Nicht von dieser Welt, aber mittendrin

Das Kloster kommt ins Kino: Welche preisgekrönten Filme der letzten Jahre sich mit dem Ordensleben beschäftigen. Von José García

In Algerien bleiben oder gehen? Diese Fragen stellen sich die französischen Trappisten in „Von Menschen und Göttern“. Ihr Entschluss, trotz der islamistischen Gefahr zu bleiben, führt zum Martyrium. Foto: IN
In Algerien bleiben oder gehen? Diese Fragen stellen sich die französischen Trappisten in „Von Menschen und Göttern“. Ih... Foto: IN

Wer kennt Schwester Hanna nicht? Die seit 2002 am Dienstagsabend zur besten Sendezeit ausgestrahlte Fernsehserie um den Kleinkrieg zwischen Klostermauern und Rathaus mit Bürgermeister Wöller (Fritz Wepper) an der Spitze im niederbayerischen Kaltenthal „Um Himmels willen“ gehört zu den quotenstärksten Serien im deutschen Fernsehen überhaupt. 2010 wurde die Serie mit dem „Bambi“, dem Publikumspreis der beliebtesten Fernsehserie, ausgezeichnet. Im Jahre 2012 war sie sogar mit 7, 1 Millionen Zuschauern die meistgesehene Fernsehserie überhaupt. Schwester Hanna (Janina Hartwig) wurde 2006 als Nachfolgerin von Schwester Lotte (Jutta Speidel) die Hauptfigur in der Fernsehserie, von der bis Juni 2014 insgesamt 13 Staffeln mit 169 Episoden gesendet wurden. Nun ist die 14. Staffel mit 13 neuen Folgen abgedreht, die im Jahre 2015 ausgestrahlt werden sollen.

Die allzeit hilfsbereite, zupackende, überall gute Laune ausstrahlende, im besten Sinn etwas naive Schwester Hanna vermittelt zwar das sehr sympathische Bild einer katholischen Ordensfrau. Realitätsnah ist die Handlung von „Um Himmels willen“ jedoch kaum. Viel glaubwürdiger nehmen sich allerdings Ordensschwestern aus, die seit einigen Jahren im Mittelpunkt von europäischen Spielfilmen stehen. Einen Anfang machte der italienische Regisseur Giuseppe Piccioni mit seinem Film „Nicht von dieser Welt“ („Fuori dal mondo“, 1999). Darin erzählt Piccioni von Ordensschwester Caterina (Margherita Buy), die nach dem bevorstehenden Ablegen des endgültigen Gelübdes auf einen Missionseinsatz in Kolumbien hofft. Unvermittelt wird ihr in einem Park ein ausgesetzter Säugling übergeben. Auf der Suche nach der Kindesmutter lernt sie den menschenscheuen Reinigungsbesitzer Ernesto Nitti (Silvio Orlando) kennen, der noch mehr „außerhalb der Welt“ zu leben scheint als Schwester Caterina.

Der mit fünf italienischen Filmpreisen „David di Donatello“ ausgezeichnete „Nicht von dieser Welt“ zeigt eine junge Ordensschwester, deren Festigkeit in ihrer Berufung durch die plötzlich einsetzenden Muttergefühle auf die Probe gestellt wird. Die von Margherita Buy einfühlsam dargestellte Schwester Caterina muss sich erneut für ihren Weg im Kloster entscheiden. Diese Entscheidung haucht wiederum dem Misanthropen Ernesto Nitti neuen Lebensmut ein, hilft ihm, aus seiner Stumpfheit herauszukommen.

Als „Europäischer Film 2014“ wurde am 13. Dezember der polnische Film „Ida“ von Pawel Pawlikowski (DT vom 15. April) von den 3 000 Mitgliedern der European Film Academy – Filmemacher aus ganz Europa – gewählt. Darüber hinaus erhielt Pawlikowskis Film ebenfalls den Publikumspreis, bei dem Kinozuschauer aus ganz Europa abstimmen konnten. Die gestochen scharfen Schwarz-Weiß-Bilder und das eigentlich veraltete Leinwandformat 4:3 versetzen den Zuschauer in die Handlungszeit Anfang der sechziger Jahre zurück. „Ida“ handelt von der 18-jährigen Novizin Anna (Agata Trzebuchowska), die kurz vor dem Ablegen ihrer Profess von der Klosteroberin zu Annas einziger Verwandten, ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza), geschickt wird. So erfährt Anna, die als Kleinkind im Kloster abgegeben wurde, dass sie einer jüdischen Familie stammt und eigentlich Ida Lebenstein heißt. Diese Erkenntnisse, die Zeit, die sie mit ihrer atheistischen Tante verbringt, und das Erfahren eines latenten Antisemitismus bringen Annas/Idas Überzeugungen ins Wanken. Als sie einen jungen Musiker kennenlernt, der sich in sie verliebt und ihr vorschlägt, mit ihm ein neues Leben anzufangen, ist die Versuchung spürbar, ihre Berufung aufzugeben. Doch Ida entscheidet sich letztlich für den Glauben an Gott – einen Gott, der zu Beginn des Filmes merkwürdigerweise abwesend ist oder wenigstens schweigt. „Was, wenn du hinfährst und entdeckst, dass es keinen Gott gibt?“, hatte Wanda ihre Nichte zu Beginn ihrer Reise gefragt. Idas Entscheidung auch und gerade im Bewusstsein der Schrecken einer Vergangenheit, die andere Menschen zur Ablehnung Gottes, schlussendlich aber zur Verzweiflung führt, was der Film „Ida“ auch allzu deutlich zeigt, gibt eine klare Antwort auf diese Frage.

