Von literarischen Nonnen und Mönchen

Weise Frauen und Männer oder dunkle Bestien? Das Bild des monastischen Lebens in der säkularen Literatur besitzt eine enorme Bandbreite. Von Stefan Meetschen

Sage niemand, das Mittelalter sei dunkel gewesen. Sean Connery alias William von Baskerville hat in der klösterlichen Umgebung offensichtlich viel zu entdecken. Foto: IN
Sage niemand, das Mittelalter sei dunkel gewesen. Sean Connery alias William von Baskerville hat in der klösterlichen Um... Foto: IN

Ich hatte den Drang, einen Mönch zu vergiften.“ Mit diesem lapidaren und etwas doppeldeutigen Satz hat der italienische Schriftsteller und langjährige Semiotik-Professor Umberto Eco einmal seine Motivation begründet, den Roman „Der Name der Rose“ zu schreiben. Einen Weltbestseller, der – wie vielleicht kein anderes Buch der Gegenwart – die intellektuelle Lesegemeinde hinter die Mauern eines katholischen Ordens gelockt hat. In diesem Fall mitten hinein in eine mittelalterliche Benediktinerabtei in Italien. Wobei das Bild, das Eco im Rahmen der spannenden Kriminalgeschichte von den fiktiven Mönchen zeichnet, durchaus differenziert ist: Es treten verstockte und fanatische Brüder und Patres auf, gar sinnlich und sinister Lüsterne, aber eben auch der sachkundig-nüchtern agierende Protagonist und Sympathieträger des Romans, der englische Franziskanermönch William von Baskerville, der als semiotisch versierter Detektiv und Wahrheitssucher durchs monastische Unterholz schreitet.

Eine Figuren-Konstellation, die sich auch bei der britischen Schriftstellerin Edith Pargeters (Pseudonym: Ellis Peters) bewährt hat, die mit historischen Kriminalromanen rund um den Benediktiner-Mönch Bruder Cadfael Ende des 20. Jahrhunderts Weltruhm erlangte. Ihre Geschichten tragen sich im England des zwölften Jahrhunderts zu. Der Ort der Handlungen ist die Benediktinerabtei von Shrewsbury (Shropshire). Ein wichtiger Ort. Nicht nur deshalb, weil die Autorin, die im Jahr 1995 82-jährig verstarb, in unmittelbarer Nähe zur Abtei lebte, sondern auch, weil sie sich bei ihren Romanen stets an die Abtei-Chronik anlehnte. Denn mag der Protagonist ihrer Werke, der ehemalige Kreuzfahrer und Hobby-Apotheker Bruder Cadfael, auch reine Fiktion sein – viele Figuren der Serie sind es nicht. Den Bischof Henry von Blois, aber auch die Äbte Heribert und Radulfus, die bei Ellis Peters auftauchen, gab es wirklich, ebenso wie Cadfaels ständigen Gegenspieler, den strikten Prior Robert Pennant.

Doch wieso verschlingen Millionen von Lesern, von denen wahrscheinlich nur die Minderheit katholisch oder dezidiert katholisch ist, eigentlich solche Kloster & Crime Schmöker? Warum tauchen Mönche, egal welchen Ordens und welcher Nationalität, ebenso wie Nonnen und Schwestern immer wieder in säkularen Romanen und Erzählungen auf? Auch bei Autoren, die es vielleicht nicht immer gleich nach Giftanschlägen auf Ordensleute drängt, wenn sie Inspiration suchen, die aber auch nicht unbedingt zu den treuesten Söhnen und Töchtern der Heiligen Kirche zählen und zählten? Ist es die Liebe zum abseitigen, zum randständigen Sujet? Steckt der kommerziell durchkalkulierte Reiz des Exotikums dahinter? Oder gibt es andere Gründe? Beispielsweise die eigene Sozialisierung, die so mancher Autor – in früheren Zeiten stärker als heute – mitbringt?

