Vom Irrtum niedrigschwelliger Angebote

Es gibt unendlich viele Menschen, die sich brennend für das Gebet interessieren. Doch sie finden kaum Orte, an denen sie geistliches Leben erfahren. Von Johannes Hartl

Versunken in der Menge: Diese Weltjugendtagsteilnehmer erfahren die Gemeinschaft als Ort der Gottesbegegnung. Foto: KNA
Versunken in der Menge: Diese Weltjugendtagsteilnehmer erfahren die Gemeinschaft als Ort der Gottesbegegnung. Foto: KNA

Im Jahre 2005 begannen ein paar Studenten einen ungewöhnlichen Traum zu träumen. Wie sähe ein Ort aus, an dem junge Menschen bei Tag und bei Nacht beten und singen? Ein Ort, dessen geistliche Strahlkraft ein Kontrapunkt ist zum Kreisen der modernen Welt um sich selbst. Ohne Geld, ohne kirchlichen Support, aber mit viel Feuer im Herzen ging es los. Nach Visionsfindung und ersten gemeinsamen Schritten erwartete eigentlich keiner der Beteiligten schnelles Wachstum. Vielmehr wurde der Ruf ins Gebet als ein Ruf in die Verborgenheit empfunden, der wohl erst im Laufe vieler Jahre nach und nach weitere Kreise ziehen würde. Die Entwicklung des Gebetshauses Augsburg jedoch verlief ganz anders.

Von der ungewöhnlichen Idee, ganze Nächte durch zu beten und der Betonung der Notwendigkeit von Gebet und Fürbitte, ließen sich sehr schnell sehr viele anstecken. Bald wurde ein kleines Ladengeschäft angemietet und bis zu 20 Beter kamen aus unterschiedlichen christlichen Gemeinden der Stadt. Im Jahre 2008 kamen 130 Personen zur ersten „MEHR-Konferenz“ des Gebetshauses, drei Jahre später waren es schon 1 000. Und so ging es weiter und weiter. Anfang Januar findet diese Konferenz zum 10. Mal statt und wird von über 10 000 Teilnehmern eine der größten Veranstaltungen dieser Art im deutschsprachigen Raum sein. Die Vision, das Gebet und den Lobpreis bei Tag und Nacht nicht verstummen zu lassen, wuchs seit 2005 schrittweise. Im September 2011 war das ursprüngliche Ziel erreicht. Seither werden im Gebetshaus Augsburg an 168 Stunden in der Woche Gebetszeiten abgehalten, die überwiegend von jungen Menschen getragen werden. Bei Tag und Nacht, ohne Unterbrechung. Über 30 vollzeitliche Mitarbeiter stehen schwerpunktmäßig in diesem Gebetsdienst und betreuen den Medien- und Verkündigungsdienst, der gerade über das Internet mehrere hunderttausend Personen erreicht. Alles, was im Gebetshaus geschieht, trägt sich durch Spenden.

Im Jahre 2012 konnte ein Grundstück mit eigenem Gebäude erworben werden. Mittlerweile ist der Platz zu klein, sodass ein großes Nachbargrundstück erworben und eine ganze Anzahl neuer Gebäude errichtet wird. Auch dieses Millionenprojekt wird weder von einer Bank finanziert, noch von Kirche, Staat oder großen Geldgebern unterstützt. Es trägt sich allein durch die Vorsehung. Nun ist das Gebetshaus keine Kirche oder Gemeinde und soll diese auch nicht ersetzen. Dennoch scheinen einige Grundzüge ableitbar, wie Glaube und Kirche in Zukunft aussehen könnten. Fragt man nach den „Erfolgsfaktoren“ des Gebetshauses, so wäre meine Theorie, dass sie unter Anderem mit unten stehenden Eigenschaften zu tun haben.

1. Spirituell: Das Rahner-Diktum vom mystischen Christen der Zukunft ist ebenso bekannt wie weitgehend folgenlos geblieben. Menschen, die heute spirituell auf der Suche sind, landen selten in christlichen Kirchen und dann noch am ehesten in Freikirchen. Der Spiritualitätsmarkt boomt derweil. Während die kirchlichen Mitarbeiter meist alle Hände voll damit zu tun haben, die Erwartungen geistlich nur oberflächlich interessierter Traditionschristen zu bedienen, fehlen Ressourcen, Sprachfähigkeit und pastorale Modelle, geistlich Suchende anzusprechen. Unsere Erfahrung im Gebetshaus ist: Es gibt unendlich viele Menschen, die sich brennend für Gebet und Spiritualität interessieren. Doch sie finden kaum Orte, an denen sie pulsierendes geistliches Leben erfahren. Orte, an denen das geistliche Leben jedoch pulsiert, sind ausnahmslos Orte, zu denen Menschen hinströmen. Jesus musste keine Flyer drucken, die Menschen kamen einfach so. Im Gebetshaus wurde zu keiner Zeit versucht, möglichst viele Menschen anzusprechen.

