Nachhaltigkeit: Wo weniger mehr ist

Was meint eigentlich Nachhaltigkeit und wie weit können Einzelpersonen oder Familien das eigene Finanzkonzept tatsächlich nachhaltig gestalten. Von Joschko Rehder

Naqu Horse Racing Festival in Naqu country, Tibet
Nachhaltig: Die Tibeter nehmen nur in einem solchem Ausmaß Einfluss auf ihre Umwelt, dass sie das Wachstum der Natur fördern, statt es einzuschränken oder zu zerstören. Foto: dpa
Naqu Horse Racing Festival in Naqu country, Tibet
Nachhaltig: Die Tibeter nehmen nur in einem solchem Ausmaß Einfluss auf ihre Umwelt, dass sie das Wachstum der Natur för... Foto: dpa

Ein Blick auf viele Ereignisse der letzten Jahre zeigt, dass es unmöglich ist, nachhaltige Entscheidungen ohne ein entsprechend ausgeprägtes Bewusstsein zu treffen. Und vielleicht noch wichtiger: Ohne den Wunsch, nachhaltig zu agieren, werden wir auch in Zukunft wieder Phänomene wie die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 beklagen, deren dramatische Folgen immer noch in vielen Bereichen spürbar sind. Im Rückblick zeigt gerade die US-Immobilienblase als eine der Ursachen, der die sich im weiteren Verlauf global auswirkenden Krise, drastisch auf, wozu Entscheidungen führen können, die mit dem Wunsch nach schnellem Profit getroffen werden. Der wichtigste und alles entscheidende Punkt für die Nachhaltigkeit in jedem – aber vor allem im finanziellen Bereich – ist daher, rechtzeitig ein Bewusstsein über Ziel und Zweck einer Entscheidung zu entwickeln. Und wenn der Zweck ethischen und moralischen Grundsätzen folgt, ist bereits der Grundstein für ein nachhaltiges Handeln gelegt.

Wie konnten die Nomaden in Tibet über Jahrhunderte hinweg ihre Fernweidewirtschaft aufrechterhalten? Der Mensch nutzt dort – wie andernorts auch – Land und Tiere als Nahrungsquelle. Aber eben nur in einem Maße, das den natürlichen Kreislauf nicht stört, sondern – als weiterer Bestandteil der natürlichen Ordnung – in einem Umfang, der ergänzend und fördernd wirkt. Grundlage für das harmonische Zusammenspiel von Mensch und Natur in Tibet ist ein entsprechend ausgebildetes Bewusstsein der Menschen. Die Tibeter haben verstanden, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die Natur haben kann. Und ausgehend von diesem Wissen nehmen die Nomaden dort nur in einem solchen Ausmaß Einfluss auf ihre Umwelt, dass sie das Wachstum der Natur fördern und es nicht einschränken oder gar zerstören. Durch ein genaues Analysieren der Umwelt und ihrer Bedürfnisse konnten die Völker in den Regionen also ein nachhaltiges Versorgungssystem gewährleisten.

Ist es nachhaltig, einen Motor zu entwickeln, der nicht die erforderlichen Normen erfüllt und im Falle einer Messung dies erkennt und richtlinienkonforme Werte ausgibt? Neben all den moralischen Fragen an dieser Stelle, kann ein derartiges Konstrukt keine nachhaltige Lösung sein. Mit dem Ziel, Kosten zu senken und den maximalen Gewinn zu erreichen, hebt sich ein Unternehmen im Zeitalter des Kapitalismus nicht sonderlich von anderen ab. Dabei sind diese Ziele – Senkung der Kosten und Maximierung des Gewinns – zunächst völlig wertneutral. Gepaart mit dem Wunsch nach Fortschritt, dem Entdecken und Weiterentwickeln neuer Technologien können auf diese Weise Innovationen hervorgebracht werden, die sich für ganze Menschheit als segensreich erweisen.

Entscheidend ist vielmehr die Formulierung und Einhaltung gewisser Grundsätze, die als Leitplanken entlang eines solchen Weges dienen. Grundsätze und Ziele, die einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren deutlich überschreiten und somit auch die nächsten Jahrzehnte und kommenden Generationen mit einbeziehen. Beispiel Tibet: Durch das Jagen der kompletten Herden, das Verkaufen von Leder, Fleisch und Fell, hätten die Nomaden kurzfristig starke Gewinne einfahren können. Im Hinblick auf die kommenden Jahre und vor allem auch kommenden Generationen haben sich die Tibeter jedoch auf das Nötige beschränkt.