Lang ist jedenfalls die Liste derjenigen Schriftsteller, die eine Ausbildung an einer Klosterschule oder wenigstens einem kirchlichen Gymnasium genossen haben. Der niederländische Autor Cees Nooteboom („Philip und die anderen“) etwa, in dessen Werken immer wieder das autobiografische Motiv des Klosterschulbesuchs anklingt. Oder Peter Handke („Mein Jahr in der Niemandsbucht“), der ebenfalls von Mönchen gebildet und erzogen wurde, was seinen Sinn für Einsamkeit, Stille und allegorische Transzendenz entscheidend mitgeformt hat. Vor allem aber denkt man wohl an James Joyce, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ den Aufbruch eines jugendlichen Helden und Jesuiten-Zöglings in Freiheit und künstlerische Selbstbestimmung schildert. In Rebellion zum einstmals strengen und brutalen Schul- und Erziehungssystem des Elite-Ordens, das der Protagonist Stephen Dedalus in Dublin verschreckt und fasziniert zugleich durchläuft. „Pater Arnall kam rein, und die Lateinstunde fing an, und er blieb reglos sitzen, mit verschränkten Armen auf das Pult gelehnt. Pater Arnall teilte die Arbeitshefte aus, und er sagte, die seien ein Skandal, und sie müssten alle auf der Stelle mit den Korrekturen noch einmal abgeschrieben werden. Aber die schlimmste von allen sei Flemings Arbeit, weil die Seiten durch einen Klecks zusammengepappt waren: und Pater Arnall hielt sie an einer Ecke hoch und sagte, das sei eine Beleidigung für einen jeglichen Lehrer, ihm eine solche Arbeit abzuliefern. (…) Du solltest dich was schämen, sagte Pater Arnall gestreng. Du, der Klassenbeste!“

Eine desillusionierende Schilderung der Wirklichkeit, die gut an das anknüpft, was im 17. Jahrhundert der spanische Schriftsteller, Hochschullehrer und Jesuit Balthasar Gracián (1601–1658) in seinem Hauptwerk, dem satirischen Roman „El Criticon“ (Das Kritikon) sehr zum Ärger der Gesellschaft Jesu ans literarische Licht hob. Darin geht es um einen Mann namens Critilo, der als Schiffbrüchiger von einem jungen Wilden gerettet wird. Zusammen durchstreifen sie verschiedene Länder Europas, währenddessen Critilo seinen Schüler, den er Andrenio tauft, unaufhörlich belehrt. Sei es über die verschiedenen Stände und Berufe, sei es über die menschliche Dummheit und Verlogenheit („Weib ohne Trug ist wie Henkel ohne Krug“).

Als man am Ende der Reise trotz zahlreicher Kilometer nicht wirklich vorangekommen ist, begeben sich die beiden Protagonisten leicht enttäuscht auf die „Insel der Unsterblichkeit“: „Was sie dort zu Gesichte bekamen, welche Genüsse sie dort erwarteten, wer das wissen und erfahren möchte, der gehe selbst Richtung Tugend und Vortrefflichkeit, Richtung Tapferkeit und Heldentum, und er wird am Ende zum Schauplatz der Fama gelangen, zum Thron der Hochschätzung und mitten hinein ins immerwährende Leben.“ Gracián selbst machte jedoch nolens volens andere Erfahrungen: Publikations- und Lehrverbot, sogar Hausarrest waren die Folgen seiner schriftstellerischen Tätigkeit, dazu wurden die letzten Lebensjahre dieses unbestechlich klugen Mannes durch allerlei Verleumdungen und Anfeindungen getrübt.

Die Feder der Freiheit gegen kritikwürdige Zustände und Autoritäten zu erheben – gerade in früheren Zeiten war dies für viele literarisch begabte Ordensleute keine ganz ungefährliche Angelegenheit. Selbst dann nicht, wenn man wie der spanische Mönch Gabriel Tellez ein Pseudonym annahm und jede Menge Heiligenviten, biblische und geistliche Dramen (Autos sacramentales) schrieb. Am Ende wusste doch jeder, wer hinter dem Autorennamen Tirso de Molina steckte (nämlich Tellez) und wer mit „Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast“ nicht nur als erster, sondern auch gleich in bedeutender Weise den Don-Juan-Stoff etabliert hatte, der seit der Uraufführung 1624 unzählige literarische Deutungen erfahren hat (unter anderem von E.T.A. Hoffmann und Max Frisch).