Unsere wöchentlichen Vortragsabende begannen mit einer 15-teiligen Serie über Christologie. Jedes Mal gab es eine Stunde Lobpreis. Wir rufen Menschen zum Fasten und zu entschiedener Jesusnachfolge auf. Es ist ein großer Irrweg, zu meinen, man erreiche Menschen, wenn man das geistliche Niveau nach unten schraubt. Das Gegenteil ist der Fall. Menschen suchen die spirituelle Dimension und haben ein erstaunlich gutes Gespür dafür, wo etwas strahlt. Deshalb gibt es keine wirksame Erneuerung der Kirche ohne geistliche Erneuerung. Der entscheidende Faktor für die Entwicklung des Gebetshauses sind die jährlich 8 760 Stunden Gebet. Alles äußere Wachstum ist nur Folge von und Überfluss aus lang anhaltendem, intensiven geistlichen Leben vieler leidenschaftlicher Beter. Dieser erste Grund ist wichtiger als die anderen fünf addiert.

2. Biblisch: Wenn das Wort nicht so missverständlich wäre, könnte man auch das Adjektiv „evangelikal“ einsetzen. Die wissenschaftliche Theologie in allen Ehren: Es gibt eine Kraft des Wortes Gottes, die sich nur dem erschließt, der kindlich glaubt. Im Gebetshaus wird gelehrt und verkündet, was in der Bibel steht. Wir glauben, dass das grundsätzlich stimmt. Auch viele Katholiken haben kaum eine Ahnung, was die Botschaft des Christentums eigentlich ist. Das Evangelium hat nichts von seiner Kraft verloren, es muss nur gepredigt werden. Es muss auf eine solche Weise gepredigt werden, dass es zu einer Entscheidung auffordert. Dem volkskirchlichen Vorurteil, jeder Getaufte sei auch ein Christ, kann nur durch die Betonung der Notwendigkeit einer echten Bekehrung begegnet werden. Es besteht ein großer, spürbarer Unterschied zwischen Menschen, für die Jesus wirklich der Herr ihres Lebens (mit allen Lebensbereichen!) ist und solchen, bei denen das nicht der Fall ist. Während jeder Mensch im Gebetshaus willkommen ist, ist Mitarbeit nur möglich, wenn man tatsächlich Nachfolger Jesu ist.

3. Erfahrung: Gute Bücher wurden schon viele geschrieben. Doch nicht umsonst erlebt der Gedanke des Pilgerns eine Renaissance. Menschen sehnen sich nach Orten, wo sie etwas Geistliches erleben können. Ein solcher Ort ist das Gebetshaus und ein solcher Ort sind unsere Konferenzen. Für die Ästhetik und die Gestaltung beider Erfahrungsräume investieren wir genaueste Überlegung und sehr viel Geld. Wie können wir helfen, dass möglichst viele Menschen möglichst leicht in Kontakt mit Gott kommen? „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, sagt ein Sprichwort. Unserer Erfahrung nach hilft moderne Lobpreismusik und zeitgenössisches Bühnen- oder Lichtdesign den meisten jüngeren Menschen, sich für Geistliches zu öffnen. Bei aller (berechtigten!) Liebe zu den Schätzen der Tradition darf sich in jeder Epoche neu die Frage stellen, welche gestalterischen Mittel für durchschnittliche Zeitgenossen die Begegnung mit Gott erleichtern oder erschweren.

4. Kein Geld: Das Wachstum des Gebetshauses wäre undenkbar, wenn das Geld aus Kirchensteuermitteln stammen würde. Die Abhängigkeit von Spenden bewirkt ausschließlich Positives. Jeder unserer angestellten Mitarbeiter hat einen eigenen Spenderkreis. Er muss also selbst beten und Menschen ansprechen, damit er Unterstützer für seinen Dienst findet. Für alles, was wir tun, brauchen wir viel Glauben und die Fähigkeit, andere für unsere Projekte zu begeistern. Jedes Wirtschaftsunternehmen muss ständig überlegen, ob die eingeschlagene Strategie noch die richtige ist, wo Ressourcen verschwendet und wie neue Kunden gewonnen werden können. Das Reich Gottes ist zwar keine Firma, doch auch Jesus und Paulus lebten zumindest zeitweise vom finanziellen Support der Unterstützer. Die Versorgung durch die Kirchensteuer ermöglicht, dass höchst ineffektive Projekte, Strukturen, Behörden und Stellen jahrzehntelang weitergemacht werden, denn das Geld ist ja da. Sie bringt zwingend Unproduktivität hervor. Abhängigkeit von Gott und von Spendern hält Vision und Glauben frisch und zwingt zur ständigen Frage, ob es wirklich gelingt, Menschen anzusprechen. Die Beantwortung dieser Frage erfolgt ganz automatisch durch den Blick auf das Spendenkonto.

