Mehr Flexibilität gewünscht

Was hier ins Gespräch gebracht ist, hilft dem Lebensschutz nicht

Nicht alle Leser wissen, dass die Wahl des Titels, unter dem ein Buch erscheint, ebenso wie die Gestaltung des Umschlags keine Sache des Autors ist, sondern unter die Gestaltungshoheit des Verlages fällt, weshalb die Verantwortung für das Ge- oder Misslingen der „Verpackung“ allein diesem zuzurechnen ist. Der Verlag kann dem Autor zwar ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Umschlags einräumen, ist dazu aber nicht verpflichtet.

Münster trifft Münster

Diese Klarstellung erscheint hier insofern geboten, als es sich zumindest beim Untertitel des vorliegenden Buches „Ins Gespräch gebracht – Theologie trifft Bioethik“ von Stephan Goertz und Katharina Klöcker um einen veritablen Etikettenschwindel handelt.

Denn ins Gespräch gebracht wird von den beiden Autoren hier nicht die Theologie, sondern allenfalls eine ganz bestimmte, nämlich die des Moraltheologen Antonio Autiero, der sich, nachdem er ausgerüstet mit einem Stipendiat der Humboldt-Stiftung in Bonn auf Franz Böckle traf, fortan vor allem der Bioethik widmete. Auch sind die Gesprächspartner Autieros in diesem Buch, das anlässlich seines 60. Geburtstags erscheint und vom Bistum Münster mit einem „großzügigen Druckkostenzuschuss“ bedacht wurde, in der Mehrzahl keine Bioethiker. Von den fünf Begegnungen, die das Buch protokolliert, fanden nur zwei mit echten Ethikern statt, nämlich mit Bettina Schöne-Seifert und Ludwig Siep; in den drei übrigen diskutiert Antonio Autiero mit dem Herzchirurgen Hans Scheld, dem Molekularbiologen Hans Schöler und dem SPD-Politiker und früheren Bundestagsabgeordneten Wolf-Michael Catenhusen. Gemeinsam ist allen eine enge Bindung an Münster, sei es, weil sie wie Autiero, Schöne-Seifert und Siep an der dortigen Universität lehren, sei es, weil sie wie Schöler und Scheld als Direktoren am dortigen Max-Planck-Institut beziehungsweise an der hiesigen Universitätsklinik arbeiten. Catenhusen wiederum war lange Zeit Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Münster. Aus der aktiven Politik schied er aus, als Annette Schavan Ende 2005 den damaligen Staatssekretär im Bundesforschungsministerium in den einstweiligen Ruhestand schickte.

Bei Licht betrachtet trifft hier also nicht Theologie auf Bioethik, sondern vielmehr Münster auf Münster.

Für die Qualität dessen, was in einem solchen Buch zur Sprache gebracht werden kann, ist dies freilich unerheblich. Dass es außer an Ehrlichkeit auch daran mangelt, ist etwas, dass man ebenfalls kaum den Autoren anlasten kann. Betrachtet man einmal nur die Fragen, lässt sich eindeutig feststellen, das diese sehr wohl jedesmal zum ethischen Kern der jeweiligen Problemkomplexe – Hirntod und Organtransplantation, Stammzellforschung, Biopolitik, Sterbehilfe sowie Glaube und Vernunft – vordringen. Dass der Ertrag der Antworten trotzdem oft recht begrenzt ausfällt, liegt vor allem daran, dass Autiero es offenbar vorzieht, einen Teil seiner Antworten für sich zu behalten und sich selbst auf Nachfragen weigert, über das Andeuten einer Position hin-aus für ein Mehr an Klarheit zu sorgen.

Am deutlichsten wird dies im Gespräch mit Hans Schöler. Ähnlich wie Schavan hält auch Autiero hier eine Abwägung zwischen der „Vernichtung überzähliger Embryonen auf der einen, und möglichen Forschungserfolgen auf der anderen Seite“ für möglich. Die Ansicht, dass die Tötung dieser Embryonen eine in sich schlechte Handlung darstellte, sieht Autiero, obwohl der Embryo für ihn „die Qualität nicht nur eines lebendigen Menschen, sondern auch eines Individuums, eines Subjektes hat“, offenbar nicht, denn er beruft sich ausdrücklich auf „die Lehre vom geringeren Übel“ und den „Grundsatz der Güterabwägung“. Das „Prinzip Verantwortung“ dürfe nicht nur negativ formuliert, nicht einseitig gefahrenfixiert werden, fordert Autiero, um sich daran anschließend zu der Aussage zu versteigen: „Wir müssen heute aufpassen, nicht etwas zu unterlassen, was uns morgen hilft.“

Wie Autieros persönliche Güterabwägung ausfiele, bleibt letztlich ebenso unbeantwortet wie die Frage, ob es eine moralische Rechtfertigung für den Suizid gibt.

Das heißt freilich nicht, dass Autiero generell klare Antworten scheute. Im Gegenteil: Die Bereitschaft zur Organspende hält der Moraltheologe für eine „moralische Pflicht“, weshalb er im Gespräch mit dem Herzchirurgen Hans Scheld folglich auch die Widerspruchslösung präferiert, die vorsieht, dass hirntoten Menschen Organe entnommen werden dürfen, sofern diese dem nicht beizeiten widersprochen haben. Der Xenotransplantation steht der Theologe ebenfalls gelassen gegenüber. Ihrer Realisation ständen derzeit vor allem pragmatische, aber keine ethischen Probleme gegenüber.

Vehement plädiert Autiero für einen Ausbau der Schmerztherapie, und für die Aufrechterhaltung künstlicher Ernährung. Auch lobt er das Instrument der Patientenverfügung, weil es Autonomie und Autarkie von Patienten fördere.

Gesetze in Frage stellen

Bei der Bewertung der künstlichen Befruchtung vermisst Autiero den Niederschlag des kulturellen Wandels in den lehramtlichen Stellungnahmen und bedauert, dass diese „weiter auf der Unnatürlichkeit des gesamten Geschehens“ beharrten. Eine Überarbeitung des Embryonenschutzgesetzes hält er für möglich. Überhaupt wünscht sich der Theologe „mehr Flexibilität und eine höhere Bereitschaft“, Gesetze in Frage zu stellen, „gerade auf dem Gebiet der Biopolitik“. Weil hier die Entwicklungen „eben sehr rasant“ verliefen, sei es auch kein Skandal, „wenn nach fünf oder acht oder zehn Jahren ein Gesetz zur Disposition gestellt wird.“

Dass die Ethik in den bioethischen Debatten von der Politik instrumentalisiert werde, sieht Autiero im Gegensatz zu Catenhusen, der dies keinesfalls bestreitet, auch wenn er die Instrumentalisierung der Ethik durch die Politik „im internationalen Vergleich“ als „sehr abgeschwächt“ einstuft, überhaupt nicht. Dass die Abtreibung überhaupt nicht zur Sprache kommt, ist ein weiterer Mangel. Aber vielleicht war in Münster auch einfach kein Gesprächspartner für dieses Katholiken unter den Nägeln brennende Thema zu finden.

Der Markt an bioethischen Büchern ist in den vergangenen Jahren derart stark gewachsen, dass selbst die Lektüre der vielen guten oder zumindest wichtigen Bücher mehr Zeit in Anspruch nimmt, als den meisten Menschen zur Verfügung steht. Weil das so ist, kann das vorliegende denn auch getrost übergangen werden.