Täglich 21 Sekunden, um die Welt zu verändern

Facebook kann ein Segen sein, denn gemeinsam sind wir stärker: Jugendliche laden im Internet zum Gebet für das ungeborene Leben ein Von Rudolf Gehrig

Wer betet, macht überraschende Erfahrungen. Foto: KNA
Wer betet, macht überraschende Erfahrungen. Foto: KNA

Was ist ein Gebet wert? Welchen Zweck hat eine an Gott adressierte Bitte? Alles nur leeres Geschwätz? Ich bin 17 Jahre alt und habe bereits mehrmals die Erfahrung gemacht, das Gebet ist die radikalste Form, sich einzumischen.

Ein Beispiel: Eine Mitschülerin erzählte mir ganz aufgelöst, ihre Eltern wollen sich scheiden lassen. Die Lage scheint völlig aussichtslos. Wie soll ich ihr helfen? Doch was kann ausgerechnet ich da machen? Wir haben ausgemacht, gemeinsam zu beten, jeden Abend um 20 Uhr ein einziges Vaterunser. Ich habe sie jedes Mal um diese Uhrzeit mit dem Handy kurz angeklingelt, damit sie die Gewissheit hatte, dass ich es nicht vergessen habe. Und so beteten wir mehrere Wochen lang immer um 20 Uhr an verschiedenen Orten gemeinsam ein Vaterunser. Eines Nachts bekam ich sehr spät eine SMS von ihr, dass ihre Eltern sich doch nicht scheiden lassen und einen Anfang wagen wollen.

Knapp eine Woche später, am 10. Januar 2011, wurde „AIAC – Gebete für die Opfer von Abtreibung“ gegründet. Anlass war der Austausch per SMS mit einer Bekannten, die ich bis dato gerade zwei Monate nur über Facebook kannte. Wir wollten beide etwas gegen Abtreibung zu unternehmen. Zunächst waren wir frustriert über die Erkenntnis, nicht wirklich etwas ausrichten zu können bis auf das Verteilen von Flugblättern in der Fußgängerzone. Dann stießen wir auf das Schriftwort aus dem Lukasevangelium: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.“ (Lk 11, 9–10) Beten! Beten für die noch Ungeborenen, die Frauen, die am Scheideweg stehen, die Frauen, die die Qual einer Abtreibung mitgemacht haben?

Die räumliche Entfernung zwischen Theresa und mir beträgt 250 Kilometer. Trotzdem sind wir seitdem jeden Abend verbunden – im Gebet um 20 Uhr. Ein Gebet bewirkt schon sehr viel, zwei noch mehr, doch was für eine Wirkung müsste dann erst ein zwanzig- oder gar fünfzigfacher Gebetssturm haben? Wir haben die E-Mail-Adressen unserer Bekannten zusammengetragen und eine Rundmail verfasst – viel zu lang, viel zu umfangreich, man merkte, dass die Emotionen beim Schreiben mitschwangen.

Schließlich haben wir auf Facebook eine eigene Seite für unsere Gebetsaktion eingerichtet: „AIAC – Gebete für die Opfer von Abtreibung/Prayers For The Victims Of Abortion“. „AIAC“ steht für „Abortion is a crime“ (Abtreibung ist ein Verbrechen).

Zu unserer Überraschung bekamen wir größtenteils ein positives Feedback. Bald schon konnten wir uns über den 25. „Gefällt mir“-Klicker freuen. Auch Lebensschutzorganisationen wie „Aktion Leben e.V.“ sprachen uns Mut zu, die „Bewegung für das Leben“ aus Südtirol setzte sogar einen Artikel über die Gebetsaktion in ihre Zeitschrift „Lebe!“.

Auf der Jahreshauptversammlung des Vereines „Werke statt Worte e.V.“, der Hilfstransporte in die kriegsgebeutelten Gebiete des ehemaligen Ostblocks organisiert, durfte ich unser Projekt vorstellen und habe am Ende achtzehn weitere Beter dazugewonnen. Besorgt fragte mich ein älterer Herr: „Ist das in Ordnung, wenn ich das Vaterunser schon um fünf vor acht bete, weil ich um acht die Tagesschau sehe?“

Unterstützung tut gut. Die Wenigen, die mit Unverständnis, Spott oder gar Wut reagierten, fielen nicht so ins Gewicht. Ich fühlte mich wie auf einem Höhenflug.

Natürlich musste die Talfahrt folgen. Desillusioniert glaubte ich nicht mehr richtig an den Sinn unserer Gebetsaktion, zweifelte in ganz dunklen Momenten sogar an der Existenz Gottes.

Und dann höre ich eines Morgens beim Aufstehen im Radio die Meldung, dass ein Bundesstaat in den Vereinigten Staaten die Organisation „Planned Parenthood“, die an Kliniken beteiligt ist, in denen Abtreibungen durchgeführt werden, nicht mehr finanziell unterstützen wird! Ist das Zufall? Niemals! Und wer weiß, vielleicht sind wir mit unseren Gebeten gar nicht so unschuldig daran?

Nach knapp einem halben Jahr hat sich einiges getan: Ich habe Theresa endlich mal im richtigen Leben gesehen. Es war keine Enttäuschung, im Gegenteil, obwohl wir uns eigentlich zum ersten Mal in Madrid beim Weltjugendtag treffen wollten. Mittlerweile haben schon 58 Facebook-User „Gefällt mir“ bei unserer Seite geklickt, ungefähr 110 Beter zählt unser Projekt.

Ich musste einiges lernen, vor allem damit umzugehen, dass es Leute gibt, die die Folgen der Abtreibung nicht verstehen oder nicht verstehen wollen oder gar das Leben eines Tieres höher setzen als das eines Menschen.

Auch kostet es Überwindung, in meiner Schule dazu zu stehen und sich die spöttischen oder aggressiven Sprüche gefallen zu lassen, ohne deshalb einen Tobsuchtsanfall zu bekommen oder den Mut zu verlieren. Ohne Theresas Unterstützung hätte ich wohl alles schon längst hingeworfen. Im Alleingang wäre „AIAC“ in den Startlöchern hängengeblieben.

Aber ich durfte auch erfahren, dass Jesus mitkämpft, dass Gott uns unterstützt und „wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?“ Heute Abend um 20:00 Uhr piepst der Weckalarm meiner Armbanduhr, ich schnappe mein Handy, klingel bei Theresa durch, sie klingelt darauf zurück und mit dem Gefühl im Rücken von über 100 Betern, die im selben Moment über das ganze Land verstreut innehalten, steigt ein Gebetsturm gen Himmel.

Ein Vaterunser dauert 21 Sekunden. Nicht mal eine halbe Minute. Und doch ausreichend, um die Welt zu verändern

Interesse, mitzumachen? Schreiben Sie uns: abortionisacrime@googlemail.com

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