Warum hoffen wir eigentlich?

Die Tugend der Hoffnung oder die christliche Therapie der Entfremdung – Eine philosophische Betrachtung. Von Berthold Wald

St. Peter's statue is seen at the Vatican
„Der Name des Menschen ist Sünder“, „von Gott geliebter Sünder“. Dass dem so ist, wusste der heilige Petrus ganz genau. Und auch Papst Franziskus weiß das: Daher auch das Jahr der Barmherzigkeit. Foto: dpa
St. Peter's statue is seen at the Vatican
„Der Name des Menschen ist Sünder“, „von Gott geliebter Sünder“. Dass dem so ist, wusste der heilige Petrus ganz genau. ... Foto: dpa

Ein Mensch hofft, solange er lebt, erst die Toten hoffen nicht mehr“, so lautet ein Epigramm des vorchristlichen Dichters Theokrit. Was darin gesagt ist, klingt auch heute, nach über zweitausend Jahren, lebensnah und wahr. Zu hoffen ist nicht irgendein Kennzeichen der menschlichen Existenz, sondern auf eine besondere, mit dem Leben des Menschen verbundene Weise. Der Mensch ist als Mensch ein Hoffender, so scheint es, weil sein Leben zeitlich und endlich ist. Von Natur ein geschichtliches Wesen, das um seine Endlichkeit weiß, kann er, solange er lebt, aus dieser Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft nicht heraustreten. In jedem Moment seines Lebens geht es ihm um sein künftiges Leben. Um zu überleben, nimmt er lebensbedrohliche Risiken auf sich. Wir sehen es täglich, Menschen fliehen aus tödlicher Gefahr und riskieren dabei ihr Leben, weil sie hoffen. „Ein Mensch hofft, solange er lebt“, bedeutet so: die Hoffnung ist eine elementare Antriebskraft des Lebens, das sein will und sich vor dem Nicht-sein fürchtet. Diese Zusammengehörigkeit von Hoffnung und Leben wird noch einmal deutlicher durch den Nachsatz: „erst die Toten hoffen nicht mehr.“ Der Tod ist darum nicht Teil des Lebens, wie des Öfteren zu hören ist, sondern sein Gegensatz. Mit dem Tod enden Leben und Hoffnung auf Leben.

Aber ist das wahr, ist der Tod wirklich eine absolute Grenze des Lebens und der Hoffnung? Und hofft der Mensch nur, weil er Angst davor hat, nicht mehr zu sein? Muss man nicht unterscheiden zwischen verschiedenen Arten von Hoffnung? Josef Pieper hat darauf hingewiesen, dass es nicht bloß die jedermann vertraute Unterscheidung der vielen Hoffnungen von der einen Hoffnung gibt, die im französischen auch sprachlich als „espoirs“ (Hoffnung im Plural) und „espérance“ (Hoffnung im Singular) unterscheidbar sind. Wir können doch zumindest sinnvoll fragen, ob mit dem Verlust der Hoffnungen auf Dinge wie Gesundheit, Anerkennung, Reichtum, Frieden, alle Hoffnung verloren ist.

Wir können fragen, „welche Hoffnung, die Hoffnung auf was müsste einer verloren haben, damit von ihm mit Fug gesagt werden könnte und dürfte: er hat keine Hoffnung mehr, er ist schlechthin verzweifelt?“ (8.1, 317: Josef Pieper, Werke in acht Bänden. Hrsg. B. Wald. Hamburg 1995 ff.; im Folgenden zit. als Band, Seite). Der Gegensatz von Hoffnung und Verzweiflung führt uns näher an das Wesen der Hoffnung heran. Vieles von dem, was wir zu Recht erhoffen dürfen, kann unerfüllt bleiben und verloren gehen, ohne darum „die“ Hoffnung zu verlieren. Die den Menschen am meisten kennzeichnende Hoffnung ist nicht auf vieles gerichtet, sondern auf eines: „dass es ,gut ausgehe‘ mit uns selbst; hoffen heißt: ein glückliches Ende erwarten“ (Ebd.). Mit „Ende“ ist hier offenkundig nicht das Aufhören des Lebens gemeint, sondern das Ziel und die Erfüllung des Lebens. Die erhoffte Erfüllung ist mehr als das Gegenteil von „Nicht-sein“, auch mehr mehr als die unendliche Dauer des Lebens. Erhofft wird mit der ganzen Sehnsucht des menschlichen Herzens die Fülle des Lebens, welche die Menschen zu allen Zeiten als „das Heil“ bezeichnet haben.

