Von Ablass bis Zölibat

Das neue Buch von Josef Bordat wirft Licht auf die Schattenseiten der Kirche. Von Volker Niggewöhner

Grablegung Jesu in Jerusalem
Lange vor den Kreuzzügen haben Araber die Grabeskirche in Jerusalem beschädigt (614), 400 Jahre später wurde sie zerstört. Unser Bild zeigt die Zeremonie der Kreuzabnahme und Grablegung am Abend des Karfeitags. Foto: KNA

Ja, aber die Kreuzzüge ...“. Diesen Ausruf haben bestimmt schon viele Christen gehört, wenn sie sich auf eine Diskussion über die katholische Kirche eingelassen haben. Das Schlagwort ersetzt hier zumeist die Argumentation. Oft begegnen papsttreue Katholiken bei solchen Gedankenaustauschen einer sprungbereiten Feindseligkeit, die besonders von der Lektüre populärwisschenschaftlicher und belletristischer Lektüre herrührt. Bücher wie „Der da Vinci Code“ (deutsch „Sakrileg“) von Dan Brown, „Verschlusssache Jesus“ von Baigent/Leigh oder „Die Päpstin“ von Donna W. Cross haben Millionen Leser erreicht, gerade weil sie es mit der historischen Wahrheit nicht so genau nehmen. Zielsicher bedienen sie altbekannte Klischees und Vorurteile über die Kirche und schreiben zahlreiche „schwarze Legenden“ fort, die von der seriösen Forschung längst widerlegt wurden. Hauptsache, die Kasse klingelt. Ähnlich in den Hochglanz-Magazinen deutscher Verlage: kaum ein Weihnachts- oder Osterfest ohne Geschichte von den „Geschwistern Jesu“, von seiner angeblichen Heirat mit Maria Magdalena und natürlich der obskurantistischen katholischen Kirche, die diese „Wahrheiten“ seit Jahrhunderten unterdrücke. All dies verfertigt von hochbezahlten Journalisten, die es besser wissen müssten oder zumindest könnten. Hauptsache, die Auflage stimmt. Wer als Christ gegen diese Deutungshoheit und bösartigen Verfälschungen historischer Tatsachen ankämpfen möchte, braucht vor allem die Munition der Wahrheit, basierend auf soliden Fakten. Ein solches Rüstzeug bietet jetzt der Berliner Autor Josef Bordat in seinem neuen Buch „Von Ablaßhandel bis Zölibat. Das ,Sündenregister‘ der Katholischen Kirche“. In 36 prägnanten Kapiteln legt Bordat sachlich, unaufgeregt und fundiert seine Sicht auf alte und neue kirchenkritische Vorwürfe dar. Es geht um geschichtliche, moraltheologische, dogmatische und ganz praktische Fragen, wie die Kirche und das Geld.

Bordat, promovierter Philosoph, ist kein abgehobener, weltfremder Intellektueller, der sich sein Wissen nur in einer Gelehrtenstube angelesen hat. Als aktiver Christ und Blogger, der ständig in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, kennt er alle behandelten Vorwürfe und Vorurteile gegen die Kirche aus dem Tagesgeschäft. Es ist dem Autor zu danken, dass er jegliche Schärfe und Polemik im Ton unterlässt. Fair und sachlich breitet er auch die Standpunkte der Kirchengegner aus, lädt aber den Leser immer wieder ein, tiefer zu blicken und sich nicht mit einer verkürzten Sicht auf die Geschichte zufriedenzugeben. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen.

