Von der Liebe ins Leben geholt

Eine Erzählung über die Menschwerdung in Patrick Roths „Lichternacht“

Nach seinem letzten Buch „Starlite Terrace“ legt der Schriftsteller Patrick Roth einen schmalen Band in der schön gestalteten Insel-Bücherei vor, dessen Geschichte wie auch die vergangenen Erzählungen in seiner Wahlheimat Amerika angesiedelt ist. Roth war mit seiner ungewöhnlichen „Christus-Trilogie“ einem breiteren Publikum bekannt geworden, hatte in der Folge für sein Werk zahlreiche renommierte Preise erhalten und in Frankfurt und Heidelberg Poetikdozenturen inne. Zur Zeit ist er Stadtschreiber in Mainz.

Die Erzählung „Lichternacht“ vereint in hoch konzentrierter Form die Stilmittel und Methoden, die für sein Schreiben kennzeichnend sind: das Kunststück, die Zeit anzuhalten beziehungsweise aufzuheben durch das Ineinander-fließen-lassen verschiedener Zeitebenen; die Verbindung von Traumgeschehen und Realität, von Unbewusstem mit Bewusstem; der Einbruch des Numinosen in den Alltag und die Öffnung zu einer transzendenten Wirklichkeit.

Die im Untertitel als Weihnachtsgeschichte bezeichnete Erzählung „Lichternacht“ beginnt mit der Schilderung einer Hochzeitsfeier am Heiligabend des Jahres 2002, um unvermittelt zurückzublenden zu einem Weihnachtsvorabend vor 25 Jahren, an dem der Bräutigam in einem Schneesturm mit seinem Auto in eine lebensbedrohliche Situation gerät. Hier nun, auf einer Brücke und an einem Mauthäuschen (beide Insignien haben symbolische Bedeutung), geraten Traum und Wirklichkeit in unauflösliche, auch vom Leser nicht zu trennende Daseinsebenen. Der Protagonist Joe Travers ist auf der Suche nach seiner Geliebten, als er augenscheinlich einen tödlichen Unfall erleidet. Er sieht vom Mauthäuschen aus zu, wie sein lebloser Körper von Sanitätern auf eine Bahre gelegt wird. Doch da leuchtet im tiefsten Dunkel von der anderen Seite der Brücke her ein Licht auf. Aus einem sich nähernden Auto steigt seine Geliebte, erfasst die Hand des scheinbar Toten und lässt sie nicht los. Dieses Nicht-Loslassen als Zeichen ihrer Liebe holt ihn ins Leben zurück. Die Erzählung endet mit dem Erscheinen der Braut Rose Reed wieder in der Ausgangssituation der Geschichte. Und wieder fasst die Braut – erst jetzt ahnt man als Leser, dass es die Geliebte von vor 25 Jahren ist – Joes Hand. Die Trauung kann vollzogen werden.

Die Erzählung „Lichternacht“ ist wie eigentlich immer in Patrick Roths Geschichten voll von mythologischen Andeutungen sowie Verweisen auf Archetypisches und Eschatolologisches. Als Motto dient ein Vers aus dem Matthäus-Evangelium: „Da nun Joseph vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm aufgetragen der Engel des Herrn, und nahm seine Frau an.“ Dieses Tun, was einem aufgetragen wird, bezieht sich nicht nur auf die Geschichte, die erzählt wird, sondern auf Roths gesamtes Schreiben, so wie er es versteht: Gefäß zu sein für das Wirken Gottes. Um es in seinen eigenen Worten zu verdeutlichen: „Wenn ich den Akzent dieser Aussage – die den Menschen als Gefäß Gottes begreift, in dem Gott sich wandelt – nur ein wenig verschiebe, zum Ich hin nämlich, in Hiobs Richtung, die ungeheure Bedeutung des individuellen Bewusstseins betonend, welches die Aufgabe, das opus, nicht nur erleidet, ohne ihm auszuweichen, sondern ihm assistiert, sich und die Welt in solcher Arbeit versteht, sein Ziel darin sieht, dann müsste ich sagen: Der gewandelte Mensch wandelt Gott.“

„Lichternacht“ ist nicht nur eine Weihnachtsgeschichte, weil sie am Heiligabend spielt. Das wäre bei Patrick Roth zu kurz gegriffen. Obwohl an keiner Stelle der Erzählung angedeutet, ist gleichwohl das Geheimnis des Weihnachtsgeschehens impliziert: die Menschwerdung des Gottessohnes, die Wandlung des Wortes in Fleisch. Eine Wandlung, die den Menschen hinein nimmt vom Schlaf in die Wachheit, vom Unbewussten ins Bewusste, vom Tod ins Leben.