Mochte Tellez die Geschichte des genialen Frauenverführers auch mit einem furchtbaren göttlichen Strafgericht enden lassen, die damals von König Philipp IV. mit Unterstützung der vom hohen Klerus eingesetzten Sittenreformkommission fand trotzdem, es sei nicht statthaft, dass ausgerechnet ein Mönch sich auf diese etwas drastische Weise als Schriftsteller weltlichen Themen widme. Konsequenterweise wurde Tellez/de Molina, der heute neben Lope de Vega und Calderon als einer der bedeutendsten Dichter des „siglo de oro“, des Goldenen Zeitalters der spanischen Literatur, gilt, eine zeitlang mit Exkommunikationsandrohungen und Strafversetzungen diskriminiert. 1626 dann ein kleiner Wendepunkt: Er wurde zum Prior des Mercedarier-Ordens in Trujillo erkoren, wo er bis 1629 lebte. Danach kehrte de Molina zurück nach Madrid und starb 1648 ganz zurückgezogen im Kloster Soria. Dabei hatte er, wie bereits angedeutet, gar nicht vorgehabt, die Sexualethik der Kirche zu schmähen. Im Gegenteil: der zügellosen Sinnlichkeit galt seine Kritik. Und durch die Erfahrungen des Beichtstuhls kannte er die menschliche Natur nur allzu gut.

Dass man das heikle Thema der Sexualität jedoch auch dezidiert böswillig im Rahmen der Literatur mit dem Klosterleben in Verbindung bringen kann, zeigte sich bald darauf. Legion (und bis heute hin zumeist stark bestsellerverdächtig) sind Romane, die angelehnt an die Werke des Marquis de Sade, etwa „Juliette oder die Vorteile des Lasters“ (1796) sowie „Justine oder vom Missgeschick der Tugend“ (1787), das Leben im Kloster als eine Zusammenkunft sexueller Raubtiere schildern. So als wäre ein Leben in Keuschheit grundsätzlich unmöglich. Ein Generalverdacht, den auch Stendhal in seinem Roman „Die Kartause von Parma“ (1839) nicht gerade zu widerlegen versucht, denn bevor der Protagonist seines Romans, der adelige Fabrizio del Dongo, den Weg des kontemplativen Lebens wählt, hat er bereits als Priester, Erzbischof und Liebhaber verschiedener Frauen einschlägige Erfahrungen hinter sich.

Doch wieso sich auf männliche Protagonisten hinter Klostermauern beschränken, wenn es in der Literatur auch nicht an weiblichen Heldinnen mangelt, deren Klosterleben dramatische Züge trägt. Berühmt sind die „Portugiesischen Briefe“ der Nonne und Schriftstellerin Soror Mariana Alcoforado (1640–1723), die 1913 von Rainer Maria Rilke („Das Stunden-Buch“) ins Deutsche übertragen wurden. Gelten diese doch als die schönsten Liebesbriefe der Weltliteratur. Einziger Haken und entscheidender Unterschied zu den poetischen Werken zahlreicher Mystikerinnen („Brautlyrik“) – die Briefe sind nicht an den standesgemäßen Bräutigam Jesus gerichtet, sondern an einen französischen Offizier namens Marquis Noël Bouton de Chamilly (1636–1715). Wobei – dies sei zur Entlastung der armen Schwester gesagt – es keine portugiesische Fassung der Briefe gibt, sondern lediglich eine französische. Ist Mariana Alcoforados irdische Sehnsucht also doch nur die Phantasie eines männlichen Urhebers? Gar des Übersetzers, wie von Literaturexperten vermutet wird? Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass die hinter dem Keuschheitsgürtel abgesicherte Libido einer Nonne die männliche Kreativität angestachelt hätte. Schon Denis Diderots berühmter Roman „Die Nonne“ (1792) lebte größtenteils vom schrankenlosen Einfühlungsvermögen des aufklärerischen Schriftstellers in eine verwandte Ordensfrau, nämlich seine biologische Schwester Angélique, die offensichtlich ohne wirkliche Berufung dem Ursulinen-Orden beigetreten war und – wahnsinnig geworden – im Alter von 29 Jahren verstarb. In Diderots Roman trägt sie den Namen Suzanne Simonin und erzählt (natürlich in Briefen!) ihre Lebensgeschichte. Von den Eltern wird sie zur Existenz als Ordensfrau gezwungen, weil das Geld fehlt. Auf eine zunächst barmherzige Vorgesetzte folgt dann eine echte Drachen-Äbtissin: Versetzungen, Torturen, Angriffe. Von so viel scheinheiligem Mobbing kann die arme Schwester nur der Tod erlösen.