Das im Hoffen erschlossene Wissen um die Struktur der menschlichen Existenz ist darum nur unvollständig bestimmt durch die unausweichlich bevorstehende Möglichkeit des Nicht-seins. Alle Hoffnung wäre dann nicht bloß begrenzt auf die Spanne zwischen Leben und Tod, – wir könnten nicht einmal verstehen, was es denn heißen soll, auf das Heil zu hoffen. Es verhält sich gerade umgekehrt. Weil wir aus tiefstem Herzen die Fülle des Lebens erhoffen und darum wissen, deshalb ist das „Noch-nicht-sein“ das eigentliche Kennzeichen menschlicher Existenz.

Von Pascal stammt das paradoxe Wort: Wir sind nicht, wir hoffen zu sein. Eben diese Paradoxie von Sein und Noch-nicht-sein erschließt sich am tiefsten in der Hoffnung, einmal wirklich ganz da zu sein, ganz zu sein und heil. Wenn wir darauf achten, wie das Wort „Hoffnung“ allein sinnvoll zu verwenden ist, dann wissen wir sogleich, dass wir nur erhoffen können, was uns nicht selber möglich ist. Was wir selber können, das erhoffen wir nicht. So kann man nicht sinnvoll reden. Wir hoffen nicht auf uns, sondern auf jemand anders, der fähig und bereit ist, unsere Hoffnung zu erfüllen. Das gehört einfach zum Begriff der Hoffnung. Wenn wir dann fragen, ob auch die Sterbenden Grund zur Hoffnung haben und ob es Hoffnung für die bereits Gestorbenen gibt, dann ist völlig klar, dass wir nicht darum herum kommen, die Frage nach Gott ins Spiel zu bringen. Wer nicht glauben kann, dass Gott jedem Menschen die Fülle des Lebens schenken will, der kann auch nicht hoffen. Er mag mancherlei Hoffnungen haben, aber im Grunde seines Herzens ist er verzweifelt. Er kann nicht glauben an den überaus guten Ausgang des Lebens, weder für sich noch für die anderen.

Wenn es aber wahr ist, dass der Mensch als ein Hoffender nur in Gott die äußerste Erfüllung seiner Lebenssehnsucht finden kann, dann ist die Verzweiflung eine Gestalt der Entfremdung, ein Zwiespalt im Herzen des Menschen, der es nicht wagt, der ureigensten Sehnsucht seines Herzens soweit zu folgen, dass er sich Gott anvertrauen müsste. Hoffnung und Verzweiflung sind einander entgegengesetzt wie Leben und Tod. Die Verzweiflung ist sogar schlimmer als der Tod, weil sich der Mensch ohne Hoffnung auf ewig nicht aus ihr befreien kann. Kierkegaard nannte das die „Krankheit zum Tode“, von der uns kein Tod befreien kann. Doch hinterlässt die Abwesenheit der Hoffnung nicht einfach eine Leerstelle im Menschen, sondern treibt ihn an, diese Stelle zu besetzen. Ohne Gott im Herzen will er etwas scheinbar Größeres: Er beansprucht für sich die Stelle Gottes in der Welt und dafür keiner Hoffnung zu bedürfen. Er will selber Gott sein und die Menschheit herausführen aus den Fesseln der Entfremdung. Alle Menschen sollen hier auf Erden schon glücklich sein. Dafür muss und darf alles diesem „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch) untergeordnet werden: Lebensordnungen müssen durch „Revolutionen“ verändert, Klassenfeinde liquidiert werden. Alles muss solange unter der Kontrolle der selbst ernannten Gerechten bleiben, bis Frieden, Wohlstand und Glück erreicht und die Entfremdung des Menschen dauerhaft zu Ende ist.