Mit dem kleinen Erdbeben, das die Entscheidung einer jungen Frau für ein Leben im Kloster auslöst, beschäftigt sich die deutsche Filmproduktion „Schwestern“ (2013) von Anne Wild. Dementsprechend ist die eigentliche Hauptfigur in Anne Wilds Film nicht die junge Kati (Marie Leuenberger), zu deren Einkleidung sie ihre Familie eingeladen hat, sondern eher ihre ältere Schwester Saskia (Maria Schrader). Zwar beschreibt „Schwestern“ kaum das Leben von Ordensschwestern. Denn aus dem Innenraum des Klosters sind wenige Bilder zu sehen. In der Auseinandersetzung von Katis Familie mit ihrem für sie so unfassbaren Entschluss verdeutlicht Regisseurin Anna Wild jedoch die radikale Entscheidung, die der Eintritt ins Kloster voraussetzt – und dies trotz einiger komödiantischer Einlagen beispielsweise von Katis Onkel – mit unbedingter Ernsthaftigkeit.

Eine Ordensschwester spielt eine entscheidende Rolle im französischen Spielfilm „Die Sprache des Herzens – Das Leben der Marie Heurtin“, der auf dem diesjährigen Filmfestival in Locarno uraufgeführt und mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Der Film läuft im regulären Kinoprogramm am 1. Januar 2015 an (Filmbesprechung: siehe S. 11 in dieser Ausgabe). Auf realen Ereignissen im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts basierend, erzählt Regisseur Jean-Pierre Améris von der blindtauben Marie Heurtin (Ariana Rivoire). Als 14-Jährige bringt ihr Vater, ein einfacher Handwerker, die zu jeder Art von Kommunikation unfähige Marie zum Institut Larnay in der Nähe von Poitiers, wo sich Nonnen um taube junge Frauen kümmern. Die junge Schwester Marguerite (Isabelle Carré) kümmert sich trotz der Skepsis der Mutter Oberin um die verwilderte Marie. Nach vielen Rückschlägen und herben Enttäuschungen gelingt es Schwester Marguerite, eine Form der Kommunikation zu schaffen, mit der sich die blinde und taubstumme Marie mitteilen kann.

Nicht nur weil Isabelle Carré der jungen Margherita Buy äußerlich ähnelt, erinnert Schwester Marguerite an Schwester Caterina aus Giuseppe Piccionis „Nicht von dieser Welt“. In beiden Filmen entwickelt eine Ordensschwester mütterliche Liebe, die allerdings nicht auf einer rein menschlichen Ebene verbleibt. Wird eine solche „Muttererfahrung“ für Schwester Caterina aus „Nicht von dieser Welt“ eher zu einer Versuchung gegen die eigene Berufung, die sie freilich zu einer erneuten bewussten Entscheidung fürs Ordensleben führt, so ist Schwester Marguerites Mutterliebe für Marie Heurtin in den Kontext des Klosterlebens eingebettet. Auch wenn es hin und wieder den Anschein hat, bringt das Mutter-Tochter-Verhältnis Schwester Marguerite nicht in einen Gegensatz zu ihrem Klosterleben. Im Laufe des Reifungsprozesses nicht nur Maries, sondern auch der Ordensschwester, gelingt es der jungen Nonne, dieses besondere Verhältnis als Teil ihrer Berufung in das Gemeinschaftsleben des Klosters einzubeziehen.

