Über die Freundschaft mit dem Herrn

Es ist eine Zeit, die formt und prägt, die wachsen und reifen lässt: Gedanken zur Priesterausbildung. Von Pater Sven Leo Conrad FSSP

Freundschaft braucht Zeit“, schrieb bereits Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik. Wem der Herr die Berufung in seine besondere Nachfolge als Priester schenkt, dem bietet er eine besondere Freundschaft an, die sich im Laufe eines ganzen Lebens entfalten soll. Die Grundlagen dieser Freundschaft vermittelt die Ausbildung im Priesterseminar. Wie damals ruft der Herr die Seinen, damit sie bei ihm seien und er sie sende (Markus 3, 14). Der Sendung muss diese Aussonderung vorausgehen, damit die Gesandten den tiefer kennenlernen, der sie berufen hat, und damit sie verstehen, wozu sie gesandt sind. Es wird heutzutage viel diskutiert über ein zeitgemäßes Priesterbild unter sich wandelnden sozio-kulturellen Bedingungen. Bei allen berechtigten Überlegungen übersieht man leider zu häufig den übernatürlichen Charakter der priesterlichen Berufung, der sprachlich dadurch zum Ausdruck kommt, wenn man vom Priester als einem „Geistlichen“ spricht. Geistlich werden ist nicht nur eine Frage des Empfangs der heiligen Weihen, sondern auch der eigenen Lebensausrichtung. Das II. Vaticanum sagt über die Alumnen „Durch die heilige Weihe werden sie einst Christus dem Priester gleichförmig; so sollen sie auch lernen, ihm wie Freunde in enger Gemeinschaft des ganzen Lebens verbunden zu sein.“ (OT 8)

Die Stärke des klassischen tridentinischen Seminars liegt darin, einen geschützten Ort für die Zeit der wachsenden Freundschaft mit Christus zu gewährleisten. Hier bedeutet der Eintritt zunächst einmal einen gewissen Rückzug aus der Welt. Dies drückt auch das Geistliche Kleid aus, das der Alumne nach dem Spiritualitätsjahr am Tag seiner Tonsur empfängt. Jeden Tag wird er beim Anziehen der Soutane fortan die Verse des Tonsurpsalms wiederholen: „Dominus pars – Der Herr ist mein Erbe.“ Besonders heute bedürfen die Seminaristen dieser Distanz von vielen Verflechtungen ihres bisherigen Lebens, die ihnen eine neue Freiheit und Gelassenheit vermitteln soll. Dadurch können sie sich nach ihrer Priesterweihe wieder mit einem frischen Blick den Menschen und den Aufgaben in der Welt zuwenden. Ein klassisches Priesterseminar ist außerhalb der Erholungszeiten von der Stille geprägt. Sie erst ermöglicht die Orientierung auf Gott hin, dessen Stimme oft leise zu unserem Herzen spricht (vgl. 1 Könige 19, 12). Da ist es schon etwas besonderes, wenn die strikte Stille nach der Komplet zu wenigen Ausnahmen aufgehoben ist.

Rein äußerlich prägen das Leben im Seminar ein fester Tagesablauf und ein System von vielen Diensten für die Gemeinschaft. Ausbilder und Seminaristen fügen sich damit einer Ordnung ein, die keineswegs nur das Funktionieren des Hauses gewährleisten soll, sondern eine besondere innere Ausrichtung vermittelt: Gott hat diese Welt als einen wunderbaren Kosmos erschaffen; die Sünde hat ihn entstellt und das Erlösungswirken, in das der Priester eingebunden ist, bedeutet Wiederherstellung der Schönheit jener Ordnung, die von Gott kommt. Bereits die heilige Liturgie mit allen Abstufungen ihrer Ämter und Zelebrationsformen fügt uns diesem Ordo ein und strahlt in den Alltag hinein. Die Fülle an Beanspruchungen wird später dahin tendieren, den Priester oft vom inneren Zentrum wegzuziehen. Hat er in seiner Jugend gelernt, vom Ordo her zu denken, kann er diesen Zentrifugalkräften entgegenwirken.

