Redlichkeit, Authentizität, Zeugnis

Die Päpste und ihr Schlüssel der Erneuerung: Entweltlichung ist die Bedingung für missionarische Wirksamkeit, betont Kurienkardinal Paul Josef Cordes. Von Markus Reder

Im „Tagespost“-Interview hebt Kardinal Cordes die große Kontinuität zwischen Papst Franziskus und Benedikt XVI. hervor. Foto: dpa
Im „Tagespost“-Interview hebt Kardinal Cordes die große Kontinuität zwischen Papst Franziskus und Benedikt XVI. hervor. ...
Papst Benedikt XVI. hat in seiner Freiburger Konzerthaus-Rede die Kirche mit Nachdruck zur Entweltlichung aufgerufen. Ein Begriff, den viele – manche wohl bewusst – missverstanden haben. Warum hat Entweltlichung nichts mit Weltflucht zu tun? Dafür umso mehr mit Pfingsten, also mit Vergeistlichung und Erneuerung der Kirche?

Lassen Sie mich mit einem Zitat von Wilhelm Busch antworten. Der berühmte Komik-Zeichner befand: „So ist's in alter Zeit gewesen,/ So ist es, fürcht‘ ich, auch noch heut./ Wer nicht besonders auserlesen,/ Dem macht die Tugend Schwierigkeit./ Aufsteigend musst du dich bemühen,/ Doch ohne Mühe sinkest du./ Der liebe Gott muss immer ziehen,/ Dem Teufel fällt's von selber zu.“

Was ich damit sagen will, ist dies: In jeder Religion steckt ein gerütteltes Maß von Erdenschwere. Die Welt fasziniert den Menschen. Dazu kommt für das Christentum noch, dass Christi Menschwerdung die Schöpfung geheiligt hat. Wir dürfen die Erde lieben. Doch darf sie uns nicht gefangen nehmen! Deshalb sind gelegentlich Appelle nötig, damit wir den Himmel nicht vergessen und trotz aller Freude am Diesseits den „Geist aus der Höhe“ herabrufen. Mit seinem Aufruf zur Entweltlichung wollte Papst Benedikt vor allem den Blick nach oben öffnen.

Eine Kirche, die den Blick nach oben öffnet, die Entweltlichung nicht nur zum Thema von Podiumsdiskussionen, sondern tatsächlich zum Programm machte, wäre fähig, kraftvoller Zeugnis in der Welt und für die Welt zu geben?

Der rote Faden aller Verkündigung des früheren Papstes ist sein ständiger Verweis auf „Gott“ und „Jesus Christus“. Alle Themen macht er auf den Vater im Himmel und seinen eingeborenen Sohn hin durchsichtig. Das würde sogar eine Wortstatistik erkennen lassen. Im Gegensatz zu ihm befassen wir als Kirche uns fortwährend damit, unser Image für die Welt zu modernisieren, um besser „anzukommen“. Ein chinesisches Sprichwort widerspricht solcher Nabelschau: „Wer sich selber anschaut, der leuchtet nicht.“ Schlimmer noch: Nicht Gottes Wort, sondern das Denken der Welt treibt uns. Entweltlichung ist in diesem Sinn nicht nur angezeigt, sie ist die Bedingung für missionarische Wirksamkeit.

Papst Benedikt sprach in seiner „Entweltlichungs-Rede“ sogar davon, dass die Säkularisierung der Kirche genützt habe. Ist die prophetische Sprengkraft dieser Rede möglicherweise so groß, dass sich bis heute viele lieber am Begriff festbeißen und damit hadern, als wolle man ihnen das Allerheiligste nehmen, statt sich das Anliegen des Papstes zu eigen zu machen?

Manche Einwände gegen den Wortgebrauch des Papstes waren unerleuchtete Schnellschüsse. Säkularisierung ist kein Teufelswerk. Schon die Schriftauslegung der ersten biblischen Kapitel lehrt, dass sie vielmehr – etwa bei der Schöpfung von Sonne und Mond; sie waren ja für die heidnischen Religionen selbst Götter, wurden aber dann Instrumente für den Menschen – die Freisetzung der geschaffenen Dinge in den ihnen zugedachten säkularen Zweck ist. Ohne Säkularisierung hätte sich das Vatikanum II nicht zum Selbstwert der irdischen Wirklichkeiten äußern können. Andererseits zeigt die Geschichte der Kirche, dass zu viel „Welt“ in der Kirche sie unglaubwürdig macht: Wer „von der Welt“ ist – wie es im Johannes-Evangelium heißt –, kann andere nicht überzeugen, dass sich unsere Sehnsucht nicht in ihr, sondern endgültig erst in Gottes ewigem Leben erfüllt.

