Rational, emotional, kreativ

Die ursulinische Pädagogik der Offenbacher Marienschule strebt nach Ganzheitlichkeit

Offenbach (DT) Acht Uhr morgens in der Marienschule: Mädchen so weit das Auge reicht. In der Eingangshalle steht neben Schaukästen mit Sport-Wanderpokalen eine große Statue der Muttergottes mit einem Jesuskind vor goldenem Hintergrund. Darunter eilen fröhliche Teenager in ihre Klassenzimmer. Sobald die Lehrerin da und die Tür geschlossen ist, trägt eines der Mädchen ein Morgengebet vor. Erst dann beginnt der Unterricht.

Rund 1 100 Schülerinnen besuchen die katholische Schule, die mitten in Offenbach wie eine „Insel der Seligen“ wirkt. Die Stadt am Main hat mit 31 Prozent den höchsten Ausländeranteil Deutschlands, Gewalt, Vandalismus und Schulverweigerung sind an allen anderen Schulen an der Tagesordnung. Nicht so in der Marienschule. Wer die Schule betreten will, muss sich bei den Pförtnern anmelden. Fremde kommen nicht ins Haus. Sekundärtugenden wie Höflichkeit, Pünktlichkeit und ein sorgsamer Umgang mit den Gegenständen sind hier selbstverständlich. Unter dem Dach der Schule gibt es mehrere Schulformen: das Hauptstandbein aber ist das Gymnasium, das etwa 750 Mädchen besuchen. Daneben gibt es eine Förderstufe für die 5. und 6. Klasse, die entweder in der Realschule oder im Gymnasium mündet. Etwa dreißig Mädchen besuchen nach dem Hauptschulabschluss die Berufsfachschule, die ebenfalls in dem Gebäude untergebracht ist.

Über die Grenzen der Stadt hinaus ist die Schule sehr beliebt

Christlich getauft zu sein ist Voraussetzung für die Aufnahme an der Schule. Die meisten Mädchen sind katholisch oder evangelisch, einige wenige orthodox. Und die Schule ist über die Grenzen der Stadt hinaus sehr beliebt. Jede zweite Schülerin ist nicht aus Offenbach. Etwa 250 Eltern wollen jedes Jahr ihre Töchter auf der Marienschule anmelden. Doch nur 150 Mädchen werden in die 5. Klassen aufgenommen. „Da gibt es immer Tränen und Protestbriefe“, berichtet Schulleiterin Marie Luise Trocholepczy. Allein mit dem Ausfüllen eines Anmeldebogens ist es in der Marienschule nicht getan. Mit allen Eltern führen die Lehrer Aufnahmegespräche. Dabei ist es der Schule wichtig, dass auch die Mütter und Väter einer christlichen Kirche angehören und auch aktiv an den Gottesdiensten und dem Pfarreileben teilnehmen. „Schließlich finanzieren wir uns aus Kirchensteuergeldern“, begründet die Rektorin diese Auswahl.

Seit 2003 ist die heute 54 Jahre alte Pädagogin Leiterin der Marienschule. Die studierte Theologin war vorher in der Nähe von Aachen und in Freiburg an koedukativen staatlichen Schulen tätig. Da ihr Mann als Theologieprofessor an der Uni Frankfurt lehrt, zog es sie ins Rhein-Main-Gebiet. „Reine Mädchenschulen kannte ich gar nicht“, erinnert sie sich. Doch die Herausforderung reizte sie. Ihrer Ansicht nach ist heute gesellschafts- und familienpolitisch vieles im Umbruch. Trocholepczy: „Darauf müssen wir als Schule antworten.“ Die Lebenssituation der Eltern hat sich gewandelt. Auch an der Marienschule sind berufstätige Mütter heute in der Überzahl. Schon seit vielen Jahren gibt es ein Tagesheim, das früher sogar ein Internat war, in dem sechzig Mädchen nachmittags bis 16.30 Uhr unter Aufsicht ihre Hausaufgaben machen und gemeinsam spielen.

Ziel der Schulleiterin ist es nicht, das Tagesheim für alle Schülerinnen verbindlich zu machen und den deutschlandweiten Trend zum Ganztagesbetrieb mitzumachen. „Es reicht völlig,“ so Trocholepczy, „dass wir ein Mittagessen und Aufenthaltsräume anbieten.“ Dieser Tage wurde die neue Mensa eingeweiht, in der täglich 140 Mädchen, die sich vorher angemeldet haben, essen können. Dort geht es gesittet zu: Zunächst wird stehend ein Tischgebet gesprochen, dann holen sich die Kinder ihr Essen und bleiben nach dem Essen solange sitzen, bis die letzte an ihrem Tisch aufgegessen hat. „Heute gibt es kaum mehr gemeinsame Mahlzeiten“, erklärt die Schulleiterin diese Regelung. „Man isst im Stehen, im Gehen, nebenbei.“ Gerade Mädchen hätten oft Essstörungen, da sei es besonders wichtig, gemeinsam und in Ruhe zu essen.

