Tradition erleben in Chartres

Die Pilgerreise von Deutschland nach Madrid führt auch über ein kleines Stück des Jakobsweges Von Reinhild Rössler

Ein Weltjugendtag im Kleinen: Pilger aus vielen Nationen auf dem Weg nach Chartres. Foto: Archiv
Ein Weltjugendtag im Kleinen: Pilger aus vielen Nationen auf dem Weg nach Chartres. Foto: Archiv

Beim XXVI. Weltjugendtag zeigen sich auch die Früchte des Motu proprio „Summorum pontificum“, mit der Benedikt XVI. 2007 die überlieferte Liturgie förderte. Mittlerweile haben sich in vielen Ortskirchen junge Gläubige in Gruppen wie „Juventutem“ organisiert, die eine Reform der Liturgiereform im Sinne des Papstes unterstützen. Die internationale Jugendpilgerfahrt von Paris nach Chartes, zu der seit Jahren Teilnehmer aus mehreren Kontinenten anreisen, stand in diesem Jahr im Zeichen der Vorfreude auf den Weltjugendtag. Im folgenden schildert eine Weltjugendtagsteilnehmerin aus dem Erzbistum Köln ihre Eindrücke.

Seit über tausend Jahren empfängt die schwarze Madonna in der Kathedrale von Chartres Pilger aus der ganzen Welt. Eigentlich sind es drei schwarze Madonnen – Mariendarstellungen, die die Pilger in die kleine Stadt etwa hundert Kilometer südwestlich von Paris in die kleine Stadt ziehen. Während die Statue „Notre Dame des sous terre“ in der Revolutionszeit verlorenging und nun eine Kopie der gotischen Madonna in der Krypta der Kirche den Pilger erwartet, sind die anderen noch im Original erhalten. In den wunderschönen, original erhaltenen gotischen Glasfenstern des südlichen Chorumgangs findet der staunende Pilger die Darstellung der zweiten Madonna. Obwohl sie auch als „schwarze Madonna“ bezeichnet wird, leuchtet sie doch bei Sonneneinfall in den marianischen Farben blau und rot und ist nur durch die Zeit in ihren Farben dunkler geworden.

Drei erfüllte Tage lang laufen, beten und singen

Das wahrscheinlich wichtigste Marienbildnis in Chartres ist aber „Notre Dame du pilier“, die seit 1540 auf der nördlichen Seite des Chorumgangs, wie der Name sagt, auf einer Säule steht. Seit fast fünfhundert Jahren bringen die Pilger hier ihre Gebete zu ihr und stellen ihre Kerze zu den hunderten Lichtern, die das dunkle Gesicht der Gottesmutter schon beleuchten. Neben der Madonna findet sich im Chorumgang das große Heiligtum von Chartres. Wie auch in Toledo wurde die gotische Kathedrale für ein Stück des Schleiers der Gottesmutter erbaut. Das Tuch Mariens soll schon im romanischen Vorgängerbau verehrt worden sein, nachdem es Karl der Kahle der Stadt 876 geschenkt haben soll.

1135 Jahre, nachdem der westfränkische König der Stadt das Heiligtum überreichte, drängen sich über 10 000 Paar müder und kaputter Füße in die Kathedrale. Erwachsene, Jugendliche, Familien, Priester und Kinder aus Frankreich, Europa und Amerika sind nach drei Tagen des Laufens und Betens an ihrem Ziel angekommen. Zwanzig Minuten lang ziehen Fahnenträger, Ordensleute, Priester und Bischöfe an den Pilgern vorbei in den Altarraum der Kathedrale ein. „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat!“, klingt es fröhlich mit den verschiedensten Akzenten aus den Kirchenschiffen, wo dicht aneinandergedrängt die Menschen die heilige Messe erwarten. Die Bilder und Erlebnisse der letzten drei Tage, der letzten Kilometer, erscheinen in den Köpfen der Wallfahrer. Gespräche und Gebete, gemeinsames Lachen und Leiden, Singen und Schweigen.

Einig in der Verbundenheit zur überlieferten Liturgie treffen sich die katholischen Pfadfinder Europas mit den Priestern der Petrusbruderschaft und des Instituts Christ König, sowie anderer geistlicher Gemeinschaften. Die Wallfahrt wirkt jedoch weder einseitig noch ausgrenzend. 105 Kilometer, ein kleines Stück des Jakobsweges, legen die Pilger in drei Tagen zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Wallfahrten nach Chartres wieder mehr zu und auch deutsche Studenten pilgerten zu dem Heiligtum, sodass 1945 bereits viertausend Jugendliche, vor allem Studenten, auf dem Weg nach Chartres waren. Das 1980 ins Leben gerufene Zentrum „Centre Henri-et-André Charlier“ organisierte 1982 erstmals die Fußwallfahrt „für Frankreich und die Christenheit“.

Das Konzept ist einfach und traditionell. Laufen, Beten, Singen, Beichten, Pause, Messe, Vortrag, Rosenkranz, Weiterlaufen. Und auch wenn mancher mit schmerzenden Füßen unterwegs sehnlichst das Ende herbeiwünscht, erfüllt ein besonderer Geist die Pilger während und nach der Wallfahrt. Es ist ein pfingstlicher Geist. Kein Wunder, dass mittlerweile über 10 000 Pilger den Weg zur Mutter von Chartres gehen. Während es anfangs vor allem eine nationale Wallfahrt der Franzosen war, finden sich jetzt immer mehr verschiedene Fahnen in dem langen Zug von Pilgern. Auch die Gruppe der deutschen Pilger wächst stetig.

Obwohl viele der deutschen und englischen Pilger die in Französisch gehaltenen Predigten nicht verstehen, herrscht bei den Messen eine tiefe Andacht. 10 000 Menschen wenden sich auf einer Waldwiese dem kunstvoll aufgebauten Altar zu. Nicht nur während der Messen, sondern auch beim Laufen wird in den drei Tagen das Sakrament der Beichte gespendet. Über die Jahre wurde gerade dies immer mehr ein Schwerpunkt der Pfingstwallfahrten.

Der Weg ist bei der Wallfahrt jedoch nicht das Ziel. Er ist notwendig um es zu erreichen, jeder Schritt führt den Pilger näher an die Kathedrale von Chartres, jedes „Ave“ näher zur Gottesmutter. Dass es jedoch ein Ziel der Wallfahrt und einen Sinn des Weges gibt, wird besonders in dem bewegenden Moment spürbar, wenn beim ersten Erblicken der Kathedrale gemeinsam das „Salve Regina“ gesungen wird.

Nachdem die Pilger ihre Bitten und ihren Dank der Gottesmutter von Chartres, „Notre Dame du pilier“ dargebracht haben und müde, aber glücklich in den Bus steigen, ist es nicht nur die Freude an der Gemeinschaft, an guten Gesprächen oder neuen Freunden, die sie erfüllen. Das liturgische Erlebnis hat sie zusammengeschmiedet und begeistert. Und sie wissen: In Madrid treffen sich viele wieder.