Im Vorkonklave hat Kardinal Bergoglio, der heutige Papst Franziskus, vor den versammelten Kardinälen ebenfalls eindringlich vor einer Verweltlichung der Kirche gewarnt. Seine flammende Rede habe viele Kardinäle dazu inspiriert, ihm bei der Papstwahl ihre Stimme zu geben, heißt es. Zeigt der Ruf nach „Entweltlichung“ der Kirche in besonderer Weise die Kontinuität zwischen den Pontifikaten von Benedikt und Franziskus?

Die Kontinuität kann ich nur nachdrücklich unterstreichen. Wohl interessiert die öffentliche Meinung sich auch diesmal stärker für Gegensätze und konstruiert sie nötigenfalls. Doch wenn es um den Abstand zwischen Benedikt und Franziskus geht, dann ist da nicht einmal Platz für die Dicke einer Zeitung. Das ist unbestreitbar. Ähnlich den Anweisungen Benedikts zur Caritas in Freiburg sagte Franziskus schon in seiner ersten Predigt vor uns Kardinälen über kirchliches Helfen: „Wir können gehen, wie weit wir wollen, wir können vieles aufbauen, aber wenn wir nicht Jesus Christus bekennen, geht die Sache nicht. Wir werden eine wohltätige NGO, aber nicht die Kirche, die Braut Christi... Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, da kommt mir das Wort von Léon Bloy in den Sinn: ,Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel.‘ Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, bekennt man die Weltlichkeit des Teufels, die Weltlichkeit des Bösen.“ Immer wieder ist er seither auf diesen Impuls zurückgekommen.

Sie sind seit vielen Jahren „Römer“, kennen aber auch die Situation der Kirche in Ihrer Heimat. Als früherer Präsident von „Cor Unum“ sind Sie zudem in vielen Ländern der Welt unterwegs gewesen und mit den Unterschieden der Weltkirche vertraut. Gibt es Ortskirchen, die in besonderer Weise von Verweltlichung bedroht sind?

Der Trend zur Verweltlichung der Religionen hat sich wohl überall in der Welt verstärkt. Er scheint wegen der Professionalisierung, Bürokratisierung und Spezialisierung des Helfens unausweichlich, hängt aber auch mit der gesellschaftlichen und politischen Entdeckung von humanitärer Verantwortung zusammen: Entwicklungsministerien gibt es ja erst seit dem letzten Jahrhundert. Solche Entwicklung hat vieles sehr Begrüßenswertes. Doch wenn die Nächstenliebe um Gott gekürzt würde, so dass nur noch profaner Humanismus gültig bliebe, so verarmte unsere Zuwendung zum Notleidenden dramatisch. Ein Beispiel? In Ruanda konnte ich nach dem Genozid an den Massengräbern nicht zu den zahllosen, schwarz verschleierten trauernden Witwen sagen: „Ich bringe einen Scheck für den Wiederaufbau.“ Ich musste vom „ewigen Leben“ sprechen. Ähnliches steht am Sterbebett oder nach Unfällen an. Dann zeigt sich die unersetzbare Kostbarkeit christlicher Abwehr des Elends, die es freilich bei den Helfern wachzuhalten gilt.

Papst Franziskus wünscht sich eine Kirche der Armen. Neigt eine reiche Kirche zwangsläufig eher zur Verweltlichung? Es war ja kein Zufall, dass Papst Benedikt gerade beim Besuch seiner Heimat das Thema „Entweltlichung“ gesetzt hat. Hat die Kirche in Deutschland mit ihrem großen Apparat, ihren Strukturen und Gremien, ihrem nahezu undurchschaubaren Geflecht an Besitz und Beteiligung und dem gleichzeitig immer weniger werdenden Glauben besonderen Handlungsbedarf?