Auch wenn das Ordensleben der damaligen Zeit nicht nachträglich versüßt werden soll, so lässt sich doch nicht leugnen, dass gerade kirchenfeindlich gesonnene Schriftsteller aus den Sünden einzelner Nonnen und Mönche propagandistisch Nutzen zogen und das monastische Leben im Allgemeinen literarisch verunglimpften.

Umso differenzierter und lobenswerter hingegen wirkt die 1959 veröffentlichte Novelle „Geh fort, wenn du kannst“ von Luise Rinser. Zwei junge Frauen treffen sich während der 1940er Jahre nach gemeinsamen Partisanenkämpfen in einem verlassenen Kloster wieder. Sie versuchen, es instandzusetzen. Die Nonnen kehren zurück. Die beiden Freundinnen entschließen sich, Novizinnen zu werden. Ein Weg der Entsagung, besonders für die stärkere der beiden, Angelina, die sich von ihrem Freund trennen muss. „„Ja“, erwiderte sie einfach, „ich habe ihn geliebt, und auf meine Weise liebe ich ihn noch. Ich werde ihn immer lieben. Aber was ist dies alles, die Liebe und der Schmerz, gegen die Freude der Taube, die des Vogelstellers Schlinge entronnen ist und ihr Nest gefunden hat? Du weißt es ja selbst. Und jetzt lass uns darüber schweigen.““

Das monastische Leben als Nest, als Hort des Rückzugs von der lärmenden Welt – diese Dimension, gepaart mit dem Geheimnis einer gesteigerten intellektuellen Existenz, findet man bei Autoren wie Ernst Jünger und Herman Hesse. So besticht im Roman „Auf den Marmorklippen“ das stolze und geduldige Wesen des Paters Lampros, der als Bibliothekar eines Klosters unauffälliger Bestandteil eines weitverzweigten Nachrichtennetzes ist. „Aus diesem und vielen anderen Zügen erkannten wir, dass Pater Lampros die Diskussion vermied; auch wirkte er im Schweigen stärker als im Wort. Ähnlich hielt er es in der Wissenschaft, in der er zu den Meistern zählte, ohne sich am Streit der Schulen zu beteiligen. Sein Grundsatz war, dass jede Theorie in der Naturgeschichte einen Beitrag zur Genesis bedeute, weil der Menschengeist in jedem Alter die Schöpfung von neuem konzipiere – und dass in jeder Deutung nicht mehr an Wahrheit lebe als in einem Blatte, das sich entfaltet und gar bald vergeht.“

Auch die Besuche des Magister Ludi, Josef Knecht, bei dem Benediktinermönch Pater Jakobus im „Glasperlenspiel“ sind geprägt von einer Atmosphäre dialogischer Vergeistigung – mag das Objekt des Lernens, die Geschichtswissenschaft, auch aus Sicht des Protagonisten reichlich weltlich gestimmt sein. „Bei ihm lernte Knecht etwas, was er im damaligen Kastalien kaum hätte lernen können; er erwarb nicht nur den Überblick über die Methoden und Mittel historischer Erkenntnis und Forschung und seine erste Übung in ihrer Anwendung, sondern weit darüber hinaus gewann und erlebte er Geschichte nicht als Wissensgebiet, sondern als Wirklichkeit, als Leben, und dazu gehört als Entsprechung die Wandlung und Steigerung des eigenen, persönlichen Lebens zu Geschichte. Er hätte dies von einem bloßen Gelehrten nicht lernen können.“

Während die Synthese aus Freimaurerei und römischem Katholizismus, die in den berühmten Wortgefechten zwischen dem Jesuitenpater Naphta und dem Logenmitglied Settembrini, die beide in Thomas Manns „Zauberberg“ (1924) als Mentoren um die Gunst von Frank Castorp buhlen, noch in weiter Ferne liegt – bei Hesse scheint sie 20 Jahre später schon möglich zu sein. So darf man abwarten, wie sich das Ordensleben auch literarisch weiterentwickeln wird. Zwischen Stereotypen und feinsinnigen Nuancen. Zwischen Reife und Unreife, Weltabgewandtheit und Weltverhaftung. Die Literatur wird weiterhin alles aufzeichnen, solange das Wissen der Schriftsteller dies noch zulässt.