Der vermessene Traum vom irdischen Paradies gehört zur Signatur der Moderne. Er ist selber die Folge einer Vermessenheit im Herzen von Menschen, die glauben, der Hoffnung auf Gott nicht länger zu bedürfen. Dieser Irrglaube hat bis in eine christlichen Theologie hinein gewirkt, in welcher „die Rede vom ,Noch-nicht‘, von der Zukunft, von der Hoffnung und von der Eschatologie allzu ausschließend geworden ist“ (8.1, 344). In dieser heillosen Begriffsverwirrung von Hoffnung, Evolution und Geschichte hat Josef Pieper an die Notwendigkeit einer Korrektur erinnert. Die Reduktion von Theologie auf Eschatologie weckt den Eindruck, „als sei Gott einzig ,die absolute Zukunft‘ und nicht zugleich unsere und aller Kreatur ebenso absolute Herkunft“, „als sei die Menschwerdung Gottes nicht schon tatsächlich geschehen, in der ,Fülle der Zeit‘; und als wohne der fleischgewordene Logos nicht bereits wirklich unter uns, in seinem offenbarenden Wort und im Sakrament; als gebe es nur ,Ausstehendes‘; als sei alles erst zu erhoffen, und als sei da nichts zu erinnern und nichts zu danken“ (8.1, 354). Wer daran nicht zu glauben vermag, kann auch nichts Sinnvolles zur menschlichen Hoffnung sagen. Der harte Fels der Hoffnung ist nicht die Geschichte, sondern der Tod in der Geschichte und seine Überwindung durch die Auferstehung von den Toten. So sehr wir vieles mit Recht erhoffen dürfen, so gehört nur diese Hoffnung allein zum Richtigsein des Menschen. Zu glauben, dass Christus wahrhaft von den Toten auferstanden ist, zu hoffen, dass wir berufen sind, an seinem Leben teilzuhaben und Gott zu lieben, – dazu ist niemand imstande, ohne dass Gott ihn zieht und im Herzen bewegt. Einem „Prinzip Hoffnung“ sola virtú – Hoffnung allein aus der Kraft des Menschen, aber auch einer Hoffnung sola fide – ohne den Menschen, allein durch Gottes Kraft, vor allem aber einer Hoffnung sine fide – ohne den christlichen Glauben als „Allerlösung“ in jeder Religion, – allen diesen Scheingestalten der Hoffnung ist die Hoffnung auf Jesus Christus als theologische Tugend entgegengesetzt.

Im Jahr der Barmherzigkeit sind wir in besonderer Weise daran erinnert, dass der eigentliche Grund unserer Hoffnung Gottes Barmherzigkeit ist. Er befreit aus der tiefsten Entfremdung, aus der Entzweiung mit Gott, die wir „Sünde“ nennen. Zwischen der hochmütigen Vermessenheit und der Leugnung der Sünde besteht ein innerer Zusammenhang.

Nietzsches Aufforderung, „schaffen wir den Begriff der Sünde ab“, scheint sich im Verschweigen der Sünde erfüllt zu haben. Uwe Wolff hat kürzlich in der Herder Korrespondenz (3/2016) an Hans Blumenbergs Warnung erinnert vor der „Entmythologisierung des Teufels“. „Jede Minderung seiner Wirklichkeit als des Versuchers, Verführers, Verwirrers, mindert im selben Maß den Bedarf an allem, was in Theologien mit dem Anspruch auf Dringlichkeit angeboten wird. Denn, ohne vom Unheil ereilt zu sein, erwartet man nicht ,das Heil‘, weiß nicht einmal, was eine ,gute Nachricht‘ von ihm bedeuten könnte.“

Wenn Papst Franziskus sagt: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“, dann spricht er ausdrücklich über den Zusammenhang von Barmherzigkeit und Sünde. „Der Name des Menschen ist Sünder“, „von Gott geliebter Sünder“, so darf man ihn, ja so muss man ihn verstehen, wenn man auch sein persönliches Bekenntnis ernst nehmen will: „Auch der Papst ist ein Sünder, betet für mich“.

Allerdings wäre es ein Missverständnis, das Verhältnis von göttlicher Barmherzigkeit und göttlicher Gerechtigkeit für eine „Antithese“ zu halten. „Wer nur die Gerechtigkeit Gottes im Blick hat, vermag so wenig zu hoffen wie wer einzig seine Barmherzigkeit sieht: beide verfallen der Hoffnungslosigkeit, der eine der Verzweiflung, der andere der Vermessenheit“ (4, 286).

Kern und Wesen der Vermessenheit ist die „perversa securitas“, wie Augustinus sagt. Die einzig angemessene Überwindung der Ungewissheit ist die Hoffnung „in der Furcht des Herrn“. Sie allein überwindet jede Form der Entfremdung in mir selbst, von den Menschen und von Gott.