5. Praxisnahe, logische Verkündigung: Das Gebetshaus wuchs von Anfang an durch die Verbindung von Gebet (in der Gestalt moderner Lobpreismusik) und Verkündigung. Über Radio, TV und Internet erreichen die Vorträge aus dem Gebetshaus sehr viele Menschen. Es geht nicht ohne Verkündigung. Spirituelle Erfahrung allein genügt nicht. Im Zeitalter von Wikipedia sind Menschen es gewohnt, in einfachen und allgemein verständlichen Worten schnell verstehen zu können, worum es geht. So gilt es zu verkündigen. Menschen sind weder religiös uninteressiert, noch feindlich. Doch sie denken viel kritischer und reflektierter als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Verkündigung der Zukunft muss logisch stringent sein und eine echte These haben. Weichgespülte Plattheiten nach dem Genre des „Wort zum Sonntag“ sind kaum einem einen Klick auf YouTube wert. Die Leute wollen Klartext und Schwarzbrot. Dieses aber plausibel argumentiert. Wir leben zudem in einer pragmatischen Gesellschaft. Viele Menschen halten das Christentum nicht für falsch, wissen aber nicht, welche Relevanz es jetzt konkret für ihren Alltag haben soll. Am Ende jeder Katechese sollte also immer etwas stehen, womit man das Gelernte konkret umsetzen kann.

6. Prinzipien professioneller Führung: Ein großer Teil der Führungskräfte im Gebetshaus waren zuvor Führungskräfte in der Wirtschaft. Unser Anliegen ist zutiefst geistlich, doch dies ist keine Entschuldigung für Dilettantismus in der Organisation. Die Teilnehmer der Jüngerschaftsschulen und die jungen Mitarbeiter im Gebetshaus durchlaufen Training in Zeitmanagement, Selbstführung, Kommunikation und Präsentation, Visions- und Strategieentwicklung. Auch als das Gebetshaus noch sehr klein war, gab es ein klar formuliertes Mission-Statement, Stellenbeschreibungen, Arbeitszeiterfassung, Mitarbeitergespräche. Mittlerweile arbeiten wir mit strategischen Zielen auf Quartals-, Jahres- und Mehrjahresebene, die in einer „Balanced Scorecard“ erfasst werden. Regelmäßige Supervision und gabenorientierte Personalentwicklung fördern, dass sich Menschen im Gebetshaus ganzheitlich entwickeln können. Wir erstreben Exzellenz in unseren Produkten, Veranstaltungen und inneren Prozessen, weil wir einem herrlichen Gott dienen.

7. Nicht ganz ernst: Das eben Gesagte erweckt vielleicht den falschen Eindruck, es liefe im Gebetshaus alles perfekt und alles nach Plan und dem Gesetz der Effizienz unterworfen. Tatsächlich ist aber eine Kultur des Feierns, des gemeinsamen Spaß-Habens entscheidend. Nicht alles ist ganz ernst gemeint. Manche Entscheidung treffen wir auch einfach nur, weil wir Freude daran haben und es witzig finden. Tatsächlich ist das Reich Gottes in erster Linie Familie und nicht Firma. Intensiv an unserer Gemeinschaft zu bauen, Zeit füreinander zu haben und den Spiel- und Freudefaktor nicht zu vergessen, war von Anfang an ein entscheidender Wert im Gebetshaus, das letztendlich ja nicht aus lauter Heiligen besteht, sondern aus ganz normalen Töchtern und Söhnen Gottes.

Noch vieles weitere ließe sich anführen und vielleicht ist das Angeführte alles nicht das Wichtigste. Wenn Menschen für Jesus zu brennen beginnen, steckt das andere an. Deshalb ist die entscheidende Frage, wie Menschen für Jesus Feuer fangen können. Sie sind unserer Erfahrung nach relativ leicht entzündlich. Doch sie sehnen sich nach Orten, an denen sie spirituelle Erfahrungen machen können, echten Input bekommen, persönlich angesprochen werden. Solche Orte werden wir auf nachhaltige Weise dann aufbauen können, wenn wir selbst auf die Kraft Gottes bauen. Das uns Anvertraute sollten wir mit großer Hingabe und auf die professionellste Weise verwalten, die uns möglich ist.

Der Autor leitet das Gebetshaus in Augsburg.