Ich bin sehr froh, dass die Freiburger Rede Papst Benedikts so viele hat aufhorchen lassen. Schon mir sind drei Sammelbände bekannt, die sich mit ihr befassen. Zusammen mit Manfred Lütz haben ich eine weitere Studie vorbereitet, die noch im Mai bei Herder, Freiburg erscheinen soll, Titel: „Benedikts Vermächtnis und Franziskus' Auftrag. Entweltlichung – eine Streitschrift“. Darin muss es fraglos um den Beitrag gehen, mit dem sich die Kirche als Gesellschaftsfaktor darstellt. Aber es wäre ja paradox, das Problem der Entweltlichung in der Perspektive der „Welt“ zu behandeln; so wie sie sich darstellt in den Augen der öffentlichen Meinung – soziologisch eben, ohne dass die geistlich-pastoralen Implikationen aufgedeckt würden. Und diese reichen weit über die Wertung der kirchliche Verbände und Vereinigungen hinaus. Papst Franziskus weiß ja nur zu gut, dass die kirchlichen Institutionen aus Menschen bestehen. Auch Papst Benedikt beschränkte sich bei seinem Weckruf ja nicht auf die Hilfs-Organisationen und ihre Strukturen. Er wendet sich an jeden Einzelnen der engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft. Bezeichnend ist am Beginn seiner Rede das Zitat von der seligen Mutter Teresa. Als diese Frau gefragt wurde, was sich an der Kirche zu ändern habe, war ihre Antwort: „Sie und ich.“ Auch sonst hat der Papst – wie er sagt – „jeden Menschen“ und „den einzelnen Christen“ vor Augen; er spricht vom „Christusgeschehen..., durch das der Mensch, der Bettler, den göttlichen Reichtum empfängt“. Diese individuell-personale Dimension der Freiburger Rede ist bislang wohl viel zu wenig beachtet worden. Oder wurde sie nur zu gern überhört? So konnte jeder Kritiker den Blick des Papstes ja bequem von sich selbst ablenken. Doch wie sollte Entweltlichung Raum greifen, wenn sie nicht – mit der Kraft des Pfingstgeistes – in unseren Herzen beginnt?

Papst Benedikt sprach davon, es gehe nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen, sondern nach der totalen Redlichkeit zu suchen und abzustreifen, was nur „scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheiten sind“. Was muss sich ändern, wenn die Kirche – mit der Kraft des Geistes – nach „totaler Redlichkeit“ strebt?

Redlichkeit, Authentizität, Zeugnis sind Benedikts Schüsselworte, damit eine tiefe innere Erneuerung die Glieder der Kirche erfasse. Konferenzen und Programme, Beschlüsse der Gremien und Schlagzeilen haben nur dann Sinn, wenn sie der Umsetzung dieser Schlüsselworte dienen. „Gleicht euch nicht dem Geist der Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“, schreibt Paulus an die Römer (12,2). Der Spiegel meiner Seele wird mich auf dem Laufenden halten, sofern ich mir Zeit nehme, ihn zu betrachten. Wenn ich Gottes Antlitz suche, so erfüllt Gott mich selbst mit dem Geist des Mutes und der Stärke. Ich riskiere dann das Bekenntnis – im banalen Alltag; bei wichtigen Herausforderungen; wann immer die Sache Gottes oder die der Kirche bedrängt ist. Auf diese Weise wird Christsein vital. Ich weiß, wovon ich rede. Erst vergangenen Sonntag ging ich nachmittags mit einer Gruppe des Neukatechumenats in Rom auf die „Tiburtina“. Wir waren gegen hundert Erwachsene und Kinder, sangen die Vesper, hielten kurze Katechesen, und einige sprachen währenddessen die zahlreichen Passanten an. Ob wir das Herz des einen oder andern erreichten, ist ungewiss. Gewiss aber ist die Freude, die uns nachher erfüllte.

Als Sondergesandter des Papstes werden Sie am Eucharistischen Kongress in Köln teilnehmen. Welche Hoffnung verbinden Sie mit diesem „Fest des Glaubens“, das in besonderer Weise zu einer Erneuerung des eucharistischen Bewusstseins beitragen will?

Neue Anmut unserer Kirche durch einen Impuls nach innen: in der gesammelten Aufnahme der biblischen Botschaft sich berühren lassen vom Wunder der Eucharistie; im Empfang des Bußsakramentes; in einer erneuerten Ehrfurcht vor dem eucharistischen Herrn, der – Herr des Himmels und der Erde – leibhaftig in unserer Mitte ist; in der festlichen Feier unserer Liturgie, die wie nur weniges uns mit innerer Freude erfüllt und Kraft gibt zum Zeugnis vor so vielen Zeitgenossen, die Gott suchen.