Zu den überraschenden Publikumserfolgen der letzten Jahre gehören zwei Filme, die das Leben von Ordensmännern zum Gegenstand haben. Philip Gröning zeigte das Leben der Grande Chartreuse im Dokumentarfilm „Die große Stille“ (2005), wobei „Stille“ auf das Schweigegelübde im Kartäuserorden anspielt. Im Wechsel der Jahreszeiten und der Tagesrhythmus in der Kartause entstehen ruhige, fast eingefrorene Bilder, die weder von Musik noch von Kommentaren begleitet werden. Auch die Interviews sind minimal gehalten. Nicht durch eine Art Reportage wird das Leben der Kartäuser erklärt, sondern vielmehr durch ein Mosaik von Impressionen: Der Zuschauer sieht die Mönche in ihren Zellen beten und arbeiten, immer wieder den Gang durch den Kreuzgang in die Kapelle nehmen, um am gemeinsamen Gebet teilzunehmen, wobei die Bilder im Halbdunkel der Kapelle zutiefst beeindrucken. „Die große Stille“ kann als eine Meditation über das Leben, über das Gebet und auch über den Tod bezeichnet werden. „Die große Stille“ wurde 2006 als „Bester Dokumentarfilm“ für den deutschen Filmpreis nominiert und mit dem Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm des Jahres ausgezeichnet.

Das überraschend große Interesse, das ein katholischer Orden im Kino weckte, wurde fünf Jahre später vom französischen Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ („Des Hommes et des Dieux“, Xavier Beauvois 2010) bestätigt, der beim Internationalen Filmfestival Cannes den „Großen Preis der Jury“ gewann und nicht nur im Ursprungsland Frankreich ein Millionenpublikum anzog. In dokumentarisch anmutenden Bildern zeichnet der Film die Entführung von sieben Mönchen aus dem französischen Kloster „Notre-Dame de l’Atlas“ in der algerischen Stadt Tibhirine im Jahre 1996 nach. „Von Menschen und Göttern“ handelt nicht so sehr von äußeren Ereignissen als vielmehr von der Beschreibung eines erfüllten Lebens im Kloster, zu der auch großartige Dialoge beitragen.

Diesen Film erwähnte kürzlich Jan-Heiner Tück (Neue Zürcher Zeitung vom 30. November), um den Unterschied des Begriffes „Märtyrer“ im Christentum und im Islam zu verdeutlichen: „Im Christentum sind Märtyrer Opfer von Gewalt, die in ihrem Leiden die Gewaltlosigkeit Jesu nachgeahmt haben und dies bis heute tun. Der Film ,Des hommes et des dieux‘ von Xavier Beauvois (2010), der das Schicksal der Trappisten-Mönche im algerischen Tibhirine zeigt, die trotz islamistischer Bedrohung an der Seite der lokalen Bevölkerung ausharren und am Ende mit ihrem Leben dafür bezahlen, hat dies einer breiteren Öffentlichkeit noch einmal demonstriert.“

Jan-Heiner Tück hätte noch die britisch-deutsche Produktion „Shooting Dogs“ (Michael Caton-Jones, 2005) erwähnen können, die vom Einsatz eines Missionars in einem Krisengebiet erzählt: Nach Beginn des Genozids an den Tutsis im Ruanda des Jahres 1994 flüchten sich Schwarze wie Weiße in eine internationale Schule in Ruandas Hauptstadt Kigali, die der britische, an den echten kroatisch-bosnischen Franziskaner P. Vjeko Curic angelehnten Missionar Pater Christopher (John Hurt) leitet. „Shooting Dogs“ richtet seine Aufmerksamkeit auf das moralische Dilemma, mit dem sein Protagonist konfrontiert wird: Nachdem die UN-Truppen den Befehl zum Abzug erhalten haben, steht der Missionar vor der Entscheidung, sich selbst zu retten oder mit seinen Freunden in den sicheren Tod zu gehen. Insbesondere eine Szene, in der mitten im Chaos Pater Christopher sich in aller Seelenruhe für die Eucharistiefeier ankleidet, liest sich wie eine filmische Hommage an die unzähligen Missionare, die ihr Leben auf der ganzen Welt gelassen haben.

Gegenüber den erwähnten europäischen Filmproduktionen fällt es auf, dass in aktuellen Hollywood-Filmen kaum Ordensleute vorkommen. Zwar spielen authentisch wirkende Priester eine zentrale Rolle etwa in Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ (2004) und „Gran Torino“ (2008) sowie in Terrence Malicks „To The Wonder“ (2012). Die letzte mit einer Ordensschwester besetzte Rolle in einer größeren Hollywood-Produktion stammt jedoch aus dem Jahre 1995: Tim Robbins' „Dead Man Walking“ basierte auf dem gleichnamigen Buch von Schwester Helen Prejean. Allerdings ging es in diesem Film in erster Line um die Todesstrafe. Dass die Begleitung eines Todeskandidaten durch eine Ordensschwester geschieht, spielt dabei eher eine zweitrangige Rolle.

Über die komödiantische Seite etwa in der eingangs erwähnten Fernsehserie „Um Himmels willen“ hinaus verdeutlichen europäische Filmemacher, dass eine ernsthafte filmische Auseinandersetzung mit dem Ordensleben auf einem hohen qualitativen Niveau möglich ist. Die vielen Preise, mit denen die hier besprochenen Filme ausgezeichnet wurden, stellen dies unter Beweis.