architektur. Vielleicht gibt es eine Art göttliche Abstoßungsreaktion, wo sich eine Kirche allzu glatt in der Welt eingerichtet und gegen transzendente Eingebungen immunisiert hat. Vielleicht zerbricht da gerade jemand unser Spielzeug?

Es kann sein, dass uns Vieles – scheinbar alles – genommen wird, und dass paradoxerweise gerade darin unsere Rettung besteht. Die Kirche braucht nicht viel, um Kirche zu sein, letztlich nur den Altar, der Christus ist, um den sich die Gläubigen versammeln, um Gott zu loben, den Ort, wo sie durch Wort und Sakrament zum Leib Christi aufgebaut werden, wo sie Lehre empfangen, Leben teilen, mit Gott versöhnt werden und Einheit sind. Der Rest kann aus Sakristeien, Vereinsheimen, Bildungshäusern und Dienststellen zurückdelegiert werden, dorthin, wo er hingehört: in die Häuser der Menschen. So war es in der Urkirche der Fall.

Womit wir bei einem der großen Hoffnungszeichen der gegenwärtigen Kirche wären. Wie neue Lichter sind sie an vielen Orten aufgegangen, die lebendigen Zellen, die Haus- und Bibelkreise, die Lobpreis-Initiativen, die Gebetsgruppen, die Glaubenscamps und katechetischen Studygroups, die spontanen Sozialprojekte von Laien, die Nachbarschaftshilfen und Hospize. Die da mittun, wollen in die Tiefe. Sie suchen die Verbindlichkeit. Sie teilen Leben und empfangen Leben. Sie geben Zeugnis, üben sich in einem rechenschaftsfähigen Glauben und genießen nebenbei die Früchte des Heiligen Geistes. Sie sind Hauskirche – familia Dei.

Dass es bald nicht mehr überall ein Pfarrbüro gibt, nicht einmal eine nahegelegene Kirche, geschweige denn eine Pfarrei, ist bedauerlich. Aber ich stelle mir vor, dass es eines Tages Google Spirit gibt, Leuchtpunkte auf der Landkarte, an denen etwas los ist, vor allem am Sonntag. Ich träume davon, wie die vielen Hauskirchen, Gruppen und Initiativen sich aufmachen zur zentralen Feier der Eucharistie und zum Fest dieses Tages, der Gott gehört und den man gemeinsam verbringt, miteinander sprechend, spielend, essend, auch lernend und betend. Und ich gehe davon aus, dass man an diesen Leuchtpunkten keinen betreuenden Religionsprofessionals und keinem abgehobenen Amt begegnet, sondern Hirten, die selbst in betender Gemeinschaft leben. Es wird eine von Gott erweckte Kirche sein, in der ich gerne bin.

Der Autor leitet die YOUCAT-Foundation in Aschau.