„Nunc coepi – Jetzt beginne ich!“

Die Einwohnung des Heiligen Geistes: Wie sich die Kinder Gottes für ein Leben mit dem Heiligen Geist bereiten können. Von Stefan Meetschen

Wie die Helfer beim Marathon den Läufern zur Stärkung gerne Erfrischungen reichen, so umsorgt auch der Heilige Geist gläubige Christen. Foto: IN
Wie die Helfer beim Marathon den Läufern zur Stärkung gerne Erfrischungen reichen, so umsorgt auch der Heilige Geist glä... Foto: IN

In manchen christlichen Gemeinden wird er zu viel verehrt, zu gefühlsmäßig und zu einseitig, in manchen Gemeinden beschäftigt man sich zu wenig mit ihm: Dem Heiligen Geist, der dritten Person der göttlichen Dreifaltigkeit. Gerade zu Pfingsten stellt sich deshalb für jeden einzelnen Christen die Frage: Wie hältst Du es persönlich mit demjenigen, der von der Kirche als Tröster und Schöpfergeist verehrt wird und den Jesus selbst als den „Beistand“ bezeichnete, als den, „den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht“ (Joh 15,26)? Ein von Christus gesandter Beistand – wäre es nicht töricht, ein solches geistlich-kreatives Unterstützungsangebot auszuschlagen?

Gewiss. Und deshalb ist es sicher kein Zufall, dass ausgerechnet derjenige unter den Heiligen, der das heiligmäßige Wirken der Kinder Gottes in Welt und Beruf besonders betonte, der heilige Josefmaria Escrivá, den Heiligen Geist ganz besonders verehrte. So erinnerte sich Alvaro del Portillo, Nachfolger Escrivás als Leiter der Prälatur des Opus Dei, einmal: „Er hat mir oft erzählt, wie er sich seit etwa 1926/1927 intensiv um die Verehrung zur dritten Person der Heiligsten Dreifaltigkeit bemühte. Jedes Jahr hielt er die „Zehntägige Andacht zum Heiligen Geist“ und benutzte dazu das gleichnamige Buch von Francisca Javiera del Valle.“ Das klassische Dezenarium also, das am Tag Christi Himmelfahrt beginnt und als traditionelle Pfingstvorbereitung gilt. Als Zeit des Anbetens und Anrufens der dritten göttlichen Person.

Damit nicht genug: Escrivá, den man nun wahrlich nicht als pfingstlichen Schwärmer bezeichnen kann, verfasste ein kleines Gebet zum Heiligen Geist, das deutlich macht, wie sehr verknüpft er das Wirken des Heiligen Geistes im Christen mit dem Wirken des Christen in der Welt sah. Denn nach der Bitte um die Erleuchtung des Verstandes, die Stärkung des Herzens und Entflammung des Willens heißt es bei dem visionären spanischen Heiligen: „Ich habe deine Stimme vernommen und möchte mich nicht verhärten und dir widerstehen. Ich will nicht sagen: Morgen … Nunc coepi! Jetzt beginne ich – denn es könnte kein Morgen mehr für mich geben.“

Der Heilige Geist dopt nicht, er entschlackt

Will sagen: Jeden Tag und nicht nur vor oder zu Pfingsten gebührt der Kommunikation mit der dritten Person des dreifaltigen Gottes im Leben des Christen eine bevorzugte Rolle. Ganz ohne falsche Sentimentalität und theatralische Verzückung, dafür unter Berücksichtigung eines knallharten Realismus. Denn, um in dieser brutalen Welt überhaupt etwas für das Reich Gottes tun zu können, benötigt man unbedingt die Bereitschaft, auf die „Stimme“ des Heiligen Geistes zu hören und die demütige Durchlässigkeit, um den eigenen Verstand, das Herz und den Willen von Ihm formen zu lassen. Der Heilige Geist verleiht den natürlichen und übernatürlichen Fähigkeiten des Menschen den richtigen Schliff.

