Neue Wegmarken in Taizé

Die Gemeinschaft von Taizé hat seit mehr als 75 Jahren einen ausgezeichneten Ruf. Fünf Millionen Besucher auf dem Taizéhügel und bei den europäischen Treffen sind der beste Beweis dafür. Von Bodo Bost

Taize-Treffen 2017
Der Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, Frere Alois, spricht während des 40. Europäischen Jugendtreffens der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé bei einem Gottesdienst im Baseler Münster am 31. Dezember 2017. Foto: KNA
Taize-Treffen 2017
Der Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, Frere Alois, spricht während des 40. Europäischen Jugendtreffens der ... Foto: KNA

Kampf und Kontemplation heißt eines der meistgelesenen Bücher von Frere Roger. Nach Jahrzehnten, in denen der Schwerpunkt auf der Kontemplation lag, widmet man sich jetzt wieder mehr den Kämpfen, die viele Gesellschaften und auch Teile der Kirchen zu zerreißen drohen. Das vergangene Jahr mit seinen wichtigen kirchlichen Jubiläen war auch in Taizé ein Jahr neuer Wegmarken. In Taizé fand im Mai erstmals ein interreligiöser Dialog mit dem Islam statt. Nur wenige Kilometer von Taizé entfernt, im Kloster Cluny, war im zwölften Jahrhundert während des Beginns der Kreuzzüge unter Abt Petrus Venerabilis die erste Koranübersetzung ins Lateinische in Auftrag gegeben worden, die fast 500 Jahre lang einzige Grundlage der christlich-islamischen Beziehungen wurde. An diese Tradition des Dialogs möchte man jetzt an diesem historischen Ort wieder anknüpfen. Auf das Wort Dialog hatte man jedoch in Taizé bewusst zunächst verzichtet, obwohl man sich eigens Unterstützung von der päpstlichen Islamhochschule PISAI aus Rom geholt hatte; man sprach lediglich von einem christlich-islamischen Freundschaftswochenende. Eine Woche mit Schwerpunkt Flucht folgte im Juli und im Herbst dann erstmals ein „Pilgerweg des Vertrauens“ mit den bedrängten koptischen Christen in Ägypten. Von Ägypten aus, wo auch die Wiege des Mönchtums liegt, flog Frere Alois noch in den Südsudan und den Sudan, beides Länder mit lange brodelnden Bürgerkriegen, um sich dort auf die Situation dieser oftmals vergessenen Menschen einzulassen.

Taizé öffnete sich im Jahre 2017 immer mehr den Herausforderungen und Kämpfen unserer Zeit, bleibt aber gerade dadurch weiterhin ein Ort der Besinnung und Spiritualität. Dies stellten auch die europäischen Vertreter der Justitia et Pax-Kommissionen in Europa fest, die sich im 50. Jahr der Gründung des Päpstlichen Rates auch im Herbst in Taizé trafen. Das Erfolgsrezept von Taizé sei eine „atypische Kirchenerfahrung, die die Jugendlichen nicht in ihren Pfarreien, Bewegungen oder Verbänden machen könnten“, heißt es in einem Dokument der Französischen Bischofskonferenz zur Vorbereitung der Synode zur Jugendpastoral im Oktober.

Taizé im Jahr 2018

Das Jahr 2018 begann für Taizé in Basel. Diese Stadt an der Grenze dreier Länder und zweier Sprachen war über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Station für religiöse Besinnung und Erneuerung über Europa hinaus. Hier verfasste der Philosoph Friedrich Nietzsche 1869 seine „Gott ist tot“- Philosophie, hier entstand 1897 bei dem Zionistentreffen durch Theodor Herzl de facto der Staat Israel, die wichtigste Wegmarke des modernen Judentums. 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall in Berlin, hatte hier die Ökumenische Versammlung „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ stattgefunden.

Die Brüdergemeinschaft von Taizé wollte in Basel, auch angesichts der fühlbaren historischen Bezüge und der Krisenstimmung in vielen Ländern, bewusst auf Optimismus und Lebensfreude setzen, und damit ein Zeichen gegen die resignative Stimmung, die viele Menschen in Europa derzeit erfasst hat. Eine wichtige Rolle dabei kam auch dem Schweizer Nationalheiligen Bruder Klaus von Flüe (1417–1487) zu, dessen Jubiläum im letzten Jahr in der Schweiz gefeiert wurde. Es ist nicht sicher, ob Frere Roger eine persönliche Beziehung zu dem 1947 kanonisierten Schweizer Nationalheiligen hatte; in seinen bislang veröffentlichten Schriften ist davon nichts bekannt. Aber für die Kommunität von heute ist Niklaus von Flüe ein wichtiges Vorbild geworden, weil er schon in seiner Zeit viele der heute wichtigen Anliegen von Taizé vertreten und gelebt hat. Ähnlich wie Bruder Klaus in den Konflikten der entstehenden Eidgenossenschaft wichtige Impulse zur Versöhnung gegeben hat und somit zu Recht als einer der geistigen Väter der Schweiz gilt, hat auch Frere Roger immer wieder versucht, über alle Grenzen hinweg Frieden und Versöhnung zu stiften. Deshalb hatte die Kommunität auch beschlossen, nach dem Ende des Treffens in Basel, vor der Rückkehr nach Frankreich, das Grab Niklaus von Flües zu besuchen und dort zu beten. Bruder Klaus und Frere Roger hatten beide ein Reformprojekt für die Kirche in ihrer jeweiligen Zeit. Für beide waren Einfachheit und Spiritualität ganz wichtig. Beide waren überaus gastfreundlich, sie wollten Gott und den Menschen nahe sein, dabei haben sie sich von vermeintlichen Widersprüchen nicht abschrecken lassen und die Grenzen ihrer Zeit nicht nur im Denken zu überwinden versucht.

Taizé macht Station in Hongkong und Lemberg

Beim letzten Abendgebt in der St. Jakob Eishockeyhalle gab Frere Alois die weiteren Stationen von Taizé für 2018 bekannt. Dazu gehören etliche regionale Treffen wie ein Treffen Ende April in Lemberg in der Ukraine und im Sommer in Graz in Österreich. Mit dem erstmaligen Treffen in der Ukraine zollt man in Taizé einerseits der ständig wachsenden Anzahl von Ukrainern Tribut und zweitens der Tatsache, dass in der Ostukraine ein fast vergessener Krieg darauf hinweist, wie groß die Hürden für Versöhnung auch in Europa noch sind. Das 7. große asiatische Treffen soll im Sommer in Hongkong stattfinden, eine Stadt, die Frere Roger ganz am Anfang der Pilgerwege des Vertrauens Ende der 1970er Jahre bereits besucht hatte, als sie noch nicht zur Volksrepublik China gehört hatte. In Taizé selbst wird es im Sommer ein weiteres christlich-muslimisches Freundschafts-Wochenende geben. So sehr das Engagement von Taizé im christlich-islamischen Dialog zu begrüßen ist, in Basel, wo 1897 mit dem „Basler Programm“ unter Theodor Herzl die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina beschlossen und der Zionismus grundgelegt wurde, wurde leider die Chance zu einem Dialog auch mit dem Judentum verpasst. In Seelisberg am Vierwaldstädter See hatte im August 1947 mit der vom ICCJ (International Council of Christians and Jews) einberufenen Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus der christlich-jüdische Dialog begonnen, der in das Dokument Nostra aetate beim 2. Vatikanischen Konzil mündete, das heute die Grundlage des Dialogs der katholischen Kirche mit Juden und Muslimen ist.