Die Kreuzzüge sind im Bewusstsein vieler Menschen als imperialistische Eroberungskriege fanatisierter, durch den Papst („Deus lo vult“) angestachelter Christen, verankert. Dem hält Bordat die historischen Tatsachen entgegen: Bereits 637 eroberten die Araber Jerusalem. Immer wieder kam es in der Folge zu Übergriffen von Muslimen auf Christen und christliche Stätten. 979 wurde die Auferstehungskirche, das größte Heiligtum der Christenheit, in Brand gesetzt. Doch erst nachdem die muslimischen Seldschuken bei ihren Eroberungszügen den byzantinischen Kaiser Romulus IV. gefangen genommen und Jerusalem erobert hatten, erfolgte – mehr als 450 Jahre nach der Eroberung Jerusalems durch die Araber – die Reaktion der Christenheit durch die Ausrufung des Ersten Kreuzzuges. Dieser sei – so Bordat – aber vor dem „Naturrecht auf Notwehr“ zu sehen, das „keine Perversion der Friedensbotschaft Christi, sondern ihre praktische Umsetzung“ sei – Intervention aus humanitären Gründen würden wir heute sagen. Bordat verschweigt nicht die mitunter brutale Gewalt der Kreuzfahrer, inklusive Pogromen gegen Juden. Diese geschahen jedoch gegen den Willen der Kirche. Die Kreuzzugsidee war dem Papst entglitten, viele Heerführer handelten vollkommen unorganisiert und auf eigene Rechnung.

Auch das ähnlich heiße Thema Hexenverfolgung packt Bordat an und stellt zunächst die kolportierten Opferzahlen richtig. Nicht neun Millionen Menschen – eine Zahl, die von der anti-kirchlichen NS-Propaganda verwendet wurde, aber noch heute angeführt wird – seien Opfer des Hexenwahns geworden, sondern maximal 50 000, unter diesen nur 10 000, bei denen die katholische Kirche ihre Hand im Spiel hatte. Auch hier verschweigt Bordat nicht die Tatsachen, stellt aber klar, dass die Hexen- und Zaubererverfolgung hauptsächlich in Mittel- und Nordeuropa stattfand, den Zentren der Reformation. In katholischen Kernländern wie Italien und Spanien gab es sie kaum.

Es ist auch zu wenig bekannt, dass es die massivste Hexenverfolgung nicht im Mittelalter gab, sondern in der Frühen Neuzeit, insbesondere während des Dreißigjährigen Krieges, der wiederum eine Frucht der Reformation war. Hexerei war vor allem ein weltliches Verbrechen und wurde als Angriff auf die Gesellschaft gesehen. Daher wurde die Ausgestaltung der Hexenprozesse auch durch die „peinliche Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karls V. aus dem Jahr 1532 festgelegt. Mit der berüchtigten Inquisition hatte der Hexenwahn kaum etwas zu tun, denn „die Freispruchquote für Inquisitionsprozesse lag bei etwa 98 Prozent“. „Bereits im Mittelalter hat die katholische Kirche“, so Bordat, „den Volksglauben an Hexerei und Zauberei als Irr- und Aberglauben“ verurteilt.

Auch in anderen Kapiteln zur Kirchengeschichte zeigt sich, dass die Kirche besonders dann versagte, wenn sie sich zu sehr dem Zeitgeist, den vorherrschenden Meinungen angepasst hat. Vielleicht ist dies ein Denkanstoß für all diejenigen, die genau das der Kirche heute immer vorwerfen: „Weltfremdheit“ und eine mangelnde Anpassung an das Hier und Jetzt.

„Von Ablaßhandel bis Zölibat“ ist keine plumpe Verteidigungsschrift und vermeidet jede Schwarz-Weiß-Malerei. Das Buch sei nicht nur historisch interessierten Lesern empfohlen, sondern jedem, der seine Kirche liebt und für den sie nicht nur eine Kirche „der da oben“ ist. Wer den Dialog mit anderen Religionen oder Weltanschauungen und die Neuevangelisation ernst nimmt, ist dazu aufgerufen, seinen Glauben zu kennen und zu verteidigen. Dieses Buch bietet ihm das Rüstzeug dafür.

Josef Bordat: Von Ablaßhandel bis Zölibat. Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche. Lepanto Verlag 2017, 296 Seiten, ISBN-13: 978-3942605168, EUR 17,90

– Volker Niggewöhner, Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“, moderiert die TV-Reihe „Glaubens-Kompass“.