Umgekehrt wurden die Ergebnisse nicht nachhaltiger Entscheidungen im Finanzsektor in den letzten Jahren durch die bereits erwähnte Weltwirtschaftskrise für Viele spürbar. Die US-Immobilienblase, die Ende 2007 platzte und als Immobilien- und Subprimekrise den Beginn der Finanz- und Weltwirtschaftskrise darstellte, ist im Grunde eine Folge von vielen aufeinander aufbauenden nicht nachhaltigen Entscheidungen. In den Jahren vor der Krise stiegen in Amerika die Immobilienpreise beträchtlich an, deutlich mehr Menschen besaßen nun ein Eigenheim und die Kreditaufnahme wurde immer einfacher. Weder staatliche Regulierungseinrichtungen und Ratingagenturen, noch die Banken als kreditvergebende Einrichtungen selbst realisierten die Entwicklung. Mehr noch: Die Richtlinien und Anforderungen für die Vergabe von Immobilienfinanzierungen wurden immer weicher.

Als dann der Umschwung kam und viele der Debitoren ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, mussten Objekte zwangsversteigert werden. In der Folge fielen die Preise. Es entstanden Schuldenberge, die bei vielen Unternehmen zur Insolvenz und zu den dann einsetzenden staatlichen Eingriffen und Unterstützungen führten. Kurzfristig wurde das bereits angesprochene und zunächst wertneutrale Ziel der Gewinnmaximierung erreicht. Banken konnten ihre kurzfristigen, meist auf drei bis fünf Jahre angelegten Ziele erreichen, Boni zahlen und den Aufschwung genießen. Langfristig gesehen stellte dies jedoch den Finanzsektor vor eine gewaltige Aufgabe. Eine Aufgabe, die sich längst nicht mehr nur auf die eigene Branche bezog, sondern auch Unternehmen auf anderen Wirtschaftsfeldern tangierte und teilweise stark in Bedrängnis brachte. Inzwischen gibt es kaum noch jemanden, der sich ihren Folgen – wie etwa der derzeitigen Niedrigzinsphase – entziehen kann.

Die spannende Frage lautet daher: Wie kann eine Einzelperson oder Familie, die als Erwerber einer Immobilie und Debitor ebenfalls Teil einer Immobilienblase werden kann, nachhaltige Entscheidungen in den persönlichen Finanzfragen treffen, und so mit dazu beizutragen, solche Ereignisse in Zukunft zu vermeiden?

Um diese Frage auch wirklich zutreffend zu beantworten, lohnt es, ein wenig auszuholen. Eine Immobilie weckt bei vielen Menschen Emotionen. Viele beflügeln Gedanken an Abende vor dem Kamin, einen großen Garten, die eigenen vier Wände oder den Wegfall von Auseinandersetzungen mit den Vermietern. Solche Emotionen spielen bei der Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle und daher ist auch der Prozess bis zur Entscheidung maß- und ausschlaggebend. Und weil das so ist, ist auch eine möglichst emotionslose Analyse der eigenen Situation sowohl grundlegend für eine nachhaltige finanzielle Entscheidung, als auch für die nächsten konkreten Schritte.

Dabei können zielführende Entscheidungen bei der Auswahl der passenden Finanzprodukte nur mit Blick auf das gewünschte Ergebnis getroffen werden. Was nutzt der Abschluss eines Bausparvertrags als Sparvariante mit dem Ziel des Erwerbs einer Immobilie, wenn sich der Vertragsinhaber gar nicht vorstellen kann, auch tatsächlich eine Immobilie zu erwerben? Auch kann niemand eine Entscheidung ohne das nötige Fachwissen hierzu treffen. Und gerade im Finanzbereich wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Zwar sollen und machen auch die vielen Regularien die Branche insgesamt transparenter. Gleichzeitig werden jedoch immer neue und innovative Produkte entwickelt, die immer vielfältigere und komplexere Möglichkeiten mit sich bringen. Mit Blick auf den eigenen Spielraum und basierend auf der Analyse der persönlichen Situation, ist das eine große Herausforderung. Allerdings bietet der Markt auch viele Möglichkeiten, sich dabei professioneller Unterstützung zu versichern. Unter diesen lassen sich auch solche Experte finden, die ihren Fokus auf nachhaltige Anlagestrategien statt auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet haben.