Man muss also nicht warten, bis die Taube auf dem eigenen Kopf landet oder man die eigene Geistesgaben-Palette um eine weitere attraktive Zugabe bereichert hat – der Heilige Geist gibt dem zuhörenden, empfangsbereiten Christen während des Einsatzes in der Welt genau das, was in der augenblicklichen Situation vonnöten ist. So wie manche Marathon-Läufer und Radprofis von ihrem Team oder begeisterten Fans während des Wettkampfs mit kleinen Erfrischungen und Zurufen bestärkt werden. Wobei der Heilige Geist nicht mit Drogen oder neumodischen Energie-Drinks verwechselt werden sollte, mag der Apostel Paulus auch betonen „Wir sind alle zu einem Geist getränkt!“ (1 Kor 12,13). Der Heilige Geist dopt nicht, er entschlackt. Befreit. Inspiriert.

Wenn man den Heiligen Geist schon mit liquiden Metaphern zu beschreiben versucht, dann ähnelt er mehr einem stillen Wasser, das aus der Tiefe des Seins geschöpft wurde und veredelnd-lebensfreundliche Mineralien enthält. Ein Kultgetränk der zurückhaltend-übernatürlichen Art, das an das sanfte, leise Säuseln erinnert, in welches sich Gott im Alten Testament kleidet (1 Könige 19,12). Was nicht heißt, dass in manchen Lebenssituationen das Glas nicht auch mal so richtig durchgeschüttelt werden könnte, etwa, wenn der Heilige Geist den Glauben bei einem Menschen oder einer bestimmten Gruppe neuerwecken möchte, wie bei der Ausgießung des Geistes am Pfingstmorgen geschehen.

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apostelgeschichte 2, 1–4).

Ein solcher Rausch war damals nötig, um die Apostel zu mutigen Zeugen des Evangeliums zu verwandeln, und es ist wichtig zu beachten, dass der Geist kam, als „alle am gleichen Ort“ waren, also in Einheit untereinander, nicht zerstreut – bedenklich wäre es jedoch, aus einem solchen historischen Ereignis den Anspruch abzuleiten, dass der Heilige Geist heute bei speziellen Seminaren und Kongressen (und nur dort!) ähnliche Symptome bei den Gläubigen bewirkt und nur dann, wenn derartige Symptome auftreten, der Heilige Geist mit im Spiel ist. Als gereifter Christ und Katholik wird man derartige Erfahrungen besonnen einzuordnen wissen und darauf vertrauen, dass zu den wichtigsten Früchten des Geistes nicht die spektakulären Charismen (Sprachengebet, Prophetie, Wunderheilung) zählen, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe, die jedem Kind Gottes in der Gruppe aber eben auch allein in der Hinwendung zu Gott und den Mitmenschen offenstehen. Als Geschenk und als Gabe eines frommen Lebenswandels. Ohne falsche Frömmelei und aufgesetzt salbungsvolle Worte. Zumal der Heilige Geist als „Lehrmeister und Quelle des Gebetes“ eine gute kirchliche Tradition besitzt, wie es im Katechismus in Anlehnung an die Heilige Schrift geschrieben ist. „Der Heilige Geist ist „das lebendige Wasser“, das im betenden Herzen „zur sprudelnden Quelle“ wird, „deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4,14). Er lehrt uns, an eben dieser Quelle Christus zu empfangen. Im christlichen Leben gibt es Quellen, an denen Christus uns erwartet, um uns mit dem Heiligen Geist zu tränken.“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 4: An den Quellen des Gebetes, 2652)

Wer betet, ist also schon in Verbindung mit dem Heiligen Geist und gleichzeitig wird das „lebendige Wasser“ neuaufgefüllt, der Geist neugestärkt. Ein ebenso normaler wie mystischer Vorgang, der wenig Anlass zu religiöser Selbstverherrlichung bietet. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass der Geist selbst es ist, der das Gebet führt und es als Autor quasi mitschreibt. Eine urchristliche Erfahrung, die der Apostel Paulus mit den bekannten Worten ausgedrückt hat: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8,26).

