„Verwundung des Menschseins“

Zum 50-Jahr-Jubiläum des Aussätzigen-Hilfswerks Österreich schreibt dessen Leiter Pfarrer Anton Bereuter, Diözesandirektor Missio Vorarlberg:

Kaum eine Krankheit kann das Menschsein so tief verwunden wie Lepra. Und doch tötet sie nicht. Der Leprabazillus zerstört „nur“ die Nerven. Das Alarmsystem Schmerz wird dadurch lahm gelegt. Der Patient spürt Verletzungen und Entzündungen nicht mehr. Das kann zu grässlichen Verstümmelungen und bis zum Absterben von Körperteilen führen.

Ausgrenzung. Nicht weniger schmerzlich für die Betroffenen ist die mit Lepra verbundene Stigmatisierung. Die Ausgrenzung betrifft meist auch die Familien und Kinder der Leprakranken. Auch sie werden gemieden. Ja der Ausschluss reicht sogar über den Tod hinaus. So gilt Lepra bei vielen Naturvölkern als Strafe der Götter. Darum werden Leprakranke nach ihrem Tod nicht wie sonst in der Dorfgemeinschaft bestattet. In Kulturen des Ahnenkults bedeutet das ewige Verdammnis – die bitterste Strafe. Anders das Beispiel Jesu. Er stellt gerade den leidenden Menschen in die Mitte, schenkt ihm Zuwendung und Heilung. 27 Stellen im Alten Testament und neun Stellen im Neuen Testament handeln von Aussätzigen. Wussten sich die Menschen im Ersten Testament nur durch Ausgrenzung zu schützen, so kennt Jesus selbst keine Berührungsängste. Er heilt Aussätzige, holt sie in die Gemeinschaft herein.

Jesu Auftrag und Vorbild waren auch für Pfarrer Albert Holenstein die innersten Motive seines Einsatzes für Leprakranke. Als geschickter Manager, unermüdlicher Organisator und begnadeter Prediger machte er sich zum Bettler für die Bedürftigen und zum Werkzeug für die Linderung der Leiden leprakranker Menschen. Herausforderungen bleiben. Auch wenn Lepra heute mit Medikamenten heilbar ist, ist die Arbeit noch längst nicht abgeschlossen. Die schon für das Jahr 2000 proklamierte „Ausrottung“ ist bis heute nicht gelungen. Und auch für die Behandlung anderer schwerer Krankheiten setzt sich das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich ein. Denn immer mehr wird Lepraarbeit in das allgemeine Gesundheitswesen integriert, um die früher übliche Ausgrenzung zu durchbrechen.

Und ein Wunsch angesichts der jüngsten globalen Hungerkrise: dass neben der wirtschaftlichen Globalisierung, die Reiche immer reicher und Arme ärmer werden lässt, eine Globalisierung der Nächstenliebe zu einer Schubumkehr führt, die menschlichere und gerechtere Strukturen schafft.

Dankbarkeit. Tausende Menschen in ganz Österreich ließen sich in den vergangenen 50 Jahren berühren. Durch ihre Spenden und durch vielerlei Hilfsaktionen haben sie mitgeholfen, die Not zu lindern. Für diese ungezählten Lichter der Hoffnung kann ich im Namen der Notleidenden nur ein von Herzen kommendes „Vergelt‘s Gott“ sagen. Trotz großer Erfolge bleibt noch viel zu tun, damit an Lepra und auch anderen Krankheiten leidende Menschen nicht erneut abgeschrieben und vergessen werden.