„Individuelle Förderung“ jedes einzelnen Kindes lautet das Grundprinzip der Marienschule, die sich in die Tradition der Heiligen Angela Merici, (1474–1540), der Begründerin der ursulinischen Pädagogik, stellt. „Wir streben eine ganzheitliche Bildung an“, formuliert es Schulleiterin Trocholepczy. Nicht nur die rationalen, sondern auch die emotionalen und kreativen Fähigkeiten der Schülerinnen sollen entwickelt werden.

Das Nebeneinander der verschiedenen Schulzweige zieht viele Eltern an. Falls ein Wechsel vom Gymnasium in die Realschule (oder umgekehrt) nötig wird, bleiben die Mädchen doch in der gleichen Schule und haben teilweise die gleichen Lehrer. „Realschul- oder Gymnasialzweig stehen bei uns gleichwertig nebeneinander“, so Trocholepczy. „Anders sind wir als christliche Schule nicht glaubwürdig.“

Gemeinschaftsleben und soziales Engagement wird an der christlichen Schule groß geschrieben. Die Klassen entscheiden gemeinsam, wofür sie sich einsetzen wollen. So unterstützen sie von ihrem Taschengeld bedürftige Kinder in aller Welt. Besonderen Wert legt die Marienschule auf die musikalische Förderung ihrer Schülerinnen. Die Mädchen aus den Klassen der Förderstufe und des Gymnasiums haben ab Stufe fünf drei Stunden Musikunterricht pro Woche und können im Klassenverband ein Streich- oder Blasinstrument erlernen. Beliebt ist die Schulband, die häufig auch die Gottesdienste musikalisch gestaltet.

Selbstverständlich hat die religiöse Erziehung einen hohen Stellenwert. Ein eigener Schulseelsorger und eine Pastoralreferentin sind jeweils zur Hälfte mit Religionsunterricht und zur Hälfte mit der Vorbereitung der wöchentlichen Klassen-Gottesdienste beschäftigt.

Schulleiterin: Ursulinen geben Zeugnis, das ich nicht geben kann

Lange Jahre galten reine Mädchenschulen als rückständig. Nach Geschlechtern getrennter Unterricht war verpönt. Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Mittlerweile gibt es erziehungswissenschaftliche Studien beispielsweise der Freien Universität Berlin, die belegen, dass Mädchen im Physikunterricht bessere Noten erzielen, wenn sie ohne Jungen unterrichtet werden. Selbst an staatlichen Schulen gibt es mittlerweile Modellprojekte mit getrenntem Unterricht.

1946 haben 64 Schwestern des Ursulinen-Ordens, die von Schlesien nach Offenbach geflohen waren, umgeben von Trümmern eine erste Dependance der Marienschule gegründet. 1959 folgte ein Neubau des Gymnasiums, das damals von mehr als 600 Schülerinnen besucht wurde. Mitten in Zeiten des Schulkampfes in Hessen wurde die Schule 1971 zu Hessens erster privater schulformbezogener Gesamtschule. Wegen Nachwuchsschwierigkeiten des Ursulinen-Ordens übernahm die Diözese Mainz 1988 die Schulträgerschaft. Neun Ursulinen leben noch in einem Seitentrakt der Schule, die jüngste von ihnen, Schwester Rita, ist 64 Jahre alt und unterrichtet Deutsch. Schwester Magdalena, die längst die Pensionsgrenze erreicht hat, verwaltet die Spendengelder. Die Schule erhebt nämlich kein Schulgeld, sie erwartet jedoch eine monatliche „Elternspende“ von mindestens dreißig Euro. Die Rektorin ist dankbar für die Tätigkeit der Schwester. „Es ist gut, wenn ich nicht weiß, wer wie viel gespendet hat.“ Die Präsenz der Ursulinen, die allein schon durch ihren Habit auffallen, ist der Rektorin, die selbst Mutter ist, sehr wichtig: „Auch wenn sie alt und gebrechlich sind, geben sie ein Zeugnis, das ich nicht geben kann.“