Der Geist ist da, wenn wir in den Gebetsmodus schalten

Es geht also für den getauften und gefirmten Christen nicht darum, sich einer exklusiven Meditationstechnik zu bedienen, um dadurch in den Genuss des Heiligen Geistes zu kommen oder den eigenen Tempel des Heiligen Geistes narzisstisch abzugraden – der Geist ist stattdessen schon da, wenn wir uns nur „bemühen“ (man erinnere sich an Portillos Escrivá-Rückblick), ganz natürlich in den göttlichen Gebetsmodus zu schalten. Das kann in einer Kapelle oder im Kloster sein, aber eben auch im Büro, bei einer Konferenz oder im Flugzeug. Genau dort also, wo die Fäden des aktuellen Weltgeschehens zusammenlaufen und auch andere Geister um den Lauf der Gegenwart und Geschichte streiten.

Selbst ein extrem beschäftigter getaufter und gefirmter Manager, Politiker oder sonstiger Mensch in verantwortlicher Position kann deshalb in der Kraft und Weisheit des Heiligen Geistes agieren, mag zwischen Meetings und Geschäftsabschlüssen auch nur wenig Zeit für das Gebet sein. Kind Gottes bleibt Kind Gottes, Siegel bleibt Siegel. Nur das Bewusstsein dieser übernatürlichen Wirklichkeit darf man sich in all den Stress-Versuchungen des Alltags nicht rauben lassen.

Versuchungen, die es – in etwas anderer Form – auch schon in der vordigitalen Ära gab, wie beispielsweise die Mahnungen des heiligen Ambrosius zeigen. „So erinnere dich daran, dass du die Besiegelung durch den Geist empfangen hast: den Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Frömmigkeit, den Geist der heiligen Furcht, und bewahre, was du empfangen hast! Gott Vater hat dich besiegelt, Christus der Herr dich gestärkt und das Pfand des Geistes in dein Herz gegeben.“ (Ambrosius, de mysteriis 7, 42)

Wer den Beistand sucht, muss keine Angst haben

Erinnern und bewahren – wer sich an diese Heilig-Geist-Einwohnungsregeln hält, erlebt in seinem Leben viele Überraschungen. Er kann unerwartet helfen und unerwartet Hilfe empfangen, er kann Stärke zeigen, wo er sich selbst nicht viel zugetraut hätte und er kann Zusammenhänge erkennen, die im Geschäftsleben, bei ethisch brenzligen Situationen, aber auch bei persönlichen Begegnungen helfend sind. Die richtige Entscheidung, die richtige Begegnung. Das richtige Wort. Für jemand, von jemand. Man darf sich die Einwohnung des Heiligen Geistes deshalb nicht als ein vom Alltag entrücktes religiöses Ritual vorstellen, als verlängerte Firmung oder Wiedertaufe, wie sie unter anderem in manchen Sekten praktiziert wird, sondern als eine schlichte, aber umso effektivere Präsenz, deren Früchte ein sensibilisierter Sinn für Wahrheit, Weisheit und Liebe sein können und ein Gefühl des Friedens. Gerade dann, wenn um einen herum wieder mal die Störgeister und das Chaos toben.

Was bei einem Christen, der eine tiefe, persönliche Beziehung zum Heiligen Geist aufgebaut hat, durchaus häufiger vorkommt, denn die andere Seite weiß nur zu gut, wo jemand mit Gott in direkter Verbindung steht, wo sich die Attacke insofern lohnt. Ein Kind Gottes, das regelmäßig den Schutz und den Beistand des Heiligen Geistes sucht, muss davor keine Angst haben. Es kann sich jeden Morgen neu von der Kraft des Heiligen Geistes beleben und begnaden lassen und durch den Heiligen Geist in aller Freiheit zu einer immer engeren Verbindung mit Christus geführt werden. Unaufhörlich, spontan und im Einklang mit der göttlichen Heilsökonomie. Man muss nur beginnen und sich bemühen. Jetzt!