Wenn es dann zur Umsetzung, dem Treffen einer Entscheidung für das persönliche Finanzkonzept kommt, greift der so beratene Anleger auf die Möglichkeiten des Finanzmarktes zurück, verlässt also zugleich den mikroökonomischen und tritt in den makroökonomischen Bereich ein. Mit der Wahl seiner Entscheidung beeinflusst der Einzelne nun seinerseits die Umwelt und kann das Ausmaß der Nachhaltigkeit in dieser Welt ein Stück weit mitbestimmen. Zugegeben, im Hinblick auf die Weltbevölkerung mag dies nur ein kleiner Schritt sein, aber eben doch auch ein entscheidender, sofern man nicht der einzige bleibt.

Berater werden oft mit der Frage konfrontiert, ob es heute überhaupt noch Möglichkeiten gibt, Geld zu investieren und wenn ja, ob das auch nachhaltig möglich sei? Klassischerweise werden drei konkurrierende Interessen betrachtet, die im Bereich der Geldanlage in unterschiedlicher Gewichtung eine Rolle spielen. Konkurrierend deshalb, weil in keiner derzeit möglichen Anlageform alle drei Interessen gleichermaßen erfüllt sein können. Neben der Liquidität – also der Frage, wie schnell bei Bedarf auf das Geld zugegriffen werden, dem Thema Sicherheit – der Frage, wie hoch das Risiko eines Teil- oder Totalverlusts des Investments ist, und der Rentabilität – der Frage, welche Performance eine Anlage mit sich bringt, gehört als vierter Punkt – unabhängig von der Gewichtung im genannten magischen Dreieck – das Thema Nachhaltigkeit sicher mit dazu. Dieser vierte Punkt, die Nachhaltigkeit, sollte jedoch keinesfalls als weiterer konkurrierender Punkt, sondern als Ergänzung des magischen Dreiecks der Geldanlage betrachtet werden. Denn nachhaltige Geldanlage ist grundsätzlich in jeder vorstellbaren Kombination der drei konkurrierenden Interessen möglich.

Auch der Finanzsektor selbst beschäftigt sich seit längerem mit dem Thema Nachhaltigkeit und in den letzten Jahren gibt es eine spürbare – wenn auch bislang noch eher dezente Entwicklung hin zu einer stärkeren Berücksichtigung des Themas Nachhaltigkeit. Dabei wird der Ansatz der Nachhaltigkeit häufig anhand des ESG-Ansatzes von anderen abgegrenzt. Hierbei geht es nicht um drei konkurrierende Bereiche, sondern im besten Fall – wenn auch nicht immer möglich – um drei sich ergänzende Grundlagen. ESG ist die Abkürzung dreier der englischen Sprache entstammenden Begriffe und steht für environment (Umwelt) – den rücksichtsvollen Umgang mit Ressourcen, social (sozial) – der Wahrung von Menschenrechten, governance (Unternehmensführung) – gute Arbeitsbedingungen und Korruptionsfreiheit.

Neben der allgemeinen Definition einer nachhaltigen Geldanlage ist darüber hinaus jedoch eine eigene Definition und Abgrenzung der nachhaltigen Anlage im eigenen Finanzkonzept empfehlenswert. Nicht, weil die allgemeine nicht hilfreich sei, sondern weil auch der ESG-Ansatz insofern Herausforderungen nach sich zieht, als sich auch mit ihm alle drei Bereiche nur sehr schwer umfassend erfüllen lassen. Jedem an einer nachhaltigen Geldanlage Interessierten sollte bewusst sein, dass diese in allen Belangen kaum möglich ist, weshalb es notwendig ist, sich darüber klar zu werden, an welcher Stelle und in welchem Umfang man zu Einbußen auf diesem Feld bereit ist.

Auch ein Elektroauto, das sich ausschließlich mit aus erneuerbaren Energiequellen gewonnenem Strom fortbewegt, ist nicht zu einhundert Prozent nachhaltig. Das liegt unter anderem an den Ressourcen, die für den Bau einer Batterie benötigt werden. Und selbstverständlich wirkt sich auch der Bau eines Windparks in der Nordsee nicht neutral auf die Natur aus.

Selbst das Fairphone, ein Smartphone, das so nachhaltig hergestellt wird wie kein anderes, ist trotzdem nicht zu einhundert Prozent fair. Denn technisch ist das derzeit noch nicht möglich. Aber es ist doch ein Anfang und ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Soll heißen: Auch wenn niemand sich vor der Herausforderung, Nachhaltigkeit zu suchen und nachhaltig zu investieren zu scheuen braucht, so sollte er doch auch realistisch genug sein, um zu akzeptieren, dass Entscheidungen, die zu einhundert Prozent nachhaltig sind, sich nur ganz selten treffen lassen.

Der Autor ist selbstständiger

Vermögensberater.