Das Herz des Seminarlebens ist die heilige Liturgie. Durch die Schönheit der Zeremonien senkt sich die Wirklichkeit Gottes und seiner Welt in das Herz der Studenten. Tag für Tag lernen sie, sich dem eucharistischen Opfer immer mehr anzugleichen. Die Liebe Christi, die sie hier empfangen, wird sie immer mehr zu vollkommener Liebe drängen (Vgl. 2 Korinther 5, 14), sodass sie die Worte des Bischofs am Tag ihrer Weihe verstehen können: „Bedenket, was ihr tut, ahmet nach, was ihr vollzieht.“ Ein klassisches Priesterseminar legt großen Wert darauf, dass der Alumne ein geistliches Leben entwickelt. Hier spielt die Geistliche Begleitung eine sehr wichtige Rolle, bei der die Seminaristen einem Priester ihrer Wahl ihr Innenleben vertrauensvoll eröffnen.

Die Ausbildung umfasst neben dieser geistlichen auch die grundlegende menschliche Ebene. Der heilige Johannes Paul II. lehrt: „Damit sein Dienst menschlich möglichst glaubwürdig und annehmbar ist, muss der Priester seine menschliche Persönlichkeit so formen, dass er sie für die anderen bei der Begegnung mit Jesus Christus, dem Erlöser des Menschen, zur Brücke und nicht zum Hindernis macht“ (Pastores dabo vobis 43). Menschliche und affektive Reife muss bei heutigen Kandidaten mehr entwickelt werden als früher, auch durch persönliche Begleitung. Nicht zuletzt von dieser Reife hängt das Gelingen eines Lebens in eheloser Keuschheit ab.

Klassische Priesterseminarien sind die philosophisch-theologischen Hochschulen. Die Priester der Petrusbruderschaft studieren gemäß ihrer eigenen, vom Heiligen Stuhl approbierten Ratio Studiorum. Die akademische Ausbildung ist mit Blick auf den Studienpatron Thomas von Aquin der philosophia perennis verpflichtet, das heißt, sie gründet auf den Prinzipien dieses großen Kirchenlehrers. Er ist „zu Recht von der Kirche immer als Lehrmeister des Denkens und Vorbild dafür hingestellt worden, wie Theologie richtig betrieben werden soll“ (Johannes Paul II., Fides et Ratio). Der scholastische Charakter der Studien vermittelt eine klare Begrifflichkeit und hilft Irrtümer zu erkennen. Selbstverständlich werden auch die in einem kirchlichen Geist betriebene Exegese und neuere Autoren berücksichtigt.

Ausbildung in die Freundschaft mit dem Herrn hinein bedeutet nicht zuletzt, in die Gemeinschaft mit denen hineinzuwachsen, die zu ihm gehören. Die Nächsten sind hier die eigenen Mitbrüder. Hier gilt es, einen wirklichen Familiengeist zu entwickeln. Gemeinsame Freizeit und Ausflüge stärken eine freundschaftliche Verbundenheit. Bei Problemen später sind die Mitbrüder aus der Seminarzeit oft eine wichtige Stütze. Gemeinschaft mit dem Herrn bedeutet aber vor allem Gemeinschaft mit der Kirche. Ein authentischer kirchlicher Geist und die communio mit Papst und Bischöfen sind ein Garant einer guten Ausbildung.

Einen besonderen Charakter haben die Weihetage im Seminar, wo die Kandidaten auf je eigene Weise gemäß den Stufen der Niederen und Höheren Weihen Anteil erhalten am Geheimnis des Priestertums Christi. Am Ende des Berufungsweges erscheint gemäß der außerordentlichen Form des Römischen Ritus bei der Priesterweihe die Zeit der Ausbildung im Lichte der nun gewachsenen Freundschaft des Priesters mit Christus. Während der förmlichen Übertragung der Beichtvollmacht singt die Kommunität das „Iam non dicam – Ich nenne Euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ Dabei mag dem Neupriester durch den Kopf gehen, was der junge Joseph Ratzinger bei seiner Weihe empfand: „Ich wusste und spürte, dass das in diesem Augenblick nicht nur ein zeremonielles Wort war und auch mehr als ein Zitat aus der Heiligen Schrift. Ich wusste: In dieser Stunde sagt er selbst, der Herr, es jetzt zu mir ganz persönlich. In der Taufe und in der Firmung hatte er uns schon an sich gezogen, uns in die Familie Gottes aufgenommen. Aber was nun geschah, war doch noch einmal mehr. Er nennt mich Freund. Er nimmt mich in den Kreis derer auf, die er damals angeredet hatte im Abendmahlssaal. In den Kreis derer, die er auf ganz besondere Weise kennt und die ihn so in besonderer Weise kennenlernen.“