Serbien jenseits seiner populären Mythen

Holm Sundhaussen bringt Geschichtslügen ans Licht

Wer eine knappe, aber seriöse Einführung in die Geschichte und Zeitgeschichte Serbiens sucht, ist mit Wolfgang Libals 1996 erschienenem Buch „Die Serben. Blüte, Wahn und Katastrophe“ noch immer gut bedient. Wer nach einer ausführlichen, geschichtswissenschaftlich profunden und ausgewogenen Darstellung der jüngeren serbischen Geschichte verlangt, sei auf das vorliegende Werk verwiesen. Holm Sundhaussen, Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin, liefert mit seiner „Geschichte Serbiens“ ein Standardwerk, das sich den in jener Region Europas besonders populären Geschichtsmythen faktenreich und deutungsstark entzieht.

Dies beginnt mit dem nüchternen, aber dennoch oft übersehenen Hinweis, dass sich die Periode vom Ende des 14. bis zum 19.Jahrhundert „aus der Sicht der osmanischen Reichsgeschichte anders präsentiert als aus der Sicht der christlichen Bevölkerung im Balkanraum. Letztere begreift die osmanische Herrschaft als ,Unzeit‘ oder ,Nichtzeit‘ bzw. als ,schwarzes Loch‘, das zwischen dem ,goldenen Zeitalter‘ der vorosmanischen Zeit und der ,nationalen Wiedergeburt‘ in postosmanischer Zeit klafft.“ Der Autor zeigt, dass es sich bei all diesen Klassifizierungen um nachträgliche, ahistorische Wertungen handelt: „In der romantisch gefärbten Vorstellung des 19. Jahrhunderts erschienen die Staats- und Nationsbildung als ,Wiedergeburt‘ (preporod) oder ,Auferstehung‘ (vaskrs) dessen, was im Mittelalter existiert hatte“. Doch habe es in der glorifizierten Zeit des mittelalterlichen Reiches „ein serbisches Wir-Bewusstsein allenfalls in rudimentärer Form“ gegeben.

Die Religion des Gegners

Sundhaussen entmythifiziert die im Zuge der serbischen Nationsbildung nachträglich zur Zeitenwende stilisierte Schlacht auf dem Amselfeld 1389 und zeigt die unüberbrückbare Kluft zwischen dem geschichtlichen Geschehen und dem, was im „historischen Gedächtnis“ der Serben damit verknüpft wurde. Er entdämonisiert auch die osmanische Besatzung, unter der die orthodoxen Christen „eine Parallelgesellschaft zu Muslimen“ gebildet hätten, weil die osmanische Gesellschafts- und Religionspolitik nicht auf Integration, sondern auf Segregation der Glaubensgemeinschaften ausgerichtet gewesen sei. Der angeblich jahrhundertelange Kampf der Kulturen sei „eine Erfindung des späten 19. und des 20. Jahrhunderts“, so Sundhaussen. Der Historiker weist nach, dass die Nationsbildung des 19. Jahrhunderts „von oben“ erfolgte, weil eine Bevölkerungsmehrheit den Staat traditionell als Gegner angesehen und auch ganz eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit gehabt habe.

Sundhaussen legt die ganze Problematik des ersten Jugoslawiens, des zur Königsdiktatur degenerierten „Staates der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS-Staat) dar, welcher die Montenegriner, Makedonen und bosnischen Muslime – und wie das zweite, das kommunistische Jugoslawien auch die Albaner, die Deutschen und die Ungarn in der Wojwodina – nicht als konstitutiv für den Staat und sein Selbstverständnis betrachtete.

Der Autor berücksichtigt, dass Geschichte nicht als bloße Abfolge von Ereignissen deutbar und verstehbar ist, sondern sich wandelnde Mentalitäten und Stimmungen berücksichtigen muss. Titos Jugoslawien habe den ethnischen Jugoslawismus – „jenes misslungene Konstrukt einer Abstammungsnation mit drei Namen und ,Stämmen‘“ – durch einen staatsbürgerlichen Jugoslawismus ersetzt. Nach Titos Tod habe die Serbisch-Orthodoxe Kirche zwar die nationale Wiedergeburt der Serben vorangetrieben, doch habe sie dadurch keine gesellschaftlich führende Rolle errungen.

Ursachen des Staatszerfalls

Sundhaussens ernüchterndes Urteil lautet, dass nicht die Orthodoxie für weite Teile der serbischen Gesellschaft identitätsstiftend wirkt, sondern die Religion des Gegners: „Nicht die eigene Religion oder Konfession, sondern die Religion der anderen und die davon vermeintlich ausgehende Bedrohung schufen den Zusammenhalt der Nation: die antiserbische Verschwörung des Vatikans sowie katholischer und protestantischer Staaten, der genozidale Katholizismus der Kroaten und der islamische Fundamentalismus der bosnischen und albanischen Muslime sowie deren Unterstützung durch arabische Länder.“ Antikatholizismus und Antiislamismus nicht als Ausdruck orthodoxer Identifikation, sondern als nationales, identitätsstiftendes Bedrohungsszenario.

Die ethnischen Spannungen, die in den Kriegen ab 1991 explodierten, sind nach Ansicht des Autors „nicht Ursache, sondern Folge des jugoslawischen Staatszerfalls“. Ob Sundhaussen die nationale Identifikation, vor allem bei den Kroaten, unter- und das jugoslawische Zusammengehörigkeitsgefühl überschätzt, ließe sich lange und faktenreich kontrovers diskutieren. Unbestreitbar hatte das Auseinanderbrechen Jugoslawiens mehrere Ursachen, darunter auch gegenläufige ökonomische und gesellschaftspolitische Interessen. Slowenen und Kroaten wollten nicht einsehen, warum sie mit ihrer Wirtschaftskraft ein System und einen Staat finanzieren sollten, der ihre demokratische, wirtschaftliche und kulturelle Entfaltung hemmte und behinderte.

Mit gutem Grund nennt der Autor das Kapitel über die Jahre 1980 bis 2000 „Die Selbstzerstörung Serbiens“. Hier schildert er den Wandel in der politischen Rhetorik, den Aufstieg des Slobodan Milosevic, den Zerfall der Kommunistischen Partei und die Kriege der 90er Jahre. Richtig bilanziert Sundhaussen, dass es in den zwei untersuchten Jahrhunderten keinen serbischen Politiker gegeben habe, der „nicht nur den Nachbarnationen, sondern auch seiner eigenen Gesellschaft und seinem Land so viel Schaden zugefügt hat“ wie Slobodan Milosevic.

Doch auch die Rolle des Westens sieht der Historiker dabei durchaus realistisch: „Für die lang währende Blindheit der Vereinten Nationen und der Europäer gibt es außer Unkenntnis, Unentschlossenheit und Uneinigkeit keine überzeugende Erklärung.“ Zumindest die erste Dimension dieser dreifachen Unfähigkeit – die Unkenntnis – ließe sich durch die gründliche Lektüre des vorliegenden Werkes beheben.